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Selenskyj schasst Syrskyj: Ukraine hofft auf Mann mit „fliegendem Panzer“ – doch der Konflikt ist nicht vorbei

Syrskyj entlassen: Ukraine hofft nun auf Mann mit dem „fliegenden Panzer“ – doch der Konflikt reicht weiter

Stand: 22.07.2026, 13:04 Uhr

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Selenskyj entlässt Oberbefehlshaber Syrskyj. Zivilisten und Soldaten feiern den Nachfolger – und einen historischen Erfolg. Dahinter steckt ein grundsätzlicher Konflikt.

Kyjiw – Die Ukraine hat einen neuen Oberbefehlshaber: Der 43-jährige Mychajlo Drapatyj übernimmt das Kommando über die Streitkräfte und löst Oleksandr Syrskyj ab, der die Armee seit Februar 2024 geführt hatte. Der Weg zu dieser Personalentscheidung gilt in der Ukraine als historisch. Nach sechs Tagen landesweiter Proteste und drei Tagen intensiver Beratungen mit den Armeekommandeuren verkündete Präsident Wolodymyr Selenskyj am Abend die Entlassung des zuletzt stark umstrittenen Syrskyj.

Wolodymyr Selenskyj gibt Mychajlo Drapatyj die Hand, im Vordergrund eine Protestierende in Kyjiw

Wolodymyr Selenskyj hat Mychajlo Drapatyj (re.) zum neuen Oberbefehlshaber ernannt – zur Freude von Protestierende wieder dieser Frau auf einer Aufnahme vom Donnerstag. © Montage: Efrem Lukatsky/picture alliance/dpa/Ukrainian Presidential Press Office/AP

„Fakt ist, dass Oleksandr Syrskyj für die Erfolge der Ukraine bei der Verteidigung Kyjiws, bei der Offensivoperation in der Region Charkiw und bei der Operation in der Region Kursk gesorgt hat“, erklärte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Er dankte dem scheidenden Oberbefehlshaber ebenso wie allen Soldaten für die „starken Positionen der Ukraine an der Front“. Eine bedeutende Wegstrecke sei zurückgelegt, die Verteidigung der Ukraine dauere aber an. Dabei sei „ein respektvoller Umgang mit jedem einzelnen Soldaten unerlässlich“. Dass dieser Anspruch unter Syrskyj aus Sicht vieler Soldaten und Teilen der Öffentlichkeit nicht immer erfüllt wurde, räumte Selenskyj nach den tagelangen Debatten indirekt ein.

Fedorow und Syrskyj: Selenskyj manövrierte sich selbst in die Krise – der Konflikt brodelt schon lange

Die Wahl von Syrskyjs Nachfolger gilt als Signal. Drapatyj steht für eine jüngere Generation von Militärführern und genießt sowohl in der Truppe als auch in der Bevölkerung einen guten Ruf. Viele Militärangehörige äußerten sich in sozialen Netzwerken erleichtert, auf dem Iwan-Franko-Platz in Kyjiw feierten Demonstrierende die Entscheidung. „Das Wichtigste ist, dass der Präsident auf das Militär und die Menschen gehört hat. Das ist aus meiner Sicht ein grundlegender Erfolg“, schrieb der Veteran Orest Karakewytsch auf Facebook.

Der Präsident hatte sich selbst in die Krise hineinmanövriert: Mit der Entlassung seines Verteidigungsministers Mykhailo Fedorow vergangene Woche hatte Selenskyj landesweite Proteste ausgelöst. Richtete sich die Wut der Menschen zu Beginn noch vornehmlich gegen den Präsidenten, hatte man schon am Freitagabend einen anderen Schuldigen für die Entlassung des beliebten 35-jährigen Ministers ausfindig gemacht: Sysrkyj. Die Entlassung Fedorows wurde zum Ventil für einen auf militärischer Führungsebene seit längerem brodelnden Konflikt. Im Kern betrifft er die Frage, wie die Ukraine angesichts rasanter Innovation mit Mobilisierungskrise und Beschaffung umgehen soll.

