everyschematic.com

Handyverbot an Schulen – ja oder nein: Was sagen die Studien?

Handyverbot an der Schule

Jeder vierte Jugendliche verspürt Druck, im Unterricht auf Nachrichten zu antworten.

©Getty Images

Der Ruf nach einem Handyverbot an Schulen ist in aller Munde. Doch was sagen die Betroffenen dazu? Die Postbank hat in der Jugend-Digitalstudie 2025 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren befragt. Das Ergebnis der Jugend-Digital-Studie: Die knappe Mehrheit spricht sich gegen ein Handyverbot an Schulen aus. 56 Prozent halten einen solchen Schritt für falsch, während sich 37 Prozent dafür aussprechen. Gegen ein Verbot spricht den Befragten zufolge eine schnellere Kommunikation mit Familie und Freunden und die Nütz­lich­keit von Smart­phones für Lern­zwe­cke und Re­cher­chen (55 Pro­zent). Zudem sagen viele, ein Verbot sei schwer umzusetzen und zu kontrollieren.

Unter den Fürsprechern eines Verbots überwiegt das Argument, es vermeide Ablenkung im Unterricht und fördere die Konzentration. Zudem spielt für rund die Hälfte von ihnen der Stress durch ständige Erreichbarkeit eine Rolle.

Vier Zahlen führen eindrucksvoll vor Augen, wie sehr das Smartphone das Leben der Jugendlichen durchdringt:

Angesichts solcher besorgniserregenden Zahlen führen immer mehr Regierungen flächendeckend allgemeine Handyverbote an Schulen ein, zuletzt in Finnland, Dänemark, England und den Niederlanden. Auch in Deutschland denken immer mehr Schulen darüber nach, die private Handynutzung auf dem Schulgelände zu verbieten. Viele Bundesländer haben auch schon einheitliche Regelungen zum Schuljahr 2025/26 erlassen.

Handynutzung und Lernerfolg

Konkrete wissenschaftliche Untersuchungen, wie sich ein generelles Handyverbot auf den Lernerfolg auswirkt, gibt es nur wenige. Eine 2016 veröffentlichte Studie aus England stellte fest, dass sich an weiterführenden Schulen, die ein Handyverbot einführten, die Testergebnisse deutlich verbesserten. Besonders stark war der Anstieg bei den leistungsschwächsten Schülerinnen und Schülern. Der Effekt bei diesen Jugendlichen entsprach etwa einer zusätzlichen Unterrichtsstunde pro Schulwoche. Die Wissenschaftler führen den größeren Effekt des Handyverbots bei diesen Jugendlichen darauf zurück, dass es den leistungsstärkeren Mitschülerinnen und Mitschülern von Haus aus leichter gefallen sei, Ablenkungen auszublenden und sich auf das Lernen zu konzentrieren. Das Handyverbot komme daher den Leistungsschwächeren besonders zugute.

Allerdings wurden die Daten, auf die sich die englische Studie bezieht, zwischen 2001 und 2013 erhoben. Damals waren Smartphones im Schulalltag längst nicht so präsent wie heute und ein Handyverbot vermutlich leichter durchzusetzen. So argumentiert zumindest ein schwedisches Forscherteam. In ihrer Studie von 2019 wollten die Forscher die Ergebnisse aus England mit neueren Daten replizieren, konnten aber keinen positiven Effekt eines Handyverbots nachweisen. Der Unterricht in Schweden sei ohnehin seit vielen Jahren stark digitalisiert und ein Handyverbot in einem solchen Umfeld wahrscheinlich weniger effektiv, argumentieren die Wissenschaftler.

Ein umfassender Überblick über den internationalen Forschungsstand findet sich in einer aktuellen Scoping-Review von Campbell et al. (2024), die 22 Studien aus zwölf Ländern analysiert. Das Autorenteam untersuchte, ob Handyverbote an Schulen tatsächlich die schulischen Leistungen verbessern, das psychische Wohlbefinden stärken und Cybermobbing verringern. Die Ergebnisse zeigen ein uneinheitliches Bild: Während einige Studien Hinweise auf positive Effekte geben – etwa bei Schülerinnen und Schülern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien oder hinsichtlich einer Abnahme von Mobbing-Vorfällen bei älteren Jugendlichen – finden andere Studien keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Handyverboten und schulischem Erfolg oder Wohlbefinden. Das Autorenteam mahnt daher zur Zurückhaltung bei politischen Entscheidungen und spricht sich für eine differenzierte Betrachtung aus. Entscheidend sei nicht nur, ob ein Verbot existiert, sondern wie es ausgestaltet und durchgesetzt wird.

