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„Schule ist keine Service-Institution“

Kai Maaz ist einer der führenden Bildungsexperten in Deutschland. Der geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation hat gerade mit Kolleginnen und Kollegen den nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ veröffentlicht. Seit 20 Jahren wird darin ein umfassender Überblick über Kitas, Schulen und Unis im Land gegeben. Ein Gespräch über Entwicklungen und Probleme.

SZ: Herr Maaz, wir hören immer neue Krisendiagnosen zum deutschen Bildungssystem. Läuft denn gar nichts gut?

Kai Maaz: Ich halte für positiv, dass in den vergangenen Jahrzehnten viel Bewegung im System war. Die Kitas wurden stark ausgebaut und werden wie selbstverständlich als Bildungsorte wahrgenommen. Es gibt mehr Ganztagsbetreuung für Schulkinder. Und es gibt mehr Wege an Hochschulen. Nicht alles, was sich bewegt, ist möglicherweise richtig, aber zumindest haben wir keinen Stillstand.

Wird teils also zu viel Kritik geübt?

Na ja, die Probleme sind trotzdem da, und wir müssen immer wieder auf sie hinweisen. Meistens schaut man bei Kritik aber eben nur auf Teilaspekte wie die Schülerleistungen. Da sieht es heute tatsächlich nicht besser aus als vor zwanzig Jahren. Das muss man in aller Deutlichkeit so sagen. Diese Negativkritik sollte man nur gleichzeitig immer kontextualisieren und fragen, unter welchen Bedingungen sich das System so entwickelt hat. Deutschland hatte eine ganz andere Zuwanderung als Staaten wie Kanada oder Finnland, mit denen wir uns gerne vergleichen. Trotzdem muss jetzt in vielen Bereichen eine strukturierte Qualitätsoffensive folgen.

Tatsächlich wirkt vieles unstrukturiert. Im nationalen Bildungsbericht beschreiben Sie, wie die deutschen Bildungsministerien sozialer Ungleichheit begegnen wollen: In den vergangenen zwei Jahren gab es demnach 347 recht unterschiedliche Maßnahmen der Bundesländer. Zu wenige davon zielten auf die frühe Bildung, wo sie den größten Effekt hätten.

Wir haben eine ausgeprägte Förderlogik in den Bundesländern. Das heißt: Es gibt ein Problem, das wird identifiziert, und es wird mit einem Programm oder einer Maßnahme reagiert. Das passiert sechzehnmal, wenig ist abgestimmt und nachhaltig. Man könnte sagen: Wir ziehen an vielen Stellen zusätzliche Stützen ein, wenn ein Gebäude unter Druck gerät. Das kann kurzfristig stabilisieren und ist vor Ort oft auch notwendig. Aber zusätzliche Stützen ersetzen kein tragfähiges Fundament und keine gute Architektur. Wir sind gut darin, auf der Einzelschulebene zu helfen. Aber wir können nicht alle 33 000 Schulen so begleiten. Auch mit Blick auf immer knappere Ressourcen und eine volatile Welt. Das ist zu reaktiv und blockiert das System.

Wie könnte man es besser machen?

Nehmen Sie die Digitalisierung: Ich sehe niemanden, der gerade proaktiv versucht, dieses Feld für die nächsten zehn Jahre zukunftsfest zu gestalten. Wir wollen Entwicklungen – in der Technologie, auf dem Arbeitsmarkt oder im privaten Sektor – ja nicht nur hinterherrennen. Aber wir diskutieren darüber, ob wir Prüfungen an Schulen verändern müssen, weil Kinder jetzt KI einsetzen. Dabei müsste man systematisch schauen, wie die Kinder bereits mit KI lernen und wie wir das für ihre Zukunft nutzen können.

Aber das Feld ist auch dynamisch.

Aber schon 2022 hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission, die die Kultusministerien berät, zum Beispiel vorgeschlagen, länderübergreifende digitale Kompetenzzentren einzurichten, damit die Länder nicht überfordert sind, wenn Kinder und Lehrkräfte mit immer neuen Tools arbeiten. Damit sie einen Überblick behalten, Qualitätskriterien festlegen und helfen können. Da ist immer noch nichts passiert, und es gibt viele weitere Beispiele.

Welche noch?

Bei Heterogenität und Vielfalt. Wir loben uns heute dafür, dass wir in vielen Bundesländern im Kita-Alter testen, wie gut Kinder Deutsch sprechen und verstehen, noch bevor sie in die Schule kommen. Das ist richtig. Aber das hätten wir schon vor 20 Jahren machen können. Schon nach der ersten Pisa-Studie 2001 war klar, dass ganz zentral ist, wie wir mit Heterogenität in der Schülerschaft umgehen. Und jetzt verwenden wir in 16 Ländern 16 Mal unterschiedliche Förderdiagnostik und haben teils keine verbindlichen Förderprogramme dahinter. Wenn ein Kind nicht gut genug Deutsch spricht, ist es dann so, als würde ich mir den Fuß brechen, röntgen lassen und mir wird gesagt: „Ja, ist gebrochen.“ Aber es passiert nichts.

Dabei werden gerade frühe Sprachtests seit zehn Jahren in Hamburg erfolgreich genutzt. Andere Länder hätten sich das längst zum Vorbild nehmen können. Ist also auch die föderale Struktur des Bildungssystems schuld, dass zu wenig vorangeht?

