Das Evangelische Schulzentrum Muldental scheut keine Konflikte: Schülerinnen und Schüler können hier offen über Diskriminierung oder Rechtspopulismus diskutieren.
©Oliver Forstner
Deutsches Schulportal: Hat sich das politische Klima an Ihrer Schule in den vergangenen Jahren verändert?
Markus Litwa: Ich nehme keine grundlegende Veränderung wahr. An unserer Schule gibt es sowohl Jugendliche mit eher linken Positionen als auch solche mit rechten Einstellungen und Vorurteilen. Organisierte rechtsextreme Strukturen sehe ich nicht. Eher begegnet mir eine Form von Unmut, in der sich ein Wutbürgertum spiegelt. Schülerinnen und Schüler übernehmen Stimmungen und Ressentiments, oft ohne sie zu reflektieren. Sie meckern über Dinge, provozieren mit Vorurteilen und geben Groll weiter, den sie aus ihrem Umfeld aufschnappen. Das hängt auch mit dem Alter zusammen. Ungefähr ab der 10. Klasse entwickelt sich bei vielen Jugendlichen überhaupt erst ein stärkeres politisches Bewusstsein.
Wie zeigen sich Spannungen zwischen Schülerinnen und Schülern?
Die entstehen oft schon über das Erscheinungsbild, etwa über Kleidung, die mit einer bestimmten Szene assoziiert wird. Gesprächsbedarf gibt es auch, wenn Schülerinnen und Schüler menschenverachtende Aufkleber, Sprüche oder sogar Hakenkreuze im Schulgebäude entdecken und Lehrkräfte darauf aufmerksam machen. Und natürlich kommt es auch in Fächern wie Gemeinschaftskunde, Recht und Wirtschaft zu Auseinandersetzungen, weil dort politische Forderungen und gesellschaftliche Themen verhandelt werden. Der Vorteil ist, dass wir diese Gespräche im Unterricht gezielt begleiten können, zum Beispiel mit der Frage, was bestimmte Forderungen für einzelne Gruppen bedeuten würden. So lassen sich Empathie und Reflexion fördern. Manchmal kommen Jugendliche auch zu mir, weil sie in sozialen Medien oder in Gesprächen mit Mitschülerinnen und Mitschülern auf Inhalte gestoßen sind, die sie belasten oder verunsichern.
Ab wann müssen Sie und Ihr Kollegium auf politische oder diskriminierende Äußerungen reagieren?
Das beginnt schon bei der ersten Beleidigung, denn sie ist eine Form von Gewalt. Darauf reagieren wir sofort, unabhängig vom politischen Kontext. Wir können nicht jede Situation ausführlich aufarbeiten, aber wir müssen signalisieren: Das ist nicht okay. Sobald Äußerungen diskriminierend und menschenverachtend sind, positionieren wir uns eindeutig. An diesem Punkt dürfen wir nicht neutral bleiben, sondern müssen unsere demokratischen Grundwerte verteidigen. Bei verbotenen Symbolen wie Hakenkreuzen schalten wir gegebenenfalls die Polizei ein, wägen diesen Schritt aber genau ab.
Warum die Vorsicht?
Sobald die Polizei involviert ist, verlassen wir den pädagogischen Rahmen. Das heißt, wir geben einen Teil der Kontrolle über den weiteren Verlauf des Vorfalls ab. Deshalb prüfen die Schulleitung, die jeweiligen Klassenlehrkräfte und ich als Schulsozialarbeiter sehr genau, ob Gespräche mit den Kindern und ihren Eltern für eine interne Klärung nicht ausreichen. Eine Anzeige ziehen wir erst in Erwägung, wenn es sich um einen Wiederholungsfall handelt oder wenn wir als Schule deutlich machen müssen, dass eine Grenze eindeutig überschritten ist.
Gibt es auch Situationen, in denen die Grenzen nicht ganz klar sind?
Ja, durchaus. Wenn ein Meinungsaustausch ohne offene Herabsetzung oder Beleidigung stattfindet, müssen wir akzeptieren und aushalten, dass Schülerinnen und Schüler Ansichten vertreten, die wir nicht teilen. Sie haben ein Recht auf eine eigene Meinung, auch wenn diese vom Elternhaus oder vom Freundeskreis geprägt ist. In solchen Situationen bleibt Lehrkräften oft nur, den eigenen Standpunkt klar zu vertreten und Schülerinnen und Schüler mit gezielten Fragen zum Nachdenken zu bringen. Entscheidend ist dabei die Vertrauensbasis. Nur wenn diese vorhanden ist, kann mein Standpunkt bei Schülerinnen und Schülern überhaupt als ernstzunehmender Gegenentwurf wahrgenommen werden.
