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Kann Burnham die Probleme im Inland lösen und das Land in Richtung Brüssel führen?

Andrew Burnham und das giftige Brexit-Erbe: Kann der neue Premierminister einen Weg zurück in die EU finden?

Mit dem Brexit hatte die politische Dauerkrise in der Downing Street begonnen. Andrew Burnham will sie beenden. Der neue britische Regierungschef war immer ein klarer Gegner des EU-Austritts.

Tessa Szyszkowitz26.07.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Fährt Andrew Burnham Grossbritannien zurück nach Brüssel?

Toby Melville / AP

Der Brexit sei schlimmer als Terrorismus: So warnte Andy Burnham vor dem EU-Referendum 2016 vor den Folgen eines Austritts. Grossbritannien werde auf der Weltbühne geschwächt, anfälliger für internationale Aggression und im Inneren weiter gespalten.

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Der Labour-Politiker hat in vielem recht behalten. Mit keiner Bombe hätten Terroristen es so gut geschafft, Grossbritannien zu schädigen, zu spalten und zu schwächen, wie es der Austritt aus der Europäischen Union getan hat.

2016 war Andy Burnham Schatteninnenminister der Labour-Partei. Und nun, zehn Jahre später, ist der 56-jährige Politiker der neue Premierminister des Vereinigten Königreichs. Er ist seit dem 20. Juli im Amt. In seinen ersten Tagen muss er die Weichen stellen: Wird aus dem «Remainer» von damals nun ein «Returner»? Führt der siebte Premierminister seit dem Brexit-Referendum sein Land wieder in Richtung EU?

Eine Luftaufnahme des Zollabfertigungszentrums Sevington in Kent.

Eine Luftaufnahme des Zollabfertigungszentrums Sevington in Kent.

Dan Kitwood / Getty

Wenn er nicht liefert, ist auch er bald weg

Angesichts der drängenden innenpolitischen Themen, allen voran der Lebenshaltungskosten, die vielen Briten den Alltag so schwer machen, dürfte Burnham die Wiederannäherung an die EU nicht prioritär behandeln. Anand Menon, der Direktor des Think-Tanks UK in a Changing Europe, sagt, der Fokus auf die innenpolitischen Probleme sei seine beste Chance, seine jetzige Popularität zu bewahren. Der ehemalige Bürgermeister von Greater Manchester geniesst die Vorschusslorbeeren eines neuen Regierungschefs. Noch.

Wie schnell sich die Briten gegen ihre Premierminister wenden, hat Starmer gerade erlebt. Nach nur zwei Jahren im Amt, und obwohl er 2024 eine gewaltige Mehrheit für Labour errungen hatte, musste der glücklose Politiker seinem innerparteilichen Konkurrenten Burnham weichen. Der Brexit hat dem Vereinigten Königreich vor allem eines gebracht: politische Instabilität.

Die Downing Street ist zum Durchlauferhitzer geworden. David Cameron musste zurücktreten, weil er das Referendum verloren hatte; Theresa May scheiterte an der Unmöglichkeit, den Brexit erfolgreich zu verhandeln; Boris Johnson präsentierte am Ende einen EU-Austritts-Vertrag, der dem Vereinigten Königreich enorm schadete. Seine Nachfolgerin Liz Truss blieb danach nicht einmal fünfzig Tage im Amt, und Rishi Sunak konnte nur noch mühsam versuchen, den Schaden zu begrenzen. In zehn Jahren hat kein Premierminister eine ganze Legislaturperiode regiert.

Auch Burnham übernimmt von Starmer das giftige Erbe des Brexits. Der Austritt aus der EU hat das Land entzweit, der Bruch ging durch Parteien, Regionen, ja gar Familien. Labour ist in der EU-Frage noch immer gespalten. Gerade im Norden Englands, aus dem Burnham stammt, stimmten 2016 viele ehemalige Labour-Wähler für den Austritt. Ihnen wurde damals versprochen, das Geld, das bis dahin nach Brüssel geflossen sei, würde nun zu ihnen plätschern. Sie täuschten sich.

Premierminister in Grossbritannien kommen und gehen. Aber Larry the Cat bleibt in der Downing Street. Die Bilder zeigen die sieben britischen Regierungschefs seit 2016: Andy Burnham (von links), Keir Starmer, Rishi Sunak, Liz Truss,  Boris Johnson, Theresa May und David Cameron, der den Reigen mit seinem Brexit-Referendum erst ermöglicht hat.

Premierminister in Grossbritannien kommen und gehen. Aber Larry the Cat bleibt in der Downing Street. Die Bilder zeigen die sieben britischen Regierungschefs seit 2016: Andy Burnham (von links), Keir Starmer, Rishi Sunak, Liz Truss,  Boris Johnson, Theresa May und David Cameron, der den Reigen mit seinem Brexit-Referendum erst ermöglicht hat.

Reuters

Der neue Premierminister könnte den von Starmer eingeschlagenen Weg weitergehen. Dieser wollte Grossbritannien durch eine stärkere Zusammenarbeit in der Verteidigungspolitik enger an die EU binden. Doch selbst das ist heikel. Die Briten traten im November 2025 nach hitzigen Verhandlungen dem von der EU eingerichteten Verteidigungsfonds Safe nicht bei, weil ihnen die Beitragszahlungen zu hoch waren.

Dahinter steckt stets die Angst vor der Wut der Bürger. Seit dem Brexit-Referendum sind die Briten zu Wechselwählern geworden. Ihr Zorn richtet sich schnell und explosiv gegen alles, was nach abgehobener Elite und autoritärer Bevormundung riecht. Gerade beim Thema EU ist deshalb Vorsicht geboten.

