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Pädagogen warnen eindringlich: „Wir machen unsere Kinder kaputt“

Stand: 14.07.2026, 06:30 Uhr

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Jugendliche werden heute oft im digitalen Raum sozialisiert. Die Folgen sind dramatisch.

Jugendliche werden heute oft im digitalen Raum sozialisiert. Die Folgen sind dramatisch. © IMAGO/Zoonar.com/Liudmyla Lazoryshyna

Hochsuizidale Kinder verbringen eine Nacht in der Heckscher-Klinik in München und sitzen am nächsten Tag wieder in der Schule. Auf einen Therapieplatz warten sie acht Monate.

Mit drastischen Worten schlägt Rolf Schleich, Leiter der Weilheimer Mittelschule, bei einer Sitzung des Schulverbands Alarm: Viele Schüler würden massiv psychisch leiden, bis hin zur Suizidalität – und bekämen immer weniger professionelle Hilfe. Im Interview berichten er und Susanne Bichlmaier, Beratungsrektorin für Schulpsychologie im Landkreis, von ihren Erfahrungen. Schleich wird deutlich: Wenn es so weitergeht, werden „unsere Kinder in fünf Jahren nicht mehr ausbildungsfähig sein“.

Der deutsche Schulbarometer für das Schuljahr 2025/2026 liefert erschreckende Zahlen: 25 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler zwischen acht und 17 Jahren fühlen sich psychisch belastet, 15 Prozent sind psychisch auffällig, 10 Prozent zeigen grenzwertiges Verhalten. Kommen Ihnen solche Zahlen bekannt vor?

Schleich: Ich glaube sogar, die Zahlen sind zu niedrig. Wir haben eine Elternbefragung durchgeführt. 60 Prozent geben zum Beispiel an, dass ihre Kinder einsam sind und keinen Ansprechpartner haben. Die Schüler und Schülerinnen suchen Hilfe bei Künstlicher Intelligenz. Die übernimmt dann die Aufgabe der Identitätsbildung. Wir könnten das ignorieren oder wegatmen. Aber wir sehen die Probleme ja täglich.

Wie sehen die aus?

Bichlmaier: Manche Schüler sind hochsuizidal. Sie verbringen teilweise eine Nacht in der Heckscher-Klinik in München und sitzen am nächsten Tag wieder in der Schule, weil die Klinik keine Kapazitäten hat. Wir haben hier Kinder, die sofort und auch langfristig Hilfe brauchen. Wie traurig ist das denn, wenn wir dann Wartezeiten von acht Monaten für einen Therapieplatz haben?

Wie gehen Sie mit solchen Krisen um?

Schleich: Die Kinder wenden sich an die Lehrkraft, an unsere Schulpsychologin, die Jugendsozialarbeiter oder an mich. Wir sortieren dann erst einmal die Belastungen: Sind sie zum Beispiel im häuslichen Bereich? Ist es eine psychische Thematik, hat das Kind Suizidgedanken oder ritzt es sich? Muss ich vielleicht die Polizei einschalten? Oder geht es um Cybermobbing? Wir haben übrigens als einzige Schule in ganz Bayern eine Social-Media-Sprechstunde.

Apropos Social Media: Die sozialen Medien befeuern laut Studien die psychischen Probleme von Kindern und Jugendlichen, sind oftmals sogar der Auslöser. Wie sehen Sie das?

Schleich: Die Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren sind in der Pubertät, in einer Phase der Selbstfindung. Früher wurden die Kinder von Familie, Lehrern und Vereinen sozialisiert. Heute suchen sie mit ihren Zukunftsängsten und ihrer Einsamkeit Halt im digitalen Raum. Doch da geht es nur um Selbstoptimierung: Bin ich gut genug? Schön genug? Das kann krankmachen.

Bichlmaier: Das ist durch Studien übrigens eindeutig nachweisbar.

Also verbieten?

Schleich: Digitale Geräte abzuschaffen wäre weltfremd, ein Verbot für Jugendliche wird nicht die alleinige Lösung sein. Alle fordern gerade Grenzen, ein Mindestalter für die Nutzung von sozialen Medien. Aber politisch ist das eigentlich gar nicht gewollt.

Das müssen Sie näher erklären.

Schleich: Lehrkräfte und Schulleiter fordern vom Ministerium mehr Digitalität. Aber wir meinen damit nicht Geräte, sondern die Vermittlung von Kompetenzen und eine klare Haltung. Doch die Politik will den US-Tech-Giganten nicht die Stirn bieten, der Druck von Google und anderen ist zu groß. Wir erleben gerade eine Art Social-Media-Versuchslabor und machen damit unsere Kinder kaputt.

