Im Büro des Bürgermeisters des palästinensischen Dorfes Deir Ibzia herrscht Gedränge. Ein Dorfbewohner nach dem anderen kommt herein und will den Besuchern – israelischen Siedlungsfachleuten und ausländischen Journalisten – seine Geschichte erzählen. Alle Berichte laufen auf das Gleiche hinaus: Sie wurden von Siedlern angegriffen, die seit kurzer Zeit in der Gegend leben.
Ein Hügel am südlichen Dorfrand ist aus diesem Grund für die Bewohner unzugänglich geworden. In der Nähe haben die Siedler vor rund einem Jahr einen sogenannten Außenposten gegründet. Wer der kleinen, provisorischen Siedlung zu nahe kommt, läuft Gefahr, verprügelt zu werden, sagen sie. Wer in jener Gegend sein Land bestellt, wird vertrieben, das Land bisweilen verwüstet. Etwa zehn Familien wurden sogar aus ihren Häusern vertrieben – weil diese, wie einige vermuten, aus Sicht der Siedler zu nah an dem Außenposten lagen. Ein paar von ihnen führen die Besucher auf ein Feld am Ortsrand. Von dort sieht man die nun leer stehenden Häuser – und auf der Hügelkette dahinter die geduckten Gebäude des kleinen Außenpostens.
„Das sind nicht nur Einzelfälle“, sagt Bürgermeister Muhannad Othman. „Es sind viele Leute betroffen.“ So gut wie jeden Tag gebe es einen Übergriff. Die Siedlungsfachleute schätzen, dass den Bewohnern von Deir Ibzia und benachbarten Dörfern durch die Aggressionen bislang etwa 17 Quadratkilometer Land verloren gegangen sind. Und mehr als 30.000 Olivenbäume könnten nicht bestellt werden, sagt Othman – schon das zweite Jahr in Folge.
Die Leute hier haben wenig Erfahrungen mit Siedlern
Es ist zu spüren, wie empört er und die Bewohner sind – aber auch wie hilflos. Denn in dieser Gegend hatten die meisten Leute keine Erfahrungen mit radikalen, gewalttätigen Siedlern. Deir Ibzia liegt westlich von Ramallah, in einer etwas abgelegenen Ecke des nördlichen Westjordanlands. Die Landschaft sieht mitunter wild-romantisch aus, Hügel wechseln sich mit engen Tälern ab, es gibt Bäche, Olivenbaumhaine und Terrassen mit alten Steinmauern.
Nicht dass die israelische Besatzungsherrschaft hier keine Spuren hinterlassen hätte: Immer wieder stößt man auf Zäune, Mauern und Straßensperren. Auch Siedlungen gibt es; eine liegt gleich nördlich von Deir Ibzia. Aber die bestehenden Siedlungen in der Gegend sind schon Jahrzehnte alt, man hat sich mehr oder weniger arrangiert.
Doch jüngst begann sich etwas zu verändern. Der Außenposten – er heißt Maoz Tzur – wurde im Frühsommer 2025 gegründet. Ein halbes Dutzend Kilometer südwestlich davon war kurz zuvor ein weiterer entstanden. Und zwischen diesen beiden liegt seit etwa zwei Monaten ein dritter. Die drei Außenposten liegen fast auf einer Linie. Die Siedler blockieren Straßen für Palästinenser und bauen eigenmächtig eigene Zufahrtsstraßen. Sie bedrängen Beduinen, die so viel Angst haben, dass sie nicht mit Journalisten reden wollen. Und sie vertreiben jeden, der ihnen zu nahe kommt.
Die Außenposten selbst liegen auf palästinensischem Land, sie wurden ohne offizielles Verfahren errichtet – auch wenn geplante Siedlungen gemäß dem Völkerrecht ebenfalls illegal sind. Gleichwohl seien die drei Außenposten „nicht einfach von ein paar Aktivisten gegründet worden“, sagt Hagit Ofran. Das ganze Unterfangen sei gut organisiert, Siedlerorganisationen arbeiteten eng mit der israelischen Regierung zusammen.
