Kennen Sie diesen unverwechselbaren Duft, wenn Sie an der Ostsee ankommen? Eine Mischung aus salziger Luft und Sonnencreme. Dieser ganz besondere Sandstrandduft, bei dem man sofort denkt: Jetzt sind wir da. Jetzt ist Urlaub.
Wenn die Füße im warmen Sand stecken und das Leben ein paar Tage nur aus Windstärke, Wassertemperatur und der Frage besteht, ob man heute Fischbrötchen oder doch wieder Fischbrötchen isst.
Ich sitze in der ersten Reihe eines Strandkorbs in Ahlbeck. Hinter mir stehen die weißen Häuser der Kaiserbäder, vor mir schiebt die Ostsee kleine Wellen an den Strand. Ein paar Meter weiter heiratet ein Paar im Sand. Möwen kreischen über der Gesellschaft, die Hochzeitsgäste klatschen, und auch einige Urlauber bleiben stehen und applaudieren.
Ein perfekter Ostseemoment. Fast zu perfekt. Denn etwas fehlt. Es ist Hauptsaison, 24 Grad, die Sonne scheint. Ich höre das Wasser, die Möwen und die Fahrradklingeln von der Promenade. Was ich kaum höre, ist Kindergeschrei.
Wo sind die Kinder?
Der Strandkorb neben mir ist frei. Der daneben ebenfalls. Hinter mir sitzen zwei, drei ältere Gäste und lesen. Familien sehe ich nur vereinzelt. Ich bin erst am frühen Nachmittag gekommen und musste mir nicht einmal einen Platz erobern.
Das gehörte früher doch dazu: morgens zeitig losfahren. Vor Wolgast hoffen, dass die Klappbrücke nicht gerade hochgeht. Am Strand den Sonnenschirm in den Boden rammen, den Windschutz territorial aufbauen und anschließend feststellen, dass der Wind von der anderen Seite kommt. Dann wurde die Kühlbox abgestellt und die Buddelformen rausgeholt.
Das ist kein „Früher war alles besser“. Es ist die Erinnerung daran, wie selbstverständlich Familien hier zum Bild gehörten. Usedom ist für viele Ostdeutsche keine Ferieninsel unter vielen, sondern eine zweite Heimat mit Kurtaxe. In DDR-Zeiten kamen sie über Betriebsferienheime, den Feriendienst oder ins Kinderferienlager.
Später kehrten sie mit den eigenen Kindern zurück. Noch heute kommen zwei Drittel der Usedom-Gäste aus den ostdeutschen Bundesländern, davon sind 42,8 Prozent häufige Stammgäste. Usedom ist weniger Entdeckung als Wiedersehen.
Die Insel gehört zu zwei Ländern: 80 Prozent Deutschland, 20 Prozent Polen. 42 Kilometer Strand verbinden beide Seiten. Mein Eindruck am Strand ist trotzdem keine Statistik. In der jüngsten großen Gästebefragung reisten auf Usedom 30,3 Prozent mit Kindern. Familien sind also nicht verschwunden. Aber sie verteilen sich anders – und gerade jene mit begrenztem Budget werden für Gastgeber offenbar seltener.
Ich habe selbst einige Jahre auf Usedom gelebt. Damals sah ich die Hauptsaison mit den Augen eines Einwohners: volle Straßen, volle Züge, hektische Radfahrer und Kinder, die bereits morgens um sieben eine Lautstärke erreichten, für die andere Menschen eine Musikanlage benötigen.
Heute bin ich als Urlauberin hier und vermisse ausgerechnet den Lärm, über den man sich früher ärgerte.
Was Polen bietet
Schon auf dem Radweg merke ich, wie alt dieses Bild geworden ist. Mir kommen Familien mit Kinderanhängern entgegen, Kinder auf kleinen Rädern, Eltern mit Strandtaschen. Hinter der Grenze bleibt die Ostsee dieselbe. Der Urlaub bekommt einen anderen Takt.
Die Promenade führt von den deutschen Seebädern bis nach Swinemünde. Am Grenztor fotografieren sich Urlauber mit einem Bein in Deutschland und dem anderen in Polen. Früher war Swinemünde für viele vor allem der letzte Programmpunkt vor der Heimfahrt: tanken, Kaffee kaufen, eingelegte Gurken in den Kofferraum stellen und zurück ins deutsche Quartier. Polen war der Einkaufszettel, nicht das Reiseziel.
