Vor ziemlich genau einem Jahr ernannte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Julija Swyrydenko zur Regierungschefin. Jetzt soll die 40 Jahre alte Politikerin das Amt schon wieder verlieren. „Ich bin Julija für ihre klare, standhafte und effektive Arbeit als Ministerpräsidentin dankbar“, erklärte Selenskyj am Sonntag. „Und ich habe ihr die Möglichkeit angeboten, ein neues und wichtiges Gebiet der Beziehungen zu einem Schlüsselpartner zu leiten.“
Die Ablösung, die automatisch den Rücktritt der Regierung zur Folge hat, muss noch vom Parlament bestätigt werden. Selenskyj hat die abermalige Veränderung kaum begründet, zumal Swyrydenko in keine Skandale verwickelt war und schon gar nicht der Korruption verdächtigt wird, was bisher häufig Gründe für Wechsel an der Spitze waren.
Vieles deutet darauf hin, dass der Schlüsselpartner, von dem Selenskyj sprach, die Vereinigten Staaten sind und Swyrydenko ukrainische Botschafterin in Washington werden könnte. Die bisherige Botschafterin dort, Olha Stefanischyna, soll in der vergangenen Woche aus persönlichen Gründen um ihre Ablösung gebeten haben. Beste Beziehungen zu den USA sind für die Ukraine nach wie vor überlebenswichtig. Nicht nur wegen Militärausrüstung und Flugabwehrmunition, die Trump – gegen Bezahlung – liefert. Sondern vor allem wegen der Geheimdienstinformationen, ohne die es Kiew auf dem Schlachtfeld noch schwerer hätte.
Die Beziehungen zwischen Kiew und Washington haben sich verbessert
Swyrydenko hatte noch als Wirtschaftsministerin federführend das Rohstoffabkommen mit den USA verhandelt und im Frühjahr 2025 zusammen mit US-Finanzminister Scott Bessent unterzeichnet. Sie werde, so heißt es in Kiew, in Washington außerordentlich geschätzt und sei deshalb eine Idealbesetzung für den Posten. „In diesem Moment ist es von entscheidender Bedeutung, all unsere Kräfte und Ressourcen zu bündeln, um die Ukraine zu stärken“, erklärte Swyrydenko nach dem Treffen mit Selenskyj. Sie sei bereit, der Ukraine „zu dienen und jede Aufgabe zu erfüllen“, die das Land stärke und einem gerechten Frieden näherbringe.

Die Beziehungen Kiews zu Washington haben sich zuletzt verbessert. Erst in der vergangenen Woche verlief ein Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Selenskyj beim NATO-Gipfel in Ankara aus ukrainischer Sicht gut. Trump sicherte Selenskyj öffentlich seine Unterstützung zu und gewährte Kiew das Recht, Flugabwehrraketen des Typs Patriot in Lizenz herzustellen. Auch wenn es noch dauert, bis das Realität wird, ist es eine gute Nachricht für die Ukraine. Das Land braucht dringend Flugabwehr gegen ballistische Raketen, weil Russland ukrainische Städte häufiger und stärker bombardiert als jemals zuvor.
Syrskyj: Wendepunkt ist noch weit entfernt
Am Montag hatte Russland die ukrainische Hafenstadt Odessa angegriffen und dabei ein Busdepot zerstört. Zudem wurden durch russische Bombardements Wohnhäuser in Saporischschja und ein Krankenhaus im Gebiet Charkiw beschädigt. Eine Ursache für die verstärkten Angriffe auf zivile Ziele sehen Analysten auch darin, dass die russische Armee an der Front kaum vorankommt.
„Der Feind versuchte, eine groß angelegte Offensive zu starten, erreichte aber trotz fast doppelt so großen Vorteils bei Personal und Ausrüstung keines seiner Ziele“, sagte der ukrainische Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj dem Portal „Kyiv Independent“ zufolge am Wochenende bei einer Bilanzsitzung des Militärs. Das Tempo der russischen Offensive habe sich „um mehr als die Hälfte“ verringert. Dagegen seien Russlands Verluste auf monatlich 32.000 Tote und Verwundete gewachsen.
Zugleich habe die Ukraine mit ihren Langstreckendrohnen, die Ziele auch weit im russischen Hinterland erreichten, allein im ersten Halbjahr 697 Ziele – vorwiegend Raffinerien – getroffen und damit rund ein Viertel der russischen Ölverarbeitungskapazität zerstört oder beschädigt. Zudem habe die Ukraine allein in der vergangenen Woche mehr als 90 Schiffe, von denen viele der sogenannten Schattenflotte angehören, mit denen illegal Öl transportiert wird, im Asowschen Meer getroffen. Für Russland ist das besonders schädlich, weil es dringend auf Öleinnahmen angewiesen ist. Syrskyj warnte jedoch auch vor falscher Hoffnung. „Ein Wendepunkt im Krieg ist noch weit entfernt.“ Man dürfe Russland nicht unterschätzen.
Wer Julija Swyrydenko an der Regierungsspitze folgen wird, stand am Montag zunächst nicht fest. Als aussichtsreicher Kandidat galt Serhij Koretzkyj. Der 48 Jahre alte Mann ist Chef von Naftogas, dem größten staatlichen Öl- und Gasunternehmen der Ukraine. Selenskyj hatte am Sonntag wohlwollend von einem Treffen mit Koretzkyj berichtet. Dabei seien Schritte besprochen worden, „die unser Land unternehmen muss, um die Widerstandsfähigkeit der Ukraine zu stärken“.