Sachsen-Anhalt: Wenn Hitze zum Gesundheitsrisiko wird
"HiLSA"-Projekt untersucht besseren Schutz für ältere und kranke Menschen.
Stand: 24.07.2026 20:53 Uhr
In diesem Jahr hat es schon im Juni Temperaturen von rund 40 Grad Celsius gegeben. Es stellt sich die Frage, ob diese Hitzeerscheinungen künftig Normalität sein werden – und wenn, wie Städte und Gemeinden damit umgehen könnten. Antworten und Lösungen dafür werden derzeit in der Hitzeschutzstudie "HiLSA" erforscht.
von MDR SACHSEN-ANHALT
Temperaturen bis zu 40 Grad – und das bereits im Juni. Werden solche Hitzeerscheinungen künftig zur Normalität werden, und welche Hitzeschutzkonzepte haben Städte und Gemeinden für solche Herausforderungen? Forscher der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Hochschule Harz untersuchen, wie vor allem ältere und chronisch kranke Menschen besser vor extremer Hitze geschützt werden können.
Forscherteam prüft Hitzeschutz in Sachsen-Anhalts Wohnvierteln
"Keine Außengeräte von Klimaanlagen, soweit ich das jetzt schon sichtbar sehen kann – und Gastronomie hat man auf dieser Seite auch nicht", erklärt Anja Deutschmann ihrer Kollegin Magdalena Schmidt. Die beiden Frauen sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Hochschule Magdeburg-Stendal und arbeiten an dem langjährigen Projekt "HiLSA – Hitzekompetenz gefährdeter Gruppen im Land Sachsen-Anhalt“ mit.
Was ist ein Hitzetag?
Mit "Hitzetag" wird in der Meteorologie ein Tag bezeichnet, an dem die Höchsttemperatur der Luft 30 °C erreicht oder überschreitet. In Deutschland und weiten Teilen Europas hat deren Anzahl stark zugenommen. Während es in den 1950er-Jahren im Schnitt nur etwa drei Hitzetage pro Jahr in Deutschland gab, liegt der Durchschnitt mittlerweile oft bei über elf Tagen.
Mit ihrer Vorortbegehung im Magdeburger Stadtteil Sudenburg geben die beiden den Auftakt für weitere Städte in Sachsen-Anhalt. Das Forscherteam möchte herausfinden, wie es vor allem in dicht bebauten Wohngebieten um den bisherigen Hitzeschutz bestellt ist. Anhand eines speziell entwickelten Kriterien-Kataloges erkunden sie bei ihren Rundgängen, was bereits gut umgesetzt wurde und wo aktuell noch Handlungsbedarf besteht.
Anja Deutschmann und Magdalena Schmidt erkunden bei ihren Rundgängen, wie es um den Hitzeschutz bestellt ist.
Ihr Fokus liegt dabei oft nur auf Details: "Wir schauen, wie sind die Straßen gestaltet, gibt es enge Straßenschluchten, gibt es Kaltluftschneisen, wie ist die Sonneneinstrahlung, sind die Flächen versiegelt oder gibt es auch einige Grünflächen, wie sind die Rahmenbedingungen für die Menschen, die sich hier draußen auch bewegen?" Außerdem kommen sie auch mit Bewohnern ins Gespräch. Sie wollen erfahren, wie vor allem ältere oder chronisch kranke Menschen mit der extremen Hitzebelastung in ihrer Umgebung zurechtkommen.
Magdealena Schmidt und Anja Deutschmann erfassen bei ihren Ortsbegehungen verschiedenste Messwerte.
Warum Hitze unterschätzt wird: "HiLSA" untersucht Verhalten der Bevölkerung
Die Vorortbegehungen sind aber nur ein Teil des gesamten Projektes. "In HiLSA sind sieben unterschiedliche Arbeitspakete verortet – aktuell läuft zum Beispiel eine Befragung in Sachsen-Anhalt, von der wir uns Erkenntnisse dazu erhoffen, wie sich Menschen bei Hitzeereignissen in Sachsen-Anhalt verhalten, wo sie Informationen finden, ob sie die zum Beispiel verständlich finden, aber auch welche hemmenden oder fördernden Faktoren ihr Verhalten beeinflussen", erklärt Dagmar Arndt, Gesundheitswissenschaftlerin an der Hochschule Magdeburg-Stendal, die als eine der zuständigen Projektleiterinnen das Vorhaben begleitet. Die Wissenschaftler bemerken bereits jetzt, dass Menschen Hitze nicht so sehr als gesundheitliche Bedrohung wahrnehmen wie beispielsweise Hochwasser.
Hitze trifft nicht alle gleich: Wer besonders gefährdet ist
Aber gerade diese verharmlosende Wahrnehmung von extremen Temperaturen könnte für ältere und chronisch kranke Menschen lebensgefährlich werden. "Überproportional von Hitze betroffen sind Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz, Herzschwäche, einfach weil das Herz bei der Hitze mehr leisten muss. Dann kommt es schnell zu Überforderungen, was auch Risiken mit sich bringt. Menschen mit Diabetes können sich nicht so gut anpassen. Außerdem betrifft das auch andere chronisch Kranke, hier kann die Medikation unterschiedlich wirksam sein", erklärt Kateryna Fuks. Sie ist Professorin für Umwelt und Gesundheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Prof. Dr. Kateryna Fuks (links) und Prof. Dr. Dagmar Arndt (rechts) leiten das "HiLSA"-Projekt
Hitze sichtbar gemacht: Messungen zeigen Problemzonen in der Stadt
Wie schnell sich Hitze durch unterschiedliche Faktoren potenzieren kann, zeigt Anja Deutschmann bei der Vorortbegehung im Magdeburger Stadtteil Sudenburg anhand eines Temperaturtests. An einer Haltestelle mit verglastem Wartebereich erkennt sie den Unterschied deutlich. „Wir stehen jetzt knapp zwei Minuten hier und wir hatten eine Temperaturerhöhung von 4 Grad im Vergleich zu dem Platz da hinten an der Kirche. Dort hatten wir vorhin 22,6 Grad gemessen und hier sind es 27 Grad, und das ist schon ein deutliches Zeichen, wie sich die Luft in kürzester Zeit aufheizt", erklärt sie.
Verschiedene Areale heizen sich unterschiedlich stark auf.
Forschung für die Praxis: Neue Konzepte für besseren Hitzeschutz
Gerade solche Erkenntnisse sollten laut den Wissenschaftlern in Zukunft auch noch mehr in städtebaulichen Maßnahmen Beachtung finden. Generell wollen die Forscher für verschiedene Bereiche praxisnahe Lösungen anbieten: "Die Ergebnisse können einerseits dazu beitragen, dass Warnungen oder auch Hitzeinformationen stärker an der Zielgruppe oder den vulnerablen Personen ausgerichtet werden.
Wir wollen darüber hinaus Empfehlungen erarbeiten, wie soziale Netzwerke und Nachbarschaften bei Hitzeereignissen Menschen, die anfällig sind für Gesundheitsschäden, unterstützen können“, fasst die Gesundheitswissenschaftlerin Dagmar Arndt zusammen. Das "HiLSA"-Projekt wird von der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Hochschule Harz durchgeführt und läuft noch bis 2027.
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MDR (Janett Scheibe, Ingvar Jensen)