Musik läuft, Kinder laufen mit Eisbechern über die Promenade, Eltern schieben Kinderwagen zwischen Spielangeboten und Restaurantterrassen hindurch. Wenige Stunden zuvor hatte mich auf deutscher Seite ein Kellner vom Fahrrad aus zum Essen überreden wollen. In Swinemünde wartet vor einem Steakhaus eine lange Schlange.
Eine Familie erzählt mir, dass sie vor drei Jahren noch regelmäßig auf der deutschen Seite übernachtet habe. Inzwischen entscheide sie sich nur noch für Polen. Der Preis sei wichtig, aber nicht der einzige Grund. Entscheidend sei, dass der Urlaubstag nach dem Strand nicht einfach ende.
Kinder und Windschutze: Auf der polnischen Seite gehört das volle Familienbild noch immer zur Hauptsaison.
© Nando Lardi/imago
Swinemünde bietet Aquapark, Spielplätze, Kletterangebote, Wassersport und moderne Hotels mit eigenen Kinderwelten. Durch den Tunnel unter der Świna ist auch die Insel Wolin schnell erreichbar.
In Misdroy warten ein Wachsfigurenkabinett, ein Planetarium und ein Oceanarium mit einem 16 Meter langen Unterwassertunnel. Die Stärke liegt nicht in der einen riesigen Sensation. Sie liegt in der Auswahl. Wenn es regnet, muss man nicht im Ferienzimmer sitzen, Uno spielen und so tun, als mache das allen noch Spaß.
Einmal rüber ins Leben
Eltern wissen: Kinder kennen keinen Küchenschluss. Das Kind, das nachmittags todmüde war und angeblich nie wieder laufen konnte, verlangt um halb neun plötzlich Eis, Abenteuer und eine vollständige Wiederaufnahme des Tagesprogramms. In Polen, sagt die Familie, müsse sie weniger planen. Der Ferienort passe sich ihrem Tag an, nicht umgekehrt. Genau das bedeute für sie Urlaub.
Ich spreche mit einem jungen Paar. Für eine Woche mit Frühstück zahlen die beiden hier 1700 Euro – ungefähr so viel wie für ein vergleichbares Hotel auf der deutschen Seite.
Der Preisunterschied ist also längst nicht mehr das entscheidende Argument. Früher übernachteten sie in Deutschland und fuhren am Abreisetag nur zum Tanken nach Polen. Heute wohnen sie gleich hier – wegen der modernen Hotels, der vielen Restaurants, des Einkaufszentrums und der Promenade, die auch am Abend noch lebt. „Wenn ich um 20 Uhr schlafen möchte, kann ich auch zu Hause bleiben“, sagt einer von beiden.
Im Juli und August 2025 registrierte Swinemünde 131.800 Gäste und 529.100 Übernachtungen. An der gesamten polnischen Küste stellten Deutsche gut die Hälfte der ausländischen Gäste. Der frühere Tagesausflug ist längst zum Urlaub geworden.
Ruhe oder tote Hose?
Auf dem Rückweg nach Ahlbeck wird es spürbar ruhiger. Und genau deshalb bleiben andere Gäste der deutschen Seite treu.
Am Strand schaue ich mir den Sonnenuntergang an und treffe ein älteres Ehepaar mit Hund. Seit 30 Jahren verbringen die beiden ihren Urlaub hier. Sie wohnen in Heringsdorf und zahlen für eine Woche etwa 3600 Euro. Polen sei ihnen zu voll.
Was Familien dort als Vielfalt erleben, wäre für dieses Paar Stress. Sie möchten spazieren, lesen und aufs Wasser schauen. Für sie ist die Ruhe nicht das Fehlen eines Angebots. Die Ruhe ist das Angebot.
Eine vierköpfige Familie erklärt mir den Widerspruch der Insel. Zwei Wochen in Ahlbeck kosten sie fast 6000 Euro – ihr einziger großer Urlaub im Jahr. Sie wollen mit den Kindern nicht fliegen, schätzen das Auto vor der Tür und die vertraute Umgebung. Trotzdem fahren sie fast jeden Tag nach Polen: zum Essen, Bummeln und für Unternehmungen.
