Ein cooles und nützliches Festival-Accessoire am ersten Lollapalooza-Tag waren so genannten foldable bottles, also faltbare Flaschen, die viele Gäste mit sich trugen. Wer noch nie eine wissentlich gesehen hat, stelle sich vom Design her eine Art Wärmeflasche vor - bloß konzipiert für erfrischendes Trinkwasser. Am zweiten Festivaltag, dem Sonntag, kommen die Faltflaschen wohl etwas weniger zum Einsatz. Übertrieben warm ist es mit 22 Grad nicht mehr. Trotzdem verstehen viele Acts es, den Lolla-Gästen einzuheizen.
Dazu gehört definitiv Noga Erez aus Israel mit ihrer Band. Erez, seit ihrem Debüt-Album „Off The Radar“ von 2017 ein Star der Indie-Szene, ist eine der spannendsten Künstlerinnen der zeitgenössischen elektronischen Popmusik, verbindet HipHop und gesellschaftskritische Texte mit Avantgarde-Klang-Experimenten. Kendrick Lamar, Little Simz und Vince Staples zählen zu ihren Inspirationsquellen. Aber auch Radiohead und St. Vincent. Harte, basslastige Beats, rhythmischer Sprechgesang und eingängige Pop-Hooks trotz komplexer Produktionen prägen Noga Erez’ Lolla-Auftritt. Das Publikum fährt merklich besonders auf ihre Rap-Parts ab.
Noga Erez bei ihrem Auftritt auf dem Lollapalooza Berlin 2026
© IMAGO
Eine Stunde nach Erez' kraftvollem Gig sind wir mit ihr backstage im Olympiastadion verabredet. In der Zwischenzeit hat sie sich Pasta und einen Affogato (Espresso mit Vanilleeis) gegönnt. „Nach der Show esse ich meistens sehr viel, da ich so viel Energie verbrauche“, sagt Erez und lacht – man glaubt es ihr sofort. Mit Berlin verbindet die Israelin viel: Die Stadt sei für sie fast schon eine zweite Heimat: „Berlin ist eine woke Stadt, und ich bin selbst ein bisschen woke.“
Als wir über Berlin sprechen, packt Erez allerdings auch eine schaurige Anekdote aus dem Jahr 2011 aus: Da war sie in Berlin auf einem Radiohead-Konzert. „Danach bin ich in den Club Berghain gegangen, weil man mir sagte, man müsse dort hin.“ Dort habe sie jedoch zum ersten Mal jemanden mit einer Überdosis gesehen. „Das werde ich nie vergessen“, sagt sie, offenbar noch immer etwas verstört bei der Erinnerung. Sowieso sei sie kein großer Techno-Fan: „Ich mag das Tanzen dazu nicht so sehr, auch wenn ich es für andere respektiere.“
„Obwohl man unterschiedliche Weltanschauungen hat“
Apropos Respekt vor anderen: Erez (Mutter einer 18 Monate jungen Tochter, die mit ihr reist) glaubt daran, so schwört sie uns, dass Musikfestivals wie das Lollapalooza Menschen mit ganz unterschiedlichen Ansichten doch zusammenbringen kann: „Das ist kein romantisierender Gedanke, sondern ein Fakt“, sagt sie und meint es merklich so. „Das ist ein großer Teil dessen, warum ich tue, was ich tue.“ Sie habe schon als Teenager bei Konzerten diese tiefe Verbindung zu den Menschen um sich herum gespürt: „Obwohl man sich nicht kennt – oder völlig unterschiedliche Weltanschauungen hat.“
Bester Laune: Zartmann (r.) und seine Bandkollegen auf dem Lollapalooza Berlin 2026
© DAVIDS
Sehr unterschiedliche Menschen bringt auch der Berliner Liedermacher Zartmann aus Prenzlauer Berg zusammen. Sein Superhit „Tau mich auf“ war 2025 Deutschlands meistgespieltes Lied des Jahres. Beim Lollapalooza fährt der junge Großstadtpoet von Sekunde eins an ein ultrahohes Energielevel, saust unentwegt, das Hemd fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, an der Bühnenrampe hin und her. Später spielt er sogar ein exzessives Solo auf der elektrischen Gitarre.
