Stand: 16.07.2026, 18:09 Uhr
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Blick auf die (digitale) Paulskirche. © Michael SchickDie vom Land geförderte Gastprofessur soll Wirkung über die Unis hinaus entfalten. Die Hochschule Rhein-Main erhält den Zuschlag.
Durch die Paulskirchen-Professur können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ein Jahr an einer hessischen Hochschule lehren und forschen. Ziel der neu geschaffenen Gastprofessur ist, dass die Geförderten nicht nur im Dunstkreis der Hochschule wirken, sondern auch in die gesamte Breite der Gesellschaft. „In der Frankfurter Paulskirche wurde vor knapp 180 Jahren die Grundlage für unsere parlamentarische Demokratie gelegt“, sagte Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD). Deshalb sei der Ort ein idealer Namensgeber für die neue Gastprofessur.
Möglich wird sie durch eine Förderung des Hessischen Wissenschaftsministeriums. Es stellt für die Paulskirchen-Professur pro Jahr bis zu 330.000 Euro bereit. Das Ministerium will die Forschung zu Demokratie in Hessen stärken und sie so widerstandsfähiger gegen Extremismus und autoritäre Kräfte machen. Das Vorhaben ist Teil des „11+1 Programms“ des Landes. Die Professur wurde durch ein vom Ministerium unabhängiges Auswahlverfahren einer Jury vergeben. Vier hessische Hochschulen haben sich auf die Gastprofessur beworben und je eine Personalie vorgeschlagen. Volkan Çıdam war das für die Hochschule Rhein-Main. Sie hat nun den Zuschlag erhalten, Çıdam wird ein Jahr an der Hochschule lehren und forschen.
Tom Uhlig war es, der Çıdams Namen für die Bewerbung ins Spiel gebracht hat. Die Bewerbung sei aber eine gemeinschaftliche Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen gewesen, betont der Sozialwissenschaftler in aller Bescheidenheit. Uhlig lehrt an der Hochschule im Fachbereich Sozialwesen. Es habe ihn positiv überrascht, dass die Professur an seine Hochschule kommt, „und nicht an irgendein Exzellenzcluster Politikwissenschaft“. Das begreife er als Wertschätzung der Arbeit seiner Institution. „Es zeigt, dass die demokratisierende Wirkung der Sozialen Arbeit ernst genommen wird.“ Das merke er in seinen Seminaren. Studierende der Sozialen Arbeit gäben sich selten mit reiner Theorie zufrieden, sondern fragten immer nach der Anwendung in der Praxis, nach den Konsequenzen für die Arbeit mit den Menschen.
Diesen Punkt betonte auch Eva Waller, Präsidentin der Hochschule Rhein-Main. Bei Sozialer Arbeit gehe es häufig um Menschen in prekären Lebenssituationen: Armut, Krankheit, politische Krisen. Eine wichtige Frage sei, wie diesen Menschen Teilhabe am demokratischen Miteinander ermöglicht werden kann. „Konkretes Beispiel: wie eine Person ohne gültigen Wohnsitz ihr Wahlrecht ausüben kann.“ Soziale Arbeit ziele auf eine selbstbestimmte Lebensführung, und dazu gehöre auch politische Selbstbestimmung, so schlägt Uhlig den Bogen zur Demokratie.
Waller hob außerdem die persönliche Erfahrung der Repression hervor, die Volkan Çıdam an der Boğazçi-Universität machen musste. Diese Erfahrung qualifiziere ihn über sein fachliches Wissen hinaus für die Stelle. Die Hochschulpräsidentin vermutet in diesen Erfahrungen auch den Grund, warum die Bewerbung die Jury überzeugt haben könnte. Neben der Forschung und der Lehre, an der Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen teilnehmen können, erhofft Waller sich Wirkung über die Hochschule hinaus durch Podcasts und die Veröffentlichung eines Buches.
Die Paulskirchen-Professur ist eine klassische Gastprofessur und damit auf ein Jahr begrenzt. Es gehe darum, durch den Wechsel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Perspektiven die Diskussion anzuregen.