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Elektro-Entente vs. Petro-Achse

Als der kanadische Premierminister Mark Carney im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sprach, ging es ihm nicht darum, Hoffnung zu verbreiten. Er war gekommen, um einen Tod zu verkünden. Die liberale Weltordnung – jene ausgeklügelte Architektur aus Institutionen, Normen und öffentlichen Gütern, die nach 1945 unter amerikanischer Leitung entstanden war – sei am Ende. Und die Zäsur unwiderruflich. Doch Carneys Nachruf, so nüchtern und präzise er war, hat dessen Ausmaß unterschätzt.

Donald Trump beendet derzeit nicht bloß ein Set an Regeln oder eine Konstellation der Großmachtbeziehungen. Was sich in seiner Präsidentschaft tatsächlich abzeichnet, ist der Niedergang einer industriellen Zivilisation, die auf der Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe beruht. Ohne sie wäre die liberale Ordnung weder möglich, noch rentabel, noch politisch tragfähig gewesen. Trump hat das Ende der fossilen Hegemonie nicht im Alleingang eingeleitet. Doch er hat dafür gesorgt, dass die Frage, welches neue Modell sie ersetzt, nicht durch einen allmählichen Übergang, sondern in einem rivalisierenden Wettstreit entschieden wird.

Die Ablösung der liberalen Weltordnung wird daher weder in Genf ausgehandelt noch in Den Haag beschlossen werden. Vielmehr wird sie davon abhängen, wer die Energieflüsse, die Bodenschätze und die technologischen Systeme kontrolliert, von denen das gesamte moderne Leben mittlerweile abhängt.

Wir haben es mit einem ökologischen Kalten Krieg zu tun, der sich in wesentlichen Punkten von seinem Vorgänger unterscheidet. Der erste Kalte Krieg war ein Wettstreit zwischen dem liberalen Kapitalismus und dem sowjetischen Kommunismus, zwei gegensätzlichen Modellen wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Organisation. Der neue Kalte Krieg ist ein Wettstreit zwischen konkurrierenden Arten des Stoffwechsels.

Auf der einen Seite formiert sich eine „grüne Entente“ – China und ein aufstrebender Block von Elektrostaaten, der seine industrielle Zukunft auf Solarmodule, Batterien und die dazu nötigen Mineralien-Lieferketten gesetzt hat. Auf der anderen Seite steht eine „Achse der Petrostaaten“ – die Vereinigten Staaten unter Trump, Russland und die Golfmonarchien, die darauf setzen, das Zeitalter der fossilen Brennstoffe zu verlängern und den Energieüberfluss als Waffe gegen jene einzusetzen, die es beenden wollen.

Wenn auch Ideologie noch eine Rolle spielt, so definiert sie die Blöcke nicht mehr. Doch wie schon während des Kalten Krieges könnte der Sieger in diesem Kampf weniger durch die Supermächte selbst bestimmt werden als durch jene Nationen, die Carney als „Mittelmächte“ bezeichnet hat.

Der Export metabolischer Abhängigkeit

Angeführt von den Vereinigten Staaten, und begleitet von Öl- und Gasförderländern wie Russland und den Golfmonarchien, ist die Achse der Ölstaaten eine reaktionäre Koalition, deren Wirtschaftsmodelle und Narrative untrennbar mit fossilen Brennstoffen verbunden sind. Für diese Staaten sind Öl und Gas mehr als nur Rohstoffe. Sie sind ein Beweis für nationale Stärke, Treibstoff traditionalistischer Restauration und ein Mittel, die alte liberale Ordnung zu untergraben.

Nach seiner Rückkehr ins Amt hat Trump den globalen Wettstreit um die grünen Technologien faktisch aufgegeben. Während er die Subventionen für Zukunftsindustrien strich, ging er rhetorisch in die Offensive: Seine Nationale Sicherheitsstrategie tat den Klimawandel als „katastrophale“ Ideologie ab, und er pries die nationale „Energiedominanz“ als Alternative zum schwachen, „weiblich“ codierten Globalismus der grünen Wende. Von ähnlichen Ängsten getrieben, glaubt der russische Präsident Wladimir Putin, durch Öleinnahmen Russlands Zukunft als „orthodoxe Zivilisation“ finanzieren und so der „westlichen Dekadenz“ widerstehen zu können. Und für Kronprinz Mohammed bin Salman liegt im Ölreichtum die Verheißung, Saudi-Arabien in einen globalen Hightech-Knotenpunkt zu verwandeln und seinen Führungsanspruch in der islamischen Welt zu wahren. Trotz aller sonstigen Verschiedenheit sind die drei Staaten durch eine gemeinsame Vision der „fossilen Souveränität“ vereint. Den grünen Wandel betrachten sie als eine Art trojanisches Pferd, das ihre Macht und eine „maskuline“ Form nationaler Identität bedroht.