Die alte Schule der Sowjet-geprägten Militärs setzt auf bekannte Strukturen und zermürbende, zentralisierte Taktiken. Eine neue Generation sucht unterdessen nach Wegen, das System von Grund auf zu ändern. Zu ihr zählt neben Fedorow und seinem Team auch Mychailo Drapatyj. „Drohnen statt Menschen sollten kämpfen“, stand auf Plakaten Demonstrierender, ein Zitat Fedorows. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Ukraine den asymmetrischen Krieg mit weniger Verlusten gewinnen kann.

In beispielloser Direktheit für einen Spitzenbeamten in der Ukraine während des Krieges, beschuldigte Fedorow Syrskyj bei einer Pressekonferenz schwer: „Alle Initiativen, die wir vorgeschlagen hatten, wurden blockiert, und Syrskyj ist nicht bereit, persönlich über Probleme zu sprechen.“ Mit Syrskyj werde die Ukraine den Krieg nicht gewinnen, sagte Fedorow – zudem habe der General Selenskyj ein Ultimatum gestellt, ihn als Verteidigungsminister zu entlassen. Syrskyj wies zurück, dass er gegen den Einsatz von Drohnen sei. Unter ihm seien schließlich die Streitkräfte für unbemannte Systeme (USF) mit Kommandeur Robert „Madyar“ Brovdi entstanden. Syrskyj entschuldigte sich zudem bei Fedorow.

Heftige Debatte in der Ukraine „Syrskyj ist der Teufel“

Doch die Protestierenden ließen sich nicht beeindrucken: Auf den Schildern hieß es „Syrskyj ist der Teufel“ und „Fedorow = mehr russische Gefallene, Syrskyj = mehr ukrainische Gefallene“. Angesichts der Entlassung des populären Fedorow und der Proteste gegen Syrskj stand der Präsident mit dem Rücken zur Wand. Zwar ist Syrskyj der ukrainische General mit der längsten Kampferfahrung. Doch genießt er nicht die Popularität anderer Militärs. Der 60-Jährige wurde in Russland geboren und an einer Militärakademie in Moskau ausgebildet. Ukrainisch spricht er bis heute mit Mühe. Anders als Fedorow und sein eigener Vorgänger Walerij Saluschnyj steht Syrskyj für eine klassische Militärdoktrin. Kritiker werfen ihm vor, auf den Einsatz von Sturmtruppen zu setzen und dabei hohe Verluste unter den eigenen Soldaten in Kauf zu nehmen.

Eine Reihe von Skandalen über den obersten Militärchef rückten erneut in den Vordergrund: So veröffentlichte das ukrainische Onlinemedium Babel erst vor Kurzem eine Recherche über die Einheit Skelja, seit 2025 eines von Syrskyjs wenigen Elite-Angriffsregimentern. Laut Babel kam es in der Einheit zu Todesfällen durch Misshandlungen. Bereits zuvor hatte er unter Soldaten den Rufnamen „Schlächter“ bekommen, der auf die Verteidigung Bachmuts und seinen zermürbenden sowjetähnlichen Führungsstil zurückging. Erst spät gab es lobende Worte von Weggefährten. „Sie haben Außergewöhnliches für die Verteidigung der Ukraine geleistet: die Verteidigung von Kyjiw, die Operation Charkiw, die schwierigsten Frontabschnitte und die Übernahme des Oberbefehls über die Streitkräfte in einem der kritischsten Momente des Krieges“, erklärte Präsidialamtsleiter und Ex-Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow – nach Syrskyjs Entlassung.

Der neue Oberbefehlshaber der Ukraine: Mychajlo Drapatyj

Drapatyj absolvierte seine Ausbildung am Charkiwer Institut für Panzertruppen. 2004 begann seine militärische Laufbahn – unter der Leitung Syrskyjs. Nach Beginn der russischen Vollinvasion wurde Drapatyj an mehreren Brennpunkten eingesetzt: Er stoppte 2022 Russlands Offensive bei Krywyj Rih und war an der Befreiung der Küste von Cherson beteiligt. 2024 hielt er den russischen Vorstoß in der Region Charkiw auf. Nach einem russischen Angriff auf einen Truppenübungsplatz 2025, bei dem mehrere Soldaten getötet wurden, reichte er seinen Rücktritt ein. In einem Bericht kritisierte er die Blockade seiner Reformvorschläge. Im Juni 2025 ernannte Selenskyj ihn zum Kommandeur der Joint Forces der ukrainischen Streitkräfte.

