Mobbing unter Geschwistern: Die Haltung der Eltern ist entscheidend für den Umgang mit Wut
Stand: 13.07.2026, 15:07 Uhr
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Wenn Eltern Konflikte mit Drohungen lösen, lernen Kinder genau das. Wie Mobbing im Kinderzimmer beginnt – und wie Eltern gegensteuern können.
Kassel – Mobber (engl. bullies) werden nicht als solche geboren. Sie werden es, indem sie das Verhalten ihrer Eltern oder älteren Geschwister imitieren. Diese These vertritt die Psychologin Angela J. Narayan, Dozentin an der Universität von Denver und Expertin für kindliche Traumata. Kinder und Jugendliche sind nach Ansicht der Expertin echte „soziale Beobachter“ und nehmen die Methoden in sich auf, mit denen Mama und Papa oder andere Bezugspersonen Konflikte lösen, ihren Willen durchsetzen oder ihre Autorität behaupten.
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Dieser Artikel von Valentina Rorato entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Wenn Meinungsverschiedenheiten zu Hause mit Drohungen, psychologischer Manipulation oder scharfer Kritik geregelt werden, normalisiert das Kind diese Verhaltensweisen im Laufe seines Aufwachsens. Es neigt dann dazu, sie auch im Umgang mit Gleichaltrigen anzuwenden. Wenn ein Elternteil ein Kind demütigt, es mit schweigendem Rückzug manipuliert oder bewusst Angst schürt, um Gehorsam zu erzwingen, erzieht er nicht nur streng: Er liefert zugleich ein Interaktionsmodell, das auf Macht basiert.

Streit unter Geschwistern ist normal, darf aber nicht zum Mobbing ausarten. © Christin Klose/picture alliance/dpaDie wissenschaftliche Literatur zeigt, dass die Mobbing-Rate bei jungen Menschen um mehr als 50 Prozent höher ist, wenn deren Eltern ein kühles, distanziertes und nicht unterstützendes Verhalten zeigen. Ein solches Umfeld erschwert es Jugendlichen, die Fähigkeit zur Regulierung ihrer Emotionen zu entwickeln, insbesondere ihrer Wut. Da sie nicht wissen, wie sie die zu Hause angestaute Frustration bewältigen sollen, implodieren einige. Sie entwickeln dann Angststörungen oder Depressionen. Andere „explodieren“ nach außen und greifen Mitschüler an, um jene Kontrolle zurückzugewinnen, die sie als verloren empfinden.
Mobbing unter Geschwistern: Familiäre Vorbilder prägen den Umgang mit Konflikten
Auch unter Geschwistern ist Mobbing ein häufiges, wenn auch in Familien oft tabuisiertes Thema. Angetrieben von einem tatsächlichen oder wahrgenommenen Machtungleichgewicht oder von Klagen über unterschiedliche Behandlung ist Mobbing unter Geschwistern die häufigste Form häuslicher Gewalt. Dennoch wird es von Eltern, Lehrkräften und Fachpersonal im Gesundheitswesen häufig ignoriert, und von vielen als „normale“ Phase des Aufwachsens abgetan.
Eine kürzlich in der Fachzeitschrift Developmental Psychology veröffentlichte Studie könnte jedoch helfen, Konflikte zwischen Erst- und Zweitgeborenen neu zu bewerten. Fast 30 Prozent von rund 7000 Kindern im Großraum Bristol im Vereinigten Königreich gaben nach Daten der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) Akte von Mobbing unter Geschwistern an, sowohl als Opfer als auch als Täter. Dabei handelt es sich vor allem um psychische Gewalt wie Beleidigungen und Erpressung, doch auch körperliche Übergriffe kommen vor.
Mobbing kann zu langfristigen psychischen Folgen führen – Eltern in der Pflicht
So berichteten etwa 31 Prozent der gesamten Stichprobe, geschlagen, getreten, geschubst oder grob gepackt worden zu sein. 6,4 Prozent erzählten von Diebstahl oder Vandalismus an ihren persönlichen Gegenständen. Das durchschnittliche Alter der kleinen Tyrannen und Opfer war nahezu gleich und lag bei etwa acht Jahren. Die Theorie von Angela J. Narayan und die wissenschaftlichen Befunde laufen auf einen zentralen Punkt hinaus: Um Mobbing zu stoppen, reicht es nicht, Jugendliche zu bestrafen, man muss den Blick in die Familien hineinrichten.
Auch wenn sie in bester Absicht handeln oder schlicht vom Stress überwältigt sind, müssen Eltern sich bewusst sein, dass jedes scharfe Wort oder jede manipulative Geste ein Beispiel ist, das ihr Kind abspeichert. Ebenso wichtig ist es, Mobbing zwischen den eigenen Kindern zu erkennen – so schmerzhaft das sein mag –, um psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen vorzubeugen. Nur wenn das familiäre Umfeld auf Respekt, Empathie und konstruktiver Konfliktlösung beruht, haben junge Menschen die Chance, gesunde Strategien im Umgang mit Wut und Frustration zu entwickeln.