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München: 7000 Menschen bei Klassik am Odeonsplatz mit Simon Rattle und BRSO

Leichtigkeit. Das Verlangen ist groß danach in diesen Zeiten. 7000 Menschen sind aus allen Himmelsrichtungen in die Ludwigstraße geströmt, zu Klassik am Odeonsplatz. Die Klappstühle reihen sich gefühlt bis zum Siegestor. Egal. Es gibt Großleinwände. Wer nicht zum Gärtnerplatz-Open-Air gegangen oder zum K-Pop Konzert von Koreas Super-Boy-Band BTS in die Allianz-Arena abgeschwirrt ist, an diesem herrlichen Sommerabend, der sitzt jetzt hier.

Traumwetter: Klassik am  Odeonsplatz lockt auch im 25. Jahr wieder Tausende vor die Feldherrnhalle, die allerdings immer noch saniert wird.
Traumwetter: Klassik am  Odeonsplatz lockt auch im 25. Jahr wieder Tausende vor die Feldherrnhalle, die allerdings immer noch saniert wird. Catherina Hess

Kleine, über den Köpfen der Leute schwebende Kameras proben das letzte Mal ihre Fahrten. Auch von Zuhause aus schauen Tausende zu. Die Türme der Theatinerkirche zeichnen sich dottergelb ab im Gegenlicht der untergehenden Sonne, vor rosablauem Himmel. Gleich wird er voller Geigen hängen, und Simon Rattle tritt mit seinen Musikern unter das halbrunde Muscheldach aus transparentem Kunststoff. Sie spielen dort, statt zwischen den Bayerischen Löwen, weil die geschichtsschwere Feldherrnhalle immer noch zur Sanierung eingerüstet ist.

Vorfreude auf das Konzert: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit seiner Frau Christiane Goetz-Weimer.
Vorfreude auf das Konzert: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit seiner Frau Christiane Goetz-Weimer. Catherina Hess
Stammgäste bei Klassik am Odeonsplatz: Thomas Greinwald, Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Franz Herzog von Bayern sowie Landtagspräsidentin Ilse Aigner.
Stammgäste bei Klassik am Odeonsplatz: Thomas Greinwald, Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Franz Herzog von Bayern sowie Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Catherina Hess

In der VIP-Lounge, die drüben auf dem Wittelsbacher Platz eingerichtet ist, klirren noch die Sektgläser. Die Fotografen halten die Damen in ihren Cocktailkleidern und die Herren ihren mit lässig über die Schulter geworfenem Sakkos fest. „Einfach zu heiß“, sagt Peter Hansen, der Vorsitzende des Freundeskreises der Villa Stuck, „aber herrlich“. Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer behält seines trotzdem an, Franz Herzog von Bayern seines ebenso. Die Frau haben ihre leichtesten Sommerkleider an. Landtagspräsidentin Ilse Aigner etwa oder Charlotte Knobloch, der von vielen zur Wiederwahl als Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde gratuliert wird. Michaela Mai und Udo Wachtveitl sind auch dabei.

„Einfach zu heiß, aber herrlich“, sagt Peter Hansen, der Vorsitzende des Freundeskreises der Villa Stuck.
„Einfach zu heiß, aber herrlich“, sagt Peter Hansen, der Vorsitzende des Freundeskreises der Villa Stuck. Catherina Hess

Die Stimmung ist grandios, schon vor dem Konzert. Und dass es eine Pause gibt, ist auch nicht schlecht.  In der kann man später in Ruhe noch mal gucken, wer wieder alles angetreten ist zu diesem Ereignis, das gesellschaftlich zweifelsfrei ebenso wichtig ist wie musikalisch.

Bevor das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) loslegt, gibt es noch kleine Ansprachen. Münchens Kulturreferent Marek Wiechers erinnert das unterhaltungslustige Publikum daran, dass es auch an so einem Sommerabend nicht nur leicht zugehen kann. Er wiederholt sein Mantra: „Wir brauchen Kultur – gerade jetzt in Zeiten, in denen die Grundlage für unser Zusammenleben, die Demokratie, zunehmend angegriffen wird.“ Und wer diese Demokratie verteidigen soll, das weiß er auch: „Kultur ist äußerst widerständig.“

Dann aber beginnt es endlich, das 25. dieser seit Jahren gefeierten Freiluft-Doppelkonzerte, stets am Samstag angeführt vom BRSO und am Sonntag komplettiert von den Münchner Philharmonikern. Ein Vierteljahrhundert der Münchner Musikgeschichte, ein Jubiläum! Das könnte man rufen, klänge das nicht auch schon wieder alles viel zu schwer. Simon Rattles weißer Haarkranz-Wuschel wippt noch einmal kurz, und da erklingt es: das erste Wirbeln der Trommel in dieser an Wirbeln so reichen Ouvertüre zu „Let ’Em Eat Cake“.

Das gesamte Programm ist der Musik von George Geshwin gewidmet. Und besser konnte Rattles Wahl für diesen Abend im Herzen der Stadt nicht sein. Wer hätte mehr Glanz, Witz und Großstadt-Atem in seinen Sound gelegt als Gershwin? Wer mehr Weite, Eleganz und Lebenslust als dieser Komponist, der mit nur 38 Jahren starb.

Sir Simon mit dem großartigen Klaviersolisten Kirill Gerstein.
Sir Simon mit dem großartigen Klaviersolisten Kirill Gerstein. Susanne Hermanski

Sein Klavierkonzert „in F“ sprengt mit dem Temperament des Jazz die Form des klassischen Konzerts. Der amerikanisch-russische Pianist Kirill Gerstein ist der Richtige, um das Publikum damit von seinen Klappstühlen zu hebeln. 2018 hat er es schon zusammen mit dem St. Louis Symphony Orchestra aufgenommen. Gerstein, der auch Jazz studiert hat, eignet sich Gershwins Komposition ganz an, lebendig, frei und geistreich. Diese beiden Männer haben wahrlich mehr gemeinsam als die Vorsilbe ihres Nachnamens. Und das BRSO folgt ihnen mit hörbarem Vergnügen, die Blechbläser bringen zum Dank förmlich ihr Messing zum Schmelzen, und die 7000 Menschen auf diesem Platz heben ab. Als gäbe es nichts Leichteres.

Hörfunk, TV-Übertragungen & Streams: Simon Rattle & BRSO: Samstag, 11. Juli, 20 Uhr live in ARD Mediathek und YouTube-Kanal / ARD Klassik; 20.03 Uhr live auf BR Klassik Radio; 21.25 Uhr zeitversetzt in 3sat; Freitag, 17. Juli, 23.50 Uhr in Das Erste; Lahav Shani & Münchner Philharmoniker: Sonntag, 12. Juli, 20 Uhr live in der ARD Mediathek und YouTube-Kanal von ARD Klassik; Freitag, 17. Juli, 18:03 Uhr auf BR Klassik Radio, Samstag, 18. Juli, 20.15 Uhr 3sat

Verkehrssperrungen: Odeonsplatz und anliegende Teile der Residenz- und Brienner Straße bis Montag, 13. Juli, 16 Uhr. Fußgänger können bis zur jeweiligen Vollsperrung passieren (11. Juli & 12. Juli, jeweils gegen 17.30 Uhr bis gegen 22.45 Uhr). Autoverkehr zwischen Brienner Straße und Ludwigstraße bis Montag, 13. Juli, 5.30 Uhr.