Wilde Musiknächte Triers Kneipen: Die Geburtsorte großer Karrieren
Trier · Kneipen und Musik, das waren jahrzehntelang Blutsbrüder wie Bier und Korn. Wo in Trier die Musik spielte und manchmal immer noch spielt. Eine Kneipentour auf Diskofox und Hardrock-Melodien.
25.07.2026
, 12:27 Uhr
Die 3 Jos, Triers legendäre Kneipen-Combo, bei Mutti Krause in der Trierer Hosenstraße.
Foto: Walter Blasius
„Nur zweimal musste ich Bands bitten, jetzt doch bitte aufzuhören“, erinnert sich die Trierer (Musik-)Kneipenikone Thomas „Webster“ Weibler an die Darbietungen von Amateurbands in seiner damaligen Kellerkneipe „Sutteräng“ in der Judengasse. Die jungen Leute, motiviert und laut, waren dazu geeignet, den Umsatz des Abends zu ruinieren. Eine Ausnahme, denn Bands in Kneipen, das war – und ist stellenweise auch heute noch – ein Stück Wirtshaustradition. Gaststätten waren schon immer viel mehr als reine Trinkhallen oder gemeinsame Wohnzimmer für die Nachbarn. Auch Kultur, und hier besonders Popmusik, war und ist, bis heute, fester Bestandteil des Erlebnisses „Kneipenabend“. Früher mehr, heute leider weniger. Auch noch und besonders seinerzeit in Trier.
Trierer Kneipen als Karriere-Sprungbrett: Wo regionale Musiklegenden ihren Anfang nahmen
Legendär zum Beispiel „Die 3 Jos“, die bei der nicht minder ikonischen „Mutti Krause“ in der Hosenstraße regelmäßig aufspielten. Normal, denn vor dem Aufkommen von Diskotheken war Livemusik in Kneipen ein natürlicher Baustein der Abendunterhaltung. Mit dem Aufkommen der Jukebox ab den 1960er-Jahren verlagerte sich die Liveszene in der Republik in extra dafür geschaffene Clubs und Freizeitzentren.
The Rustlers live im Krokodil.
Foto: Privatarchiv Wolfgang Thiel
Auch in Trier: das Exhaus, der Mergener Hof, der Aalkasten, Café Wilhelmshöhe – alles Orte, die man nun nicht auch, sondern vor allem wegen der Musik besuchte. Tourneen wurden Mode, Rockbands besuchten die Städte ihrer Fans. Dort, wo diese aber eher selten vorbeikamen, gaben in den Kneipen weiter die einheimischen Musiker den Ton an. So auch in Trier, das für viele Konzertveranstalter des späten 20. Jahrhunderts „Im Rückspiegel der Republik“ gelegen haben mag, wie der SPIEGEL in den 1980er-Jahren mitfühlend zu Protokoll gab. Weswegen man in der Moselmetropole aber nicht weniger geboten bekam.
Die Band Schmal Breit und Gespräch.
Foto: Privatarchiv Roland Morgen
Vom Crosbys über Textorium und Travel‘s
„Die Gitarren verstimmt/doch es ging tierisch los/und wir hielten uns für Genies“, wusste Marius Müller-Westernhagen die Hochzeit des Pub-Rock in den 1970er- bis zu den 2000er-Jahren treffend zu umschreiben. Und das, obwohl er gar kein Trierer war. Das „Crosbys“ (später „Rubicon“) in der Roonstraße, das „Textorium“ in der Tufa, das „Sutteräng“, das „Mänx/ Ätsch“ in Aach, natürlich die unvergessene „Luke“ in der Luxemburger Straße und, bis heute, die „Karlsmühle“ in Mertesdorf und das „Travel‘s“ in den Räumen der Kultkneipe „Vidan“ in der Saarstraße, waren die Geburtsorte für große regionale und auch nationale Karrieren. Der damals noch als Schlagzeuger reüssierende Helmut Leiendecker war, gemeinsam mit späteren Bloastern wie etwa Joa Rother oder Wolfgang Thiel, Stammgast auf den Behelfspodien des „Vidan“ und des „Crosbys“.
Im „Sutteräng“ experimentierte ein weiterer, später als Sänger bundesweit bekannter Drummer in einer Rock-Cover-Band mit dem eigenwilligen Namen „Schmal, Breit und Gespräch“ erstmals mit Schlagerliedern als Korrektiv zu den überwiegend hardrocklastigen Liedern ihres Programms. Ein unschuldiger Versuch, der viel später für bundesweite Verwunderung sorgen sollte. Wo Platz war, wurde getanzt, wo es eng war, sang man aus voller Kehle mit. Der Hut, heute oft kritisch beäugte Musiker-Kollekte für die Unterhaltungskünstler, war als Auffangbehältnis für Einnahmen noch nicht erfunden. Gagen waren selten oder zumeist rein flüssiger Natur.
Ausbeutung? In einer Zeit, in der Trier gefühlt 4 x pro Jahr von einer über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Band besucht wurde, waren die regionalen Musikfans deutlich häufiger bereit, ihre „Kneipenentdeckung“ später auch bei einem kostenpflichtigen Konzert zu besuchen. Ticketpreise, die bei Überschreiten der Zehn-Mark-Grenze als Größenwahn abgewatscht wurden, taten ihr Übriges, um am Ende eine Win-win-Situation für alle zu machen.
Vom Pub-Rock zur Cocktailbar: Warum die Musikkneipen in Trier verschwanden
Wo und wie sich eine ganze Popkultur, der die Dire Straits mit dem Song „Sultans of Swing“ ein ewiges Denkmal gesetzt haben, über die Jahrzehnte verloren hat? MTV, exzellent besetzte Festivals nun auch in der Provinz, bei uns ermöglicht von Machern wie Ingo Popp und „Ducsaal“-Patron Manfred Weber, es kann viele Gründe geben, warum sich die krachvollen Kneipen mit richtig lauter Musik in gechillte Cocktailbars verwandelt haben. Es gab vereinzelte Versuche, echte Musikkneipen zu etablieren, wie das „Fundus“ in den Räumen des heutigen „Cubiculum“ oder das „Bim Bam“ in der Saarstraße, aber das Konzept hatte sich wohl überlebt.
Nur wenige Ausnahmen wie eben etwa das „Travel’s“ in der Saarstraße oder die „Karlsmühle“ in Mertesdorf bieten nach wie vor regelmäßig Rock live aus dem Eckkneipen-Stadion an. Es würde viele, große Bands und Namen gar nicht geben, wenn sich nicht Wirte und Gäste auf das Abenteuer einer völlig unbekannten Truppe eingelassen hätten. Dabei wäre es, gerade heute, ökonomisch so viel sinnvoller. Ein Helene-Fischer-Konzert ergibt in der Summe locker 20 Kneipenkonzerte mit Hut und Taxi. Und ob die immer schlechter sind? Als Gast von „Schmal, Breit und Gespräch“ kann man zumindest heute sagen, „Wenn einer fragt, ich war von Anfang an dabei!“