Bichlmaier: Das ist erschütternd und kann uns nicht egal sein. Viele Kinder und Jugendliche entwickeln gerade eine digitale Abhängigkeit, sind teilweise 14 Stunden täglich online. Was sie dort sehen und erleben, ist massiv schädigend. In Online-Plattformen wie „Fortnite“ und „Roblox“ nehmen Pädophile Kontakt zu Kindern auf, geben sich in Chats als Gleichaltrige aus.

Schleich: Kürzlich stand ein Mädchen morgens weinend bei mir im Büro. Sie hat auf dem Handy eines anderen Kindes im Schulbus ein TikTok-Video gesehen, in dem eine Katze in einem Haushaltsmixer geschreddert wird. Die Kinder spüren, dass das falsch ist. Aber sie sind in dieser Lebensphase nicht dazu in der Lage, solche Dinge zu meiden. Im Netz finde ich auch immer wieder Belohnung und dann komme ich wieder. Wir sprechen hier von einer Sucht! In fünf Jahren werden diese Kinder nicht mehr ausbildungsfähig sein, weil wir Erwachsenen sie kaputtmachen, sie in Situationen drängen und dann damit alleinlassen. Wir werden noch unser blaues Wunder erleben.

Manche sagen, da habe das Elternhaus versagt. Eltern von Kindern mit Problemen seien desinteressiert und arbeiteten nicht mit der Schule zusammen.

Schleich: Wir sollten nicht in Schuldkategorien denken. Das ist kein Ansatz für Bildung und Chancengleichheit.

Was Kinder und Jugendliche belastet

Die Mittelschule hat unter Eltern und Schülern eine Befragung zum Thema „seelische Gesundheit“ durchgeführt. 144 Kinder und Jugendliche haben mitgemacht. Als Sorgen geben sie laut Schleich an, „nicht direkt Angst“ zu haben, „die Unsicherheit, die gerade zu spüren ist“, aber als „beunruhigend“ zu empfinden. Als belastend nennen sie häufig Cybermobbing und den „sozialen Optimierungszwang“, wie Schleich es nennt. Das Gefühl, „alle sind so hübsch, so anerkannt, haben ganz viele Freunde, und ich nicht“.

Von den Eltern haben sich 63 an der Umfrage beteiligt und als häufigste Belastung ihrer Kinder neben schulischem Druck soziale Konflikte wie Mobbing und Gewalt genannt. Als belastend werden auch Social Media, Reizüberflutung und die Schwierigkeit empfunden, von der digitalen in die analoge Welt zu wechseln. Psychisch belastet sehen Eltern ihre Kinder unter anderem wegen Zukunftsängsten angesichts vielfältiger Krisen. Die Eltern haben auch angegeben, was ihre Kinder stark macht: Familie, Freunde, Sport, Vereine und Natur. Und was sie fordern: ein Schließen der Versorgungs­lücke im psychologischen Bereich. Dass Schule als zentraler Hebel für seelische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern verstanden wird. Und der klare Wunsch nach Steuerung von Digitalisierung und sozialen Medien durch die Institutionen.

Bichlmaier: Eltern haben meist die größte Not, sind sehr dankbar für jede Hilfe. Ich habe noch nie erlebt, dass Eltern keine Beratung wollen. Viele sind gleichzeitig sehr frustriert und fragen sich, was sie noch machen sollen, wenn das Kind eine Diagnose hat und dann Monate auf einen Therapieplatz warten muss.

So viel Leid und keine Hilfe in Aussicht.

Bichlmaier: Dabei ist unser Landkreis gut aufgestellt. Die meisten Schulen haben beispielsweise Sozialpädagoginnen und -pädagogen. Das ist ein unglaublicher Schatz, jemand, der jeden Tag da ist. Es gibt hier auch eine sehr gute Kooperation unterschiedlicher Berufsgruppen in verschiedenen Arbeitskreisen. Doch irgendwann stößt das an eine Grenze und es braucht eine Klinik, einen Psychotherapeuten oder einen Psychiater. Und die gibt es kaum. Die Heckscher-Klinik in München ist weit und breit die einzige psychiatrische Notfallambulanz für Kinder und Jugendliche. Viele Kassensitze von Kinder- und Jugendpsychiatern sind nicht besetzt. Beispielsweise gibt es im ganzen Landkreis Landsberg keinen einzigen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Bei uns ist die inzwischen einzige Praxis völlig überlastet. Es gibt kaum Nachwuchs, Honorare werden gekürzt.

Düstere Aussichten. Gibt es Auswege?