Um die weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen hochzuhalten, nutzen die Vereinigten Staaten ihre Vorteile. Im Vergleich zur „Grünen Entente“, die eine neue Infrastruktur für die Erzeugung, die Verteilung und den Verbrauch von Energie erst aufbauen muss, befindet sich die „Achse der Ölstaaten“ strategisch in einer günstigeren Position. Sie wirft ihr ökonomisches und militärisches Gewicht in die Wagschale, um die bestehenden Lieferketten für fossile Brennstoffe zu schützen. Trumps – wie sich zeigte: etwas voreilige – Drohung, die Straße von Hormus „zu übernehmen“, spricht in dieser Hinsicht Bände. Denn nicht zuletzt Entwicklungsländer sollen sich aufgefordert fühlen, auch zukünftig auf ein Entwicklungsmodell zu setzen, das auf Kohle- und Gaskraftwerken sowie einer Infrastruktur für Verbrennungsmotoren beruht.

Unter Präsident Joe Biden war die Finanzierung von Projekten mit fossilen Brennstoffen im Ausland untersagt. Unter Trump dagegen haben die USA ihre Kreditvergabe an Entwicklungsländer auf das Gebiet der Kohle-, Gas- und Ölinfrastruktur umgelenkt. Zusammen mit der entsprechenden Hardware wird so eine „metabolische Festlegung“ exportiert.

Zudem hat Trump nach Russlands Invasion in der Ukraine die Einfuhr von US-Flüssigerdgas (LNG) zur Bedingung der amerikanischen Sicherheitsgarantie für Europa gemacht. Die entsprechenden Verträge, die in der Regel eine Laufzeit von 15 bis 20 Jahren haben, sind so verbindlich wie jede Infrastrukturinvestition. Kurzum, die USA zielen darauf ab, eine metabolische Abhängigkeit zu schaffen.

Der neue Kalte Krieg ist ein Wettstreit zwischen konkurrierenden Arten des Stoffwechsels.

Innerhalb des Öl-Blocks nimmt Saudi-Arabien eine Sonderstellung ein. Das Haus Saud verfolgt die Vision, in einer Welt des grünen Wandels der letzte Produzent fossiler Brennstoffe zu sein. Die Kosten für die Ölförderung sind nirgendwo so niedrig wie am Golf. Sie liegen selten über 10 US-Dollar pro Barrel – und damit weit unter den Kosten für Schieferöl-Fracking in den Vereinigten Staaten (ca. 62 US-Dollar) oder in Russland (25 bis 40 US-Dollar). Die Saudis können Preiskriege überstehen, die ihre Verbündeten in den Bankrott treiben würden. Indem Riad sich die Möglichkeit bewahrt, den Markt mit Öl zu überschwemmen und die Preise zum Einbruch zu bringen, kann es gleichzeitig die Länder bestrafen, die den Energiewandel vorantreiben, und so dafür sorgen, dass fossile Brennstoffe für Entwicklungsländer weiterhin den Weg des geringsten Widerstands darstellen.

Diese Unterschiede zeigen, dass die Allianz der Ölstaaten eher eine Vernunftehe als ein monolithischer Block ist. Zwar sind sich Moskau, Riad und Washington einig in dem Bestreben, den Verbrauch fossiler Brennstoffe aufrechtzuerhalten und zu diesem Zweck Desinformation über den Klimawandel zu verbreiten. Doch zugleich sind sie Preiskonkurrenten auf dem globalen Ölmarkt. Außerdem trennen sie weiterhin geopolitische Differenzen: Die Vereinigten Staaten und Russland liegen in der Ukraine-Frage nicht auf einer Linie. Und Russland und Saudi-Arabien unterstützen in vielen regionalen Konflikten, von Iran über Sudan bis Syrien, unterschiedliche Parteien.

