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Ukraine im Umbruch: Drohnenkrieg, Machtkampf und die Folgen für Europa

Es sind Bilder, die Kiew seit Kriegsbeginn kaum mehr gesehen hat: Über tausend Menschen vor dem Präsidialamt, „Schande!“-Rufe, Plakate mit der Aufschrift „Die Russen feiern“. Der Anlass ist keine russische Rakete – sondern eine Unterschrift von Wolodymyr Selenskyj. Er hat seinen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen, sechs Monate nach dessen Amtsantritt.

Und plötzlich liegt offen, was Kiew lange verdeckte: ein strategischer Grundsatzstreit darüber, wie dieser Krieg zu gewinnen ist – und wer das entscheiden darf.

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Ukraine

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Zwei Männer, zwei Vorstellungen vom Krieg

Der Konflikt hat zwei Gesichter. Einerseits steht Mychajlo Fedorow, 35, T-Shirt und Jeans, Symbol der digitalen Ukraine. Einst Marketingexperte in Selenskyjs Wahlkampf 2019, später mit 28 Jahren jüngster Minister im Kabinett und Schöpfer der App „Diia“ – dem „Staat im Smartphone“. Er war es, der zu Beginn des Krieges Elon Musk mit einem öffentlichen Appell dazu bewegte, Starlink für die Ukraine freizuschalten – bis heute eine Lebensader der militärischen Kommunikation.

Auf der anderen Seite steht General Oleksandr Syrskyj, 60, Rufzeichen „Schneeleopard“. Er wurde noch in der Sowjetunion militärisch geprägt und erhielt seine Ausbildung in den 1980er Jahren in Moskau. Als Verteidiger Kiews im Jahr 2022 und Architekt der Offensive bei Charkow gilt er als Kriegsheld. Seit Februar 2024 ist er Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Gleichzeitig steht sein harter Führungsstil, dem manche Soldaten hohe Verluste anlasten, zunehmend in der Kritik.

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In dieser Woche eskalierte der Konflikt öffentlich. Fedorow warf Syrskyj vor, Intrigen zu fördern, Reformen zu blockieren und seine Arbeit gezielt zu sabotieren. Sein Schlüsselsatz, der inzwischen in ganz Kiew zitiert wird: „Statt auszuarbeiten, wie man Russland asymmetrisch besiegt, hat er ausgearbeitet, wie man das Land spaltet.“

Syrskyj reagierte knapp und mit Spott. In dieser Stadt könnten nun „Briefings abgehalten, Visionen entwickelt und Entscheidungen getroffen werden“. Die Spitze richtete sich gegen einen Minister, der Pressekonferenzen gibt, während der General den Krieg führt.

Der eigentliche Konflikt: Drohnen gegen Divisionen

Was wie ein persönlicher Machtkampf wirkt, ist in Wahrheit ein Strategiestreit im Zentrum der ukrainischen Kriegsführung. Jahre des Abnutzungskrieges haben eine militärische Revolution ausgelöst. Drohnen dominieren inzwischen nahezu alle Bereiche – vom Angriff auf feindliche Stellungen bis zur Evakuierung Verwundeter.

Fedorow verkörpert die technologische Fraktion. Er trieb die Produktion mittel- und weitreichender Drohnen voran und vereinfachte die Beschaffung erheblich.

Die Ergebnisse sprechen zunächst für ihn. Ukrainische Angriffe auf russische Ölanlagen und die Rüstungsindustrie haben die russische Kriegswirtschaft in den vergangenen Monaten belastet und zugleich die Moral in der Ukraine gestärkt. Dass diese Angriffe Wirkung zeigen, bestätigt ausgerechnet ein Kritiker des Kremls: Der russische Oppositionelle Boris Nadeschdin verweist auf Drohnenangriffe, die eine Treibstoffkrise ausgelöst und den Krieg bis nach Moskau und Sankt Petersburg getragen hätten.

