Stand: 16.07.2026, 13:07 Uhr
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Kanzler Merz will strengere Regeln bei Krankschreibungen durchsetzen. Eine Umfrage zeigt nun: Die meisten Beschäftigten arbeiten trotz Krankheit weiter.
München – Strengere Vorgaben bei Krankmeldungen stehen auf der Agenda der schwarz-roten Koalition. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verkündete Anfang Juli ein umfassendes Reformpaket. Kern der Neuerungen: Arbeitnehmer sollen künftig bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen. Zusätzlich plant die Regierung eine mögliche Teilkrankschreibung.

Aus Sicht von Bundeskanzler Friedrich Merz gibt es in Deutschland eine zu hohe Zahl an Krankschreibungen. (Montage) © Michael Kappeler/Sina Schuldt/dpaDer Kanzler rechtfertigte die Maßnahmen mit „exorbitant gewordenen Krankenständen“ seit der Corona-Zeit. Deutsche Unternehmen erlitten dadurch einen erheblichen Wettbewerbsnachteil, argumentierte Merz. Experten bezweifeln diese Darstellung allerdings. Frische Umfragedaten werfen nun zusätzliche Fragen auf.
Krankmeldung ab dem ersten Tag: Überraschende Erkenntnisse durch neue Umfrage
Das Meinungsforschungsinstitut Civey führte im Auftrag des Verbraucherrechte-Portals Allright eine repräsentative Befragung durch. Zwischen dem 15. und 17. Juni 2026 nahmen 2000 Erwerbstätige ab 18 Jahren online teil. Die Resultate liegen dem Münchner Merkur von Ippen.Media vor – sie zeichnen ein bemerkenswertes Bild der deutschen Arbeitswelt.
Sieben von zehn Beschäftigten (72 Prozent) empfinden Rechtfertigungsdruck gegenüber ihrem Arbeitgeber, wenn sie sich krankmelden. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieses Phänomen bei jüngeren Arbeitnehmern: In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen berichten 82,1 Prozent von diesem Gefühl. Bei den 30- bis 39-Jährigen liegt der Anteil bei 77,2 Prozent. Erst ab 50 Jahren sinkt der Wert deutlich auf 50,7 Prozent.
Und auch der Umgang ihrer Chefs mit Krankschreibungen macht knapp drei Viertel aller Deutschen zu schaffen. Laut Allright-Umfrage erlebten 74,4 Prozent der Erwerbstätigen schon einmal, dass ihre Vorgesetzten eine negative Reaktion auf die Krankmeldung eines Mitarbeiters zeigten. Lediglich 22,2 Prozent gaben an, ein solches Verhalten noch nicht erlebt zu haben.
Fast alle Beschäftigten arbeiten trotz Krankheit – Arbeitsrechtler warnt
Die Umfrageergebnisse offenbaren ein weiteres Problem. Nahezu alle Befragten – exakt 95,2 Prozent – gaben an, mindestens einmal gearbeitet zu haben, obwohl sie sich krank fühlten. Zudem beobachteten 72,3 Prozent der Teilnehmer, dass Kollegen trotz Erkrankung im Büro erschienen.
Hinter diesem Verhalten steckt offenbar Angst: Knapp zwei Drittel der Deutschen (64,7 Prozent) befürchten berufliche Nachteile durch häufige Krankmeldungen. Paul Krusenotto, Arbeitsrechtsexperte bei Allright, sieht darin ein ernstes Problem. „Wer krank ist, sollte sich auskurieren können, ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst vor Nachteilen“, betont der Jurist gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media.
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Den Ratgeber „Fit im Büro“ mit Übungen können Sie in der Mediathek als PDF herunterladen. © IPPEN.MEDIA/IMAGO/Westend61Rechtslage bei Krankmeldungen: Was der Chef wissen darf – und was nicht
Krusenotto bezeichnet die Umfrageergebnisse als „arbeitsrechtliches Warnsignal“. Viele Beschäftigte betrachteten Krankheit nicht als legitimen Ausnahmezustand, sondern als etwas, das sie rechtfertigen müssten. Dabei sei eine Krankmeldung auch dann berechtigt, wenn bei Weiterarbeit eine Verschlechterung des Gesundheitszustands drohe.
Die gesetzlichen Regelungen sind eindeutig: Arbeitgeber dürfen lediglich erfahren, wie lange ein Mitarbeiter voraussichtlich ausfällt. Einen Anspruch auf medizinische Details oder die genaue Diagnose haben Chefs grundsätzlich nicht. „Mit einer Krankmeldung, in der die voraussichtliche Ausfallzeit mitgeteilt ist, ist alles regelmäßig getan. Alles Weitere ist ein ‚Kann‘ und kein ‚Muss‘“, stellt der Arbeitsrechtler beim Münchner Merkur von Ippen.Media klar.
Unterdessen stoßen die Merz-Pläne auch in der Bevölkerung auf Widerstand. Einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge lehnen 59 Prozent der Befragten die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ab. Lediglich 31 Prozent befürworten sie. Auch die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung findet keine Mehrheit: 58 Prozent sprechen sich dagegen aus. Hausärzte weisen zudem darauf hin, dass Telefon-Krankschreibungen nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausmachen – und damit kaum Einfluss auf den Krankenstand haben dürften. (Quellen: eigene Recherche, Allright, Civey) (kh)