Schleich: Zuerst einmal müsste Digitales und soziale Medien in die Lehrpläne aufgenommen werden. Aktuell haben wir keine Zeit für kompetente Medienerziehung. Die Schulen brauchen da mehr Eigenverantwortung. Es kann nicht sein, dass man am Rande der Illegalität arbeitet, wenn man bei diesem Thema etwas Neues ausprobiert. Dann fordere ich ein klares Handyverbot an Schulen. Und wir brauchen eine Demokratiedebatte. Wir reden nie mit den Kindern. Wir müssen sie fragen, was sie wollen. Ich sage dem Ministerium: Gebt uns als Schule die Freiräume, statt über das Singen von Hymnen zu diskutieren.

Bichlmaier: Schule ist der Ort, an dem all das passieren kann. Lehrer können Bindungspersonen sein. Die Schlüssel sind Bindung und Haltung. Aber das geht nicht über eine Projektwoche, das muss ins Schulsystem hinein. An der Mittelschule gelingt vieles heute schon: Die Kinder und Jugendlichen wissen, wohin sie sich wenden können. Auch zu Hause wäre es wünschenswert, wenn sie sich den Eltern jederzeit anvertrauen können, auch dann, wenn sie die in der Familie aufgestellten Handyregeln umgangen und verstörende Inhalte gesehen haben. Mit Unterstützung erkennen Kinder und Jugendliche, dass es ihnen ohne übermäßigen Medienkonsum deutlich besser geht. Ein 13-jähriger Schüler, der eine lange Krise hinter sich hat, hat mir kürzlich erzählt, dass er nun mehr Sport macht und den Schulweg zu Fuß zurücklegt, statt sich im Bus mit dem Smartphone zu beschäftigen. Seitdem geht es im psychisch besser.

Prävention an Realschule und Gymnasium

Auch Realschule und Gymnasium Weilheim haben verschiedene Konzepte entwickelt, um Kinder und Jugendliche seelisch zu stärken und zu unterstützen. Ausschlaggebend ist hier immer eine Teamarbeit aus Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und externen Stellen. An der Realschule hat sich ein Team aus Schulpsychologin Sabine Rietmann-Kantenwein, Schulsozialpädagoge Maximilian Cesak sowie mehreren Lehrkräften etabliert. Sie bieten beispielsweise nach dem Vorbild der Mittelschule Weilheim eine Social-Media-Sprechstunde sowie einen Diversity-Desk an, an den man sich bei Diskriminierungserfahrungen wenden kann. Außerdem wurden Peer-to-Peer-Projekte eingeführt: Ältere, entsprechend geschulte Schüler gehen mit bestimmten Themen in die unteren Jahrgangsstufen, zum Beispiel als „Netpiloten“, bei denen es um Medien und Sucht geht. Im kommenden Schuljahr sind weitere Projekte zum Beispiel für den Umgang mit Stress geplant.

Am Gymnasium Weilheim gibt es auch ein Netzwerk aus Beratungslehrkraft, Schulpsychologie – ab dem kommenden Schuljahr ergänzt eine Psychologin die Arbeit von Schulpsychologe Gerrit Glodowski – und Schulsozialarbeit, so Schulsozialpädagoge Christian Walch. Gemeinsam mit der Schulleitung und externen Stellen würden präventive, aber auch akute Unterstützungsmaßnahmen ergriffen. Niedrigschwellig nehmen Schülerinnen und Schüler in den Pausen im „Schul-juze“, einem offenen Raum, Kontakt zu Walch auf, wenn sie Sorgen haben. Viele Schüler wenden sich zum Beispiel auch über einen speziellen Messengerdienst an Schulpsychologe Glodowski, wie dieser berichtet. Präventiv bietet das Gymnasium ein Mental-Health-Peer-to-Peer-Programm an, im Rahmen dessen inzwischen 50 ausgebildete Schüler der 8. bis 12. Jahrgangsstufe erste Ansprechpartner für ihre Mitschüler bei seelischen Problemen sind.

Viel Nachfrage, wenig Therapieplätze

Im gesamten Landkreis Weilheim-Schongau gibt es eine einzige kinder- und jugendpsychiatrische Praxis, die beispielsweise auch Diagnostik durchführt: die Praxis von Dr. Jakob Nützel in Weilheim. Auf Nachfrage berichtet der Mediziner von „exorbitant hohen Zahlen psychisch belasteter Kinder und Jugendlicher“. In seiner Praxis klingele den ganzen Tag über das Telefon, am Apparat Eltern, die „händeringend nach einer Diagnostik oder Behandlung für ihr Kind suchen“. Dabei übersteige die Nachfrage das Angebot im psychiatrischen Bereich „wahrscheinlich um den Faktor 2“, im Bereich der Psychotherapie müsse man schätzungsweise sogar vom Faktor 4 oder 5 ausgehen. Dass im April die Honorarkürzungen für Therapeuten beschlossen wurden, sei in diesem Zusammenhang „ein Hohn“. „Wir stehen im Bereich der ambulanten Angebote für Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen und Entwicklungsbeeinträchtigungen kurz vor einem Offenbarungseid.“