Grüne Technologie als bittere Alternative

Der „Öl-Achse“ gegenüber steht die von China dominierte „Grüne Entente“. Während sich die Vereinigten Staaten und ihre neuen Verbündeten auf veraltete Brennstoffe zurückziehen, hat sich Peking so positioniert, dass es das globale System der postfossilen Energie dominieren wird.

Dank der strategischen Entscheidung, mit den Zukunftstechnologien auch die Legitimität des Regimes zu sichern, dominiert China mittlerweile die Wertschöpfungskette der grünen Industrie. Laut der Internationalen Energieagentur kontrolliert das Land mehr als 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung von Seltenen Erden und 94 Prozent der Produktion von Permanentmagneten (die für Motoren von Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen unverzichtbar sind). Sein Anteil an der Herstellung von Solarmodulen liegt bei über 80 Prozent, bei Batterien und Elektrofahrzeugen bei gut 70 Prozent. 2025 entfielen 90 Prozent des Investitionswachstums auf den Sektor der grünen Energie. Zudem ist dieses Wachstum von der westlichen Nachfrage abgekoppelt worden: Rund 47 Prozent der Exporte im Bereich grüner Technologien fließen mittlerweile in Schwellenländer, was China zum unverzichtbaren Partner für Länder im globalen Süden macht. Kurz gesagt: Der autoritäre Entwicklungsstaat China hat sich in weniger als einer Generation vom größten Umweltsünder der Welt zum Hegemon im Bereich der grünen Technologien entwickelt.

Befürworter der „Grünen Entente“ sehen in der ökologischen Modernisierung eine Voraussetzung für die weitere Bewohnbarkeit unseres Planeten. Dabei geht es nicht nur um Umweltschutz. Gegenüber fossilen Brennstoffen, bei deren Gewinnung, Raffination und Konsum hohe Energieverluste entstehen, sind grüne Technologien auch thermodynamisch klar im Vorteil. Weil Elektrofahrzeuge sich einfacher herstellen und warten lassen, sind sie den Verbrennungsmotoren zudem funktional überlegen. Auch die Grenzkosten der Erzeugung grüner Energie sind inzwischen niedriger als die von fossilen Brennstoffen, selbst ohne Berücksichtigung der ökologischen Langzeitkosten.

Die EU, die unter ihrer Abhängigkeit von russischem Erdgas gelitten hat und sich nun einer ähnlichen Abhängigkeit von den USA ausgesetzt sieht, hat einen starken strategischen Anreiz, sich der „Grünen Entente“ anzuschließen. Die Logik hinter einer solchen Allianz wäre pragmatisch: Europa hat wohlhabende Märkte, China die industrielle Schlagkraft. Das Gleiche gilt für Länder wie Indien und Japan, die viert- bzw. fünftgrößten Volkswirtschaften der Welt, die für den Großteil ihres Ölbedarfs auf Importe angewiesen sind.

Nun ist der Beitritt zu diesem Block aber kein einfaches Handelsabkommen. Denn faktisch bedeutet er den Eintritt in ein hierarchisches System unter der Führung Pekings. Da China sich sowohl bei der Erzeugung grüner Energie als auch bei Verkehrssystemen einen massiven Vorsprung gesichert hat, ist jedes Land, das auf grüne Energie umsteigen will, im Grunde gezwungen, chinesische Technik und Standards zu übernehmen. Aus dieser Perspektive könnte die „Grüne Entente“ die Entstehung eines – wie Joel Wainwright und Geoff Mann es genannt haben – „Klima-Leviathan“ befördern. Eines globalen Systems, in dem der Klimanotstand als Vorwand für eine neue Form des „Command-and-Control“ dient. Der Preis für den ökologischen Fortschritt läge in der technologischen Abhängigkeit von China. Und damit verbunden, im Risiko der politischen Erpressbarkeit durch ein illiberales und nationalistisches Regime.

