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Künstliche Intelligenz: Wer profitiert wirklich vom KI-Boom?

Die rapiden Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz beflügeln allerorts die Phantasien. „Arbeit wird optional“, glaubt Billionär Elon Musk, die KI werde so einen Überfluss produzieren, „dass es keine Inflation mehr gibt“. Diese Zukunft erfordere große politische Maßnahmen, meinte Anthropic-Chef Dario Amodei schon vor einigen Jahren: „Es wäre dystopisch, wenn da ein paar Leute Billionen von Dollar verdienen und die Regierung dann nur das Geld an die ungewaschenen Massen verteilt.“ Der Wohlstand müsse umverteilt werden, meinte im März selbst der nicht unter Sozialismusverdacht stehende Blackrock-Chef Larry Fink: „Das massive Vermögen, das vergangene Generationen geschaffen haben, floss größtenteils an die Leute, die schon Vermögen hatten. Jetzt droht KI dieses Muster in noch viel größerem Ausmaß zu wiederholen.“

Diese Phantasien haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind faszinierend zu durchdenken, man kann sich gedanklich durchaus auf die Welt vorbereiten, in der sie nötig werden – und gleichzeitig ist höchst fraglich, ob so eine Welt tatsächlich kommt.

„Im Moment sehen wir keinen deutlichen Einfluss der KI auf den Arbeitsmarkt“, sagt Carl Benedikt Frey, Wirtschaftshistoriker und KI-Professor an der Universität Oxford. „Neue Umverteilungen einzuführen, scheint voreilig. Der aktuelle Wohlfahrtsstaat ist in unserer aktuellen Welt nicht kaputt.“ Frey fügt an: „Die Debatte lohnt sich für die Zukunft.“

Intellektuelle Vorbereitung schadet nie. Doch bevor der Wohlfahrtsstaat wirklich kaputtgeht, müssen gleich mehrere Bedingungen erfüllt sein. Und jede einzelne davon ist fraglich.

Wer sind die KI-Gewinner?

Da ist zum Beispiel der Stanford-Ökonom Philip Trammell, der kurz vor Silvester in einem viel beachteten Blogpost die These aufstellte: Thomas Pikettys These, dass die Reichen sich von den Armen immer weiter abkoppeln, habe zwar bisher nicht gestimmt – aber in Zukunft, wenn die Künstliche Intelligenz viel mächtiger werde, dann könnte sie sich bewahrheiten. Eine wichtige Voraussetzung nannte er dabei allerdings auch: dass die Künstliche Intelligenz wirklich alle menschliche Arbeit übernehmen kann. Das ist keine kleine Einschränkung.

Fraglich ist schon, ob die KI-Unternehmen auf Dauer wirklich so viel Geld verdienen, wie man denkt. An der Börse ist derzeit der andere Zweifel unterwegs: Können die Unternehmen jemals so viel Geld verdienen, dass sie ihre aktuellen Aktienkurse rechtfertigen? Im Moment gibt es mehrere Unternehmen, die Künstliche Intelligenzen anbieten, sie stehen im harten Wettbewerb. Auch wenn die Preise für KI allmählich anziehen: Im Moment machen viele KI-Firmen Verlust.

Wenn Künstliche Intelligenz also Wert schafft, wo wird er anfallen: bei den KI-Entwicklungsunternehmen? Bei den Unternehmen, die Künstliche Intelligenz hinterher einsetzen – das wäre schon eine ganz andere Verteilung? Oder bei den Unternehmen, die Vorprodukte für die Künstliche Intelligenz liefern, also bei den Baufirmen, die Rechenzentren errichten, bei den Stromkonzernen, die sie mit Energie beliefern – und bei den Chipfirmen, die sie ausrüsten?

Die Chipfirmen sind das beste Beispiel dafür, dass das Geld dann nicht unbedingt bei den Aktionären ankommen muss. In Korea haben die Chipkonzerne dank der KI-Nachfrage enorme Gewinne gemacht – und die Mitarbeiter haben so lange gestreikt, bis sie sich das Geld geholt haben. Boni bis zu 340.000 Euro wurden verteilt. Jedenfalls erfassen die alten Lohn- und Unternehmensteuern die anfallenden Gewinne gut, und die koreanische Regierung denkt schon darüber nach, welche Sonderprogramme sie mit den wachsenden Steuereinnahmen finanzieren kann.

