Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele sind ein Festival von Weltgeltung. Und das trotz diverser Eigenheiten. Oder vielleicht gerade deswegen? Was muss man wissen, wenn man nicht gerade Opern-Nerd ist, im Jubiläumsjahr aber trotzdem den ein oder anderen Fakt parat haben möchte? Seit 150 Jahren toben schließlich um und auf der Bühne die ganz großen Dramen. Festspielbeginn ist am Samstag (25.7.).
Ja, dort ist es wirklich unbequem und ungemütlich
Ein Festspielhaus, nur einem Künstler gewidmet, ist auch heute noch eine Sensation im internationalen Kulturbetrieb. Man ist dort immer noch den Plänen und Ideen des Meisters verpflichtet. Und weil es anno 1876 keine Klimaanlagen gab, gibt es auch heute keine. Das verlangt im Hochsommer bei mehr als 30 Grad Außentemperatur allen alles ab.
Spätestens nach einer Stunde durchnässt der Schweiß den Smoking, das Make-up sitzt längst nicht mehr da, wo es mal war. Kleiner Trost: Es geht allen so, egal ob VIP oder Menschen mit hart erspartem Ticket. In der Bayreuther Sauna sind alle gleich.
Die Sitzreihen sind übrigens ziemlich eng, wer nicht in völliger Andacht verharrt und aus Versehen sein Bein ein wenig bewegt, erntet missbilligende Blicke. Für viele Menschen ist Wagner eben eine ziemlich ernste Angelegenheit. Das Rascheln von Hustenbonbon-Papier gilt als absolutes No-Go.
Ja, die Akustik ist grandios
Weltweit gefeiert wird das Festspielhaus wegen seiner einzigartigen Akustik. Zu Recht. Die Musik scheint von überall her zu kommen. Dabei steigt sie aus dem abgedeckten Orchestergraben.
Außerdem: Es gibt wenige Ausschmückungen im Zuschauerraum, die Konzentration soll alleine der Kunst gelten. Für die Mitwirkenden ist die Bayreuther Akustik freilich eine große Herausforderung.
„Ich muss im Sommer in Bayreuth meine normalen Ohren quasi abschrauben und die Bayreuth-Ohren aufschrauben. Man muss hier völlig anders hören. Und deswegen ist es auch gut, wenn man nicht woanders dirigiert, wenn man in Bayreuth ist“, hat Dirigent Christian Thielemann einmal in einem BR-Interview gesagt.
Ja, es ist eine Familienangelegenheit
Die Familie Wagner wurde auch schon einmal als deutsche Windsors bezeichnet - Zoff, Fehden, aber auch ein unbedingter Machtanspruch vereinen sich in ihr. Zu Richard Wagners Lebzeiten, so heißt es etwa im Buch „Wagners Welttheater“ von Bernd Buchner, war keineswegs gesichert, dass aus den Festspielen eine dauerhafte Institution werden würde. Erst Witwe Cosima schaffte Fakten.
An der Festspielspitze standen und stehen bis heute Nachfahren Wagners - aktuell Urenkelin Katharina Wagner. Im Ringen um den Posten gab es Verwerfungen der Familienzweige und große Versöhnungen. Es ist, so sehen es Beobachter, eben ein Bayreuther Alleinstellungsmerkmal, dass ein Nachfahre des Gründers die Fäden in der Hand hält.
Wenngleich inzwischen auch die Geldgeber Bund und Land gewichtige Worte mitreden. In der Öffentlichkeit werde Katharina Wagner natürlich als Festivalchefin wahrgenommen, erläutert Autor Bernd Buchner. Bayreuth sei aber inzwischen faktisch ein Staatstheater, sagte er der dpa: „Die Familie Wagner ist so gut wie entmachtet.“
Bis zu diesem Jahr gab es übrigens keine einzige Frau, die nicht Wagner hieß, und auf dem Grünen Hügel Regie geführt hat. Nur Cosima und Katharina Wagner inszenierten dort bislang. Das ändert sich zum Jubiläum mit den Regisseurinnen Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka und ihrer „Rienzi“-Interpretation.
Ja, es ist ein Schaulaufen der Politik
Die Auffahrt der Prominenz ist jedes Jahr ein Spektakel - auch wenn Glamour und Glanz längst nicht mit roten Teppichen von Filmfestivals und Hollywood-Premieren mithalten können. Dass der heutige britische König Charles III., Gorbatschow und Schweden-Königin Silvia mal da waren, erzählen sich die Bayreuther natürlich gerne.
Inzwischen kommen die Ehrengäste am Premierentag vor allem aus der deutschen Politik: Angela Merkel, begeisterte Anhängerin von Wagner-Opern, machte die Festspiele zum Kanzlerinnen-Pflichttermin. Ihr Nachfolger Olaf Scholz (SPD) kam nicht nach Bayreuth, Friedrich Merz wird dafür nun schon zum zweiten Mal als Bundeskanzler anreisen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist natürlich auch immer da.
Nein, große Vielfalt gibt es hier nicht
Zumindest müssen sich die Verantwortlichen nicht den Kopf zerbrechen, wie man denn den Spielplan gestalten könnte, welche Neuerungen, welche Sensationen man bietet. Als Claudia Roth (Grüne) vor zwei Jahren als Kulturstaatsministerin vorschlug, die Festspiele jünger zu machen und dort zum Beispiel auch mal Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ zu spielen, erntete sie damit vor allem Verständnislosigkeit und auch Spott.
Denn: In Bayreuth aufgeführt werden nur der vierteilige „Ring des Nibelungen“, „Der fliegende Holländer“, „Lohengrin“, „Tannhäuser“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Parsifal“.
Letzterer ist laut Aufführungsstatistik eines der am häufigsten aufgeführten Einzelwerke bei den Bayreuther Festspielen. Das liegt auch daran, dass der „Parsifal“ bis zum Ablauf des Jahres 1913 ausschließlich in Bayreuth aufgeführt werden durfte. Schließlich hatte Wagner sein schweres Spätwerk extra für das Festspielhaus komponiert und verfügt, dass es nur dort gespielt werden dürfe.
Weil 30 Jahre nach seinem Tod die Schutzfrist ablief, war das Aufführungsmonopol dahin - zum Unmut der Familie Wagner.
In seltenen Fällen gibt es auch noch Beethovens Neunte zu hören - wie jetzt zum 150. Jubiläum am Samstag (25. Juli). Zum Jubiläum kommt noch Wagners Frühwerk „Rienzi“ dazu, das am 26. Juli (Sonntag) Premiere feiert. Die „Rienzi“-Aufführung soll aber eine absolute Ausnahme bleiben. Im nächsten Jahr geht es wieder zurück zum traditionellen Kanon.
Eingefleischte Wagnerianer können all die Sprachverrenkungen des Meisters mutmaßlich auswendig mitsingen („Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala weiala weia!“). Für Einsteiger empfiehlt es sich, den Ouvertüren zu lauschen. Oder dem „Ring“-Finale, wenn alles brennt.
© dpa-infocom, dpa:260722-930-419437/1
Das ist eine Nachricht direkt aus dem dpa-Newskanal.