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Gelbe Linie in Gaza: Das israelische Militär kontrolliert immer mehr Land

Über Nacht rücken die gelben Blöcke vor: Die zwei Millionen Menschen im Gazastreifen leben auf einem schrumpfenden Stück Land

Israel verschiebt Stück für Stück die Grenzlinie, die den Gazastreifen unterteilt. Das Militär kontrolliert immer mehr, den Palästinensern bleibt inzwischen noch ein Drittel der Fläche. Der Platz wird knapp.

26.07.2026, 05.30 Uhr

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Gelbe Grenzsteine in Gaza: Die israelische Armee platziert sie, um die Gebiete zu markieren, die sie besetzt hält.

Gelbe Grenzsteine in Gaza: Die israelische Armee platziert sie, um die Gebiete zu markieren, die sie besetzt hält.

Abdalhkem Abu Riash / Anadolu / Imago

Fahd al-Saafin, 40, lebt mit seiner Familie zwischen einigen Mauern, die nach aussen mit Planen und Decken umspannt sind. Die Unterkunft steht in Bureij, ungefähr in der Mitte des Gazastreifens. Ausser dem Sirren einer Drohne am Himmel und gelegentlichen Schüssen ist es still. Die meisten seiner Nachbarn haben das Viertel verlassen, denn es wurde ihnen zu gefährlich: Östlich von Saafins Haus verläuft eine Strasse, die direkt zu den gelben Betonblöcken führt. Und diese rücken immer näher auf sie zu.

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In den Dokumenten zum Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas wurde der Gazastreifen vergangenen Oktober zweigeteilt. Ein inneres Stück, das an das Mittelmeer angrenzt, kontrolliert weiterhin die Terrororganisation Hamas. Dort leben die Palästinenser. Der äussere Teil, inklusive der ganzen Landesgrenze, erklärte das israelische Militär zur Sperrzone. Die Teilungslinie dazwischen markiert Israel mit den gelb angemalten Betonblöcken. Das israelisch besetzte Gebiet umfasste 53 Prozent des Gazastreifens. So stand es im ursprünglichen Plan.

Im vergangenen Oktober lagen die gelben Blöcke noch weit weg vom Haus von Fahd al-Saafin. Mehrmals erlebte er, wie das israelische Militär sie verschob. «Kürzlich sind einige Fahrzeuge und Bulldozer angefahren, direkt auf uns zu», erzählt Saafin. Er habe Schüsse gehört, Quadrokopter flogen herum, Rauch lag in der Luft. Nun liegen die gelben Blöcke etwa fünfzig bis siebzig Meter von seinem Haus entfernt. «Die gelbe Linie versetzt uns ständig in Sorge, Anspannung und Angst. Ich beobachte sie rund um die Uhr», sagt Saafin.

Er ist nicht der Einzige, der die gelben Blöcke auf sich zukommen sieht. Laut einer Analyse der Uno-Organisation für humanitäre Angelegenheiten (Ocha) bleiben den Palästinensern zurzeit noch 35 Prozent der Fläche des Gazastreifens. Durch Geolokalisierung lässt sich zeigen, dass manche der gelben Blöcke schon vor Monaten Hunderte Meter von der ursprünglichen Linie entfernt lagen.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu selbst sagte, er habe sein Militär angewiesen, die Kontrolle sogar auf 70 Prozent auszuweiten. Dies, wie er argumentiert, um Druck auf die Hamas auszuüben, die sich weiterhin weigert, ihre Waffen abzugeben.

Die gelbe Linie wird zur Todeszone

Immer wieder kommt es entlang der gelben Linie zu Schiessereien. Das israelische Militär wird von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen kritisiert, die Soldaten schössen auf Zivilisten, die den gelben Blöcken zu nahe kämen. Laut der Uno wurden seit Beginn des Waffenstillstands bis April 2026 mindestens 196 Palästinenser durch israelische Angriffe in der Nähe der gelben Linie getötet, unter ihnen 43 Kinder und 18 Frauen. Auch Saafin lässt seine Kinder aus Angst vor Schiessereien nicht mehr aus dem Haus. Vor einigen Tagen, erzählt er Mitte Juli, sei ein Nachbarskind auf der Strasse zur gelben Linie gelaufen und dann von einem Scharfschützen getroffen worden.

Saafin arbeitete einst als Polizist für die palästinensische Autonomiebehörde (PA), die auch für den Gazastreifen zuständig war, bevor die Hamas die Wahlen gewann und 2007 die Macht an sich riss. Mehrere zehntausend Angestellte, die sich wie Saafin weigerten, für die Hamas zu arbeiten, blieben bei der PA angestellt. Sie erhalten bis heute ihren Lohn.

Doch obwohl Saafin deshalb etwas mehr Geld hat als viele andere, weiss er nicht, was er tun würde, wenn die gelben Blöcke so nah kommen, dass er sein Haus verlassen muss. «Wohin sollen wir gehen?», fragt er. Schon vor dem Krieg war der Gazastreifen dicht besiedelt. Nun wird der Raum immer enger: Auf einer Fläche von nur noch 128 Quadratkilometern – der Hälfte des Kantons Ausserrhoden – leben über zwei Millionen Menschen.