Sowieso heißt Lolla für Zartmann auch Heimspiel. Cousin und die Eltern sind auch gekommen. „Liebe Grüße, Mama, Papa!“, frohlockt Zartmann – und schiebt hinterher, dass er ja heute etwas heiser sei. Stören tut das sicher niemanden, der Zartmann mag. Denn eine angekratzte Stimme, die gehört ja eh zu Zartmann und zu seinen gitarrigen, soft hiphoppenden Midtempo-Liedern von „Großstadt, paar Drogen und wie du manchmal fehlst“.
Anitta (Mitte) sorgt auf dem Lollapalooza trotz Tageslicht für Nachtclubstimmung.
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Völlig andere Klänge fährt Anitta auf: Die gehypte Brasilianerin, geboren 1993 in Rio de Janeiro, die in der Vergangenheit auch schon mit Madonna, The Weeknd und Sam Smith zusammengearbeitet hat, ist mittlerweile so etwas wie die globale Markenbotschafterin des brasilianischen Funk Carioca, den sie von klein auf in der Favela kennengelernt und gelebt hat. Funk Carioca ist ein aus Rio stammender, von HipHop und Miami Bass beeinflusster Musikstil, der einem potenziell sofort in die Beine geht.
So ergeht es auch vielen Gästen auf dem Lolla, nicht zuletzt dank der phantastischen Tänzerinnen und Tänzer, die Anitta umgarnen und mit ihr gemeinsam twerken. In den ersten Publikumsreihen schwenkt man viele Regenbogenfächer. Trotz Tageslicht fühlt sich der Olympiapark rasch wie ein schwitziger Nachtklub an. Wohlgemerkt: einer, in dem es regnet! Viel haben sich zum Schutz schon ihre Regenmäntel übergeworfen. Anderen reicht gegen den Nieselregen ihre Sonnenbrille. Sicher tut da der Funk im Herzen sein Übriges.
Ein fulminantes Finale bekommt das Lolla Berlin 2026 dann allerdings vor allem durch Lorde. Dass sie popmusikalisch Weltspitze ist, kann man schon lange wissen. Ihren ersten Tophit hatte sie mit 16: „Royals“. Aber: Dass die nunmehr 29-jährige Grammy-Preisträgerin aus Neuseeland mit Band und Tänzern eine derart explosive Festivalshow zaubern kann – das hat wohl sogar die Erwartungen von Lorde-Ultras übertroffen.
Lorde setzt bei ihren intim-eingängigen Liedern auf elektronisches Set-up (viele Kabel und Sequenzer, Drumcomputer, Synthesizer), Kunstperformance-Aura sowie Choreographien fern von jedem heiteren Dance-Pop-Klischee. Die Bühne wirkt wie eine Art Düster-Berghain aus der Zukunft. Lorde und ihre Crew besteigen im Lauf des elektrisierenden 90-Minuten-Sets gigantische Soundsystem, spritzen Wasserspender-Wasser, lassen sich grün belasern, klatschen sich blaue Farbe auf die Haut. Und liefern einen Dark-Wave-angehauchten Synth-Pop-Sound bei Hits von „Supercut“ bis zu „Girl, so confusing“ (im Original ein Gemeinschaftswerk mit Charli xcx).
„Berlin hat es mir angetan“, bekundet Lorde. Hier fühle sie sich sehr verstanden. „Und der Berliner Sommer ist eines der schönsten Dinge – auf der ganzen Welt.“ Keine Widerrede. Ob sich die Lorde-Fans nach deren finalem Song (und nach dem Sonnenuntergang) wohl eher den konsensfähigen Kuschelpoprock von Lewis Capaldi auf der Essence-Stage geben oder ob sie lieber Party machen auf die kolumbianischen Beats von Funk Tribu auf der Perry's Stage? Beides scheint denkbar. Lordes Schwärmerei von Berlin und dem Sommer – der ist in keinem Fall zu widersprechen.
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