130 Jahre Gewerbeausstellung 1896
Wie eine Geschäftsshow Treptow zu Weltruhm führte
Das Gelände der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 im Treptower Park. (Quelle: Picture Alliance/akg-images)
Von
Stefan Ruwoldt
Die weltweit größte Apparatur zum Weggucken - so könnte man das nennen, was vor nun genau 130 Jahren am Ostrand Berlins entstanden ist: das Fernrohr der Archenhold-Sternwarte in Treptow. Refraktor hieß es damals - 1896. Heute üblicher ist die Bezeichnung Linsenfernrohr, ein sehr großes, ein Riesenrefraktor. Damals waren die Optik und das Drumherum überaus luxuriös und teuer, weil eben dieses Fernrohr lang und individuell ausgetüftelt war, dann aufwändig hergestellt werden musste und in einer Art Pionierarbeit installiert wurde. Es ist ein Apparat, der den pilgernden Bildungsbürger den sonst nur flüchtigen Blick auf die Sterne zu einem intensiven neuen Erlebnis machte.
Archenhold-Sternwarte, auf dem Ausstellungsgelände im Treptower Park (1896 auf Initiative Friedrich Simon Archenholds errichtet, 1908 abgerissen und durch Neubau ersetzt).
Der scharfe Blick auf die weite Ferne
Gestirne am Himmel zu entdecken hatte bis dahin für das Auge seine Grenzen. Das Fernrohr sollte ein Angebot ein - das einer ganz individuellen Reise in die Welt der vorher nie sichtbaren Rätsel.
Berlin wollte 1896 in einer Zukunftsshow der Welt Großartiges präsentieren. Und genau dabei sollte neben neuen Produktions- und Fortbewegungsarten auch dieses große Entdeckerrohr die Menschen für die Möglichkeiten von Entwicklung und Fortschritt begeistern. Eine diffizile Apparatur, die ein bisschen sinnbildlich war, für die Zeit und den Anlass ihrer Errichtung in Treptow: auf zu den Sternen.
Das Wachstum sollte erlebbar werden
Berlin boomte. Schon damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Industrieproduktion wuchs und die Bevölkerung der Stadt explodierte. 1843 hatte Berlin rund 350.000 Einwohner, 37 Jahre später, im Jahr 1880, waren es knapp 1,2 Millionen. Die Stadt brauchte in dieser Zeit immer nur eine Generation, also rund 20 Jahre, um seine Bevölkerungszahl zu verdoppeln. 1877 hatte Berlin die Millionengrenze überschritten. Die Menschen wanderten in die Städte, zur Industrie, und mit dem anhaltenden Wachstum wuchs der Drang, sich zu messen und zu präsentieren.
Diejenigen, die an diesem Wachstum Anteil hatten, also die Entscheider und die Profiteure der Entwicklung, wollten den Aufbruch zu einer Art Fest machen. Sie wollten, dass Berlin zu sehen war, dass die Stadt in die Welt leuchtete. Sie wollten Publikum für ihren Aufschwung.
Eine Art mehrwöchiges Besucherfest sollte der Erkundung dienen, Besucher sollten der Entwicklung beiwohnen und ihr zujubeln können. Ein Rummelplatz des Aufbruchs sollte entstehen.
Entwicklungsrummelplätze zum Dabei-Sein
Solche Entwicklungsrummelplätze hatten sich vor Berlin auch schon andere Metropolen geschaffen: London, New York, Paris, Wien und Rom hatten seit 1851 im Abstand weniger Jahre zu "Weltausstellungen" oder "Weltmessen" eingeladen. Berlin sah sich in genau dieser Gruppe der Riesenmetropolen und wollte auch genau diesen Status feiern: Weltstadt.
Auf diesen Weltausstellungen stellten die Metropolen ihren Fortschritt aus, der sie in eine neue Zukunft trug, eine Zukunft, in der jeder dabei sein konnte. Leistung, vor allem aber die Apparaturen der Leistung wurden auf diesen Expos präsentiert: Maschinen. Es waren vor allem Maschinen und Fortbewegungsmittel, die diesen Aufbruch in die Zukunft auch würdig verkörpern konnten.