In den Zeltlagern harren Familien dicht aneinandergedrängt aus. Die Uno-Organisation Ocha schreibt, bei drei Fünfteln der Bevölkerung befinde sich in einem Umkreis von zehn Metern ihrer Unterkünfte Abwasser oder Fäkalien. Zwei Drittel der befragten Familien berichteten über Hauterkrankungen. Immerhin eine Zahl verbessert sich: 88 Prozent gaben an, sich mit Seife waschen zu können.

Die meisten haben weiterhin zu wenig zum Essen, auch wenn die Hilfslieferungen inzwischen mehr Menschen erreichen. Die Situation für die Anwohner nahe der gelben Linie ist besonders schwierig. So wie Fahd al-Saafin trauen sich viele nicht, raus zu einem Markt zu gehen.
«Ich wünsche mir, dass der Krieg aufhört», sagt Saafin, «und dass wir wie Menschen leben können.» Die Situation im Gazastreifen aber scheint blockiert.

Die Pläne für den Wiederaufbau des «Board of Peace», das Donald Trump gegründet hat, sehen glänzend aus, existieren aber weiterhin nur auf dem Papier. Die versprochenen Investitionen von internationalen Geldgebern bleiben aus, Trumps Fokus liegt auf dem Krieg mit Iran. Israel fliegt regelmässige Angriffe, seit dem Waffenstillstand Mitte Oktober sind laut dem Gesundheitsministerium in Gaza fast 1200 Personen getötet worden.

Trotz Waffenstillstand greift die israelische Luftwaffe weiterhin im Gazastreifen an. Foto: 24. Juli 2026.

Trotz Waffenstillstand greift die israelische Luftwaffe weiterhin im Gazastreifen an. Foto: 24. Juli 2026.

Saeed M. M. T. Jaras / Anadolu / Imago

Die Hamas regiert weiterhin über ihren Teil des Gazastreifens und übt gemäss einem Uno-Bericht schwere Gewalt aus, auch Exekutionen gegen Personen, die sie als Kollaborateure Israels bezeichnet. Netanyahu argumentiert, er wolle mit dem Vorrücken der gelben Linie die Hamas zusätzlich unter Druck setzen. Kritiker befürchten jedoch, dass Israel den Gazastreifen permanent besetzen will. Vergangenen Sonntag marschierten mehrere tausend Aktivisten zum Grenzzaun, unter ihnen auch Mitglieder der Regierung. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir sagte: «Wenn jemand vor drei Jahren gesagt hätte, dass wir 70 Prozent des Gazastreifens kontrollieren, hätte es niemand geglaubt . . . Gaza gehört uns.»

Kein Weg zurück

Derweil verlieren mit dem Vorrücken der gelben Blöcke mehr Menschen in Gaza ihre Unterkünfte. Hussam Ghaith, 28, steht an diesem Tag Mitte Juli auf der Höhe der Stadt Deir al-Balah auf der rechten Seite der Salah-al-Din-Strasse und schaut schweigend in Richtung Osten. Dort steht das Haus, in dem er eigentlich lebt. Es besteht aus rohen Mauern, seine Familie habe vor dem Krieg begonnen zu bauen, weil er und sein Bruder heiraten wollten. Damals unterrichtete Ghaith noch an der Universität.

Ihre Wohnung in Gaza-Stadt liegt in Trümmern, deshalb zogen sie in den Rohbau. Strom gab es keinen, aber er konnte manchmal einen Generator mieten. Die gelben Blöcke, sagt er, seien vergangenen Oktober etwa einen Kilometer vom Haus entfernt gewesen. Dieser Abstand sei auf etwa 500 Meter geschrumpft. Und nun rücken sie vielleicht noch näher.

In der Nacht davor, etwa um 23 Uhr, erzählt er, hörten sie Schüsse, draussen im Nachthimmel habe er rote Linien gesehen. Ein Quadrokopter sei angeflogen und habe willkürlich um sich geschossen. Danach hörte er Bulldozer. «Ich habe versucht, die Kinder zu beruhigen. Sie auf den Boden zu legen und dafür zu sorgen, dass sie keinen Laut von sich geben. Aber ehrlich gesagt braucht man selbst jemanden, der einen beruhigen würde.» Sie seien dann um zwei Uhr nachts draussen die Strasse entlang Richtung Deir al-Balah geflüchtet. «Man geht einen Schritt und hält an, man geht zwei Schritte und hält an, und die Schüsse landen neben einem im Sand.»

Die Familie übernachtete schliesslich ausserhalb der Stadt im Freien, eingewickelt in Decken. Ghaith sagt, er werde versuchen, ein Zelt aufzutreiben. Er zweifelt, ob er nochmals zum Haus zurückkehren soll. «Ich möchte meine Erinnerungsstücke holen, aber ich habe Angst.»

Mitarbeit: Jan Ludwig.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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