Geschlafen wird aus alter Verbundenheit in Deutschland. Gelebt wird zwischendurch in Swinemünde.
Aber was gibt es auf der deutschen Seite für Kinder? Es ist ein regnerischer Tag. Ich setze mich ins Auto und fahre los. Angekommen in Trassenheide besuche ich die Schmetterlingsfarm. Europas größte. 5000 Quadratmeter, rund 2000 tropische Schmetterlinge. An diesem Tag ist es erstaunlich leer. In der Tropenhalle herrschen 25 bis 30 Grad und etwa 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, nach wenigen Minuten klebt das T-Shirt am Rücken. Die Schmetterlinge sind schön. Abkühlung ist dieser Schlechtwetterausflug nicht.
Nebenan befindet sich seit 2008 die Erlebniswelt „Die Welt steht Kopf“, ein komplett umgedrehtes Haus. In Pudagla liegt ein 36 Meter langer Gulliver zwischen übergroßen Gegenständen. Beides liefert Urlaubsfotos, wirkt auf mich aber eher wie eine Erinnerung an frühere Ausflugstage als wie die nächste große Idee. Die Phänomenta in Peenemünde und die OstseeTherme ergänzen das Programm. Alles etwas in die Jahre gekommen.
Wer wissen möchte, wo die Familien auf deutscher Seite geblieben sind, könnte zunächst auf dem Parkplatz von Karls Erdbeerhof nachsehen. Die lebhafte Ausnahme in Koserow. Dort gibt es Spiel, Essen und Mitmachen an einem Ort. Und wie voll es dort ist, können Sie sich vermutlich vorstellen.
Karls Erdbeerhof zeigt, dass Usedom Familien noch erreichen kann - wenn nach dem Strand mehr wartet als ein Souvenirladen.
© Matthias Koch/imago
Gleichzeitig wird jene Familie, die früher selbstverständlich an die deutsche Ostsee fuhr, finanziell vorsichtiger. Die Preise für Gaststätten- und Beherbergungsleistungen lagen im August 2025 um 32,8 Prozent über dem Niveau von 2020. Die Verbraucherpreise insgesamt stiegen bis 2025 um 21,9 Prozent. Die Löhne holen inzwischen wieder auf. Aber eine Familie bezahlt ihren Urlaub mit den Preisen von heute – nicht mit der Erinnerung an früher.
Wer bereits beim Wohnen, Heizen und Einkaufen mehr ausgibt, rechnet beim Urlaub genauer. Vielleicht wird aus zwei Wochen eine. Aus dem Restaurantbesuch werden Nudeln in der Ferienwohnung. Aus dem großen Familienurlaub wird ein verlängertes Wochenende. Oder man fährt gar nicht und macht sich eine schöne Zeit am Badesee in der Heimat.
Die Rechnung hinter dem Meerblick
Um die andere Seite der Rechnung zu verstehen, fahre ich nach Zinnowitz. Hier steht das Baltic Sport- und Ferienhotel: mehr als 300 Zimmer, Schwimmbad, Kinderwelt. Der Bau entstand als Wismut-Ferienheim „Roter Oktober“ – ein Haus aus einer Zeit, in der Ostseeurlaub auch für Arbeiterfamilien gedacht war.
Hotelchef Tim Dornbusch beobachtet die Entwicklung seit Jahren. „Es sind weniger Kinder da“, sagt er. Sein preisbewusstes Gästesegment habe gegenüber der Zeit vor Corona rund 25 Prozent verloren. Langjährige Stammgäste bäten inzwischen um einen letzten Rabatt, weil sie sich den Urlaub sonst nicht mehr leisten könnten.
Polen sei für Urlauber keineswegs immer deutlich billiger, sagt er. Die Hotels seien jedoch jünger, moderner und konsequenter auf Familien ausgerichtet. Die Gäste führen hinüber, „weil das Angebot vielfältiger ist“.
Warum aber kann die polnische Seite schneller in solche Angebote investieren? Dornbusch erklärt es mit der Kostenstruktur eines deutschen Hotels. Von einem Zimmerpreis von 250 Euro bleiben nach Abzug der Umsatzsteuer 233,64 Euro. Nach seiner groben Kalkulation fließen inzwischen bis zu 40 Prozent in das Personal, etwa 30 Prozent in Waren und rund zehn Prozent in Energie.
