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Noten und Spott machen Fehler zum Risiko, berichtet eine Abiturientin

Eine Schülerin sitzt an einem Tisch im Klassenraum und schreibt in ein Heft

„Wer einen Fehler macht, wird schnell ins Lächerliche gezogen“, erzählt die Abiturientin A. Zöller.

©Getty

„Aus Fehlern lernt man.“ – Kaum ein Satz ist in der Schule so präsent. Doch oft bleibt er eine leere Floskel. Im Schulalltag sieht die Fehlerkultur nämlich häufig anders aus: Meine Mitschülerinnen und Mitschüler und ich meldeten uns meist nur dann, wenn wir uns wirklich sicher waren, die richtige Antwort zu kennen.

Zwischen dem Anspruch, aus Fehlern zu lernen, und der Realität des Unterrichts habe ich oft einen Widerspruch erlebt. Viele Lehrkräfte ermutigen zwar dazu, Fragen zu stellen und Fehler als Teil des Lernprozesses zu verstehen. Gleichzeitig sorgen Klausuren und mündliche Bewertungen dafür, dass Schülerinnen und Schüler Fehler möglichst vermeiden.

Dieses Spannungsfeld entwickelte sich aber erst im Laufe meiner Schulzeit. In der Grundschule wurden Fehler noch als Teil des Lernens verstanden. Auf dem Weg zum Abitur erlebte ich sie jedoch immer mehr als No-Go. Ich erinnere mich daran, dass wir beim Vorsingen in der 3. Klasse konkrete Tipps bekamen, wie wir unsere Singstimme verbessern können. Im Unterricht haben wir sie dann spielerisch ausprobiert – und zwar alle Kinder, unabhängig davon, ob sie die Töne schon perfekt trafen oder nicht. Erst danach haben wir eine Note bekommen. Eine schlechte Note konnten wir so viel leichter verkraften, weil wir die eigenen Schwächen kannten, uns verstanden fühlten und wussten, wie wir uns verbessern konnten.

Dass diese Form der Fehlerkultur nicht selbstverständlich ist, wurde uns spätestens bei der Fahrradprüfung in der 4. Klasse bewusst. Plötzlich ging es darum, möglichst wenige Fehlerpunkte zu sammeln. Dieser Druck, den wir vorher nur bedingt gespürt hatten, wirkte sich schnell auf uns aus. Die Angst, diese nicht sonderlich wichtige Prüfung zu bestehen, wurde durch einen harten Umgangston noch verstärkt. Jedes Versehen wurde lautstark kommentiert. Tränenüberströmt musste ich mir anhören, dass ich die Fahrradprüfung nicht bestanden hatte.

Je stärker Fehler negativ bewertet wurden, desto größer wurde auch die Angst vor ihnen und ihren Folgen. In unseren Köpfen. In der Schule. In der Gesellschaft. Denn auch außerhalb der Schule sind Fehler oft negativ besetzt. Nach dem Abitur bleibt zum Beispiel die Angst, den „falschen“ Beruf zu wählen oder im schlimmsten Fall ein Studium abbrechen zu müssen. Es geht hier also um ein gesellschaftliches Problem, an das wir Schülerinnen und Schüler uns bereits in der Schulzeit gewöhnen.

Eine positive Fehlerkultur scheitert an der Fülle des Lernstoffs

Während Lehrkräfte an der Grundschule noch versucht haben, Fehler als normal und menschlich einzustufen und Schülerinnen und Schüler langsam an das Notensystem heranzuführen, rückte am Gymnasium die Effizienz zunehmend in den Vordergrund – auf Kosten der individuellen Fehleranalyse. Zwar gab es auch dort Lehrkräfte, die versuchten, Fehler bewusst in den Unterricht einzubeziehen. Häufig scheiterten sie jedoch an der Fülle des Lernstoffs. Besonders im Mathematikunterricht in der Oberstufe habe ich das erlebt: Zu Beginn des Schuljahres hatten wir festgelegt, dass unsere Lehrkraft Schülerinnen und Schüler zufällig auswählt, um die Hausaufgaben vorzustellen. Dieses System erwies sich allerdings schnell als Zeitfresser. Schon kleine Rechenfehler konnten die Lösung zerstören. Manchmal verwendeten wir die Hälfte der Stunde darauf, den richtigen Lösungsweg gemeinsam zu rekonstruieren. Und dafür fehlte schlicht die Zeit.