Auch andere Branchen profitieren

In der Vergangenheit hat sich zudem herausgestellt, dass solche Gewinne nie lange auf einzelne Berufszweige beschränkt blieben. Der Ökonom William Baumol hat dazu schon in den Sechzigerjahren eine verwunderliche Beobachtung gemacht: In reichen Ländern stiegen die Löhne von Dienstleistungsbranchen – in der Gesundheit oder in der Bildung –, obwohl die Produktivität dort überhaupt nicht stark zugenommen hatte. Was Baumol noch eine „Kostenkrankheit“ nannte, weil diese Dienstleistungen teurer wurden, kann man durchaus positiv sehen: Auch die, die nicht unmittelbar von KI profitieren, können durch sie wohlhabender werden, wenn die Wirtschaft insgesamt wächst. Der Krankenpfleger oder die Kita-Erzieherin werden nicht automatisch wirtschaftlich abgehängt, nur weil in anderen Branchen die KI vielleicht sagenhafte Produktivitätssprünge möglich macht. Menschen in Dienstleistungsjobs könnten sogar noch mehr profitieren, weil reiche Leute mehr Geld für Dienstleistungen ausgeben als für Dinge.

Monika Schnitzer, die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, kommt jedenfalls zu dem Schluss: „Der wichtigste Hebel ist aus meiner Sicht zunächst, dafür zu sorgen, dass KI möglichst breit zugänglich bleibt. Wenn die Kosten für die Nutzung niedrig sind, können viele Menschen und Unternehmen die Produktivitätsgewinne dieser Technologie selbst nutzen statt nur einige wenige.“ Deshalb denkt sie gar nicht so viel über Umverteilung nach, sondern über eine andere Frage: den Wettbewerb. Vereinfacht gesagt: Wenn Künstliche Intelligenz monopolisiert wird, dann beginnt das Problem. Deshalb sinniert Schnitzer nicht über neue Steuern, sondern sagt: „Eine wachsame Wettbewerbspolitik ist entscheidend.“

Die Koreaner allerdings haben bei allem neuen Wohlstand noch einen Wermutstropfen. Manche sagen inzwischen: Wäre das Geld doch bei den Aktionären geblieben, dann wäre es besser verteilt gewesen. Denn die meisten Koreaner haben in ihrer Altersvorsorge Aktien, auch von diesen Chipherstellern. So gesehen ist die anstehende Einführung der Aktienrente vielleicht die beste Vorbereitung, die der deutsche Staat auf die Welt der Künstlichen Intelligenz leisten kann.

All das ist auch ein Anlass, sich die beliebtesten Vorschläge noch einmal im Detail anzuschauen.

Die KI-Steuer

Worum geht’s? Falls Künstliche Intelligenz die Arbeit von Menschen übernimmt, könnte man den Einsatz von KI auch direkt besteuern – so geht der Gedanke. Da bleibt die Frage: Was ist KI? In unterschiedlichen Varianten setzt der Vorschlag an unterschiedlichen Stellen an, zum Beispiel an den nötigen Rechenchips oder an den KI-Dienstleistungen der Konzerne. Der Übergang ist fließend zu einer Robotersteuer, die auch gelegentlich gefordert wird, und auch zur Digitalsteuer, wie es sie in anderen EU-Ländern schon gibt.

Wer will das haben? In der deutschen Politik kamen entsprechende Überlegungen schon aus dem linken Flügel der SPD und vom stellvertretenden Fraktionschef der Grünen, Andreas Audretsch.

Was sind die Vorteile? Eine KI-Steuer bringt dem Staat mehr Geld, als er sonst hätte.

Was sind die Nachteile? Den Handelsstreit mit den USA würde eine KI-Steuer viel komplizierter machen. Aber das ist nur das taktische Problem. Es gibt ein grundsätzlicheres: Mit der Digitalsteuer ging es den Europäern so, wie es Donald Trump mit seinen Zöllen ging – am Ende haben es eben nicht die Konzerne aus dem anderen Land gezahlt. Stattdessen stiegen die Preise um den Steuerbetrag. Gezahlt haben die Unternehmen im Inland – oder sie haben die Belastung an die Verbraucher weitergegeben. Zudem wäre so eine Steuer ein pauschaler Anreiz, weniger KI einzusetzen. Dabei hat Europa in den vergangenen 20 Jahren gerade dadurch viel Wohlstand verloren, dass es digitale Techniken nicht richtig eingesetzt hat. Wenn Europa seinen Wohlstand in den kommenden Jahren sichern will, muss es Künstliche Intelligenz zu seinem Vorteil nutzen.