Ein Kalter Krieg ohne Ideologie

Der Übergang von der liberalen Weltordnung zu einem öko-ideologischen Kalten Krieg zwingt die Länder zwischen den beiden Blöcken zu einem brutalen strategischen Kalkül. Die Länder, die Carney als Mittelmächte bezeichnete – eine heterogene Gruppe, die etablierte Nationen wie Kanada, Frankreich und Japan und aufstrebende Giganten wie Brasilien, Indien und Indonesien umfasst – stehen vor einem Dilemma: Sie müssen sich entscheiden zwischen der Abhängigkeit von einem Block aggressiver Ölstaaten, deren Technologiepakete den ökologischen Ruin des Planeten befeuern, und der Unterwerfung unter den aufstrebenden Leviathan in Peking.

War der erste Kalte Krieg ein Wettstreit um die „Herzen und Köpfe“ der postkolonialen Welt, wird die neue Ära ein Kampf um die „metabolischen Seelen“ der Mittelmächte sein. Auf dem Spiel stehen dabei die infrastrukturellen und energetischen Grundlagen ihrer Zukunft. Und im Gegensatz zur ideologischen Loyalität ist eine Energieinfrastruktur schwer zu ändern. Sobald ein Land sein Energienetz auf Erdgas aufbaut, sobald seine Straßen von Verbrennungsmotoren bevölkert sind, sobald es seine industrielle Basis an petrochemische Vorprodukte bindet, wird eine Kehrtwende enorm kostspielig. Gleiches gilt für die Entwicklung zum „Elektrostaat“. Die Führer beider Blöcke haben das erkannt – und nutzen es als Waffe.

Die Achse der Ölstaaten wird in zwei Richtungen Druck ausüben. Indem sie Entwicklungsländern schnellen, erschwinglichen Zugang zu Energie im Austausch für eine langfristige infrastrukturelle Bindung anbieten, werden die Vereinigten Staaten und die Golfstaaten billige, leicht verfügbare fossile Brennstoffe einerseits als Instrument des Klientelismus nutzen. Saudi-Arabien etwa kann die globalen Ölmärkte nach Belieben überschwemmen und die Preise genau dann zum Einbruch bringen, wenn grüne Alternativen kostengünstig werden, wodurch die Investitionsargumente für die Elektrifizierung in preissensiblen Volkswirtschaften untergraben werden.

Andererseits werden die Ölstaaten Energie als Zwangsmittel gegen die „Grüne Entente“ einsetzen, indem sie drohen, die Versorgung zu drosseln, Preise zu manipulieren oder brennstoffabhängige Schwellenländer, die ihren Umstieg auf erneuerbare Energien noch nicht vollzogen haben, zu destabilisieren. Europa, das auch nach dem Bruch mit Russland weiterhin von LNG abhängig ist, bleibt gegenüber dieser Art von Druck äußerst anfällig.

Und genauso wird die „Grüne Entente“ ihre Dominanz bei der Hardware für saubere Energie gezielt nutzen. Die Kontrolle über Solarmodule, Lithium-Ionen-Batterien, Lieferketten für Elektrofahrzeuge und die Verarbeitung von Seltenen Erden verschafft Peking einen Hebel gegenüber jeder Nation, die ihren Energiestoffwechsel modernisieren will. Er liegt hier nicht im Preis, sondern in der Infrastruktur: Standards, Kompatibilitäten und Abhängigkeiten. Ein Land, das sein Stromnetz auf chinesischen Wechselrichtern aufbaut, seine Straßen mit chinesischen Elektrofahrzeugen füllt und seine Energiedaten über chinesische Systeme leitet, hat sich, ob es beabsichtigt oder nicht, faktisch der grünen Entente angeschlossen.

China wird den Zugang zu Geldmitteln und grünem Technologietransfer als diplomatische Währung einsetzen.

Auch wenn das Regime es leugnet: China wird den Zugang zu Geldmitteln und grünem Technologietransfer als diplomatische Währung einsetzen, um einerseits Anpassung zu belohnen und andererseits jenen die Zusammenarbeit zu verweigern, die sich allzu offensichtlich der Öl-Achse zuwenden. Zudem steht für Länder wie Deutschland, Japan und Südkorea der Tausch der US-amerikanischen „Petro-Hegemonie“ gegen eine chinesische „Elektro-Hegemonie“ nicht nur im Widerspruch zu langjährigen ideologischen und ethischen Verpflichtungen gegenüber Demokratie und Menschenrechten. Er droht auch, ihre ohnehin schon wackligen industriellen Grundlagen weiter auszuhöhlen.

