Darum gehts
- Die Schweizer Nati-Stars vertrauen vor WM-Spielen auf feste Rituale – von Gebet über Gospel bis zu Bandagen.
- Ruben Vargas betet für Schutz und Gleichgewicht, Granit Xhaka betritt den Platz stets mit dem rechten Fuss und einem Stossgebet.
- Während Gregor Kobel das Handy weglegt und ein Buch liest, erhält Silvan Widmer nach jedem Spiel dieselbe Liebesbotschaft von seiner Frau Céline.
Der Glaube versetzt Berge, besagt ein Sprichwort aus dem neuen Testament. Das Zitat aus der Bibel bedeutet, dass man scheinbar Unmögliches schaffen oder grosse Herausforderungen überwinden kann, wenn man nur fest an den eigenen Erfolg glaubt.
Im Fall der Schweizer Nati ist es der Vorstoss in den WM-Viertelfinal und die Verlockung auf dem Weg zum Titel auch den amtierenden Weltmeister Argentinien aus dem Weg zu räumen.
Ruhe, Gleichgewicht und Schutz vor Verletzungen
Der Glaube greift bei vielen Nati-Stars auf ganz unterschiedliche Weise – vom täglichen Gebet über die Matchvorbereitung bis zum Torjubel.
So rief Ruben Vargas vor seinem entscheidenden Penalty im Achtelfinal gegen Kolumbien den Herrgott an und bedankte sich nach seinem Torerfolg mit einem Gruss zum Himmel.
Elfer-Krimi im Achtelfinal: Vargas läuft zum letzten Penalty an und sichert der Schweiz den Sieg gegen Kolumbien.SRFDer 27-jährige Nati-Flügel gilt als einer der gläubigsten Spieler und erklärt seinen Erfolg durch die Spiritualität. «Das Gebet ist das Wichtigste für mich vor dem Spiel, um meine Ruhe und das Gleichgewicht zu finden. Ich bete da auch für Schutz, dass ich gesund bleibe.»
Wenn Vargas ein Tor erzielt, folgt ein festes rituelles Prozedere: Er fällt auf die Knie, blickt nach oben und streckt die Zeigefinger nach oben, um Gott und Jesus Christus zu danken. Manchmal formt er mit den Fingern auch ein Kreuz.

Ruben Vargas (rechts) und Johan Manzambi jubeln nach dem 1:0 gegen Kanada. Vargas ist bekannt für seine spirituellen Rituale, während Manzambi sich mit Gospel-Musik auf Spiele einstimmt.freshfocusGranit Xhaka mit offenen Händen und Stossgebet
Captain Granit Xhaka gehört zu jenen, die auf feste Abläufe setzen. Beim Einlaufen betritt der 33-Jährige den Platz stets mit dem rechten Fuss, macht zwei kleine Hüpfer und richtet den Blick gen Himmel. Mit geöffneten Händen und geschlossenen Augen folgt ein kurzes Stossgebet.
Auch Ricardo Rodriguez sucht vor jedem Spiel einen stillen Moment. Der Routinier bekreuzigt sich beim Betreten des Rasens und blickt dabei kurz nach oben. Für den Linksverteidiger ist das weniger Aberglaube als Ausdruck seines christlichen Glaubens.

Mit Gott im Gleichgewicht: Ricardo Rodriguez betet vor jedem Spiel.IMAGO/STEINSIEK.CHGospel und Mango bei Manzambi
Auf Spiritualität setzen auch Johan Manzambi, Denis Zakaria und Breel Embolo. Shootingstar Manzambi stimmt sich mit Gospel-Musik auf die Partie ein und vertraut auf «die Kraft von Jesus». Nach Toren zeigt der 20-Jährige regelmässig seinen geheimnisvollen «Mango-Jubel», dessen Bedeutung er bis heute nicht verrät.
Wenn Embolo trifft, folgt oft sein Joker-Jubel: Mit den Händen formt er sein Gesicht zu einem Grinsen – eine Geste für seine Kinder, denen er damit die Angst vor dem Schurken aus dem «Batman»-Film nehmen möchte. Auffällig ist bei Embolo auch die Bandage am rechten Handgelenk, die bei besonderen Spielen mit einem Schweizer Kreuz versehen ist.

