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„Mein erster Druck Heroin war das Weihnachtsgeschenk meines Freundes“

Stand: 19.07.2026, 17:29 Uhr

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Frankfurt. 15.07.2026. Drogenkonsum. Claudia Ak  „konsumiert seit 47 Jahren“, lebt aber wie sie sagt inzwischen ein ganz normales Leben. Lange aktiver Teil der Frankfurter Szene, ist sie heute nur noch wegen Selbsthilfe dort. Engagiert bei JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte), ein bundesweites Netzwerk von Gruppen, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen kuemmern sich um die Rechte von Drogen gebrauchenden Menschen.TAGESHONORAREinwilligung (nach DS-GVO) liegt nur muendlich vor.Veroeffentlichung nur zur aktuellen Berichterstattung, unter Beachtung des Medienprivilegs.Vereinbarung ueber Abtretung von Persoenlichkeitsrechten der abgebildeten Person(en), Model / Product Release liegt nicht vor. Foto: Renate Hoyer,  60316 Frankfurt.

Claudia Ak kämpft gegen die Stigmatisierung von Drogenkranken. © Renate Hoyer

Claudia Ak war jahrelang drogenkrank, wurde obdachlos und ging anschaffen. Nur aus Liebe zu ihrer Tochter schafft sie den Entzug. Mittlerweile kämpft die Wiesbadenerin gegen die Stigmatisierung von Drogenkranken.

Claudia Ak ist gerade mal zwölf Jahre alt, als sie das erste Mal Drogen nimmt. Es ist ihr Versuch, den unerträglichen emotionalen und körperlichen Schmerz zu betäuben, den ihr Vater verursacht. „Ich hatte Selbstmordgedanken. Die Drogen haben mir ein Gefühl der Erleichterung verschafft“, sagt Ak.

Gedenktag

Am Dienstag (21. Juli) ist der Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende. In Frankfurt gibt es um 13 Uhr eine Kundgebung am Jürgen-Ponto-Platz. Um 14 Uhr beginnt von dort der Trauermarsch zur Gedenkplatte im Lesegarten der Taunusanlage.

Ihre erste Kindheitserinnerung ist, dass sie als Dreijährige mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder den Stock ihres Vaters, mit dem er die Kinder ständig geschlagen hat, raus in den Schnee geworfen hat. Als der Vater wieder einmal betrunken nach Hause kommt, wird er deswegen sehr wütend. Danach reißt ihre Erinnerung ab. Zu brutal war ihre Kindheit.

„Egal wie beschissen es war, dass ich Jahre später auf der Straße als obdachlose Frau leben musste, mit Männern Sex hatte, um als Gegenleistung Heroin zu bekommen: Ich hatte nie mehr in meinem Leben so eine Angst wie als Kind zu Hause, als mein Vater mich immer wieder gewaltsam verprügelte“, sagt Claudia Ak. Oft habe er auch Sätze zu ihr gesagt wie: „Du gehörst nach Dachau. Du solltest vergast werden.“

Die heute 59-Jährige sitzt an diesem Nachmittag in einem beliebten Café im Frankfurter Bahnhofsviertel und trinkt einen Eiskaffee. „Ich bin mittlerweile geheilt. Und ich habe mein Leben seit vielen Jahren wieder im Griff“, sagt die Wiesbadenerin, die als IT-Beraterin arbeitet. Sie vapt vor und nach dem Interview medizinisches Cannabis „gegen die chronischen Schmerzen nach einer Rücken-OP“ und nimmt regelmäßig das Schmerzmittel Tramal.

Interviews geben, ihre Geschichte zu erzählen, sei mehr als Therapie. Sie will gegen die Stigmatisierung von Drogenkranken kämpfen und ihnen helfen. An ihrem Shirt ist eine Knopfreihe in knallig-fröhlichen Farben genäht, die Kinder lieben würden. An ihrem Armgelenk hat sie ein schwarzes Band, darauf steht: „Gedenktag, Protest und 21. Juli.“

Denn an diesem Dienstag wird sie am „Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende“ am Jürgen-Ponto-Platz sprechen. Ak engagiert sich seit Jahren: Sie ist die Gründerin der Wiesbadener Selbsthilfegruppe JES (Selbstbezeichnung: „Junkies, Ehemalige & Substituierte“) und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes. Sorge bereite ihr aktuell, dass das Schmerzmittel Fentanyl, an dem in den USA viele Menschen sterben, auch in Frankfurt als Droge beliebter werde. „Wenn wir nicht aufpassen, werden wir wieder so viele Drogentote haben wie damals in den 1980ern.“

Vom Vater brutal als Kind verprügelt

Ihre Rede für den Gedenktag schreibt sie nicht vor: „Ich brauche kein Skript. Ich habe alles selbst erlebt. Ich habe viel Glück gehabt, dass ich noch lebe“, sagt sie. Ihr Leben klingt aber tatsächlich wie ein Drehbuch für eine Netflix-Serie: Als sie sechs Jahre alt ist, zieht die Familie aus dem Allgäu nach München. Der Vater habe bei der Nato gearbeitet, die Mutter sei Redakteurin gewesen. Für Außenstehende hätten sie wie eine normale Familie gewirkt. „Aber meine Eltern waren beide funktionale Alkoholiker.“ Die Mutter habe nie eingegriffen, wenn der Vater zuschlug.