In der Folge rief unsere Mathelehrkraft nur noch diejenigen auf, von denen sie vermutete, dass sie die richtige Lösung parat hatten. Spätestens an dieser Stelle wurde uns bewusst, dass nicht einzelne Lehrerinnen und Lehrer das Problem waren, sondern das System. Unterricht soll halt möglichst zeiteffizient ablaufen. Für das Lernen aus Fehlern bleibt dabei oft kein Raum.

Gleichzeitig waren wir auch erleichtert, wenn eine genaue Fehleranalyse ausblieb. Das hatte zwei Gründe: Zum einen hofften wir, dass die eigenen Fehler weniger auffielen und sich nicht negativ auf die mündliche Note auswirkten. Denn eigentlich wirkt sich alles, was man im Unterricht sagt, nicht sagt, macht oder nicht macht, auf den Eindruck aus, den eine Lehrkraft von einem hat. So fühlte es sich zumindest für mich an. Und genau davor haben viele Schülerinnen und Schüler Angst. Jedes Wort scheint auf die Goldwaage gelegt zu werden. Daraus entsteht dann eine Note. Die Folge: Schülerinnen und Schüler lassen den Finger lieber unten, eben aus Angst vor Fehlern, die in den Köpfen mit einer schlechten Note verbunden sind. Wenn wir die richtige Antwort dann doch gewusst hätten, ärgerten wir uns zwar. Aber immerhin hatten wir uns vor dem Risko geschützt, aus eigener Initiative etwas Falsches zu sagen.

Zum anderen weiß ich, dass sich Schülerinnen und Schüler aus Angst vor den Reaktionen der Mitschülerinnen und Mitschüler zurückhalten. Denn auch unter Kindern und Jugendlichen sind Fehler häufig negativ besetzt. Wer einen Fehler macht, wird schnell ins Lächerliche gezogen. Und danach hat man Angst, beim nächsten Mal wieder ausgelacht zu werden.

Eine solche Situation habe ich in der 5. Klasse erlebt. Der gute Wille meiner Mathelehrerin führte leider zum Gegenteil dessen, was sie eigentlich beabsichtigt hatte. Nach einer Schulaufgabe, in der ich mehrere Fehler beim Auflösen von Klammern gemacht hatte, bekamen ein Mitschüler und ich ein zusätzliches Übungsblatt. Eigentlich sollten wir zu Hause diesen wichtigen mathematischen Grundstein festigen. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler interpretierten das Blatt jedoch als Strafarbeit und lachten. Statt zu einem positiven Lernerlebnis führte das bei mir zu Angst vor Fehlern. Ich lernte daraus vor allem: Beim nächsten Mal darf ich mir so etwas nicht noch mal erlauben.

Was eine echte Fehlerkultur braucht

Ja, Fehler gehören zum Lernen. Dafür müssen sie aber auch als Lernchance verstanden und nicht als Makel behandelt werden. Solange Notendruck, Zeitmangel und die Angst vor schlechten Bewertungen den Schulalltag bestimmen, wird sich daran wohl wenig ändern.

Eine echte Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler gutzuheißen. Sie bedeutet, ihnen Raum zu geben, damit Schülerinnen und Schüler aus ihnen lernen können. Dass es dafür bereits Ansätze wie Intensivierungsstunden gibt, ist ein Anfang. Das reicht aber nicht aus, um die Fehlerkultur nachhaltig zu verändern. Denn Schule sollte nicht nur fachliche Kompetenzen vermitteln. Auch soziale Fähigkeiten wie Mut, Empathie und ein konstruktiver Umgang mit Fehlern gehören dazu. Schule sollte ein Ort sein, an dem man sich traut, Fragen zu stellen, Unsicherheiten zu zeigen, die Unsicherheiten anderer zu akzeptieren und auch mal falschzuliegen. Erst dann ist der Satz „Aus Fehlern lernt man“ mehr als nur eine Floskel.

Zur Person

A. Zöller ist 18 Jahre alt und hat in diesem Sommer an einem Gymnasium in Süddeutschland ihr Abitur absolviert.