Wir müssen akzeptieren und aushalten, dass Schülerinnen und Schüler Ansichten vertreten, die wir nicht teilen.
Markus Litwa, Schulsozialarbeiter in Sachsen
Wie positioniert sich Ihre Schule gegenüber rechtspopulistischen Anfeindungen und äußerem Druck?
Auf verschiedene Weise. Zunächst mit einem klaren Bekenntnis dazu, gegenüber menschenverachtenden Einstellungen nicht neutral zu sein. Dieses Bekenntnis zeigt sich zum Beispiel in unserem Leitbild, in Plakaten von Schülerinnen und Schülern im Schulgebäude oder auch durch die Plakette „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Unser Kollegium positioniert sich deutlich gegen Diskriminierung, und das ist für die Schülerinnen und Schüler spürbar. Bei Vorfällen wenden sie sich aktiv an Lehrkräfte oder an mich als Schulsozialarbeiter. Gleichzeitig setzen wir auf Präventionsarbeit und arbeiten eng mit externen Partnern zusammen, um demokratische Werte zu stärken. Dazu gehören etwa Projekttage mit dem Netzwerk für Demokratie und Courage oder die Zusammenarbeit mit dem Verein RosaLinde, der zu Antidiskriminierung und queeren Themen arbeitet.
Als freie Schule könnten Sie Familien theoretisch ablehnen, wenn sie das Schulkonzept nicht mittragen.
Das stimmt. Wir haben uns trotzdem bewusst dagegen entschieden, Familien mit problematischen Haltungen von vornherein auszuschließen. Schwierige Themen wollen wir lieber pädagogisch innerhalb der Schule bearbeiten. Dafür gibt es Formate wie das „Schulcafé“ oder „Evas Salon“, zu dem wir Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Bürgerinnen und Bürger aus der Region einladen. Dort informieren wir, beantworten Fragen und bringen Menschen ins Gespräch. Vor der Landtagswahl in Sachsen 2024 haben wir uns zum Beispiel mit dem Wahlprogramm der AfD beschäftigt, um die Schulgemeinschaft für politische Entwicklungen zu sensibilisieren. Den Salon haben Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler gemeinsam organisiert, und er war gut besucht. Provokationen von außen blieben zum Glück aus.
Ist die Landtagswahl am 6. September im Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt ein Thema an Ihrer Schule?
Teilweise schon. In manchen Kommunen haben AfD-Mitglieder in Stadträten die Schulsozialarbeit offen infrage gestellt und politisch angegriffen, auch weil Kommunen diese Arbeit mitfinanzieren. Das ist also keine abstrakte Bedrohung, sondern eine Entwicklung, die in unserer Region bereits spürbar ist. Auch Inklusion und der soziale Bereich insgesamt geraten unter Druck – und zwar nicht nur dort, wo die AfD direkt mitregiert. Auch in Sachsen, wo die CDU die führende Regierungspartei ist, erleben wir Einschnitte. Vielleicht nicht in dem Ausmaß, das unter einer AfD-geführten Regierung zu erwarten wäre, aber deutlich genug.
Welche Rolle spielt die Elternschaft, wenn von außen Druck ausgeübt wird?
Da wir als freie Schule von einem Elternverein getragen werden, spielt die Elternschaft strukturell und finanziell eine zentrale Rolle. Bei Anfeindungen und äußerem Druck wirkt sie oft wie ein Schutzschild. So hat der Elternverein zum Beispiel entschieden, meine Stelle aus Eigenmitteln zu finanzieren, nachdem staatliche Fördergelder gekürzt worden waren.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Vor allem politischen Willen statt Symbolpolitik. Prävention muss ernst genommen und verlässlich finanziert werden, bevor die Probleme eskalieren. Schulsozialarbeit sollte nicht erst dann zum Einsatz kommen, wenn schon etwas passiert ist, sondern Kinder und Jugendliche frühzeitig begleiten und unterstützen. Deshalb wünsche ich mir politische Entscheidungen mit Weitblick statt Kürzungen und Streichungen, wie wir sie aktuell bei der Schulsozialarbeit erleben. In Sachsen, besonders im Landkreis Leipzig, wurde sie in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Dadurch konnten wichtige Angebote entstehen. Unsere und viele weitere Schulen haben Präventionspläne entwickelt und beteiligen sich an Initiativen wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. An unserer Schule ging der Impuls dafür sogar von der Schülerschaft selbst aus. Für mich zeigt sich darin eine echte Selbstverpflichtung, im Alltag gegen Diskriminierung aktiv zu werden.