Ihre Einstiegsdroge als Teenie ist das halluzinogen wirkende Mescalin. „Dann kam schnell das Koksen.“ Als sie 15 Jahre alt ist, steht ihr Bruder als Mittäter einer Gruppenvergewaltigung vor Gericht und die „Bild“-Zeitung vor der Haustür. All das verstärkt ihre Selbstmordgedanken. „Ich habe das gemacht, was meine Eltern mir vorgelebt hatten. Nur habe ich eine andere Substanz als Alkohol gewählt, eine, die in der Gesellschaft eben nicht akzeptiert wird.“ Als sie im Kino „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ sieht, ist sie nicht abgeschreckt, sondern total fasziniert, und denkt: „Ich möchte genauso ein aufregendes Leben führen.“

Die ersten Jahre laufen Drogenkonsum und Berufsleben nebeneinanderher. Nach einer Beamtenausbildung arbeitet sie an der TU München als Assistentin der Geschäftsführung. Mit 18 Jahren heiratet Ak einen Mann aus dem Rockermilieu. Zunächst führt sie mit ihm, ein „relativ normales Leben“. Sie konsumieren Cannabis und Koks. „Heroin kam erst später in mein Leben, da war ich 23 Jahre. Mein erster Druck war das Weihnachtsgeschenk meines neuen Freundes. Drei Tage nachdem wir uns kennengelernt hatten, fuhren wir dafür an Heiligabend 1988 nach Frankfurt.“ Sie habe keinen Moment gezögert, Heroin zu spritzen: „Ich habe mich das erste Mal im Leben normal gefühlt.“

Mit diesem neuen Mann wird sie zum ersten Mal obdachlos. Nach gemeinsamen Raubüberfällen (sie als Fahrerin), wird sie verurteilt und muss ins Frauengefängnis in Preungesheim. Danach lernt sie in der Entzugs-Therapie, ihren zweiten Ehemann kennen. Er ist schwer depressiv, beide werden am ersten Tag ihrer Entlassung rückfällig. Er wird ihr gegenüber gewalttätig. Bald folgt der nächste Mann. „Vieles in meinem Leben hing an Männern.“ Viermal heiratet sie.

Als Drogenkranke pendelt sie in den 90ern immer wieder zwischen München und Frankfurt, für ein paar Monate lebt sie in Paraguay. Manchmal springt sie in ihren Erzählungen. Einmal habe sie sich aus Verzweiflung sogar selbst HIV-Blut gespritzt, um substituiert zu werden. „Denn damals waren in München nur Prostituierte mit HIV substitutionsberechtigt. Ich habe Glück gehabt, dass ich mich nicht infiziert habe.“ Kurz darauf wird sie festgenommen, als sie einen Joghurt im Supermarkt klaut. „Ich war zu dem Zeitpunkt körperlich so kaputt und auf 45 Kilo bei einer Größe von 1,65 Metern abgemagert. Ich hatte nicht mal gemerkt, dass ich da bereits im siebten Monat schwanger war.“ Die Haftärztin habe sie unterstützt und ihr einen Substitutionsplatz ermöglicht.

Wer der Vater ihrer Tochter ist, wisse sie nicht, „wahrscheinlich ein afrikanischer Dealer“. Als die Tochter zwei Jahre alt ist, nimmt sie diese mit in die Drogenszene. Sie wird ihr sofort entzogen und kommt eine Zeitlang zu Claudia Aks Eltern. Das sei ihr Wake-Up-Call gewesen. Das Jugendamt gibt ihr eine letzte Chance. Sie macht eine Therapie in Bad Schwalbach und kommt endgültig vom Heroin weg. Die Liebe zu ihrer Tochter habe sie gerettet. „Ich habe mich anfangs selbst überlistet, in dem ich mir gesagt, dass ich nur aufhöre, bis sie 18 ist.“ Seitdem sei nicht rückfällig geworden.

Beim Wort Zombie wird sie sehr wütend

Mittlerweile ist ihre Tochter 29 und studiert Soziale Arbeit. Mit ihrem vierten Mann bekommt Ak Zwillingssöhne, die sind jetzt 23 Jahre alt. Einer der Söhne ist Rettungssanitäter. „Ich habe ganz tolle und vernünftige Kinder. Sie mögen nicht mal Alkohol.“ Ihren vierten Ex-Mann pflegt Ak bei sich Zuhause.

Als eine junge, abgemagerte, drogenkranke Frau am Ende des Interviews an den Tisch kommt und bettelt, ist Ak sichtlich gerührt. Sie sagt: „Schatz, es tut mir so leid, ich habe kein Kleingeld.“ Sie wisse, wie schlimm es sich anfühle, wenn man körperlich und seelisch so kaputt sei. „Da hilft es nichts, wenn Leute einem sagen: ‚Werde doch einfach abstinent.‘“ Das sei eben sehr schwer. „Viele Drogenkranke sind schwer traumatisiert.“ Hört Ak das Wort Zombie, steigt Wut in ihr auf: „Sie sind nicht tot, sie leben noch. Sie sind Menschen. Und jeder hat ein gutes Leben verdient.“