Stand: 17.07.2026, 13:52 Uhr
Kommentare
Uns auf Google folgen

Peterborough Cathedral in Peterborough, Cambridgeshire. © Imago/Paul MarriottEngland bleibt christlich geprägt, doch die Mehrheit gehört keiner Kirche mehr an. Religion wird vielfältiger und säkularer.
England ist ein Land mit christlicher Tradition – und ohne christliche Mehrheit. Volkszählungen und Umfragen zeigen: Die Zahl der Menschen, die sich einer Religion zuordnen, sinkt. Gleichzeitig wächst die religiöse Vielfalt durch muslimische, hinduistische und andere Gemeinschaften.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Sonntagsblatt.de.
Die Church of England bleibt zwar Landeskirche und kulturelles Symbol, erreicht aber nur noch einen Teil der Bevölkerung. Englands religiöse Landschaft steht damit zwischen historischer Prägung und zunehmender Säkularisierung.
Die Church of England verliert ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit
Die Church of England war über Jahrhunderte eng mit Staat und Gesellschaft verbunden. Der oder die Monarch:in ist bis heute Oberhaupt der Kirche, Bischöf:innen sitzen im britischen Oberhaus. Doch diese institutionelle Nähe sagt wenig über die tatsächliche religiöse Praxis aus.
Bei der Volkszählung 2021 in England und Wales bezeichneten sich laut den veröffentlichten Zensusdaten erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung als christlich. Der Anteil der Christ:innen lag bei rund 46 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch etwa 59 Prozent gewesen. Gleichzeitig stieg der Anteil der Menschen ohne Religionszugehörigkeit deutlich an: von rund 25 Prozent im Jahr 2011 auf etwa 37 Prozent 2021.
Für die Church of England bedeutet das einen tiefgreifenden Bedeutungsverlust. Eine Analyse auf Basis der Volkszählungsdaten kam zu dem Ergebnis, dass die Kirche ihren Status als prägende Mehrheitsreligion verloren hat. Die historische Rolle bleibt bestehen, aber die gesellschaftliche Bindekraft nimmt ab.
Religion verschwindet nicht, sie verändert ihre Form
Die sinkende Zahl christlicher Selbstzuordnungen bedeutet nicht automatisch das Ende religiösen Lebens. England wird religiös vielfältiger. Besonders sichtbar ist das bei muslimischen und hinduistischen Gemeinschaften.
Nach den Zensusdaten 2021 machten Muslim:innen rund 6,5 Prozent der Bevölkerung in England und Wales aus. Damit stellen sie nach Christ:innen die zweitgrößte Religionsgruppe. Der Anteil der Hindus lag bei knapp 1,7 Prozent. Auch andere Religionsgemeinschaften wie Sikhs, Jüd:innen oder Buddhist:innen sind Teil einer pluralen religiösen Landschaft.
Diese Entwicklung hängt auch mit Migration zusammen. Religiöse Identität in England ist heute stärker mit Herkunft, kultureller Zugehörigkeit und individuellen Lebensentwürfen verbunden. Die klassische Vorstellung eines Landes, dessen öffentliche Kultur selbstverständlich christlich geprägt ist, verliert an Plausibilität.
Zwischen Tradition, Politik und neuer gesellschaftlicher Rolle
Die Church of England versucht, ihre Rolle unter veränderten Bedingungen neu zu bestimmen. Sie bleibt institutionell eng mit dem Staat verbunden und äußert sich regelmäßig zu gesellschaftlichen Fragen. Gleichzeitig steht sie vor einem Problem, das viele europäische Kirchen kennen: Eine historische Sonderstellung garantiert keine religiöse Relevanz.
Der Rückgang kirchlicher Bindung zeigt sich auch im Alltag. Regelmäßige Gottesdienstbesuche liegen deutlich unter früheren Niveaus. Viele Menschen verbinden mit christlichen Festen wie Weihnachten weiterhin kulturelle Traditionen, ohne sich selbst als religiös zu verstehen.
Für protestantische Kirchen in Europa ist England damit ein Beispiel für einen größeren Wandel: Religion verliert ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, bleibt aber als kulturelle, politische und soziale Kraft präsent.
Ein religiös vielfältiges Land mit christlichen Wurzeln
Die Entwicklung in England unterscheidet sich nicht grundsätzlich von anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland sinken Mitgliederzahlen der großen Kirchen, während religiöse Vielfalt zunimmt. Der Blick auf England zeigt jedoch besonders deutlich die Spannung zwischen historischer Kirchenmacht und moderner Religionsfreiheit.
Die Church of England steht damit vor einer ungewöhnlichen Situation: Sie ist weiterhin Landeskirche – aber nicht mehr automatisch die Kirche der Mehrheit im Land.