Geheimprotokolle
Geheim aufgenommene Protokolle sollen zeigen, wie sich der Wiener Chef der Wirtschaftskammer zu Postenschacher und Frauen geäußert habe. Die Kritik ist groß
18. Juli 2026, 12:16
Walter Ruck steht schon seit einigen Monaten in der Kritik – kürzlich veröffentlichte Protokolle belasten ihn schwer.
Mutmaßliche Posten-Deals, Machtmissbrauch und sexistische Aussagen. Walter Ruck, der Chef der Wiener Wirtschaftskammer und Chef des Wiener ÖVP-Wirtschaftsbundes, hat am Samstag parteiübergreifend für Empörung gesorgt. Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker wollte dazu "keine Meinung äußern", wie er gegenüber dem ORF bekanntgab. Und: "Das betrifft weder mich als Bundeskanzler, noch die Bundesebene."
Geheime Gesprächsprotokolle
Hintergrund der Affäre sind Berichte des Nachrichtenmagazins Profil und der Kronen Zeitung, wonach Ruck, der bereits seit Monaten in der Kritik steht, in den vorliegenden Gesprächsprotokollen mit der Ausnutzung seiner Machtposition geprahlt habe: Unter anderem soll er die Kandidatur seines Sohnes Alexander als Gemeinderat in Döbling durch den Verzicht einer Mandatarin forciert haben.
Zudem soll er für die Vergabe eines Postens in der Wiener Wirtschaftsagentur an den früheren Wiener ÖVP-Chef Manfred Juraczka bei Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) interveniert haben – mit Erfolg. So auch bei der Benennung der Adresse, an welcher die Wiener Wirtschaftskammer angesiedelt ist: Dieser soll ein Gespräch mit Ludwig vorausgegangen sein, in dem Ruck die Benennung der Straße unter dem Namen "Anitta-Müller-Cohen-Platz" mit dieser Begründung abgelehnt habe: "Michi, ich liebe jüdische Frauenrechte. Aber das kann keiner buchstabieren." Die Straße wurde zu "Straße der Wiener Wirtschaft" benannt.
Frauenfeindliche Aussagen
Ruck soll sich zudem frauenfeindlich geäußert haben, über Wiens Finanzstadträtin Barbara Novak (SPÖ) habe er gesagt: "Heast, ich will nicht mit einer Frau. Da kann ich nicht in den Weinkeller runtergehen, was ist des?" Der Weinkeller ist laut Profil jener Ort, an dem Ruck häufig Gespräche führt.
Ruck selbst wies alle Vorwürfe zurück und verwies auf informelle Vorschlagsrechte und rein qualifikationsbasierte Entscheidungen. Er könne die Echtheit der Protokolle nicht bestätigen und sprach von einer "potenziell illegal angefertigten Tonaufnahme".
Stocker: Betrifft Bundesebene nicht
Während die Enthüllungen bei den anderen Parteien für massive Kritik bis hin zu Rücktrittsforderungen sorgten, lehnte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) eine Stellungnahme wie eingangs erwähnt ab. Er ließ auch die Frage nach personellen Konsequenzen offen.
Indes hat sich die Wiener Landes-ÖVP öffentlich von ihrem eigenen Parteikollegen distanziert. Sie sei nicht in derartige Gespräche involviert gewesen und erklärte, dass Konsequenzen vom Wiener Wirtschaftsbund oder der Kammer zu ziehen seien.
Bürgermeister verweist auf Vorschlagsrecht
Zunehmend in den Fokus rückt in der Causa die Rolle der Wiener SPÖ. Den geleakten Protokollen zufolge war Bürgermeister Michael Ludwig über die Personalvorschläge Rucks informiert und soll auf die Personalie Juraczka zunächst mit der Frage "Meinst du das jetzt ernst?" reagiert haben, bevor die Bestellung ohne Ausschreibung durchgewunken wurde. Laut Büro des Bürgermeisters sei es in Bezug auf die Postenvergabe an Juraczka im "Gründungsgedanken" der Wirtschaftsagentur Wien, dass die Wirtschaftskammer Wien den zweiten Geschäftsführer vorschlage. Bei der Straßenbenennung habe man sich ebenso an die Bestimmungen gehalten.
Die Opposition reagierte empört. So forderte die FPÖ via Wirtschaftssprecher Udo Guggenbichler und dem Präsidenten der Freiheitlichen Wirtschaft Wien, Gerald Zmuegg, den sofortigen Abzug Rucks. Auch die Grünen fordern einen Rücktritt. Zmuegg bezeichnete das System der Wirtschaftskammer Wien als zutiefst korruptionsanfällig. Er forderte von Ludwig die Offenlegung sämtlicher politischer Absprachen mit dem Kammerpräsidenten. Die Grünen monierten, dass die ÖVP wie eh und je postenschachere und "die SPÖ live dabei" sei.
Neos-Wirtschaftssprecher fordert Kontrolle
Michael Bernhard, Bundessprecher des Neos-Wirtschaftsverbands Unos, betonte die Dringlichkeit von transparenten Kontrollmechanismen, um weiteren Schaden an der Institution Wirtschaftskammer, die zuletzt vermehrt in die Kritik geriet, abzuwenden.
Die Pressestelle der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) war für eine Stellungnahme zu der Causa um die Wiener Wirtschaftskammer am Samstag nicht erreichbar. (muz, 18.7.2026)