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Schülermangel? Das ist doch die Chance

Von Zella-Mehlis, einer südthüringischen Kleinstadt, haben die meisten Menschen in Deutschland noch nichts gehört. Dabei könnte der 12.000-Einwohner-Ort am Rand des Thüringer Waldes ein Vorbild für viele andere werden. Bislang gab es dort fünf Schulen. Am einzigen Gymnasium kam jedoch 2025 keine elfte Klasse mehr zustande. Denn hier sind schon seit 2021 die Schülerzahlen gesunken – bislang um 50 Kinder und Jugendliche. Die naheliegende Reaktion wäre gewesen, das Gymnasium und bald auch eine Grundschule zu schließen und Abiturienten in Nachbarstädte pendeln zu lassen.

Stattdessen versucht die Stadt etwas anderes. Zum 1. August entsteht eine Gemeinschaftsschule, in der Kinder von der ersten Klasse bis zum Abitur lernen können. Drei Grundschulen, eine Regelschule und ein Gymnasium werden organisatorisch zusammengeführt. Die Standorte bleiben erhalten, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur sind weiterhin alle Abschlüsse möglich. Aber die Kinder lernen länger gemeinsam. Welchen Abschluss sie machen, entscheidet sich erst zum Ende der achten Klasse.

Was in Zella-Mehlis geschieht, könnte andere Orte inspirieren. Denn der Geburtenrückgang wird die Schulen verändern. 2025 wurden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 654.300 Kinder geboren, 3,4 Prozent weniger als im Vorjahr – der niedrigste Wert seit 1946. Besonders stark sank die Zahl der Geburten in Ostdeutschland, was sich in Zukunft in den Schulen noch stärker auswirken wird, als es jetzt schon in Zella-Mehlis zu sehen ist. Gab es 2024 in Thüringen noch rund 77.000 Kinder zwischen 6 und 10 Jahren, werden es laut den aktuellen Berechnungen von Bildungsforscher Klaus Klemm im Jahr 2035 nur noch etwa 45.000 sein. Das wären rund 40 Prozent weniger Kinder pro Grundschulklasse.

Insgesamt wird es laut Klemms Berechnungen im Vergleich zu 1924 bis 2035 in Deutschland rund 460.000 weniger Grundschulkinder geben, aber noch knapp 90.000 mehr ältere Schülerinnen und Schüler, also 16- bis 19-Jährige. Er geht in diesem Szenario von weniger Zuwanderung und Geburten aus als die Kultusministerkonferenz, die bis 2035 noch mit 250.000 mehr Kindern rechnet.

Was die meisten als Problem ansehen, ist aber die große Chance, das überforderte Schulsystem neu zu gestalten. Denn bald könnten viele Schüler und Schülerinnen davon profitieren, dass ihre Lehrer mehr Zeit für sie haben.

Noch fällt es schwer, sich vorzustellen, dass der Lehrkräftemangel einmal enden könnte. In manchen Schulen fällt über Monate der Chemieunterricht aus. Anderswo übernehmen Studierende Klassen, Förderstunden werden gestrichen, Projekte abgesagt, freitags bleibt Unterricht ganz aus. Vieles läuft nur noch im Notbetrieb. Auch in Zella-Mehlis gibt es trotz sinkender Schülerzahlen noch zu wenige Pädagogen. Aber die vorhandenen lassen sich nun flexibler einsetzen als in fünf voneinander getrennten Schulen.

Doch wie wird sich die Situation in einigen Jahren ändern? Klemm spricht von Freiräumen, die der Kinderrückgang schafft, nicht nur für die Lehrkräfte, sondern auch in den Räumen der Kitas und Schulen. Endlich, sagt er, könne man den „ewigen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Erfolgen im Bildungssystem zumindest abschwächen“. Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien nennt das eine „demografische Rendite“. Sie sagt: „Das Geld, das jetzt im System ist, muss im System bleiben.“ In der Verantwortung ist aber nicht die Bildungsministerin, sondern es sind die Länder und Kommunen, die sich das leisten müssen.