Doch die Grenzen dieser Strategie werden ebenfalls deutlich. Trotz technologischer Fortschritte sehen sich die ukrainischen Streitkräfte im Osten weiterhin einem zermürbenden russischen Vormarsch gegenüber. Gleichzeitig fehlen Bodentruppen und moderne Luftverteidigung. Genau hier liegt Fedorows größte Schwäche: Die angekündigten Reformvorschläge für das Wehrpflichtsystem blieben aus.

Der Widerspruch der freien Ukraine

Damit rückt einer der schmerzhaftesten inneren Widersprüche des Landes in den Mittelpunkt: die sogenannte „Busifizierung“. Gemeint ist das Vorgehen von Rekrutierungsoffizieren, die Männer auf offener Straße in Busse bringen, um sie zum Militärdienst einzuziehen. Diese Praxis ist äußerst unpopulär und verschärft seit Kriegsbeginn die gesellschaftlichen Spannungen.

Eine Demokratie, die sich gegen einen autoritären Aggressor verteidigt, greift damit zu Methoden, die viele ihrer eigenen Bürger als übergriffig empfinden. Wer über die moralische Überlegenheit der Ukraine spricht, darf diesen Widerspruch nicht ausblenden.

Ein Präsident gerät zunehmend unter Druck

Für Selenskyj ist die Krise besonders gefährlich, weil sie einem bekannten Muster folgt. Die Proteste erinnern an den öffentlichen Widerstand im vergangenen Juli, als der Präsident gezwungen wurde, eine Entscheidung zurückzunehmen, welche die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden eingeschränkt hätte.

„Wir wollen ein Upgrade – kein Downgrade“, sagte damals ein Demonstrant.

Selenskyj wirkt inzwischen sichtbar unter Druck. „Ich hätte sehr gern Einigkeit gehabt“, erklärte er. „Die Seiten haben sie nicht gefunden.“

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Zur Schadensbegrenzung ernannte er Jewhenij Chmara, den bisherigen Leiter des Inlandsgeheimdienstes SBU und Verantwortlichen für die Koordinierung der ukrainischen Alngstreckenangriffe gegen Russland, zum kommissarischen Verteidigungsminister. Das sollte ein Signal an die Protestierenden senden: Die technologische Modernisierung soll fortgesetzt werden.

Die politischen Kollateralschäden sind dennoch erheblich. Pawlo Jelisarow, stellvertretender Kommandeur der Luftwaffe und eine Schlüsselfigur der Drohnenabwehr, trat aus Protest zurück und bezeichnete Fedorows Entlassung als „ein großes Übel“.

Ein Kommentator brachte die Stimmung auf den Punkt: „In schwierigen Momenten verhält sich Selenskyj wie ein Held. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die schwierigen Momente oft durch seine idiotischen Entscheidungen verursacht werden.“

Warum die Krise auch Europa betrifft

Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Die Ukraine befindet sich militärisch nach Einschätzung vieler Beobachter in ihrer stärksten Position seit Ende 2022 – und schwächt sich ausgerechnet jetzt durch einen offenen Machtkampf.

Für Europa ist das weit mehr als eine Personalentscheidung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte erst kürzlich, die Europäer seien bereit, ihren Kontinent „mit Blut, wenn nötig“ zu verteidigen, und versammelte mehr als 25 Staats- und Regierungschefs zu einer Solidaritätsveranstaltung für Kiew. Gleichzeitig sorgt ein schrittweiser Rückzug der Vereinigten Staaten aus Teilen Osteuropas in europäischen Hauptstädten für wachsende Nervosität.

Europa steckt damit in einem Dilemma. Einerseits drängt es die Ukraine dazu, den Krieg konsequent weiterzuführen. Andererseits muss es akzeptieren, dass ein souveräner Staat seine eigenen politischen Entscheidungen trifft. Die Entlassung Fedorows, eines Symbols für Technologisierung des Krieges und eines verlässlichen Partners der westlichen Rüstungsindustrie, ist ein solcher Fall.

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