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„Werden nicht ernst genommen“: Göttinger Jugendparlamentarier fordern Gehör

Stand: 19.07.2026, 17:30 Uhr

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Wollen für ihre Generation mehr Gehör in der Politik: Die Neu-Jugendparlamentarier Daan Stegmann (links) und Marcel Sitnik.

Sie wollen für ihre Generation mehr Gehör in der Politik: Die Neu-Jugendparlamentarier Daan Stegmann (links) und Marcel Sitnik. © Foto: Felix Heipke

Daan Stegmann und Marcel Sitnik sitzen im Jugendparlament Göttingen. Beide kritisieren, dass Auszubildende in der Kommunalpolitik kein Gehör finden – und fordern Stimmrecht in den Ausschüssen.

Göttingen – Daan Stegmann (18) und Marcel Sitnik (16) sind Teil des kürzlich neu gewählten Jugendparlaments in Göttingen und kritisieren die fehlende Beteiligung Jugendlicher in der Politik. Sie kamen auf uns zu, um der Jugend mehr Gehör zu verschaffen.

Wir sprachen mit ihnen über ihr Engagement, Verbesserungen in der Partizipation Jugendlicher und das politische Klima bei jungen Erwachsenen. Trotz ihres Alters müssen sie bereits gesellschaftliche Kritik und Hass im Netz aushalten. Beide sind Mitglied bei den Grünen.

Jugendliche finden in der Göttinger Politik zu wenig Gehör – auch an Schulen ist das kaum Thema

Herr Stegmann, Herr Sitnik. Sie engagieren sich beide im Jugendparlament. Damit sind Sie politisch aktiv. Sind Sie eine Ausnahme in Ihrem Alter?

Stegmann: Ja, ganz klar. Wir hatten beim Jugendparlament eine geringe Wahlbeteiligung, und dass es dieses Angebot überhaupt gibt, wird auch viel zu wenig gezeigt. Besonders an Haupt-, Real- und Berufsschulen wird wenig über Beteiligungsformate gesprochen. Es sollte generell mehr darum gehen: Wie kannst du dich in deinem Ort oder deiner Stadt engagieren?

Sitnik: Ich empfinde genau dasselbe. Bei uns kam das Engagement im Jugendparlament meist über die Schüler, die sich über die Schülervertretung bereits engagiert hatten. Da wurde nicht die breite Schülerschaft gefragt, ob sie kandidieren möchte.

Wie reagieren Freunde, Familie und Mitschüler auf Ihr Engagement?

Stegmann: Während meine Familie mich sehr unterstützt, belächeln meine Freunde das eher. Viele wissen auch nicht, dass das Jugendparlament ein richtiger Ausschuss der Stadt ist. Auch von älteren Mitgliedern in Parteien wird man, wenn man etwas sagt, nicht ernstgenommen. Da ist bisher nicht dieser Respekt dafür da, dass wir etwas tun.

Sitnik: Familie und Freunde, aber auch Personen, mit denen ich politisch zu tun habe, sehen es als sehr positiv an, dass ich mich so viel engagiere. Aber trotzdem wird man als Jugendlicher wirklich nicht so ernst genommen wie Personen aus der Kommunalpolitik.

Also haben Sie nicht das Gefühl, als junge Generation gehört zu werden?

Stegmann: Nein, in keiner Weise. Wir reden immer über die Studierenden hier in Göttingen. Aber wann geht es mal um uns Auszubildende?

Sitnik: Das sehe ich auch so. Deswegen ist es auch mein großes Ziel, durch das Jugendparlament zu schaffen, dass wir als Jugendliche ernster von der Politik genommen werden.

Wie kann das gelingen?

Stegmann: Ganz klar mit Stimmrecht in den Ausschüssen. Das heißt auch, das Jugendparlament einmal einzuladen und uns zu fragen. Das Ziel sollte dabei sein, dass wir gemeinsam ins Gespräch kommen. Ebenso sollte es mehr Umfragen unter den Schülern in Göttingen und eine Anlaufstelle geben, die zeigt: „Wir kümmern uns um euch.“

Sitnik: Vor allem sollte nicht nur das Jugendparlament, sondern insgesamt die Jugend gehört werden. Es gibt jetzt auch Organisationen, die sich vorrangig auf Demonstrationen Gehör verschaffen. So unter anderem die Schüler gegen Rechts oder die Proteste gegen die Wehrpflicht.

Wollen Sie sich später auch über das Jugendparlament hinaus politisch engagieren?

