
Kommentar
Der Bürgerkrieg vor unserer Haustür: Attacken auf Lehrer, Messergewalt und Strassenschlachten
Die Grenze zwischen Krieg und Frieden ist nicht so eindeutig, wie es scheint. Fälle von sinnloser und brutaler Gewalt durchziehen Europa. Das Problem wird verharmlost.
18.07.2026, 05.35 Uhr
6 Leseminuten

8. Juni, Belfast, Nordirland. Ein Polizist am Tatort des Messerangriffs eines Sudanesen.
Isabel Infantes / Reuters
Eine Wiener Lehrerin hat eine Beziehung mit einem ehemaligen Schüler. Der 16-Jährige belagert mit seiner Clique regelmässig ihre Wohnung, zwei Kumpane vergewaltigen die Frau. Als letzten Coup zünden sie ihre Wohnung an. Der Iraker erklärt vor Gericht, er habe keine Lust mehr gehabt auf die Lehrerin.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
In Sanary-sur-Mer attackiert ein 14-jähriger Franzose seine Kunstlehrerin mit einem Messer lebensgefährlich – er fühlte sich ungerecht behandelt.
In Southampton verletzt ein Sikh mit seinem Zeremonialmesser einen Briten lebensgefährlich. Am Tatort überwältigen die Polizisten nicht den Täter, sie legen dem Opfer Handschellen an. Sie gehen davon aus, dass der Brite von Rassismus getrieben den Sikh angegriffen hat. Weil dem Briten die Erste Hilfe verweigert wird, stirbt er wenig später.
In Belfast sticht ein sudanesischer Asylbewerber mit einem Messer auf einen Mann ein und versucht ihm die Kehle durchzuschneiden. Darauf geht ein vermummter Mob auf die Strasse und sucht Vergeltung.
Mit Eisenstangen und Schlagstöcken
Auf Gewalt folgt Gegengewalt, oft trifft sie Menschen, die mit der ursprünglichen Tat nichts zu tun haben. Ein Motiv, geschweige denn ein politisches, braucht es nicht unbedingt. Langweile und die Gelegenheit, gewalttätig sein zu können, reichen aus. Nachdem Paris Saint-Germain die Champions League gewonnen hatte, verwandelten euphorisierte Fans ihre Stadt in ein Schlachtfeld.
In europäischen Städten liefern einander arabische Clans Verfolgungsjagden, geschossen wird aus dem Auto. Eritreer, die schutzsuchend in die Schweiz gekommen sind, traktieren sich hier mit Eisenstangen, Steinen und Stöcken. Die einen sind für den Diktator, die anderen gegen ihn. Anstatt den Frieden in der Schweiz zu geniessen, setzen sie ihren Konflikt fort.
Problem Ausländerkriminalität
Man kann in dieser Aufzählung eine Reihe von Einzelfällen sehen, die sich nicht vergleichen lassen. Es stimmt, jeder Fall hat seine eigene Geschichte. Ebenso kann man auf jährliche Kriminalitätsstatistiken hinweisen: darauf, wie die Gewalt schwankt und in manchen Kategorien zurückgeht.
Oft handelt es sich dabei aber um Beschwichtigungen und Verschleierungsübungen, die gerade bei Politikern beliebt sind. Indem das Problem in Einzel- und Spezialfälle portioniert wird, versucht man das Gewaltphänomen aus der Welt zu schaffen. Dabei haben die obigen Fälle Gemeinsamkeiten, die zum Teil zusammenhängen. Ausländische Täter sind überproportional stark vertreten, und in vielen europäischen Ländern gibt es ein erschreckendes Ausmass an Jugendgewalt.
In Österreich wurde im vergangenen Jahr gegen 35 000 Tatverdächtige im Alter zwischen 14 und 18 Jahren ermittelt. Innerhalb von zehn Jahren ist die Zahl um 45 Prozent gestiegen. Bei den Strafunmündigen (10- bis 14-Jährige) wurden über 13 000 Beschuldigte verzeichnet – das entspricht einem Plus von 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Erstmals sind mehr als die Hälfte dieser Kinder Ausländer.