Besonders profitieren würden jene Schulen, an denen die Herausforderungen heute am größten sind: in armen Stadtteilen, strukturschwachen Regionen, dort, wo viele Kinder mit wenig Unterstützung von zu Hause ankommen und Schulen längst mehr leisten müssen als Unterricht. Hier fehlt es nicht nur an Lehrerinnen und Lehrern, sondern oft auch an Sozialarbeiterinnen, Schulpsychologinnen, Sonderpädagogen und Erzieherinnen – um sich Zeit für die Kinder zu nehmen.

Zeit für die, die derzeit schon beim Lesen- oder Rechnenlernen scheitern. Zeit für Jugendliche, die in einer Krise stecken, Zeit, ihnen die richtige Hilfe zu vermitteln, bevor sie gar nicht mehr zur Schule gehen wollen. Zeit, sich im Team abzusprechen, Förder- und Präventionsangebote zu planen, den Ganztag sinnvoll und anregend zu gestalten, fächerübergreifende Projekte zu entwickeln und soziale Kompetenzen zu stärken.

Vielleicht hätten Pädagoginnen und Pädagogen sogar endlich die Möglichkeit, ihr eigenes digitales Wissen in Ruhe auszubauen. Und vielleicht gäbe es sogar ein Arbeitszeitmodell, das ihre reale Arbeitszeit berücksichtigt. Bislang berechnen die meisten Bundesländer nur die Unterrichtsstunden, die Lehrkräfte absolvieren, für Ihr Gehalt; wie viel Zeit sie für Elterngespräche, Korrekturen, Besprechungen und Krisengespräche benötigen, wird nicht gezählt.

Sachsen kündigt an, Stellen zu streichen

Natürlich ist auch das Gegenbild denkbar. Sinkende Schülerzahlen könnten zum Anlass genommen werden, Stellen zu streichen, Budgets zu kürzen, Standorte zu schließen. Dann käme es wahrscheinlich zum sogenannten Schweinezyklus: Lehrkräfte finden keinen Job, es werden weniger ausgebildet – und dann wird aus dem Überschuss wieder ein Mangel: Jahre später fehlen wieder Lehrerinnen und Lehrer. Sachsen plant bereits, Lehrkräftestellen abzubauen. Langfristig sollen wegen des demografischen Wandels rund 4.600 Stellen wegfallen. Bildungspolitisch ist es riskant, auch wenn Kultusminister Conrad Clemens gegenüber der Sächsischen Zeitung beteuert, dass trotzdem ein Puffer bleiben soll, und auch Sachsen auf kleinere Klassen und Gemeinschaftsschulen setzen wird.

Thüringen kündigt bislang keinen Stellenabbau an. „Demografisch entstehende Spielräume sollen vorrangig genutzt werden, um die Unterrichtsversorgung zu stabilisieren, Unterrichtsausfall zu verringern und Lehrkräfte gezielt zu entlasten“, verspricht das Kultusministerium.

Tatsächlich wird es in manchen Ländern, Regionen und Stadtvierteln deutlich schwerer sein als in anderen, die „demografische Rendite“ zu nutzen. Die Lage in Hamburg ist eine andere als die in Sachsen, die in Düsseldorf eine andere als in Gelsenkirchen, die auf dem Land eine andere als in den wachsenden Städten. Und in Physik sieht es auch anders aus als in Deutsch. Das Thüringer Bildungsministerium rechnet damit, dass es in ländlichen Räumen und in Mangelfächern noch lange anspruchsvoll bleiben wird, Lehrkräfte zu gewinnen – zumal dort demnächst noch viele Pädagoginnen und Pädagogen pensioniert werden.

