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Jugendministerium streicht queerem Jugendnetzwerk „Lambda“ nach 36 Jahren die Förderung

Stand: 26.07.2026, 17:23 Uhr

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Das queere Jugendnetzwerk Lambda verliert zum Jahresende seine Bundesmittel von 380.000 Euro jährlich. Die neue App „Lambda space" mit 1200 Nutzern steht damit vor dem Aus.

„Ganz oben auf der Startseite befindet sich das Spotlight“, erklärt Nick Hampel. „Hier kann ich sehen, wer sich in meiner Nähe aufhält.“ Hampel ist Projektleiter von „Lambda space“, einer App, die als digitaler Treffpunkt für die queere Community dienen soll. Entwickelt hat sie das queere Jugendnetzwerk „Lambda“. „Die Idee, einen digitalen Raum zu schaffen, in dem sich queere Menschen treffen und vernetzen können, hatten wir schon seit langem“, erzählt Hampel. Er ist sichtlich stolz auf das Projekt, das sich derzeit in einer Testphase befindet. 1.200 Nutzer:innen hätten sich bisher registriert, sagt er.

LGBTQ muss sich immer noch erst mal raustrauen, so wie hier beim ersten CSD in Eisenach 2023.

LGBTQ muss sich immer noch erst mal hinaustrauen, so wie hier beim ersten CSD in Eisenach 2023. © IMAGO/Müller-Stauffenberg

Den Verein Lambda gibt es seit 1990. Damals taten sich Lesben und Schwule in Ostberlin zusammen, ihr Netzwerk wurde noch in der DDR anerkannt. Unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) habe dann die Zusammenarbeit mit dem Bund begonnen, erzählt Geschäftsführerin Kim Alexandra Trau. Seit 36 Jahren erhält der Verein Fördermittel aus dem Kinder- und Jugendplan, zuletzt 380.000 Euro jährlich für seine bundesweite Arbeit. Doch damit könnte jetzt Schluss sein: Vor rund zwei Wochen erhielt Trau eine E-Mail – darin stand, wie sie sagt, dass das Familienministerium Lambda zu Jahresende die Förderung streichen müsse. Das Ministerium bestätigt die Streichung der Gelder auf Anfrage und begründet sie mit notwendigen Einsparungen.

„Lambda“ hängt an staatlichen Mitteln – „In sechs Monaten unsere Geschäfte herunterzufahren, ist unmöglich“

Trau und Hampel sind frustriert. Nicht nur, weil ihre Arbeit an diesen Mitteln hängt, sondern auch, weil die Meldung sie so unvorbereitet getroffen hat. „Innerhalb von sechs Monaten unsere Geschäfte herunterzufahren, ist quasi unmöglich“, meint Trau. „Unsere Rücklagen können die Streichung bei Weitem nicht auffangen.“ Es seien ja auch vor allem Jugendliche, die den Verein trügen: Menschen, die wenig Geld hätten. „Generell bekommen wir kaum Spenden, denn bei queerer Jugendarbeit haben viele Menschen immer noch ein Unbehagen“, meint Trau.

Dabei geht der Verein drängende gesellschaftliche Herausforderungen an: Die Marginalisierung queerer Menschen führt verstärkt zu Einsamkeit und psychischen Problemen, wie eine Studie des Kompetenznetzes Einsamkeit zeigt. „Gerade im ländlichen Raum ist das ein großes Problem, weil es kaum Orte gibt, um sich mit anderen über die sexuelle und geschlechtliche Identität auszutauschen“, erläutert Trau. Außerdem ist dieses Thema mit viel Scham verbunden – und der Angst davor, diffamiert und diskriminiert zu werden.

Queer sein ist immer noch ein physisches Risiko

Queer zu sein und das offen zu zeigen, ist noch immer auch ein physisches Risiko: Der Dachverband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) hat in der vergangenen Woche seine Jahresbilanz veröffentlicht: Queerfeindlichkeit ist demnach das dritthäufigste Tatmotiv für Angriffe von extrem Rechten. Der Verband dokumentiert 325 solcher Fälle. Die Dunkelziffer wird noch deutlich höher vermutet – auch, weil für vollständigeres Monitoring das Geld knapp ist. Aufgrund dieser Gewalt zögen sich queere Menschen zunehmend ins Private zurück, hieß es auf der Pressekonferenz des VBRG.

