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Neue Folge der Kolumne „Lost and Found“ von Katja Petrowskaja

Ich wollte über den Garten schreiben. Auf Altpersisch bedeutet „Paradise“ ein ummauerter Garten. Dort leben Pflanzen, Tiere, und auch Menschen dürfen manchmal dorthin. Ich habe vor Kurzem einen Garten bei Berlin besucht, wo sich alles zu verbinden schien: die Märchen der Welt, die Sehnsüchte, und selbst das dramatische Heute schlich sich hinein.

Ich wollte dort verweilen, fern von Stadtgeräuschen und erstickenden Nachrichten. Das Gras berühren, die Blumen gießen, in den Schatten der Bäume treten, mit einem schönen langsamen Buch. Ich dachte an den inneren Garten, an einen Safe Space, an einen Ort, der allen gehört, auch wenn man nichts besitzt.

In der Mitte des Gartens in einem kleinen Teich lebte ein einsames Fröschlein, die Heldin des Märchens, die verzauberte Königin. Sie war wirklich ganz allein. Abends quakte sie so laut, dass es mir vor den Nachbarn peinlich wurde, als wäre ich für ihre Triebe verantwortlich. Sie war bedürftig.

Im Feld nebenan floss ein Bach, in dem Dutzende Frösche lebten, aber sie bewegte sich nicht dorthin, sie blieb in ihrer ehrenhaften Einsamkeit. Vielleicht wollte sie entdeckt werden. Ich dachte an das Märchen, an die Umstände des Zaubers: War es die Froschhaut, oder ging es um einen Kuss? Das Märchen blieb über dem Gelände hängen.

Die Georgine als Denkmal

Neben dem Teich wuchs eine Georgine, die meine Freundin aus dem tragischen Vorort von Kiew, Butscha, mitgebracht hatte. Sie gehörte einer Frau, die die Besatzung von Butscha überlebte, aber ihr Mann wurde mitten im Garten getötet. Die Frau hat die Georginen vor dem Kriegswinter ausgegraben, um sie vor dem Frost zu schützen. Meine Freundin hat zwei Filme über Butscha gedreht und diese Georgine bei Berlin gepflanzt, ein lebendiges Denkmal.

In diesem Garten erkennt man die geschmackvolle Hand eines Landschaftsarchitekten: ein knorriger Wacholder, duftender Holunder, ein mächtiger Nussbaum, ein wilder Apfelbaum, eine Felsenbirne … Eine ungewöhnlich dichte Koexistenz. Am Ende des Geländes erhebt sich ein trockener, hoher Baum, durch das Grüne glänzt sein grauer, fast metallischer Stamm. Ausgerechnet an diesem toten Baum versammelten sich abends Vögel. Ein überraschendes Bild. Aussichtspunkt? Rastplatz? Insekten? Der tote Baum verwandelt sich in einen Baum des Lebens, der über den Garten herrschte. Eine Parabel lag vor mir, ich musste sie nur aufschreiben.

Es wäre eine Geschichte über einen Frosch, eine Blume und einen Baum, die derselben Welt und doch verschiedenen Modalitäten der Existenz angehören. Ich dachte an die arabischen Gärten und daran, wie das Konkrete und das Metaphorische dort ineinanderfließen.

„Kiew – alle in die Schutzräume!“

Am Anfang einer Nacht, mitten in meiner Träumerei, sah ich Meldungen aus Kiew. 68 Raketen und 351 Drohnen auf meiner Stadt. In Telegram-Kanälen stand: „Kiew – alle in die Schutzräume!“ Ich war bei Berlin, und in diesem Moment wurde der Abstand zwischen meinem Körper und meiner Seele unüberwindbar. Mein Garten wird plötzlich ungehörig und verschwindet, obwohl er mich noch umschlingt.

Es geht um Minuten. Man hofft, dass die Luftabwehr ihre Arbeit machen wird. Man sieht alles online, wohin was fliegt und wie viel, was abgeschossen wird, und was immer noch auf Euch, liebe Leserinnen und Leser des Kanals, zufliegt. Bitte bleiben Sie in den Luftschutzkellern. Mein Kopf scannt die Karte von Kiew wie ein Computer, markiert Freunde und Verwandte, wer wohnt wo, berechnet die Gefahr. Kurz darauf: Dutzende Hochhäuser in Brand, Videos aus den Fenstern, apokalyptische Bilder, die man mit halb abgeschossenem Verstand sieht.

Kaum geschlafen, gehe ich durch die Nachrichten. Meine Heimatstadt ist in Feuer und Rauch, die Menschen werden aus dem Schutt ausgegraben. Eine Frau schaut in das Loch des Hauses. Da, wo sich die Lücke zum freien Himmel öffnet, lebte ihr Bruder. Eine andere Frau wird in einem festen Griff gehalten: Ihre Tochter ist in dem Haus, in dem mehrere Stockwerke in sich zusammengestürzt sind, auch sie stürzt zusammen.

Meine Trauer als Kampf

„Mama!“, schreit eine erwachsene Stimme aus der Menge. „Mama!“ – Die alte Mutter der Rufenden ist auch da drin. Ich merke, dass ich nicht mehr kann, schaue aber weiter, von Trauer, Warten und Rettungsaktionen hypnotisiert, als würde mein Anschauen helfen, als wäre meine Trauer auch eine Form des Kampfes gegen die Vernichtung. Oder täusche ich mich und zerstöre mich dabei selbst? Dann schaue ich mir Fotos im Netz an: junge hübsche Mutter und ihre kleine lächelnde Tochter, ein schönes Paar, das bald heiraten wollte, eine fünfköpfige Familie – die Zahl der Toten wird langsam nach oben korrigiert.

Wie lange werden wir dem zusehen? Ich möchte nicht, aber ich sehe zu – mit dem summenden Hintergedanken, dass in dieser Nacht keine von 29 ballistischen Raketen abgeschossen wurde, weil es in der Ukraine gegen diesen Raketentyp keine Abwehr mehr gibt. „Wir“ hier „überlegen“, Antimilitarismus ist sexy, „halbwegs“ gehört zum demokratischen Handeln, und „der Krieg ist grauenhaft“ – also, lieber nicht schauen. Es wird immer weniger berichtet, denn Sommer muss sein. Vor Kurzem sagte mir jemand: Sterben dort Menschen, weil wir dorthin die Waffen nicht liefern, und am anderen Ort, weil wir es tun?

Mein Frosch, meine Blume und mein Baum bleiben unverbunden wie die Realität selbst. Vielleicht haben nur die Vögel die bessere Aussicht auf unsere Dinge. Ich denke oft an „uns“, an unser vermeintlich gemeinsames Europa und daran, in welche moralischen Netze wir mit diesem Krieg hineingewachsen sind.