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Selbsthilfegruppe in Kelsterbach unterstützt Eltern, die ihr Kind verloren haben

Stand: 18.07.2026, 06:00 Uhr

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Im Kelsterbacher Stadtteilzentrum Mandelhain hat die Selbsthilfegruppe „Leben 2.0“ ein Zuhause gefunden. Arzu Dogan (links) und Claudia Walker treffen sich hier einmal im Monat mit anderen Eltern, die ihr Kind verloren haben.

Im Kelsterbacher Stadtteilzentrum Mandelhain hat die Selbsthilfegruppe „Leben 2.0“ ein Zuhause gefunden. Arzu Dogan (links) und Claudia Walker treffen sich hier einmal im Monat mit anderen Eltern, die ihr Kind verloren haben. © Nadine Scherer

2018 hat die Frankfurterin Arzu Dogan eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern gegründet, weil sie selbst Hilfe benötigte und kein passendes Angebot fand. Seit zwei Jahren trifft sich die Gruppe „Leben 2.0“ im Kelsterbacher Stadtteilzentrum Mandelhain. Dort tauschen Eltern ihre Erfahrungen aus, sprechen über die Trauer und suchen gemeinsam einen Weg zurück in einen lebensbejahenden Alltag.

Kelsterbach – Der Tod des eigenen Kindes ist einer der brutalsten Einschnitte in das eigene Leben. Da sind die Gefühle über den Verlust: Trauer, vielleicht auch Wut und Schuld. Hinzu kommt, dass der eigene Körper nicht mehr so funktioniert wie vor dem „Davor“. Man verliert das Zeitgefühl, leidet unter kognitiven Störungen, Konzentrationsmangel, ist mental erschöpft. Und bleibt oft mit seiner Trauer allein.

Die Vergangenheit lebendig erinnern, dabei aber gleichzeitig optimistisch in die Zukunft schauen – das möchte die Selbsthilfegruppe „Leben 2.0“ erreichen. Seit knapp zwei Jahren trifft sich die von Arzu Dogan gegründete Gruppe für verwaiste Eltern monatlich im Stadtteilzentrum Mandelhain. Dort wird den Teilnehmern Raum für die Trauer gegeben, zugleich arbeiten sie gemeinsam an einem Weg zurück in ein lebenswertes Leben.

Ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht

Der Name, der an ein Betriebssystem-Update erinnert, ist bewusst gewählt. „Man findet sich erst einmal nicht zurecht“, beschreibt Claudia Walker die Gefühle nach dem Tod des eigenen Kindes. Bestimmte Funktionen gibt es nicht mehr, aber auch neue Features oder sogar Lichtblicke, die man vorher nicht hatte, und die es zu erkennen gilt. „Es gibt ein Leben davor und eins danach. Ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht“, weiß Walker.

Die Kelsterbacherin hat 2014 ihre einzige Tochter verloren: Die 11-jährige Amber verunglückt in einem Fahrgeschäft in einem Freizeitpark tödlich. Die Presse berichtet, bei einem Gerichtsprozess gegen drei Mitarbeiter werden zwei davon freigesprochen, einer wird zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Trauer über den Verlust ist riesig und Walker sucht nach Menschen, denen es ähnlich geht, die aber einen Weg zurück ins Leben gefunden haben. Trauergruppen für Eltern, die ein Kind verloren haben, gibt es in ihrer Nähe nicht.

Im Netzwerk Facebook stößt Claudia Walker auf Trauergruppen, doch dort wird die Trauer häufig konserviert, der Schmerz bleibt verbindender Anker für viele Eltern. Eine habe geschrieben, dass sie 20 Jahre nach dem Tod des Kindes noch jeden Tag weinend aufwache, berichtet die 44-Jährige. „Ich wollte aber nicht, dass das mein Schicksal ist. Ich wollte Menschen sehen, die es geschafft haben, weiterzuleben, und die glücklich sind.“

Im Jahr 2019 schreibt Walker in einer dieser Gruppen einen lebensbejahenden Post – und trifft damit ins Herz von Arzu Dogan. Die Frankfurterin hat 2018 eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern gegründet, „weil ich selbst Hilfe gebraucht habe“, sagt die heute 50-Jährige. Im Jahr davor war ihr knapp zweijähriger Sohn verstorben; der Junge hatte sich an einem Stück Möhre verschluckt und ist erstickt. Gegen die Trauer, Selbstvorwürfe, Ohnmacht und das Gefühl der Hilflosigkeit möchte die Frankfurterin, die zu dem Zeitpunkt mit ihrer Tochter schwanger ist, aktiv etwas tun.