«Es wäre schon eine Überraschung, wenn der nächste EU-UK-Gipfel erfolgreich über die Bühne ginge», sagt der Brexit-Experte Menon. Im September trifft der neue Premierminister mit seinem ebenfalls neuen Europaminister Hamish Falconer die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, um die Handelsbeziehungen zu vertiefen. Aber bei allen Vereinbarungen in den Bereichen Agrar- und Lebensmittelhandel, Energiekooperation und Jugendmobilität klemmt es.

Die Alternative wartet

Dabei wäre gerade das Jugendmobilitätsprogramm YES von hoher Symbolkraft, weil junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren zeitlich auf zwei Jahre befristet in der EU beziehungsweise im Vereinigten Königreich reisen, leben, studieren und arbeiten dürften. Starmer wollte die Zahl der Visa auf jährlich 50 000 begrenzen. Die EU hält die starre Obergrenze für zu niedrig und will höchstens eine Schutzklausel für den Notfall akzeptieren.

Dabei ist längst klar, was der schwächelnden britischen Wirtschaft am meisten helfen würde: ein möglichst barrierefreier Zugang zum grössten Handelsmarkt in unmittelbarer Nachbarschaft. Eine viel beachtete Studie britischer und amerikanischer Ökonomen kommt zu dem Ergebnis, dass das britische Bruttoinlandprodukt 2025 um 6 bis 8 Prozent niedriger lag, als es ohne den Brexit vermutlich gewesen wäre. Die Schätzung wurde auch von Swati Dhingra, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England, aufgegriffen.

Ein Beitritt zur Zollunion oder zum Binnenmarkt könnte kleinen und mittleren Unternehmen helfen. Seit dem Brexit kämpfen sie mit zusätzlichen Kontrollen, Formularen, Ursprungsregeln und anderen Handelshemmnissen. Die Lebenshaltungskosten der Briten würden insgesamt durch den Beitritt zum EU-Binnenmarkt sinken. Der neue Regierungschef könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Deshalb weckt Andy Burnham als überzeugter Proeuropäer neue Hoffnung. Bei seinem Amtsantritt spielten proeuropäische Aktivisten vor der Downing Street die «Ode an die Freude», die europäische Hymne.

«Die Richtung stimmt», sagt Mike Galsworthy, Vorsitzender des European Movement UK. Burnham könne nicht sofort zum Sprung zurück in die EU ansetzen. «Doch wenn Burnham als Premierminister mit seinen innenpolitischen Reformen Erfolg hat, hat er nach den gewonnenen Wahlen 2029 freie Hand für grosse Schritte», sagt Galsworthy. Schon der nächste Wahlkampf könnte zu einem Testlauf für ein zweites Referendum über die EU-Mitgliedschaft werden.

Die Oppositionsführerin Kemi Badenoch verfolgt dagegen weiterhin einen antieuropäischen Kurs. Die Chefin der Tories fordert sogar den Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention, um Migranten einfacher ausschaffen zu können. Proeuropäische Konservative sind politisch heimatlos. Manche von ihnen wandern zu den Liberaldemokraten ab. Jene, die den Kurs von Badenoch immer noch zu wenig hart finden, wechseln zur Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage.

Solange sich weder Labour noch Tories klar für einen Wiedereintritt positionieren, kann von ernsthaften Verhandlungen über eine Rückkehr in den Brüsseler Schoss keine Rede sein. Hinzu kommt: Grossbritannien könnte nicht selbstverständlich mit den Sonderrechten rechnen, die es vor dem Brexit besass. Ob das Land weiterhin ausserhalb des Euro- und des Schengenraums bleiben könnte, und ob es erneut einen Beitragsrabatt erhielte? «Verhandlungen über einen britischen Beitritt wären brutal», fürchtet Anand Menon. Er ist skeptisch, ob er den Wiedereintritt des Vereinigten Königreichs in die EU noch erleben wird. Dabei ist er gerade erst 60 Jahre alt.

Einer, der alle Pläne für eine Wiederannäherung zunichtemachen könnte, ist Nigel Farage, Brexit-Promotor und Chef von Reform UK. Er mag derzeit im Tief sein, weil er in der Kritik steht, Gelder eines Krypto-Millionärs angenommen zu haben und nun in Clacton eine Wahl gegen einen Mülleimer, beziehungsweise einen Witzkandidaten, der sich als Count Binface ausgibt, führen muss. Doch Farage hat schon oft bewiesen, dass er über mehrere politische Leben verfügt.

Die Witzfigur «Count Binface» ist der einzige Herausforderer von Nigel Farage in der Abgeordnetenwahl in Clacton.

Die Witzfigur «Count Binface» ist der einzige Herausforderer von Nigel Farage in der Abgeordnetenwahl in Clacton.

Leon Neal / Getty

Die EU hat diese Eventualität bereits in ihre Pläne einbezogen. In den Verhandlungen über ein Veterinärabkommen verlangt Brüssel gemäss Berichten eine sogenannte «Farage-Klausel»: Sollte eine künftige britische Regierung ein unterzeichnetes Abkommen einseitig aufkündigen, würden Entschädigungszahlungen fällig.

Falls Burnham das Ruder nicht herumreissen kann und die Briten ihn und die Labour-Party bei den Wahlen 2029 fallenlassen, könnte am Ende Farage tatsächlich Regierungschef werden. Damit wären die Hoffnungen auf eine Rückkehr in die EU zunichte.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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