Die Attraktion der ersten Weltausstellung in London, 1851, war der industriell hergestellte Kunststoffstuhl und der Telegraf. 1853 dann in New York war es unter anderem ein Aufzug und 1867 in Paris der Flugkolbenmotor und die Erfindung des Stahlbetons.
Ein Luftschiff, konstruiert von dem Leipziger Buchhändler, hob auf der 1896-Show in Treptow immer mal wieder ab. Allerdings selten. Oft verhinderten Sturm und Regen den Flug. (Quelle. Picture Alliance/akg-images)
Übers Gewerbe zur Weltmesse
Paris, London, New York - Berlin wollte sich messen. Und Berlin wollte gemessen werden an den ganz großen der Welt. Eine Weltausstellung sollte die neue Millionenmetropole bekommen, doch das Kleinklein der Kleinstaaterei, klamme Mittel und das wenig industriekulturell interessierte Herrschaftshaus Kaiser Wilhelms II. verhinderten das Vorhaben - trotz mehrerer Anläufe und immer neuer politischer und geschäftlicher Allianzen für das Vorhaben.
Stattdessen aber erwuchs in Berlin aus einer anderen Form von Geschäftsmesse ein Veranstaltungsvorhaben von ähnlichem Format: die Gewerbeausstellung. Unregelmäßig aber bereits mehrfach hatten solche Messen in Berlin stattgefunden: zwei in den 1820ern, eine 1840 und 1879. Sie waren gewerblich und regional, bekamen aber insbesondere bei der Auflage im Jahr 1879 überregionale Bedeutung angesichts der Präsentationen industrieller Güter und Fahrzeuge, etwa von Lokomotiven der Berliner Firma Schwartzkopff oder der Firma Siemens.
Der Name wurde "Gewerbe", der Anspruch blieb "Welt"
Auf Initiative des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) und weiterer Aktivisten wurde also statt einer staatlich und institutionell organisierten Weltausstellung die Gewerbeausstellung 1896 organisiert. Und verbunden wurde das mit einem lokalen Jubiläum: dem 25. Jahrestag Berlins als Reichshauptstadt.
Wenn auch der Name dieser neuen großen Veranstaltung - "Berliner Gewebeschau 1896" wenig imperial war, strebten die Veranstalter in Berlin nach Großem: Eine Präsentationsschau wurde konzipiert, eine Art internationale Mustermesse der großen Entwicklungen.
Im Zuge der anderen, bereits stattgefundenen Weltausstellungen waren dort oft imperiale Bauten, meist sogar Gärten und neue Areale entstanden. Waren etwa die Londoner 1851 im Wesentlichen noch mit einer - recht großen - Halle, dem Crystal Palace, ausgekommen, wurden es bei späteren Schauen gleich mehrere Gebäude und größere Ausstellungsflächen.
Zur Gewerbeausstellung 1896 wurde in Berlin Treptow ein 30 Meter hoher Berg gebaut. Bemalt wurde er vom Berliner Maler Joseph Rummelspacher. (Quelle: Archiv DAV Berlin)
Ein modellierbares Ausstellungsareal vor der Stadt
Berlin wollte die ganz große Schau, aber boomte eben auch und so wurde es in der Stadt zu eng. Eine Art modellierbarer Ausstellungsgrund fehlte. Die Organisatoren verfielen darum auf ein Areal, das erst rund 25 Jahre später bei der Gründung Groß-Berlins in die Großstadt eingemeindet werden sollte: Treptow, im Südosten vor Berlin an der Spree. 900.000 Quadratmeter umfasste die Ausstellungsfläche und übertraf so gleich den Umfang aller früheren Weltausstellungen in den anderen Weltstädten.
Eine künstliche Wasserfläche auf einem Gelände entlang der Spree, dazwischen Pavillons für tausende Aussteller, dutzende Gebäude, Hallen, ein Zirkus, eine Insel, Aussichtstürme, Restaurants und Flugvorstellungen mit einem Luftschiff wurden während der ab Mai stattfindenden fast halbjährlichen Ausstellung geboten. Es fehlte auch nicht ein Kolonialteil, in dem dutzende indigene Völker vorgestellt wurden, ähnlich einem Zoo.