Die Zahl der Außenposten hat sich seit 2023 fast verdoppelt
Ofran arbeitet für die Organisation „Frieden jetzt“. Die Israelin gehört zu den führenden Fachleuten für den Siedlungsbau – ebenso wie Dror Etkes von der Organisation Kerem Navot. Zusammen mit Etkes sowie ihrem Kollegen Yonatan Mizrachi legt Ofran in einem neuen Bericht dar, wie sich der Siedlungsbau unter der derzeitigen israelischen Regierung verändert hat. Kurz vor der Veröffentlichung von „Annus Mirabilis. Maßnahmen der israelischen Regierung zur Annexion des Westjordanlands, 2023–2025“ führten Ofran, Etkes und Mizrachi Vertreter einiger Medien, darunter der F.A.Z., durch das Westjordanland, um die wichtigsten Erkenntnisse zu veranschaulichen.
Allein die Zahlen machen klar, wie sehr die seit Ende 2022 amtierende Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Siedlungsbau beschleunigt, intensiviert und radikalisiert hat. Von 2023 bis 2025 wurden demnach 185 neue Außenposten gegründet, wobei die Zahl von Jahr zu Jahr deutlich zunahm. Die Gesamtzahl der Außenposten hat sich damit in nur drei Jahren fast verdoppelt.
Zwei Drittel der Neugründungen sind kleinste Siedlungen. Oft wohnen in ihnen nur eine Handvoll Bewohner, die Ziegen und Schafe hüten. Gerade diese Siedlungen haben aber den größten Anteil am Landraub im Westjordanland: Durch systematische Angriffe und Drohungen erreichen die Bewohner, dass palästinensische Hirten immer weiteres Land nicht mehr betreten.
Die Vertreibung von Palästinensern ist dramatisch eskaliert
„Farm-Außenposten“ kontrollieren so mittlerweile 18 Prozent der Fläche des Westjordanlands, wird in dem Bericht geschätzt. 2022 hatte Dror Etkes die entsprechende Zahl noch auf etwa sieben Prozent veranschlagt. Eine weitgehend neue Entwicklung ist dabei, dass auch in den sogenannten A- und B-Gebieten, deren zivile Angelegenheiten von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verwaltet werden, Außenposten entstehen oder faktisch Land enteignet wird. Darin zeigt sich, wie die Siedler immer stärker versuchen, das System der Oslo-Abkommen der 1990er-Jahre zu untergraben. Schon lange geht es nicht mehr um den „Kampf um das C-Gebiet“, das dem israelischen Militär untersteht. Die Ambitionen der Siedler gehen darüber hinaus.
Das zeigt sich auch in der zunehmenden Vertreibung von Palästinensern. 2019 wurde erstmals eine Dorfgemeinschaft von Siedlern in die Flucht geschlagen. Seither ist das Phänomen eskaliert. Von 2023 bis 2025 sind dem Bericht zufolge 118 Gemeinschaften vertrieben worden; die meisten waren arme beduinische Hirtengruppen. Etwa 5900 Palästinenser im Westjordanland seien seit 2023 vertrieben worden, teilten die Vereinten Nationen am Donnerstag mit.
Sie protestierten gegen Israels Siedlungspolitik: Palästinenser fliehen Anfang Juli 2026 vor israelischen Soldaten, die gegen die Demonstranten im Westjordanland vorgehenReutersAuch nicht weit von Deir Ibzia entfernt fand erst kürzlich eine Vertreibung von Beduinen statt. Von der Straße aus sieht man die verlassenen Behausungen an einem Abhang. Den Weg haben Siedler versperrt. Einem Video zufolge wiesen Soldaten, begleitet vom Gründer des Außenpostens Maoz Tzur, die Beduinen Ende Juni an, das Gebiet zu verlassen.
Nicht immer ist es direkte Gewalt, die die Menschen in die Flucht treibt: Auch den Zugang zu Weideland und Wasserquellen zu versperren, ist eine Methode der Vertreibung. Und immer wieder arbeiten Siedler mit Armee und Polizei zusammen. Das wird dadurch erleichtert, dass inzwischen immer mehr sogenannte religiöse Zionisten in obere Ränge der Sicherheitsbehörden vorgerückt sind. Die radikalen Siedler gehören meist ebenfalls dieser Bevölkerungsgruppe an.