„Queere Jugendliche brauchen sichere Wege, um über Identität zu sprechen, und nach Beratung und Hilfe fragen zu können“, betont Trau. Deshalb hat ihr Verband auch „Queersupport“ organisiert. Hier können Jugendliche mit geschulten Berater:innen online in Kontakt treten und einen Videocall oder ein Telefonat vereinbaren.

Auch die Queer-Beauftragte des Bundes, Sophie Koch (SPD), hält die Arbeit von Lambda für wichtig. Sie beobachte besorgt die drohende Finanzierungskrise und habe bereits einige Gespräche mit Mitgliedern des Bundestags geführt, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Nun suche sie auch das Gespräch mit der Ministerin Karin Prien (CDU).

Erklären kann sich Koch den Schritt des Ministeriums nicht – sie sei davon auch überrascht worden. „Die Gespräche nach innen laufen oft positiver als das, was am Ende dabei herauskommt“, wundert sie sich. Das Ministerium dagegen erklärt die Kürzungen bei Lambda damit, dass „die Bundesregierung gehalten (ist), die verfügbaren Haushaltsmittel zu konzentrieren und ihre Förderaktivitäten zu bündeln“. Das wirft Fragen auf, weil der Bundeshaushalt für 2027 keine Kürzungen im Kinder- und Jugendplan vorsieht, über den Lambda gefördert wird.

„Lambda space“ als digitales Jugendzentrum – Konzept soll missbräuchliche Nutzung verhindern

Lambda betreibt in einigen Bundesländern Jugendzentren. Da solche Orte für Menschen im ländlichen Raum und in Kleinstädten jedoch schlecht erreichbar sind, stellt das digitale Jugendzentrum eine neue Chance dar, Jugendlichen einen sicheren Raum zu geben.

Der „lambda space“ ist ein soziales Medium, das sich von populären Plattformen wie Instagram und TikTok abhebt. Im „lambda space“ gibt es keine suchterzeugenden Endlos-Feeds, die von Algorithmen gesteuert sind. Ein schlichtes, ästhetisch ansprechendes Design lässt die App an eine moderne Form von „SchülerVZ“ erinnern. Es gibt Gruppen und Foren, in denen anonym Fragen gestellt werden können. Der erste Kontakt kann durch niedliche Sticker aufgenommen werden, die eine Botschaft, wie „Hi“, „Sympathisch“ oder „Lieblingsmensch“ enthalten.

Die Konzepte seien mit Hilfe einer Psychologin und von Pädagog:innen entwickelt worden, um Suchtpotenziale und missbräuchliche Nutzung zu verhindern und zu vermeiden, erklärt Hampel: „Sicherheit und Schutz der Privatsphäre stehen bei uns an erster Stelle.“ Das sei besonders für queere Menschen wichtig. Für die Funktion „in meiner Nähe“ werden keine GPS-Daten verwendet, die Nutzenden können ihre Wohnorte aus einer vorgefertigten Liste auswählen. Darin enthalten sind nur größere Ortschaften, damit Menschen nicht allzu einfach identifiziert werden können, wie Hampel erklärt.

Prototyp eines sozialen Mediums ohne Profitlogik

Das Social-Media-Verbot hält Hampel nicht für sinnvoll, weil es Nutzende in die Illegalität drängen würde und nicht verhindern könne, dass Jugendliche trotzdem in sozialen Netzwerken unterwegs sein würden. Die App „lambda space“ soll dagegen ein Prototyp eines sozialen Mediums sein, das ohne Profitlogik auskommt.

Doch um das Projekt von der Testphase in die volle Nutzung zu überführen, muss sich in den nächsten Monaten etwas tun: Ohne strukturelle Förderung vom Bund werde es auch die Plattform nicht länger geben, meint Hampel. Denn: „Die Moderation und Betreuung dieses Netzwerks braucht qualifiziertes Personal, ehrenamtliche Arbeit allein kann das nicht stemmen.“ Ohne diese Begleitung sei das Risiko zu groß, dass die Plattform missbräuchlich genutzt werde.