Die Zahlen der Schau vermitteln einen groben Eindruck ihrer Ausmaße: 4.000 Unternehmen, Vereine und Institutionen stellten aus. Sie kamen aus der Metallbranche, der Chemieindustrie, der Textil- und Bekleidungsindustrie, dem aufstrebenden Grafischen Gewerbe, der Lebensmittelindustrie und dem Fahrzeugbau, sowie Elektrotechnik. Außerdem stellten viele Forschungseinrichtungen aus.
Die Gebäude weg, die Infrastruktur blieb
Die Ausstellung selbst sorgte dann, schon in den Monaten vor ihrer Eröffnung im Mai für eine erhebliche Verbesserung der Infrastruktur am Ost- und Südostende Berlins. So wurden die damals sogenannten Motorwagen für Personen - hergestellt von Siemens - dort eingesetzt. Rund 50 dieser Züge fuhren mit je zwei Anhängern auf vier elektrifizierten Linien im Takt von wenigen Minuten aus Berlin nach Treptow. Das Areal lag an der damals so wichtigen Görlitzer Bahn, also der Eisenbahnstrecke in den Südosten. Dort wurde für die Schau - vorübergehend - ein Bahnhof errichtet: Ausstellung.
Vieles wurde geschliffen, der Riesenrefraktor aber blieb
Und exakt das war es auch, was blieb - die Infrastruktur. Der Bahnhof wurde geschliffen, genauso wie die meisten Gebäude und Anlagen. Das allerdings gehörte auch zu den Vereinbarungen für das zuvor in großen Teilen unbebaute Gelände.
Es blieben Spuren, etwa die Erschließung der Insel Neu-Spreenland, spätere Insel der Jugend und das nach der Ausstellung zugeschüttete Areal des großen Ausstellungsteichs - wo rund 50 Jahre später das sowjetische Ehrenmal errichtet wurde.
Von der Ausstellung zeugten lange auch kleinere und später für den Ausflugs- und Gastronomiebetrieb genutzte Gebäude. Vor allem aber blieb eines: der Riesenrefraktor.
"Gruss von der Berliner Gewerbe-Ausstellung" - eine Postkarte warb für Schiffstouren am Ufer der Spree in der Zeit der Schau im Jahr 1896 (Postkarte, picture-alliance / akg-images)
Eine Verwaltungsvolte als Überlebensgrund
Es ist ein Ätschbätsch der Geschichte und auch ein bisschen Beruhigung, dass mit dem Refraktor genau das von der vermeintlichen Treptower Fast-Weltausstellung blieb, was eigentlich eher Eskapismus und Fernweh als Gewerbestolz und lokale Industriekultur förderte und repräsentierte. Es ist das einzige stationäre Exponat der kolonialen Schau, das noch steht und heute das Herz der Archenhold-Sternwarte bildete.
Der Grund - so zumindest heißt es in mehreren historischen Dokumentationen - ist eine Verwaltungsvolte. Den damaligen Eigentürmern des 1896 erst während der laufenden Gewerbeausstellung fertiggestellten Fernrohrs - September statt Mai - fehlten die Einnahmen des Besucherverkehrs aus den ersten Monaten. Es gab also schlicht keine privaten Mittel, um den Abriss der Sternwarte nach der Gewerbeschau durchzusetzen.
Das damalige Stadtparlament, die Berliner Stadtverordnetenversammlung, entschied Ende 1896, das Gebäude mit dem Fernrohr samt Vortrags- und Ausstellungsräumen stehen zu lassen. Auch wegen des Mangels an öffentlichen Zuschüssen, bestrieb der Astronom Friedrich Simon Archenhold den Refraktor dann weiter in einer Art Mischbetrieb - für Publikum und Forschung. Er war der Entwickler und wurde dann auch zum Betreiber des Hauses als Volkssternwarte.
130 Jahre steht der Riesenrefraktor nun, hat einige Umbauten erfahren, Finsternisse erlebt und Sonneneruptionen verstehen gemacht. 130 Jahre - von Treptow in die Welt und darüber hinaus.
Sendung: rbb|24, 26.07.2026, 12:05 Uhr
Audio: rbb|24, 26.07.2026, Stefan Ruwoldt
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