Eine besonders umfangreiche neue Studie aus den USA kommt ebenfalls zu einem gemischten Befund. Die Forschenden um Hunt Allcott untersuchten fast 5.000 Schulen, die sogenannte Yondr-Pouches eingeführt hatten – verschließbare Handybeutel, durch die Smartphones während des gesamten Schultags physisch unzugänglich bleiben. Die Maßnahme senkte die Handynutzung deutlich: Laut Lehrkräftebefragung fiel der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht privat ihr Handy nutzen, von 61 auf 13 Prozent. Auf Leistungen, Anwesenheit, Aufmerksamkeit im Unterricht und wahrgenommenes Cybermobbing hatte das Verbot im Durchschnitt jedoch kaum Auswirkungen. Auffällig sind eher zeitversetzte Effekte: Im ersten Jahr nahmen Disziplinarvorfälle zu und das subjektive Wohlbefinden der Jugendlichen sank, in den Folgejahren verschwanden diese Effekte wieder; das Wohlbefinden entwickelte sich dann sogar leicht positiv. Bei den Testergebnissen zeigten sich insgesamt keine nennenswerten Verbesserungen, lediglich an Highschools fanden die Forschenden kleine positive Effekte, vor allem in Mathematik.

Das Smartphone und die Schule – Erkenntnisse aus PISA 2022

Doch wie ist die Lage an deutschen Schulen? Die PISA-Studie ist bekannt dafür, die Fachkompetenzen von 15-Jährigen zu messen, doch die Studie befragt sie regelmäßig zu anderen Aspekten des Schulalltags – zuletzt auch zum Thema Handynutzung. Das Schulportal hat die wichtigsten PISA-Daten für 15-Jährige in Deutschland ausgewertet.

Wie viel Zeit verbringen Jugendliche in der Schule am Handy? Die Daten der PISA-Studie zeichnen ein heterogenes Bild. 40 Prozent der befragten 15-Jährigen geben an, ihr Handy überhaupt nicht in der Schule zu nutzen. 35 Prozent nutzen es bis zu einer Stunde täglich, 12 Prozent verbringen täglich ein bis zwei Stunden in der Schule am Handy, 14 Prozent nutzen es mehr als zwei Stunden täglich.

Im Jahr 2017 kam die „Brain Drain“-Studie zu dem Ergebnis, dass die bloße Anwesenheit eines Smartphones ablenken und kognitive Ressourcen beanspruchen kann. Dieses Ergebnis wurde später durch eine Metaanalyse von 22 Studien bestätigt. Auch die Daten von PISA 2022 deuten darauf hin, dass es nicht unbedingt das Handy selbst ist, das ablenkt, sondern der Druck, immer erreichbar zu sein. Jeder dritte Jugendliche gibt an, nervös zu werden, wenn das Handy nicht in Reichweite ist. Bei den Mädchen sind es sogar 40 Prozent.

Jeder vierte Jugendliche gibt an, die Handy-Benachrichtigungen während des Unterrichts nie oder fast nie auszuschalten. Allerdings gibt jeder Zweite an, die Benachrichtigungen im Unterricht immer auszuschalten – sie schneiden im Schnitt um 19 PISA-Punkte besser als der Durchschnitt ab, was in etwa dem Lernfortschritt eines halben Schuljahres entspricht.
Etwa jeder Vierte gibt an, Druck zu verspüren, während des Unterrichts auf Nachrichten zu antworten. Ähnlich viele geben an, sich durch Mitschülerinnen und Mitschüler, die digitale Geräte nutzen, abgelenkt zu fühlen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Handynutzung in der Schule und den Leistungen? In der PISA-Studie wurde gefragt, wie lange Jugendliche in der Schule digitale Geräte zum Zeitvertreib und wie lange zum Lernen nutzen.