Die entscheidende Frage für die Mittelmächte lautet: Ist echte Unabhängigkeit weiterhin möglich oder werden die physikalischen Gegebenheiten der Energieinfrastruktur am Ende eine Entscheidung erzwingen? Die Verknüpfbarkeit der Stromnetze, die Finanzabwicklungssysteme, die für die Netze benötigte Ausrüstung und zunehmende Investitionen in Humankapital werden allesamt Anreize schaffen, sich in die eine oder andere Richtung zu verpflichten. Der zunehmende geopolitische Druck wird die Kosten der Unentschiedenheit erhöhen – aber auch den Anreiz, sich einen Raum zwischen den beiden Blöcken zu schaffen. Man könnte es eine neue Bewegung der Blockfreien nennen.

Neue Macht und alte Probleme der Blockfreien

Die ursprüngliche Bewegung der Blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM) entstand 1955 auf der Afro-Asiatischen Konferenz in Bandung, offiziell gegründet wurde sie 1961 in Belgrad. An ihrer Spitze stand ein legendäres Quintett: Gamal Abdel Nasser aus Ägypten, Kwame Nkrumah aus Ghana, Jawaharlal Nehru aus Indien, Sukarno aus Indonesien und Josip Broz Tito aus Jugoslawien. Diese Staatsführer strebten einen „Mittelweg“ für Staaten an, die gerade erst die Fesseln des Kolonialismus abgeschüttelt hatten und sich weigerten, in den binären Wahnsinn des Kalten Krieges hineingezogen zu werden.

Ziel der NAM war es, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen postkolonialen Staaten zu fördern, um die Abhängigkeit von den beiden Supermächten zu verringern. Diese Mission war ebenso psychologischer wie politischer Natur: Es ging um Würde, Selbstbestimmung und zugleich um eine – wie Julius Nyerere aus Tansania es bezeichnete – „positive Neutralität“, die verhindern sollte, dass das eigene Land zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges wird.

Während es bei der NAM darum ging, im Kalten Krieg ideologische und wirtschaftliche Autonomie zu wahren, wird es bei der neuen Gruppierung eher um infrastrukturelle Blockfreiheit gehen. Im Gegensatz zur NAM, die von verarmten postkolonialen Staaten angeführt wurde, besitzen die heutigen Mittelmächte beträchtliche diplomatische, militärische und wirtschaftliche Kapazitäten. Sie verfügen über genug Ressourcen, um plurilaterale Vereinbarungen zu schließen und dabei im Niedergang begriffene Institutionen wie den IWF, die UN oder die WHO zu umgehen. Ein grünes Abkommen über Energie und Handel zwischen Chile, Neuseeland und Singapur oder ein Pakt zwischen den Mineralienproduzenten Brasilien und Indien bedürfte weder einer Zustimmung der Großmächte, noch wäre es einem hegemonialen Schiedsrichter rechenschaftspflichtig.

Die materiellen Besonderheiten des Wandels verschaffen zudem einigen Mittelmächten Einflussmöglichkeiten, die während des ersten Kalten Krieges nicht zur Verfügung standen. Da das Modell des „Elektrostaats“ riesige Mengen an kritischen Mineralien wie Lithium, Kobalt und Seltenen Erden erfordert, sind Länder, die über diese Ressourcen verfügen, zum strategischen Ziel geworden. Staaten wie Brasilien, Indonesien und Kasachstan verfolgen daher mit Erfolg eine Politik der Mehrfachausrichtung. Ihr Ziel ist es, Investitionen aus beiden Blöcken anzuziehen, Peking und Washington gegeneinander auszuspielen und so ihre nationale Autonomie zu erhöhen.

Die Strategien, die viele Mittelmächte in Bezug auf KI und andere Formen der Datenverarbeitung verfolgen, geben Hinweise darauf, wie eine infrastrukturelle Blockfreiheit aussehen könnte. Statt ein vorgefertigtes „Paket“ von einer der beiden Supermächte zu akzeptieren, suchen sie nach einem dritten Weg. Statt sich auf US-amerikanische oder chinesische Hardware festzulegen, entwickelt beispielsweise Vietnam eigene KI-Lösungen. Nach der gleichen Logik betreiben afrikanische Unternehmer ein „algorithmisches Patchwork“, indem sie chinesische Hardware mit westlicher Software kombinieren und so lokale Lösungen schaffen, die sich von außen nicht vollständig kontrollieren lassen. Auch Indien entwickelt sein eigenes Modell der KI-Souveränität.