Aus der Ohnmacht ausbrechen

Doch ein für sie passendes Angebot für trauernde Eltern gibt es in ihrer Nähe nicht, also wird sie, unterstützt vom Verein Selbsthilfe Frankfurt, selbst aktiv. Es ist auch ein Akt, aus der Ohnmacht auszubrechen. „In dem Moment, in dem man Selbsthilfe betreibt, wird man wieder handlungsfähig“, berichtet die Heilpraktikerin für Psychotherapie. „Als ich dann den Facebook-Kommentar von Claudia las, dachte ich: Sie braucht die Gruppe nicht. Meine Gruppe braucht sie“, erinnert sich Dogan an die positive Ausstrahlung der Kelsterbacherin und lächelt dabei. „Also habe ich sie angeschrieben.“

Walker tritt der Gruppe bei, die sich zunächst in den Räumen des Vereins Selbsthilfe in Frankfurt trifft und während der Corona-Pandemie im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Oberrad. Etwa eine Handvoll Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet bilden den Kern der Selbsthilfegruppe, manche kommen schon lange, andere gehen nach zwei oder drei Besuchen wieder, da sie nur einen ersten Impuls für die Aufarbeitung benötigen, sagt Walker.

Mit dem Fokus der Gruppe auf das Leben „danach“, auf das, was man früher hatte, aber vor allem auf das, was man heute noch hat, kommt die Umbenennung in „Leben 2.0“. Und vor knapp zwei Jahren der Umzug ins Mandelhain. „Hier ist es total freundlich und wohnlich“, lobt Dogan die Atmosphäre im Stadtteiltreff. Auch gibt es Platz in einem Regal für die Bücher und Arbeitsmaterialien der Gruppe.

Zwischen zwei und drei Stunden dauern die abendlichen Treffen im Mandelhain. Die Trauernden bekommen Raum, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und lernen andere Sichtweisen kennen. Ferner liegt der Fokus auf dem Herausarbeiten von inneren Stärken, Selbstwirksamkeit und Selbstliebe. Dabei ergänzen sich Arzu Dogan, mittlerweile ausgebildete Trauerbegleiterin, und Claudia Walker, die bald ihren Master in Psychologie macht, gut. Seit 2019 wird die Gruppe zudem von Andreas Brand, einem betroffenen Vater, unterstützt, der sich um die Homepage von „Leben 2.0“ kümmert.

Aufnahmegespräch vor dem ersten Besuch

Beide Frauen wissen aus persönlicher Erfahrung, dass bei der Trauer um das eigene Kind auch ein unterstützendes Umfeld nicht alles auffangen kann. „Am Ende hilft das nur bedingt, weil man nur selbst weiß, wie man sich fühlt“, sagt Walker. Unterstützung kann da der Austausch mit anderen Eltern bieten. Vor einem Besuch bei „Leben 2.0“ gibt es eine Art Aufnahmegespräch per Zoom oder Telefon. „Wir schauen, wo die Menschen in ihrer Trauer gerade stehen, wie akut es ist und wie stabil sie sind“, erklärt Dogan. Denn die Selbsthilfegruppe kann ein therapeutisches oder medizinisch-psychologisches Angebot nicht ersetzen.

Mit der Gruppe möchte Arzu Dogan jedoch eine Versorgungslücke für ein lebensbejahendes Angebot schließen. „Es muss solche Räume geben, denn nicht jeder kann sich eine private Trauerbegleitung leisten.“ Claudia Walker sieht die ehrenamtliche Arbeit der Gruppe als Dienst an der Menschheit, den sie weiter leisten will. Sie möchte ihre eigene positive Einstellung einbringen – „und auch wieder das Lachen im Alltag etablieren“. Damit Trauernde das neue „Betriebssystem“ und damit das Leben wieder annehmen können.

Weitere Informationen über die Selbsthilfegruppe, die Regeln sowie Kontaktdaten gibt es unter www.lebenzweipunktnull.de