Selbst in der Kleinstadt Zella-Mehlis stellt sich die Lage nicht einheitlich dar: Bislang fehlen dort vor allem am Gymnasium und in einer Grundschule die Kinder. In einer anderen Grundschule sind es dafür mehr geworden. In den Stadtstaaten sinken die Schülerzahlen bis 2040 weniger stark. Hamburg baut sogar neue Schulen – weil die Zahl der Kinder hier deutlich länger steigt. In kleineren Städten und Gemeinden in Ostdeutschland droht jedoch eine Abwärtsspirale: Wenn erst die Kita schließt, ziehen junge Familien nicht mehr hin – oder sogar weg. Es ist also nicht der demografische Wandel allein, der für weniger Kinder sorgt. Fehlt es aber an jungen Menschen im Ort, wollen auch junge Lehrkräfte dort nicht leben. Es kommen dann nicht nur besonders wenige Kinder in die Schulen; der Lehrkräftemangel bessert sich dann trotz des demografischen Wandels nicht.

Wenn dann die Schule geschlossen wird, hat das wiederum gesellschaftliche Folgen. Wo es keinen Laden mehr gibt, schlechte Busverbindungen und am Ende auch keine Schule, wächst auch der Frust. Was ist zu tun, um die Schulen zu erhalten? Die Kitas stärken, unter anderem indem der Betreuungsschlüssel stark gesenkt wird, was ebenfalls der Bildungsgerechtigkeit nutzen wird.

Und natürlich kann der Staat Lehrkräfte aus den Großstädten aufs Land versetzen, von beliebten Vierteln in weniger gut ausgestattete – die meisten sind schließlich verbeamtet. Sobald es in wachsenden Städten zu viele Lehrerinnen und Lehrer geben wird, ist das eine realistische Option. Sachsen setzt in Zukunft stärker darauf. Im Ruhrgebiet wird es bereits vorsichtig praktiziert. Aber selbst dort, wo Städte nah beieinanderliegen, haben Versetzungen Grenzen. Sie erzeugen neue Probleme: Lehrkräfte reduzieren ihre Stunden oder verlassen den Beruf ganz.

Schulen können zu sozialen Zentren werden

Also braucht es mehr als das Verschieben von Personal. Es braucht neue Kooperationen, neue Vorstellungen davon, was Schule vor Ort sein kann. Gemeinschaftsschulen wie in Zella-Mehlis sind ein Beispiel. Jahrgangsübergreifender Unterricht kann ebenfalls helfen. Schulen könnten außerdem zu sozialen Zentren werden: Orte, an denen frühe Hilfen für Familien, Sprachförderung, Nachmittagsangebote, Beratung für Eltern und Seniorinnen und Senioren ineinandergreifen. Dann wäre die Schule nicht bloß der Ort, an dem Unterricht stattfindet.

Ob in der Stadt oder auf dem Land – der demografische Wandel darf nicht für ein Sparprogramm genutzt werden, sondern sollte als Chance begriffen werden. Das vorhandene Geld und Personal im System zu halten bedeutet, pro Schülerin und Schüler nicht nur ein bisschen, sondern deutlich mehr zu investieren als bisher. In manchen Stadtteilen und Regionen heißt das allerdings nicht einfach nur Lehrkräfte halten und besser zu verteilen – sondern rechtzeitig tragfähige Modelle zu entwickeln, damit Schulstandorte erhalten bleiben und Lehrkräfte gern dort arbeiten.

Die Gemeinschaftsschule in Zella-Mehlis ist ein Anfang. Die Idee kam aus der Not: Zunächst war es das Ziel, dass die beiden Gymnasien in Zella-Mehlis und Suhl kooperieren sollten. Aber das hätte langfristig laut Bildungsministerium angesichts der demografischen Entwicklung nicht funktioniert. Nur mit einer Gemeinschaftsschule konnte die gymnasiale Oberstufe in Zella-Mehlis gehalten werden. Aber der Gewinn könnte deutlich größer sein: Thüringen hat mit anderen Gemeinschaftsschulen bereits die Erfahrung gemacht, dass sie für Eltern attraktiv sind, weil sie Kinder länger gemeinsam und individueller fördern. Auch junge Lehrkräfte können diese Schulen anziehen.