Netanjahu gab Smotrich die Zuständigkeit für die Siedlungen
Neue Außenposten und gewaltsame Landnahme sind laut Bericht aber nur eine Dimension der israelischen Siedlungspolitik der vergangenen Jahre. Mindestens ebenso wichtig sind politisch-administrative Veränderungen. Sie sind der Grund dafür, dass viele Beobachter inzwischen der Ansicht sind, das Westjordanland sei faktisch von Israel annektiert worden.
Denn Netanjahu gestand seinem Koalitionspartner Bezalel Smotrich zu, dass er nicht nur Finanzminister wird, sondern auch die Zuständigkeit für die Siedlungen erhält. Smotrich ist selbst ein religiös-zionistischer Siedler. Er hat das Ziel ausgegeben, die Zahl der Siedler im Westjordanland zu verdoppeln, auf eine Million Menschen. Auf seiner neuen Position konzentrierte Smotrich zahlreiche Zuständigkeiten direkt oder indirekt bei sich. Er brachte Siedleraktivisten und Vertraute auf zentrale Posten.
Beim Besuch im Westjordanland: Israels Finanzminister Bezalel Smotrich im August 2025FPSo kann der radikalste Teil der Regierung die beschränkten Kontrollmechanismen umgehen, die es bis dato gab. Nur noch auf dem Papier ist das Militär zuständig für die besetzten Gebiete. In der Praxis haben inzwischen Siedler, also israelische Zivilisten, weitgehend das Sagen: etwa beim Neu- und Ausbau von Siedlungen, der Legalisierung von Außenposten, Landbeschlagnahmungen, Infrastrukturmaßnahmen, der Ausweisung von Naturschutzgebieten und archäologischen Stätten und der Durchsetzung von Baurecht.
Die Zahl von Siedlungsausbauprojekten hat seither ein Rekordniveau erreicht, Siedlerorganisationen werden mit Hunderten Millionen Schekel unterstützt. Zugleich wird auf palästinensischer Seite mehr Land enteignet, mehr Häuser werden zerstört, und das Leben wird durch weitere Siedlerstraßen, Zäune, Barrieren und Checkpoints erschwert.
Zum ersten Mal seit Jahren sollen neue Siedlungen gebaut werden
Zum ersten Mal seit Jahren wurde unter der aktuellen Regierung auch die Gründung neuer Siedlungen beschlossen. Bis April 2026 genehmigte sie 102 neue Siedlungen. 50 sollen neu gebaut werden. Die übrigen sind Außenposten oder Teile von Siedlungen, die legalisiert werden sollen. Die Autoren des Berichts weisen darauf hin, dass viele dieser Siedlungen sich weit jenseits der Grünen Linie befinden – ihr Zweck sei, palästinensische Gebiete aufzuspalten.
Das dürfte auch für die drei Außenposten in der Gegend von Deir Ibzia gelten. Sie zerteilen ein Gebiet, das bis dato vergleichsweise zusammenhängend gewesen war. Smotrich selbst kam im April zu einer Einweihungsfeier nach Maoz Tzur. Dort sagte er, dass der Außenposten die Idee eines palästinensischen Staates „komplett zerstört“. Der ebenfalls anwesende Knesset-Präsident Amir Ohana lobte die „schöne biblische Aussicht“ und bekräftigte, alles Land hier gehöre dem jüdischen Volk.
In Deir Ibzia haben sie die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass sie ihr Land und ihre Häuser zurückbekommen könnten. Das Vorgehen der Siedler widerspreche doch geltendem Recht, sagt ein Mann aufgebracht. Aber die Menschen im Bürgermeisterbüro wirken auch ratlos. Ein junger Mann, der sagt, er wurde mit seiner Familie von den Siedlern aus ihrem Haus geworfen, erzählt von Gesprächen mit mehreren Anwälten. Keiner wollte den Fall übernehmen – alle sagten, wenn es um Siedler gehe, habe man sowieso keine Chance. Einer gab den Rat, die Knessetwahl im Herbst abzuwarten. Wenn überhaupt, könnte sich danach etwas ändern.