Stand: 21.07.2026, 17:44 Uhr
Kommentare
Uns auf Google folgen
Es ist notwendig, über die Beiträge von Danger Dan und Uwe Steimle zu diskutieren.

Pianist Igor Levit und der Sänger Danger Dan durften nicht in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ auftreten. © Carsten Koall/dpaWas den Schauspieler Uwe Steimle und den Musiker Danger Dan verbindet, ist die jeweilige Adressierung einer Wir-Gemeinschaft. In seiner verstörenden Darbietung in Dessau imaginierte Steimle ein Attentat auf Kanzler Friedrich Merz und nahm das Porträt der Ex-Kanzlerin Angela Merkel zum Anlass, darüber zu schwadronieren, es (oder sie) an die Wand zu stellen.
Das Giggeln und Lachen im Raum verwischte die Grenze zwischen Kabaretteinlage und Tötungsfantasien. Es war ein kurzer Weg zwischen den geschmacklosen Witzen und der unheimlichen Zustimmung zu mehrdeutigen Lesarten. Tagte da eine Art Volksgericht? „Also uns wird schon etwas einfallen“, sagte Steimle und zielte auf die Ermächtigung eines unheimlichen „Wir“. Sowas hört nicht beim Gelächter auf.
Ein ganz anderes Milieu hat unterdessen der Deutschrapper Danger Dan in seinem aktuellen Song „Keine Angst“ im Visier, dessen TV-Premiere mit dem Pianisten Igor Levit in letzter Minute vom ZDF unterbunden wurde. Seither ist das Stück bekannter denn je, weit über den ursprünglich intendierten Empfängerkreis hinaus. Der Song kommt im Gestus einer Gebrauchsanweisung für den Untergrund daher, Verhaltensregeln für die kommenden Kabale mit dem rechtsradikalen Mob. „Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame“, heißt es in dem monotonen Sprechgesang.
In den vergangenen Tagen ist hinreichend hermeneutische Deutungsenergie darauf verwandt worden, aus dem Lied eine Aufforderung zur Gewalt herauszuhören oder ihm – zur Ehrenrettung – einen Verbleib im künstlerischen Rahmen zu attestieren. „Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt/Ich lass ihn jetzt mal im Raum, den Elefant“. Als Adressatinnen und Adressaten seiner Zeilen scheint Danger Dan sich ein Publikum zu wünschen, dass den Drang zum Aktivismus ebenso verspürt wie den Genuss subtiler semantischer Unterscheidungen.
Im Nebenbei der Vorbereitung auf den straßenkämpferischen Ernstfall wird das Gewaltmonopol des Staates geschleift. „Doch ihr wärt blöd, wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst/Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil/Es gibt so viele Faschos bei der Polizei.“ Bei Danger Dan bildet das „Wir“ eine Gemeinschaft, die bereit ist, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Beide imaginierten Gruppen, Steimles Rachekommandos und Danger Dans Guerilla-Einheiten, scheinen sich für einen Bürgerkrieg zu rüsten, in dem der Staat und seine Institutionen als Feind zu bekämpfen sind. Enttäuschung über Politik und Gesellschaft wird in dieser selbstzerstörerischen Szene zur Haltung, Desintegration als Motor einer Veränderungsdynamik, die keinen Stein auf dem anderen lassen möchte.
Die schlechte Nachricht ist, dass derlei Äußerungen im Gewand künstlerischer Hervorbringungen daherkommen, zu denen, sobald Einwände erhoben werden, „Zensur“ und „Cancel-Culture“ gerufen wird. Wer mit dem Sound der frühen Jahre der Republik sozialisiert worden ist, mag Restsympathien für Danger Dans entschlossene politische Positionierung aufbringen. Hört man genauer hin, kann man in Rio Reisers „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ nicht nur Zerstörungswut, sondern auch Selbstzweifel entdecken, die dem „Wir“ bei Danger Dan abzugehen scheint. „Keine Angst“? Vertreiben lässt sie sich weder so noch anders.

Harry Nutt ist Autor. © Markus Wächter / Waechter