Das bedingungslose Grundeinkommen

Worum geht’s? Es ist eine alte Idee, die durch die KI-Entwicklungen neues Feuer bekommen hat: Der Staat gibt jedem Bürger eine fixe Menge Geld im Monat, zum Beispiel 1000 Euro – und zwar ohne irgendwelche Fragen zu stellen, ohne Bedingungen.

Wer will das haben? Das bedingungslose Grundeinkommen war mal eine Idee, die aus dem linken Spektrum kam. Inzwischen finden aber auch Unternehmer aus der KI-Welt Gefallen daran. Elon Musk spricht gar von einem „bedingungslosen hohen Einkommen“ als notwendiger Folge der KI-Entwicklung.

Was sind die Vorteile? Das Grundeinkommen soll aus dem großen Wirrwarr an Sozialleistungen eine einheitliche machen und so Bürokratie einsparen. In einer Welt, in der viele Menschen nicht mehr gebraucht würden, würde es Arbeitslosen ein Leben in Würde ermöglichen, ohne sich als Bittsteller des Staates zu fühlen.

Was sind die Nachteile? Das Grundeinkommen ist teuer. In Deutschland würde es bis zu 900 Milliarden Euro im Jahr kosten, wie Ökonomen des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI errechnet haben. Dieses Geld müsste der Staat erst einmal wieder einnehmen, doch wenn wirklich viele Leute arbeitslos würden wie in den dystopischen Phantasien der KI-Unternehmer, dann würden auch viele Steuereinnahmen wegfallen. Gleichzeitig würde es Arbeitsanreize für diejenigen senken, die auch weiterhin gebraucht werden. Bei einem Pilotprojekt arbeiteten die Teilnehmer, die ein Grundeinkommen bekamen, weniger, wer schon arbeitslos war, der blieb es länger. Andererseits: Käme es wirklich zu dem Extremszenario mit Massenarbeitslosigkeit, würden 1000 Euro kaum für ein Leben in Saus und Braus reichen.

KI-Aktien für alle

Worum geht’s? Statt eines bedingungslosen Grundeinkommens bringen zuletzt immer mehr Leute ein „bedingungsloses Grundkapital“ ins Gespräch. Aktien der KI-Unternehmen würden dafür in einen Staatsfonds fließen, von dem dann alle Bürger profitieren würden, wenn die Kurse steigen. Der Fonds könnte dann jedes Jahr Dividenden an die Bürger auszahlen.

Wer will das haben? Der Vorschlag eint ganz unterschiedliche politische Lager: Sam Altman gehört dazu, der Chef von Open AI, ebenso wie Bernie Sanders, der sozialistische Politiker aus dem US-Senat – wobei Altman wohl eher nicht Sanders’ Modell einer Enteignung per Einmalsteuer im Sinn hat, sondern einen Kauf der Anteile und somit eine Geldspritze des Staates für sein Unternehmen. Altman würde gern fünf Prozent der Anteile abgeben, Sanders will, dass sich die USA gar 50 Prozent an den KI-Unternehmen einverleiben.

Was sind die Vorteile? Möglichst viele Menschen am Kapitalmarkt zu beteiligen, ist erst einmal gar keine schlechte Idee. Die Gewinne würden breiter verteilt, und je erfolgreicher die KI-Unternehmen sind, desto größer wäre das Finanzpolster jedes Bürgers. Vorbild für den KI-Fonds ist zum Beispiel der norwegische Ölfonds, in den die Gewinne aus den Rohstoffexporten des Landes fließen.

Was sind die Nachteile? Der Staat müsste entscheiden, welche Unternehmen Anteile in den Fonds abgeben müssen. Dabei ein glückliches Händchen zu haben, ist schwer. Hinzu kommt ein Anreizproblem: Wird der Staat zum Teilhaber an den KI-Unternehmen, hat er womöglich weniger Anreiz, sie zu regulieren, wo das angemessen wäre. Umgekehrt könnte bei einer hohen Beteiligung der Staat massiv Einfluss auf Unternehmensentscheidungen nehmen. Dass Donald Trump die Kontrolle über Open AI und Anthropic gewinnt, das dürfte auch manchem linken Kritiker Bauchschmerzen machen.