Wäsche, Reparaturen, Versicherungen, Kredite und Buchungsprovisionen sind dann noch nicht bezahlt. Am Ende bleibe deshalb oft nur ein kleiner Betrag für Investitionen übrig.
Dabei gehe es aus seiner Sicht nicht allein um den gesetzlichen Mindestlohn. Auch wenn sein Hotel keine Beschäftigten zum Mindestlohn habe, verschiebe jede Erhöhung das gesamte Gehaltsgefüge: Steige der unterste Lohn, verlangten auch die darüberliegenden Lohngruppen einen größeren Abstand.
Gleichzeitig hätten sich die Energiekosten und staatlich beeinflusste Nebenkosten deutlich erhöht. So werde aus einem hohen Zimmerpreis nicht automatisch ein hoher Gewinn.
Auf der polnischen Seite ist vor allem Arbeit wesentlich günstiger. Eine Arbeitsstunde in marktbestimmten Dienstleistungen kostete Arbeitgeber 2025 in Deutschland durchschnittlich 43,80 Euro, in Polen 18,70 Euro. Für ein Familienhotel macht das einen erheblichen Unterschied: Betreuung, Animation, Kinderrestaurants und lange Öffnungszeiten benötigen viel Personal. Kostet jede zusätzliche Arbeitsstunde weniger als die Hälfte, lässt sich ein umfangreicheres Angebot wirtschaftlich leichter betreiben – und es bleibt eher Geld, um es weiterzuentwickeln.
Polen baut, Deutschland bremst
Dornbusch sieht darüber hinaus einen politischen und regulatorischen Unterschied. Auf der deutschen Seite würden neue Konzepte aus seiner Sicht häufig durch Vorschriften, langwierige Genehmigungen und Nutzungseinschränkungen gebremst. In Polen werde mehr zugelassen, schneller gebaut und stärker in moderne Verkehrs- und Tourismusinfrastruktur investiert.
Der polnische Vorteil besteht damit nicht einfach darin, dass Urlaub dort billiger ist. Er liegt darin, dass Hotels mit niedrigeren laufenden Kosten mehr Personal einsetzen, länger öffnen und schneller Neues schaffen können. Auf deutscher Seite ist der Preis für den Gast hoch – während beim Gastgeber trotzdem zu wenig für die nächste Investition übrig bleibt.
Und auf der deutschen Seite? Zwischen Stubbenfelde und Kölpinsee soll für rund 4,5 Millionen Euro ein Tunnel unter der B111 entstehen, damit Fischotter sicher zwischen ihren Lebensräumen wechseln können. Etwa 13 Tiere wurden dort überfahren.
Das Projekt ist eine gesetzlich gebundene Ausgleichsmaßnahme. Das Geld lässt sich also nicht einfach nehmen und in eine Familienattraktion umleiten. Trotzdem zeigt die Summe, in welchen Größenordnungen gedacht werden könnte.
Für 4,5 Millionen Euro ließe sich, je nach Konzept und Folgekosten, auch ein moderner, wetterfester Erlebnisort schaffen - einer, an dem Kinder spielen, Jugendliche bleiben und Erwachsene nicht nur auf einer Bank auf das Ende warten. Ein Ort für einen ganzen Regentag. Neu, lebendig und so gut gemacht, dass man auch ohne schlechtes Wetter hingehen würde.
Und vor allem keiner, der beim Betreten so aussieht, als hätte er zu DDR-Zeiten noch „Kultur- und Freizeitzentrum“ geheißen und 1994 lediglich ein buntes Schild bekommen.
Später sitze ich wieder am Strand und schaue aufs Meer. Für einen Moment sind all die Preise, Pläne und verpassten Chancen weit weg. Die Wellen rollen unbeirrt an den Strand, als würden sie daran erinnern, warum die Menschen überhaupt immer wieder hierherkommen.
Die Familien sind nicht ganz verschwunden. Sie sind noch da - mit Kinderwagen, Kühltasche und dem alten Gefühl, dass Usedom irgendwie zu ihnen gehört.
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