Als Syrskyjs Entlassung greifbar schien, tauchte auf Protestplakaten ein Name auf: Mychajlo Drapatyj. In der Ukraine ist der mit einer ikonischen Szene verbunden: Während der Kämpfe um Mariupol 2014 befahl Drapatyj den Sturm eines Schützenpanzers über die Befestigungen prorussischer Kämpfer hinweg. Die Operation gab der Ukraine in einem kritischen Moment die Initiative zurück und rettete eingekesselte Soldaten und Polizisten. Der „fliegende Panzer“ steht bis heute für ukrainischen Widerstandswillen gegen die russische Aggression. Nach Drapatyjs Ernennung verbreitete sich ein weiteres Video: In einem Interview von 2014 erzählt der junge Kommandeur der 72. Separaten Mechanisierten Brigade, wie er nach wochenlanger Belagerung ein Bataillon mit 260 Soldaten nachts aus der Einkesselung führte.

Drapatyj dürfte die von Fedorow aufgesetzten Reformen weiter unterstützen – unabhängig davon, ob dieser ins Amt zurückkommt. Drapatyj hatte öffentlich erklärt, dass Fedorows Team einen „echten Versuch unternommen habe, das Militärsystem zu ändern“. Drapatyi lobte ihre Bereitschaft, auf eine schnellere Entscheidungsfindung zu drängen, seit langem bestehende Probleme anzugehen und technologieorientierte Initiativen wie die Drone Line umzusetzen. Fedorow gratulierte Drapatyj Minuten nach dessen Ernennung auf Telegram: Der neue Oberbefehlshaber sei „ein frischer Wind und neue Hoffnung im Kampf der freien Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit“ und eine „Stimme des Wandels, die nicht länger ignoriert werden konnte“.

Streit bringt Militär und Zivilisten näher zusammen – aber noch ist Fedorows Zukunft offen

Auch viele Soldaten glauben, dass sie unter Drapatyjs Leitung besser dastehen – einige spekulieren gar, dass sich nun mehr Menschen zur Armee trauen könnten. Doch die Proteste haben auch Soldaten und Zivilisten einander nähergebracht. Soldaten dankten den Demonstrierenden für ihre Unterstützung im Hinterland. Kampfpilot Dmytro „Apostel“ Karpenko schrieb auf Instagram: „Wir sind allen aufrichtig dankbar, die nicht einfach wegschauen. Denn eine Armee kann nicht getrennt vom Volk existieren. Die Stärke der Armee sind nicht nur Waffen und Ausrüstung – sondern auch das Hinterland, das nicht schweigt, wenn Unrecht geschieht.“

Junge Protestierende in Kyjiw.

Menschen mit Pappschildern: Junge Protestierende am Donnerstag in Kyjiw. © Kristina Thomas

Stolz sind die Menschen aber auch darauf, dass nur sechs Tage vom Beginn der Proteste bis zur Entscheidungsverkündung vergangen sind. Dem ukrainischen Medium Hromadske sagten Demonstrierende am Dienstagabend auf dem Franko-Platz: „In anderen Ländern, besonders bei unseren schlechten Nachbarn, wäre das nicht möglich. Aber hier können wir uns versammeln, der Regierung unsere Forderungen vortragen und haben nach ein paar Tagen ein brauchbares Ergebnis.“

Ob es einen ähnlichen Erfolg mit ihrer ersten Forderung – der Rückkehr Fedorows ins Amt des Verteidigungsministers – gibt, ist offen. Ein Angebot als Koordinator der militärtechnischen Innovationsbeschleunigung hat er abgelehnt. Dem Medium Ukrainska Pravda zufolge wird er nur die Rückkehr ins Amt akzeptieren. Protest-Mitorganisator Dmytro Koziatyntsky kündigte für Freitag die nächste Aktion an: „Macht euch bereit! Wir müssen noch Fedorow zurückholen.“ Ob Selenskyj ein weiteres Mal einlenkt, ist ungewiss. Dagegen spricht, dass der Konflikt das Vertrauen belastet. Zudem könnte ein erneutes Nachgeben Gegnern eine Vorlage liefern, künftig ebenfalls mit Protesten politische Entscheidungen zu erzwingen. (Kristina Thomas)