Männer aus dem arabischen Raum
In Deutschland ist die Zahl der Vergewaltigungen seit 2018 um 72 Prozent gestiegen, pro Tag gibt es zwei Gruppenvergewaltigungen, wobei der Ausländeranteil hier bei 53 Prozent liegt. Allein in Berlin kam es im vergangenen Jahr zu 3412 Drohungen oder Angriffen mit Messern.
Der forensische Psychiater Frank Urbaniok hat die überproportionale Ausländerkriminalität in der Schweiz, Österreich und Deutschland anhand von Polizeistatistiken sorgfältig untersucht. Er kam letztlich in allen drei Ländern zum selben Befund: Nicht Ausländer per se, sondern Männer aus Ländern wie Algerien, Libyen und Somalia sind im Vergleich massiv gewalttätiger – und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst.
So zeigt die Statistik in Deutschland, dass Algerier über 30-mal so häufig gewalttätige Angriffe verüben wie Deutsche. Auch bei Sexualdelikten und Angriffen auf Leib und Leben sind hohe Überrepräsentationen zu erkennen.
Alle sind Opfer
Europa ist erst langsam bereit, solch unangenehme Befunde offen anzusprechen und als Realitäten zu akzeptieren. Das Volksempfinden ist vielerorts schon weiter, wie Proteste und gewalttätige Demonstrationen gegen Ausländer sowie das Erstarken rechtsnationaler Parteien zeigen. Während Ausländerfeinde versuchen, sämtliche Migranten zum Sündenbock zu machen, neigte die Politik lange dazu, alle Ausländer zu Opfern zu erklären: Opfer wegen ihrer sozialen Umstände oder ihrer psychischen Traumatisierung. Vor allem aber Opfer von Rassismus.
Dabei spielten die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Nationalsozialismus eine entscheidende Rolle. Nie mehr sollte dieser Rassismus zurückkehren, entsprechend suchte man die Schuld fast systematisch bei sich selbst. Wenn die Erfahrungen mit Migranten zu unangenehm wurden, riet man der Mehrheitsbevölkerung auszuweichen. Um nicht belästigt zu werden, solle man eine Armlänge Abstand halten, erklärte die damalige Kölner Bürgermeisterin nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht von 2015.
Die Tendenz, aus Tätern Opfer zu machen, stachelt die Gewalt zusätzlich an. Das Vertrauen in eine gerechte Strafe erodiert. Wie der Fall von Belfast zeigt, suchen Rechtsextremisten die Selbstjustiz auf der Strasse: Wegen des Vergehens eines Sudanesen sollen alle Schwarzen büssen. Der Mob fühlt sich mächtig und überlegen, gleichzeitig empfindet er sich selbst als Opfer eines Staates, der die Bürger nicht schützt.

9. Juni, einen Tag später, Belfast, Nordirland. Nach dem Messerangriff zieht ein Mob von Anti-Migrations-Demonstranten durch die Strassen, Autos brennen.
AP
Die Apokalypse der Gewalt
Im Grunde spiegelt dies die Dynamik, die René Girard in modernen Kriegen sieht. Der verstorbene französische Anthropologe erlebt eine Renaissance, seit sich Figuren wie Peter Thiel und J. D. Vance auf ihn beziehen. Nach René Girard schlüpfen Angreifer und Angegriffene gleichermassen in die Rolle des Opfers, entsprechend verliert der Begriff seine Konturen. Im Wettbewerb, wer das grössere Opfer ist, spitzt sich die Rivalität immer weiter zu. Aus dem Gefühl, selbst das grösste Opfer zu sein, nimmt sich schliesslich jeder das Recht, den anderen auszulöschen.
Angesichts einer Mehrheit friedlicher Ausländer und Inländer gibt es keinen Grund, diesen Hang zur Apokalypse zu teilen. Aber die finstere Dynamik zu erkennen, kann helfen, die Krise der Gewalt besser zu bewältigen. Ausländer als solche taugen weder als Opfer noch als Sündenböcke der Gesellschaft – und sollten von Politikern in diesen Kategorien auch nicht behandelt werden.
