Fußspuren in Kenia
Ferner Cousin von Homo sapiens war womöglich deutlich größer als gedacht
Vor 1,43 Millionen Jahren querten mehrere Homininen ein Seeufer im Norden Kenias. Nun liefern ihre Fußabdrücke erstmals Hinweise auf Statur, Gang und Gruppenverhalten
Thomas Bergmayr
Von Paranthropus boisei – Homininen, die vor rund 2,3 bis 1,4 Millionen Jahren in Ostafrika lebten – kennt die Forschung vor allem den Kopf: Die bekannten Schädel besitzen einen knöchernen Kamm auf dem Scheitel, weit ausgestellte Jochbögen und Backenzähne, die bis zu viermal so groß waren wie die des modernen Menschen. Dieser beeindruckende Kauapparat trug der Art den Spitznamen "Nussknackermensch" ein.
Nachbildung eines Schädelfundes von Paranthropus boisei. Der knöcherne Scheitelkamm, die weit ausgestellten Jochbögen und enorm große Backenzähne weisen auf einen beeindruckenden Kauapparat hin.
Warum Paranthropus so kräftig zubeißen konnte, ist allerdings noch weitgehend rätselhaft, denn Isotopenwerte und Zahnabnutzung deuten eher auf große Mengen von Grünzeug hin, etwa auf Gräser und Sauergräser wie Papyrus. Unterhalb des Halses werden die Vorstellungen vom Nussknackermenschen vergleichsweise vage. Sicher zugeordnete Knochen von Rumpf, Armen und Beinen sind selten, belegte Handknochen wurden erst 2025 beschrieben.
Entsprechend wenig weiß man daher auch über Körpergröße, Gangart und Lebensweise dieser Homininen, die zeitweise parallel mit frühen Vertretern der Gattung Homo in Ostafrika lebten. Ein direkter Vorfahr des modernen Menschen war Paranthropus boisei nicht, die Gattung gilt als ausgestorbener Seitenzweig; man kann ihn also als fernen Cousin von Homo sapiens bezeichnen.
Einer der Abdrücke, die Paranthropus boisei zugeordnet werden. Die Spur wird auf ein Alter von 1,43 Millionen Jahre datiert und ist weist auf überraschend große Füße hin.
Gefunden und zugeschüttet
Das unklare Bild, das sich die Fachwelt von Paranthropus boisei macht, könnte nun aufgrund von fossilen Fußabdrücken deutlich an Schärfe gewinnen. "Das wissenschaftlich Besondere an Fußabdrücken ist, dass sie einen Augenblick in der Zeit konservieren", sagt Anna Kay Behrensmeyer vom Smithsonian National Museum of Natural History in Washington, D.C., USA.
1978 hoben Kollegen von Behrensmeyer nahe Koobi Fora im Norden von Kenia einen Graben aus. Im Profil zeichnete sich eine tiefe, gerundete Delle ab, der Abdruck eines Flusspferds. Beim Freilegen und Abbürsten der Schicht kam ein Paar Fußabdrücke zum Vorschein, die von einem Homininen stammten. Bis 1979 wuchs die Grabung auf zwölf Quadratmeter und weitere Homininenabdrücke zeigten sich. Dann verschwand die Fundstelle mit der Bezeichnung GaJi10 wieder unter Sand.
Die Aufnahme zeigt eine Übersicht der freigelegten Spurenfläche mit einer Mischung aus Flusspferd- und Antilopenabdrücken sowie mehreren Spuren von Homininenfüßen.
Diese Art von Rückbestattung war für die Forschung ein Glücksfall, denn als sich Forschende in den vergangenen Jahren der Fundstelle erneut widmeten und die Fläche 2016 und 2023 erweiterten, kamen 14 weitere Abdrücke hinzu. 21 sind es nun, fünf davon bilden zusammenhängende Fährten, die vorläufig acht Individuen zugeordnet werden. Dazu kamen 2023 insgesamt 146 Abdrücke von Flusspferden, Antilopen, Vögeln und Pferdeartigen.
Unter Wasser
Rund 40 Zentimeter über der Spurenfläche liegt eine Tufflage, die mit dem auf etwa 1,43 Millionen Jahre datierten Akait-Tuff korreliert wird. Der Schlamm darunter war weich genug für zwölf Zentimeter tiefe Abdrücke und fest genug, ihre Form zu halten. Trockenrisse und Wurzelspuren fehlen: Die Fläche lag damals nicht offen an der Luft, sondern unter wenigen Zentimetern Wasser am Rand des Lorenyang-Sees, eines Vorläufers des Turkana-Sees.