Ein klares und leicht nachvollziehbares Ergebnis: Je länger die Jugendlichen zum Zeitvertreib am Handy hängen, desto schlechter sind ihre Leistungen. Diejenigen, die in der Schule fünf Stunden oder mehr am Handy verbringen, haben einen Lernrückstand von etwa zwei Jahren gegenüber denjenigen, die weniger als eine Stunde ihrer Schulzeit am Handy sind. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass aus den PISA-Daten nicht unbedingt auf einen kausalen Zusammenhang geschlossen werden kann. Es ist möglich, dass sowohl die hohe Handynutzung als auch die schlechten Leistungen Ausdruck einer gemeinsamen Ursache sind, beispielsweise einer mangelnden Konzentrationsfähigkeit.

Werden digitale Geräte zum Lernen genutzt, ergibt sich ein komplexeres Bild: Während bei bis zu drei Stunden täglicher Nutzung ein negativer Zusammenhang zwischen Nutzungsdauer und PISA-Leistung besteht, schneiden Schülerinnen und Schüler, die digitale Geräte zwischen drei und sieben Stunden täglich zum Lernen nutzen, am besten ab. Es scheint aber auch ein Zuviel des Digitalen zu geben: Wer mehr als sieben Stunden täglich digitale Geräte zum Lernen nutzt, schneidet wieder deutlich schlechter ab. Auch hier sind die Daten mit Vorsicht zu genießen, ein kausaler Zusammenhang lässt sich nicht direkt ableiten.

PISA hat auch die Schulleitungen der teilnehmenden Jugendlichen befragt – unter anderem danach, ob es an ihrer Schule ein generelles Handyverbot auf dem Schulgelände gibt. Laut dieser Befragung besuchen 59 Prozent der Jugendlichen eine Schule mit einem generellen Handyverbot. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Schulen. Drei von vier Schulen in sozial kritischer Lage haben ein pauschales Handyverbot, bei den Schulen in privilegierter Lage ist es nur jede zweite. Besonders häufig gibt es ein Handyverbot auch an Privatschulen. Hier geben 87 Prozent an, Smartphones auf dem Schulgelände zu verbieten.

Wie wirkt sich ein Handyverbot auf die Handynutzung aus? Mit anderen Worten: Werden Handyverbote tatsächlich durchgesetzt? Die Auswertung der Ergebnisse zeigt, dass sich bei einem Verbot nur 17 Prozent der Jugendlichen daran halten und nie oder fast nie zum Handy greifen. 34 Prozent greifen trotz Verbot täglich oder mehrmals täglich zum Handy. Dennoch bleiben die Verbote nicht ohne Wirkung. Ohne Verbot greifen 47 Prozent täglich in der Schule zum Handy. Nur etwa jeder Zehnte lässt das Handy ohne Verbot den ganzen Tag in der Tasche.

Aktuelles zum Thema Handyverbot

Expertenkommission empfiehlt Handyverbot bis Klasse 7

Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ sprach sich am 24. Juni 2026 für deutlich strengere und bundesweit einheitliche Regeln aus. An Grundschulen sowie bis einschließlich der siebten Jahrgangsstufe soll die private Nutzung digitaler Endgeräte nicht nur im Unterricht, sondern auch in außerunterrichtlichen Angeboten und in den Pausen untersagt werden. Die Länder sollen dieses Verbot in ihren Schulgesetzen verankern. Ab der achten Klasse sollen die Schulen dagegen eigene verbindliche Nutzungskonzepte entwickeln. An deren Erarbeitung sollen auch die Schülerinnen und Schüler beteiligt werden.

Jugendstudie der Vodafone Stiftung zur Nutzung von sozialen Medien

Die Vodafone Stiftung hat in einer repräsentativen Studie Jugendliche zur Nutzung und Selbstregulation von sozialen Medien befragt. Mehr als 1.000 Heranwachsende im Alter zwischen 14 und 20 Jahren haben ihre ganz persönlichen Erfahrungen, Einschätzungen und Gewohnheiten im Umgang mit sozialen Netzwerken und Smartphones geteilt. Das Ergebnis: Ein großer Teil (69 Prozent) der Jugendlichen verbringt mehr als die vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfohlenen zwei Stunden täglich am Bildschirm. Davon weisen 27 Prozent eine tägliche Bildschirmzeit von fünf Stunden oder mehr auf. Mehr als die Hälfte (56 Prozent), heißt es in der Studie, würden soziale Medien gerne weniger nutzen, schaffen es aber nicht.