In der Kriminalitätsstatistik stehen Ausländer aber logischerweise unter erhöhter Beobachtung, weil sich die Öffentlichkeit zu Recht fragt, ob die Gesellschaft ausländische Verbrecher mittragen muss. Die Antwort ist einfach und lautet: Nein. Anders als bei inländischen Gewalttätern kann man diese Täter im Zweifel loswerden, indem man sie in ihre Herkunftsländer ausschafft.
Der molekulare Bürgerkrieg
An diesem Punkt hat die europäische Politik allzu oft versagt. Anstatt den Schutz der hier lebenden Gesellschaft zu priorisieren, liess man sich von Gefühlen einer kollektiven, moralischen Weltverantwortung leiten. Dabei ist es geradezu geboten, Abstufungen der Verantwortung vorzunehmen. Die Sicherheit im eigenen Land gilt mehr als die Interessen eines einzelnen Schwerstkriminellen. Allmählich erst setzt sich diese Erkenntnis durch, so schafft Deutschland seit kurzem schwerstkriminelle Afghanen zurück in die Heimat aus, in eine ungewisse Zukunft. Schön ist das nicht, aber sie haben ihre Chance hier verspielt.
Bis zu einem gewissen Grad ist die Gesellschaft der Gewalt ausgeliefert. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat schon in den neunziger Jahren vom «molekularen Bürgerkrieg vor unserer Haustür» geschrieben. Damit fasste Enzensberger völlig unterschiedliche Gewaltphänomene zusammen, die auf eine Gesellschaft wirken: Hooligans, Drogenbanden, Islamisten, brave Bürger, die über Nacht plötzlich ausrasten.
«Wir machen uns etwas vor, wenn wir glauben, es herrsche Frieden, nur weil wir immer noch unsere Brötchen holen können, ohne von Heckenschützen abgeknallt zu werden», schreibt Enzensberger. Der molekulare Bürgerkrieg beginne unmerklich und mit winzigen Kriegserklärungen: Müll am Strassenrand, Spritzen im Park, zerbrochenen Bierflaschen.
Auch dies war kein Aufruf, in Panik zu verfallen. Es war eher die Idee, den Blick für die Fragilität der europäischen Ordnung zu schärfen. Enzensberger mutmasste, dass ein zivilisiertes Zusammenleben schon unmöglich sein könnte, wenn nur jeder Hundertste diesen alltäglichen Bürgerkrieg will.
Der Frieden als permanente Aufgabe
Die Bekämpfung der Gewalt verglich Enzensberger mit einer Sisyphusarbeit. Der Stein, den der griechische Held immer wieder – und ohne Aussicht auf ein Ende – einen Berg hinaufrollen muss, ist der Frieden. Der Staat muss in einem permanenten Kraftakt die Gewalt eindämmen, im Wissen, dass sie dennoch immer wieder ausbrechen wird.
Fängt aber eine Gesellschaft an, Gewalt zu tolerieren oder zu entschuldigen, weil sie gewissen Tätern einen Opferstatus verleiht, dann tritt eine andere Dynamik ein. Die Gewalt wird sich immer weiter steigern.
5 Kommentare
Marc Pintér
vor 1 Minute
Das Märchen von den Flüchtlingen wurde in den letzten Jahren zum Glück schon entlarvt. Richtigerweise muss man von Armutsmigration sprechen. Diese darf ausschließlich qualifikationsbasiert stattfinden. Damit vermeiden wir die Auseinandersetzung mit der unbequemen Tatsache, dass die Gewalttäter stark überproportional Muslime sind. Dies ist eine Tatsache, führt aber weiterhin sofort zum reflexartigen Rassismusvorwurf. Wenn die westlichen Gesellschaften nur nach Qualifikation Armutsmigration zulassen, lösen wir das Problem der Integrationsunfähigkeit zahlreicher Muslime gleich mit.
Elke Berger
vor 1 Minute
Frauen können spätestens seit den 80ern viele Beispiele sexistischer verbaler und tätlicher Übergriffe durch (damals in der Romandie) Afrikaner und männliche Flüchtlinge des Jugoslawienkrieges berichten. Dannzumal galt es, das einfach auszuhalten. An eine mediale Thematisierung kann ich mich nicht erinnern. Ich bin mehr als froh, wird die Problematik dieser Tätergruppen endlich nicht mehr tabuisiert.
Passend zum Artikel