Aus 3D-Modellen jedes Abdrucks maß das Team um Behrensmeyer nun das relative Volumen des Fußgewölbes und die Eindringtiefe. Beide Werte zusammen verraten, wie ein Fuß von der Ferse über die Sohle zu den Zehen abrollt. Mit einer Ausnahme passt die Serie von GaJi10 nicht zu modernen menschlichen Abdrücken. Die Gewölbe zeichnen sich flacher ab. Die große Zehe stand deutlich stärker abgespreizt, in einem Fall um beinahe 40 Grad. Damit ähneln die Abdrücke jenen Spuren aus dem Osten des Turkana-Beckens, die bereits Paranthropus boisei zugeschrieben wurden, und den 3,66 Millionen Jahre alten Fährten von Laetoli in Tansania.
Rechnung mit Proportionen
Aus Länge und Fläche eines Abdrucks lässt sich auf Statur und Körpermasse schließen, allerdings nur, wenn man die Proportionen des Urhebers kennt. Das Team rechnete deshalb zweimal. Mit australopithecinenähnlichen Proportionen ergeben sich für sieben Individuen Körperhöhen von 1,31 bis 1,81 Metern. Skelettbasierte Schätzungen für die Art liegen im Mittel bei 1,31 Metern, alle sieben überschreiten diesen Wert teilweise deutlich. "Die Größe der Fußabdrücke deutet daher auf menschenähnliche Körpergrößen hin, bis zu 1,80 Meter groß und etwa 75 Kilogramm schwer", sagt Erstautor Kevin Hatala von der Chatham University.
Mit Homo-ähnlichen Proportionen kommen 1,55 bis 1,80 Meter und 55 bis knapp 80 Kilogramm heraus, viel für Homo erectus, aber im plausiblen Rahmen. Die Indizien sprechen damit für zwei Möglichkeiten: Die innere Form der Abdrücke weist auf Paranthropus hin, die abgeleitete Statur eher auf Homo. Die Autorinnen und Autoren der im Fachjournal Pnas erschienenen Studie halten Paranthropus boisei für den wahrscheinlichsten Urheber, ohne jedoch Homo erectus vollends auszuschließen.
Dann wäre Paranthropus entweder größer und variabler gewesen als angenommen, oder Homo erectus schwankte in Fußbau und Fortbewegung stärker als heutige Menschen und jede andere fossile Art. Eine unerkannte dritte Spezies halten sie für deutlich unwahrscheinlicher.
Fünf, die nach Westen gingen
Fünf Fährten führen nach Westen, ungefähr im rechten Winkel zur rekonstruierten Uferlinie, von flacherem in tieferes Wasser. Die 1978 entdeckte Spurfolge weist als einzige in die Gegenrichtung. Das eröffnet die Möglichkeit, dass mehrere Individuen gemeinsam unterwegs waren. Gesichert ist zunächst freilich nur, dass mehrere große Individuen dieselbe Fläche in geringem zeitlichem Abstand nutzten und einander duldeten.
Auf das Geschlecht schließen die Forschenden indirekt: Liegen die Maße von sechs Individuen über dem Artmittel und sind beide Geschlechter im Fossilbestand ausgewogen vertreten, dann dürften überwiegend erwachsene männliche Individuen die Fläche gequert haben.
Vorsichtige Annahmen
Neil Roach von der Harvard University geht in seiner Deutung sogar weiter: "Sie könnten in großen Gruppen gelebt haben, in denen die Männer um Partnerinnen konkurrierten, sich aber zur eigenen Sicherheit in einer gefährlichen Umgebung phasenweise auch tolerierten." Dennoch bleiben die Forschenden insgesamt vorsichtig, denn Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern erlauben schon bei heutigen Primaten kaum Rückschlüsse auf das Sozialverhalten.
Am Ostufer des Turkana-Sees sind inzwischen Hunderte Homininenabdrücke dokumentiert, verteilt über mehr als 100.000 Jahre; eine Analyse von 2024 fand auf einer einzigen Fläche sogar Spuren beider Arten. Isotopenbefunde weisen Paranthropus boisei als stark wasserabhängig aus, Papyrus und verwandte Sauergräser wachsen in flachen Uferzonen, in den Ablagerungen liegen zudem Muschelschalen. Welche Ressource genau die Homininen an jenem Tag suchten, verraten die Spuren jedoch nicht. (Thomas Bergmayr, 28.7.2026)
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