Mit seinem «Joker-Jubel» formt Embolo sein Gesicht zu einem Lächeln: eine liebevolle Botschaft an seine Familie, die zeigt, wie Rituale und persönliche Bindungen Schweizer Nati-Stars vor und nach dem Spiel begleiten.freshfocusAuch Dan Ndoye und Zeki Amdouni tragen eine Manschette am Handgelenk. Letzterer würdigt mit der Bandage sein grosses Idol Karim Benzema, der nach einer Verletzung auf eine Operation verzichtet und stattdessen seine Hand mit einem Tape stabilisierte.
Akanji und Widmer am Handy – Kobel im Flugmodus
Nicht alle haben Rituale, die auf Verbände oder Religion beruhen. Manuel Akanji telefoniert einfach vor jedem Spiel mit seiner Familie. «Wir wünschen ihm viel Glück und Erfolg», verriet Ehefrau Melanie einst gegenüber 20 Minuten.
Anschliessend übernimmt der Innenverteidiger häufig gemeinsam mit Embolo die DJ-Rolle in der Garderobe.

Melanie Akanji verfolgt das WM-Spiel Schweiz gegen Kanada in Vancouver. Während ihr Mann Manuel auf dem Platz seine Rituale pflegt, unterstützt sie die Nati von den Rängen aus.freshfocusAuch für Silvan Widmer ist seine Frau die grosse Stütze. Nach jedem Spiel – unabhängig vom Resultat – wartet dieselbe Botschaft von Céline auf dem Handy: «Sie schreibt mir jedes Mal, dass sie mich liebt. Ohne Ausnahme. Seit Jahren», erzählt der Rechtsverteidiger.
Goalie Gregor Kobel legt das Handy hingegen bewusst zur Seite. Vor dem Spiel geht er in Flugmodus und liest ein Buch. Er findet damit den Fokus ganz auf die bevorstehende Aufgabe. Für ihn zählt vor allem das richtige Mindset.

Gregor Kobel pariert einen Penalty im Achtelfinal gegen Kolumbien. Der Goalie setzt auf Konzentration statt Ablenkung – sein Ritual: Handy weg, Buch zur Hand.IMAGO/ZUMA PressFassnacht mit dem Nagellack der Mutter
Spezielle Rituale finden sich auch in der Garderobe wieder. Bei Nico Elvedi gilt: rechter Fuss zuerst. Socken, Schuhe und selbst die Bandagen folgen immer in derselben Reihenfolge. Remo Freuler hält es ähnlich und zieht grundsätzlich zuerst den rechten Socken, den rechten Schienbeinschoner und den rechten Schuh an.
Wenn Christian Fassnacht seine Schoner richtet, kommt auch der rechte zuerst. Zu Beginn seiner Karriere hatte er einen besonderen Tick, in dem er von seiner Mutter den Nagellack auf die Schienbeinschoner strich. Heute verzichtet er zwar darauf, einen festen Wunsch hat er aber behalten: Beim Anziehen der Schoner hofft er vor jedem Spiel vor allem auf eines – verletzungsfrei zu bleiben.
Wie wichtig sind Rituale für dich, wenn du dich auf etwas Wichtiges vorbereitest?
Sehr wichtig, sie geben mir Sicherheit und Fokus.
Ich habe ein paar kleine Gewohnheiten, aber keine festen Rituale.
Ich brauche keine Rituale, ich verlasse mich auf meine Fähigkeiten.
Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber vielleicht sollte ich es mal probieren.
Ich finde Rituale eher hinderlich und unnötig.
Mehmedi und die Glücks-Unterhose
Zum Thema kurioser Rituale lohnt eine Rückblende zu Admir Mehmedi. Der ehemalige Nati-Stürmer hatte einen sehr speziellen Aberglauben bezüglich seiner Unterwäsche: Wenn er in einem Spiel ein Tor erzielte, zog er dieselbe Unterhose auch im nächsten Match wieder an.
So galt die Unterhose des ehemaligen Bundesliga-Torjägers als «erfolgreich» geladen und durfte beim nächsten Anpfiff nicht fehlen. Auch wenn der Wunschgedanke an den nächsten Treffer gross war, legte Mehmedi grossen Wert auf die Feststellung, dass die Glücks-Unterhose zwischen den Partien immer gewaschen wurde.
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Sebastian Rieder (sri), arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Stv. Leiter Sport. Der Generalist hat stets die besten Schweizer Fussballer im Fokus und begleitet die Nati als Reporter und Videojournalist.