Doch die neue Blockfreiheit unterscheidet sich von ihrer Vorgängerin nicht nur durch die größeren Kapazitäten ihrer Mitglieder, sondern auch durch deren kollektive Bereitschaft, multilaterale Institutionen eher als Mittel zum Zweck denn als einen unantastbaren Selbstzweck zu betrachten. Während die alte Bewegung der blockfreien Staaten weitgehend über das UN-System agierte – durch Lobbyarbeit, Petitionen und die Verabschiedung von Resolutionen –, entwickeln die heutigen Mittelmächte politische Parallelstrukturen. Die Ausweitung der BRICS, das wachsende diplomatische Gewicht des Verbandes Südostasiatischer Nationen (ASEAN) und die zunehmende Zahl regionaler Entwicklungsbanken spiegeln alle eine Einsicht wider: dass nämlich die bestehende regelbasierte Ordnung von und für eine Machtkonstellation konzipiert wurde, die nicht mehr existiert.

Diese Nationen haben nicht vor, das alte System zu stürzen, sondern es, wo möglich, zu umgehen. Bilaterale Währungsswap-Abkommen, regionale Vereinbarungen über Lieferketten und Technologieaustausch sollen die Abhängigkeit von einer einzelnen Supermacht verringern. Die neue Bewegung wird vermutlich weder ein Sekretariat noch eine Gründungsurkunde hervorbringen. Und ihre Kohärenz wird nicht aus ideologischer Solidarität entstehen, sondern aus dem pragmatischen Interesse, gemeinsam die eigenen Handlungsspielräume zu sichern.

Doch wie schon bei der NAM sehen sich auch die Mittelmächte tiefen inneren Spaltungen konfrontiert: hier die Ölproduzenten, die von hohen Preisen profitieren – dort Länder im Wandel, die nach Energiesicherheit streben. Diese Bruchlinie könnte sich als größte Schwachstelle der neuen Bewegung erweisen. Die NAM zerbrach immer wieder entlang materieller Interessenkonflikte, in denen Rohstoffexporteure auf Industrieländer trafen sowie Nationen, die ausländische Investitionen suchten, auf solche, die Importsubstitution anstrebten. Die heutige Konstellation birgt analoge Spannungen.

Länder wie Angola oder Nigeria, deren Staatseinnahmen nach wie vor von Kohlenwasserstoffexporten abhängen, haben grundlegend andere Anreize als Länder wie Bangladesch oder Kenia, deren wirtschaftliche Entwicklung von erschwinglicher, zuverlässiger Stromversorgung abhängt und deren Bevölkerung den Folgen des Klimawandels besonders stark ausgesetzt ist. Jene haben allen Grund, sich stillschweigend dem Block der Ölstaaten anzuschließen und so das Zeitalter der fossilen Brennstoffe zu verlängern. Diese benötigen die Technologie und die Finanzmittel des Elektro-Blocks, auch wenn sie die damit einhergehende Abhängigkeit ablehnen.

Die neue Bewegung wird vermutlich weder ein Sekretariat noch eine Gründungsurkunde hervorbringen.

Bei diesen Gegensätzen geht es nicht um Meinungsverschiedenheiten, die sich durch diplomatische Erklärungen übertünchen ließen. Es spiegeln sich in ihnen tatsächlich unvereinbare materielle Interessen, und eine neue Koalition der Blockfreien wird permanent gezwungen sein, sie zu bewältigen. Sonst riskiert sie jene innere Inkohärenz, die ihre Vorgängerin am Ende aushöhlte. Das wahrscheinlichste Szenario ist daher eine fragmentierte Landschaft aus themenspezifischen Koalitionen: Dabei werden Nationen zusammenkommen, die ein partikulares Interesse teilen, etwa bei der Preisgestaltung für Mineralien, der Klimafinanzierung oder dem Zugang zu Technologie, ohne sich aber in der Summe zu einem kohärenten dritten Pol zu konsolidieren.