Stegmann: Ich möchte später im Bereich der Landes- oder Bundespolitik besonders etwas für Auszubildende machen. Denn es gibt viel zu wenige in der Politik mit diesem Hintergrund. Kurzfristig möchte ich, dass wir als Jugendparlament anfangen, mit dem Stadtschülerrat und dem Kreisschülerrat zusammenzuarbeiten. Ein großes Thema für mich ist außerdem die Klimapolitik. Wir brauchen mehr Schattenplätze und wir sollten darüber sprechen, wie wir kostenschonend Umweltpolitik machen. Da sage ich ganz klar: Radentscheid ausbauen.

Sitnik: Vieles kann durch die Kommunalpolitik nicht entschieden werden, sondern es muss auch auf Landesebene etwas passieren. Es ist eines meiner Ziele, in die Landes- oder Bundespolitik zu gehen und da so viel wie möglich für uns Jugendliche zu erreichen. Wichtige Themen sind da für mich hauptsächlich Vielfalt, Ehrenamt und die Jugendbeteiligung.

Das sind vorwiegend Themen, die eher dem linken politischen Spektrum zuzuordnen sind. Viele Jugendliche tendieren in den vergangenen Jahren zum linken und rechten politischen Rand. Merken Sie das in Ihrem Alltag und in Ihrer politischen Tätigkeit?

Stegmann: Ja, absolut. Besonders in den sozialen Medien merkt man das und erhält Hasskommentare. Im Jugendparlament haben wir kein Rechtsaußenlager, es ist aber sehr konservativ geworden. Das halbe Präsidium wird durch CDU-nahe Vertreter gestellt. Wir als Göttingen sind eigentlich eher links, aber wir merken das schon. Ich habe das Gefühl, wir haben generell nur noch links oder rechts und keine richtige Mitte mehr in Göttingen.

Sitnik: Bei mir ist das anders. Ich selbst erlebe das in der Schule zum Glück nicht mehr so. Früher gab es schon Beleidigungen und Kommentare, aber das ist jetzt über die Zeit, in der ich meine starke Position klargemacht habe, so, dass das nur noch an mir vorbeigeht. Es ist aber auch grundsätzlich besser geworden.

Sie merken also keinen Anstieg von Rechtsaußen-Meinungen an ihrer Schule?

Stegmann: Es ist schon spürbar. Die Leute haben eine klare Meinung und lassen nicht mehr mit sich reden. Man möchte sich auch teilweise nicht mehr belehren lassen – es wird einfach nicht mehr miteinander kommuniziert.

Sitnik: Persönlich merke ich das nicht. Hass merke ich eher bei Instagram oder vor allem auf TikTok, wenn ich Videos poste. Da gibt es dann schon viele Leute, die Hasskommentare verfassen.

Zum Abschluss noch einmal zurück zum Inhaltlichen. Was sind Dinge, die Sie, wenn Sie die Möglichkeit hätten, sofort ändern würden?

Stegmann: Die Stadt muss uns bei Jugendbefragungen einbeziehen und die Klimapolitik sollte kosteneffizient und mehr schattenbildend ausgebaut werden. In Göttingen soll man sich wohlfühlen und nicht verbrennen. Und essenziell: Radentscheid stärken und umsetzen.

Sitnik: Für mich ist vorrangig das Thema Vielfalt wichtig. Also sei es die Stärkung und Unterstützung des Queeren Zentrums, von Vielfaltsgruppen in Schulen oder mein Verein „Vielfarbig e. V.“. Hier braucht es mehr Unterstützung von Land und Bund.

Zur Person

Daan Stegmann (18) war Schülersprecher der BBS-Ritterplan. Nun beginnt er eine Ausbildung zum Pflegeassistenten. Während der Schulzeit hat er über acht Jahre Erfahrungen in der schulischen Mitbestimmung gesammelt. Seine Themen im Jugendparlament: Umweltschutz, sichere Radwege und Teilhabe. Außerdem ist es ihm wichtig, die Perspektive junger Menschen außerhalb eines akademischen Hintergrundes zu repräsentieren. Stegmann ist Mitglied der Grünen.

Marcel Sitnik (16) ist Schüler an der Neuen IGS Göttingen. Er hat den Verein „Vielfarbig e. V.“ gegründet und ist Vorsitzender. Außerdem ist er Mitglied des Organisationsteams von BiPlus Göttingen, einer offenen, queeren Initiative in der Uni-Stadt. Sein Ziel ist es, Verantwortung zu übernehmen, den Menschen zuzuhören und sich weiter politisch zu engagieren. Er setzt sich im Jugendparlament für Vielfalt, ein respektvolles Miteinander und mehr Jugendbeteiligung ein. Sitnik ist Mitglied der Grünen.