Bei der Nutzung sozialer Medien empfindet ein Drittel negative Emotionen wie Einsamkeit (37 Prozent), Neid auf andere (34 Prozent) oder Stress (33 Prozent). Rund ein Fünftel (21 Prozent) fühlt sich nach der Nutzung sozialer Medien sogar schuldig.

Gleichzeitig berichten 29 Prozent von sozialem Druck sowie Ausgrenzung und Abwertung (46 Prozent). Junge Frauen berichten häufiger von sozialen Vergleichen als junge Männer (52 Prozent zu 31 Prozent) und geben deutlich öfter an, regelmäßig emotional belastenden Inhalten zu begegnen (46 Prozent zu 27 Prozent).

Leopoldina empfiehlt Handyverbot bis Klasse 10

Die nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt in einem im August veröffentlichten Papier, die Nutzung von Smartphones in Schulen bis einschließlich Klasse 10 zu untersagen. Die Wissenschaftler plädieren generell für einen Kurs der Vorsicht (Vorsorgeprinzip), solange die Frage, ob es eine ursächliche Beziehung zwischen dem Gebrauch sozialer Medien und der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gibt, noch nicht wirklich geklärt ist.

Orientierungspapier des Forum Bildung Digitalisierung

Ein neues Orientierungspapier des Forum Bildung Digitalisierung gibt einen Überblick über wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Smartphone-Verboten sowie zur Rechtslage zur Smartphone-Nutzung in den Bundesländern und in ausgewählten internationalen Ländern. Ergänzt wird es durch Praxisbeispiele aus Schulen und Handlungsempfehlungen von Jugendlichen, die Impulse für die schulische Praxis bieten.

Österreich kündigt Handyverbot an Schulen an

Die neue Regierung in Österreich hat im März 2025 eine Verordnung für ein Handyverbot an Schulen  angekündigt. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) sieht das Handy als „Konzentrationskiller“. Letztlich entscheiden aber die Schulen selbst, sie können auch eine Ausnahme vom Handyverbot festlegen.

mit dpa

Dänemark plant Handyverbot an Schulen

Dänemark plant ein gesetzliches Verbot für private Handys und Tablets in den Klassenzimmern und auf dem Schulgelände. Eine entsprechende Gesetzesänderung werde vorbereitet, sagte Bildungsminister Mattias Tesfaye der dänischen Zeitung „Politiken“. Private Mobiltelefone und Tablets sollen demnach nicht mehr mit in die Schule gebracht werden dürfen. Die Regelung wurde von einer Kommission für das Wohlergehen von Heranwachsenden empfohlen.

Studie: Eigene Smartphones bremsen leistungsschwächere Schüler aus

Wenn Jugendliche im Matheunterricht ihre privaten Smartphones nutzen, schneiden sie schlechter ab – zumindest dann, wenn sie zu problematischer Handynutzung neigen. Das zeigt eine Studie der Universität Münster mit rund 260 Acht- und Neuntklässlern. Bei Nutzung von schuleigenen Leihgeräten blieb dieser Effekt aus. Der Unterschied deutet darauf hin, dass nicht nur der Zugang zur Technik, sondern auch das individuelle Nutzungsverhalten eine Rolle für den Lernerfolg spielt.

Überblicksstudie bescheinigt Handyverbot positive Effekte (September 2024)

Tobias Böttger und Klaus Zierer der Universität Augsburg untersuchten in einem Rapid Review die Auswirkungen von Smartphone-Verboten an Schulen anhand von fünf internationalen Studien. Ihre Ergebnisse zeigen, dass ein solches Verbot das soziale Wohlbefinden der Schüler signifikant verbessert (d = 0,22) und einen geringeren, aber dennoch positiven Effekt auf die Lernleistungen hat (d = 0,05). Sie schließen daraus, dass ein bloßes Verbot nicht ausreicht, sondern durch pädagogische Maßnahmen begleitet werden muss, um den verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones zu fördern.