Die beste Wahl: kalter Pragmatismus

Letztlich wird die Entscheidung für die Mittelmächte auf die Frage hinauslaufen, in welcher Art von Modernität man leben will. Der Block der Ölstaaten bietet eine rückwärtsgewandte, kohlenstoffintensive Vision, in der die Schwachen und Kleinen den Starken und Großen untergeordnet sind. In dieser Welt wird der Energieüberfluss zum Hebel des Klientelismus, wird Loyalität durch billiges Öl erkauft und die infrastrukturelle Autonomie durch langfristige Beschaffungsverträge zunichte macht.

Der Beitritt zu einer von China angeführten „Grünen Entente“ scheint dagegen eine progressive Alternative anzubieten: ein postfossiles Modell, das die physikalischen Grenzen eines sich erwärmenden Planeten ernst nimmt. Doch auch dieses Modell hat eine dunkle Seite: die potenzielle Unterordnung der metabolischen Souveränität unter eine von Peking gesteuerte Lieferkettenarchitektur, die eine Form der Abhängigkeit gegen die andere eintauscht. Es ist ein strategischer Abgrund: auf der einen Seite eine aggressive, im Niedergang begriffene Vergangenheit, auf der anderen eine effiziente, aber neototalitäre Zukunft.

Was diesen Moment historisch einzigartig macht, ist die nicht-ideologische Natur der Entscheidung. Der erste Kalte Krieg war ein Wettstreit zwischen Gesellschaftsmodellen – Demokratie gegen Kommunismus, Märkte gegen Planwirtschaft, individuelle Freiheit gegen kollektive Mobilisierung. Der neue liegt quer zu diesen Differenzen. Autoritäre Ölstaaten und Demokratien sitzen im selben Block. Chinas „grüner Autoritarismus“ und Europas „Klimaliberalismus“ träten innerhalb derselben Entente in Konkurrenz. Die organisierende Achse ist nicht die politische Philosophie, sondern der physische Stoffwechsel. Wer kontrolliert die Energie, die Mineralien und die Technologie, auf die sich die Moderne stützt?

Die neue Bewegung der Blockfreien, sofern sie sich formiert, wird daher anders aussehen als ihre Vorgängerin. Sie wird nicht von der Solidarität der Bandung-Ära oder einer Ideologie der Dritten Welt getragen sein, sondern vom kalten Pragmatismus plurilateraler Beschaffungsgemeinschaften und von technologischer Verflechtung. Ihr größter Trumpf ist die Materialität des Wandels: Das Lithium unter den Salzwüsten Argentiniens, das Nickel-Kobalt-Projekt im australischen Kalgoorlie und die über Indonesien und Kasachstan verteilten Seltenen Erden verschaffen den Mittelmächten einen Einfluss, über den die postkoloniale Bewegung der blockfreien Staaten nie verfügte. Ihre größte Schwachstelle ist, wie bei der ursprünglichen Gruppierung, die interne Spannung zwischen Ölproduzenten, die ein Interesse an der Verlängerung des fossilen Zeitalters haben, und den Vorreitern des Wandels, deren Zukunft von dessen Beendigung abhängt.

Carneys Lobeshymne auf die alte Ordnung war keine Klage. Sie brachte die Erkenntnis zum Ausdruck, dass die liberale Weltordnung, die angenehme Fiktion aus juristischen Normen und institutioneller Zurückhaltung, längst in Flammen steht. Und dass die Frage nicht mehr heißt: Wie können wir sie retten? Sondern: Wie können wir ihr Ende überleben? Die Mittelmächte sind der Schmelztiegel, in dem gerade der Stoff für eine Antwort entsteht. Der Erfolg der Mittelmächte wird davon abhängen, ob sie ihren mineralischen Reichtum, ihr demografisches Gewicht und ihre hart erkämpften diplomatischen Fähigkeiten in einen dritten Weg umwandeln können. Um gangbar zu sein, müsste er sowohl dem ökologischen Selbstmord und dem Klientelismus der „Öl-Achse“ entgehen als auch der infrastrukturellen Abhängigkeit der „Grünen Entente“.

Dieser Artikel wurde am 23. März 2026 auf foreignpolicy.com veröffentlicht.

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