Ich finde den Föderalismus im Grundsatz überhaupt nicht falsch. Auch international gibt es keine klare Befundlage, die sagt, dass die zentrale Steuerung eines Schulsystems der föderalen überlegen ist. Wenn man Föderalismus konstruktiv versteht, könnte man aus der Vielfalt der 16 Systeme die beste aller Welten entwickeln. Oft reduziert sich der Föderalismus aber auf die jeweilige bildungspolitische Überzeugung der Partei im Kultusministerium. Stattdessen braucht es gemeinsame Zielsetzungen und Leitplanken.

Braucht es auch mehr Tempo bei Entscheidungen?

Ja. Schulen arbeiten unter sich ständig wandelnden Rahmenbedingungen. Daher muss auch die Politik agiler werden. Wir brauchen eine koordinierte Steuerungsarchitektur, die alle Bildungsbereiche zusammen in den Blick nimmt und vernetzt. Die transparent ist und für klare Verantwortlichkeiten sorgt. Bei neuen Entwicklungen in der Gesellschaft und an den Schulen könnte man dann rascher Prioritäten setzen. Die Länder müssen dafür stärker als bisher über ihren eigenen Schatten springen und noch besser zusammenarbeiten. Ein bisschen ist das beim Startchancen-Programm gerade gelungen.

Bund und Länder fördern damit 4000 Schulen in sozialen Brennpunkten mit 20 Milliarden Euro über zehn Jahre. Ziel sind bessere Leistungen in Mathematik und Deutsch.

Und alle Länder haben sich dazu bekannt. Es gibt eine Offenheit, sich in die Karten schauen zu lassen: Hat eine Maßnahme an einer anderen Startchancen-Schule funktioniert oder nicht? Was können wir von anderen übernehmen? Aber auch hier müssen die Länder jetzt anfangen, nachhaltige Strukturen für die Zeit nach dem Förderzeitraum zu entwickeln. Zwei von zehn Jahren sind vorbei. Und danach müssten wieder Kommunen einspringen, die ohnehin wenig Geld haben.

Beim Startchancen-Programm geht es auch weniger darum, mehr Lehrerinnen und Lehrer einzustellen, sondern zum Beispiel um den Einsatz von Sozialarbeitern oder Verwaltungspersonal. Wieso wird nicht so sehr auf den Unterricht geschaut, wenn es am Ende um Leistungen geht?

Unterricht ist einerseits zentral, und wir müssen besseren Unterricht ermöglichen, von dem wir übrigens sehr genau wissen, wie er funktioniert. Aber schulische Realität ist viel mehr als nur Unterricht: Kinder erscheinen morgens nicht ausgeschlafen oder verängstigt, sie werden gemobbt, sie haben soziale Probleme und zu Hause möglicherweise einen Flickenteppich an Beziehungen. Wenn wir denken, dass wir nur guten Unterricht anbieten müssen, um all das wettzumachen, wären wir naiv. Wir brauchen mehr Professionen an Schulen, um qualitätvollen Unterricht zu ermöglichen.

Sprechen wir zu oft über die Mindeststandards, während es in der Spitze gut läuft?

Nein. Im internationalen Vergleich könnte auch die Spitzengruppe größer sein. Und wir müssen natürlich allen Kindern ihr persönliches Bildungsmaximum ermöglichen. Viele hochleistende Kinder erreichen wir aber gar nicht, weil sie aus Familien kommen, wo das niemand sieht und die Strukturen ihnen nicht helfen.

Haben wir insgesamt manchmal zu hohe Erwartungen an Schulen, dass sie all diese Themen lösen müssen?

Wir projizieren schon viele gesellschaftliche Problemlagen auf die Schule: den Fachkräftemangel, Integration, politische Bildung und Radikalisierung. Wenn Schulen alles lösen sollen, überfordern wir sie natürlich. Deswegen tun wir gut daran zu überlegen, was die Kernaufgabe von Schule ist. Darauf muss sie vorbereitet werden.

Ist das auch ein Appell an Eltern, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen?

Ja, absolut. Eltern sind extrem wichtig, und Schule ist keine Service-Institution, in die man die Kinder morgens abgibt, abends abholt und dann ist alles passiert.

Angenommen, die Ministerien ringen sich morgen zu tiefergreifenden Reformen durch – die Leistungen der Schüler würden trotzdem erst in zehn Jahren besser werden. Wie schwer ist es, in der Bildungspolitik Geduld einzufordern?

In anderen Politikbereichen gelingt das doch auch. Wenn wir heute über das Rentensystem sprechen, dann haben wir auch nicht morgen die Veränderung im System. Es ist also wichtig, Bildung nicht nur in den Fachministerien zu diskutieren, sondern an jedem Kabinettstisch, in den Staatskanzleien und im Bundeskanzleramt. Bildung ist eine drängende Zukunftsinvestition. Und dann ist es eine Frage des Erwartungsmanagements. Politikern muss klar sein, dass in ihrer eigenen Amtszeit mit großer Wahrscheinlichkeit keine messbare Wirkung erzielt werden kann, weshalb sie offener über Zwischenschritte kommunizieren müssen.