Österreichs umstrittene Entscheidung über Hitlers Geburtshaus: „Ging darum, die Verherrlichung zu brechen“
Stand: 24.07.2026, 18:35 Uhr
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Lange war der Geburtsort von Adolf Hitler ein Wallfahrtsort für Neonazis. Nun wurde das Gebäude neu besetzt – die Hoffnung ist groß, den Mythos endgültig zu begraben.
Braunau am Inn – Wie begegnet man einem Ort, der untrennbar mit unvorstellbaren Gräueltaten verbunden ist? Was macht man mit einem Gebäude, das stellvertretend wie kein anderes für den Mann steht, der diese zu verantworten hat? Vor diesen Fragen steht die Republik Österreich seit jeher, wenn es um den Geburtsort von Adolf Hitler geht – ein Haus im oberösterreichischen Braunau am Inn, das durch diesen Umstand weltweit bekannt wurde.

Das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn: glorifizierte Pilgerstätte von Neonazis – und nun eine Polizeistation. © Matthias Röder/dpaAnfang des Jahres wurde beschlossen, dass aus dem geschichtsträchtigen Gebäude eine Polizeistation werden soll. Am Mittwoch, dem 22. Juli, fand schließlich die offizielle Einweihung statt. Doch nicht alle sind glücklich über diese Entscheidung: Bereits im Jahr 2023 sprach der österreichische Filmemacher Günter Schwaiger gegenüber der Deutschen Welle von einem „Schlag ins Gesicht der Opfer“. Der geplante Umbau zur Polizeistation sei „das völlig falsche Signal“. Ähnlich äußerte Eveline Doll, gebürtige Braunauerin und Sprecherin der Bürgerinitiative „Diskurs Hitlerhaus“, nun zur Einweihung: „Hier wurde eine einzigartige historische Chance vertan, das Geburtshaus des größten Massenmörders der Menschheit in einer nachhaltigen und historisch verantwortungsvollen Art und Weise zu nutzen.“
Hitlerhaus in Braunau: Österreich will den Mythos durchbrechen
Doll hätte sich gewünscht, dass das Haus zu einem „Ort der Zusammenkunft für Frieden, Freiheit, Demokratie und Toleranz“ umgestaltet wird. 2023 hatte sie sich dafür ausgesprochen, die Wanderausstellung „Die Gerechten – Courage ist eine Frage der Entscheidung“ dauerhaft in Hitlers Geburtshaus zu zeigen. Die 400 Quadratmeter umfassende Schau erinnert an mutige nichtjüdische Menschen, die während des Holocaust ihr Leben riskierten, um Jüdinnen und Juden zu retten.
Das Gebäude in Braunau am Inn wird seit Jahrzehnten von Neonazis als Wallfahrtsort mystifiziert, wie der österreichische Historiker Oliver Rathkolb im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media berichtet: „Da haben dann immer wieder Hooligans nachts vor dem Haus posiert und sich mit nacktem, tätowiertem Oberkörper voller Hakenkreuze fotografiert“, sagt er. Der 70-Jährige hat das Innenministerium als Mitglied einer Kommission beraten und sich für die Polizeistation ausgesprochen.
„Wir sind etwas anders an das Problem herangegangen als bisher üblich“, erklärt Rathkolb. Man habe Vergleiche zu internationalen Geburtsstätten von anderen Diktatoren herangezogen und sei sich einig gewesen: „Das zentrale Ziel sollte sein, diesen symbolischen Weiheort, diesen Pilgerort-Mythos zu brechen.“ Dabei gehe es auch darum, dem Gebäude die Aura zu nehmen – deshalb sei es in den vergangenen Jahren in den Zustand vor Hitlers Geburt zurückversetzt worden.
Polizeiwache in München war Hitler-Residenz
Ein weiterer Punkt sei die künftige Nutzung gewesen. Da die vorherigen Mieter nicht bleiben wollten, habe man sich schließlich für die Polizeistation ausgesprochen – eine Lösung, mit der sich auch Rathkolb lange schwertat. „Sowohl in Deutschland als auch in Österreich waren Polizisten Steigbügelhalter des Nationalsozialismus – waren wirkliche Mörder, Kriegsverbrecher.“ Nun übernehme die Polizei endlich Verantwortung durch Schulungsmaßnahmen und Aufklärung – wenn auch sehr spät, befindet Rathkolb.
„Hier geht es jetzt eigentlich um die Gegenwart und Zukunft: Welche Rolle hat die Polizei in einer parlamentarischen Demokratie, die zunehmend unter Druck gerät?“, fragt der Historiker. Vor dem Hintergrund sehr starker autoritärer und antidemokratischer Entwicklungen in der ganzen Welt komme dem Ort eine neue Rolle zu – eine Symbolik, wohin die Polizei eigentlich ziehen müsse: „In Richtung wehrhafter Demokratie“, meint Rathkolb. Ähnlich verhält es sich mit der Münchner Polizeiwache am Prinzregentenplatz. Auch hier hatte Hitler vorübergehend residiert, nun öffnete die Polizei vor Kurzem die Räume für die Öffentlichkeit – um zu zeigen, wie aus dem Ort des Terrors ein Ort der Demokratie geworden ist, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt.
Kritik an Braunau-Lösung auch von deutschen Medien
In Österreich habe auch der Staat im Umgang mit dem Hitlerhaus seine Rolle verändert, nachdem dieser nach jahrelangen Streitigkeiten und Gerichtsverfahren die vorherige Besitzerin des Hitlerhauses 2019 enteignet hatte – auf Empfehlung von Rathkolbs Kommission. „Bisher haben sie nur moderiert – Mieter besorgt, und wenn Neonazis aufmarschiert sind, hat man sie vertrieben“, sagt der 70-Jährige. „Aber nie wirklich als Eigentümer. Das ist eine neue Qualität, und ich glaube, das sollte man auch anerkennen.“
Momentan beobachte er noch „große Aufregung und Skepsis“, auch in den internationalen Medien. Es überwog ebenso in deutschen Medien Kritik nach dem Motto: „Die Österreicher haben schon wieder nichts aus ihrer Geschichte gelernt. Das finde ich unfair und kurzgegriffen, weil viel passiert ist“, sagt Rathkolb. „Dieses Haus ist zufällig der Geburtsort eines späteren Monsters, das Europa ins Unglück gestürzt hat – aber auch mit vielen, die ihn dabei unterstützt haben.“
An jedem anderen Ort, ob in Mauthausen oder Dachau, gebe es genügend Aktivitäten, die das Gedenken förderten. „Aber hier ging es wirklich darum, diese Verherrlichung zu brechen“, sagt der Historiker. Ob das langfristig zum Erfolg führt, müsse sich zeigen: „Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.“ (Quellen: dw.com, sueddeutsche.de, Interview) (bs)