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Fußball-WM 2026: Johannes B. Kerner zieht Bilanz

Herr Kerner, Sie haben bei Magenta TV die Fußball-WM moderiert. Zu Ihrem Expertenteam gehören Mats Hummels, Thomas Müller und Jürgen Klopp. Worauf ganz Deutschland wartet, ist ein Blick hinter die Kulissen. Wie war das? Erst mal hieß es: „Noch“ bin ich nicht Bundestrainer. Beziehungsweise: „Noch“ stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf. Und dann ist Jürgen Klopp fast oder jetzt quasi Bundestrainer.

Ich habe hinter dem Tor gestanden beim Elfmeterschießen. Als Manuel Neuer den Ball gehalten hat, hat man natürlich gedacht: Okay, jetzt sind wir zurück im Spiel. Jetzt gewinnen wir das und machen einen Haken an diesen etwas misslichen Nachmittag. Die Geschichte ist anders gekommen. Tatsächlich entsteht dann für den Moderator eine Situation, in der man  binnen kurzer Zeit ein paar klare Fragen stellen muss. Es gehört zur Professionalität dazu, dass man sich vor einem solchen Spiel auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Natürlich hatte ich mir Gedanken gemacht über den zu dem Zeitpunkt unwahrscheinlichen Fall, dass Deutschland rausfliegt. Es gibt den alten Grundsatz: Fragen, was zu fragen ist, und sagen, was zu sagen ist. Das habe ich gemacht. Jeder hat da so seine Art der Gesprächsführung. Ich habe versucht, bei Julian Nagelsmann mit einer ganz weichen Frage anzudocken. So nach dem Motto, ob es die anderen mehr gewollt haben. Die Gesprächsbereitschaft war allerdings nicht ganz so ausgeprägt, was man auch verstehen kann in so einer Situation.

Dann war da aber Jürgen Klopp.

Ihn hatte ich gleich anschließend da stehen und konnte ihm die Frage nicht ersparen, was denn jetzt mit ihm ist. Er hat schon angedeutet, dass er nicht wegrennen würde vor dem Job, aber auch den Hinweis darauf gegeben, dass noch ein paar Dinge zu klären sind.

Je mehr sich das herauskristallisierte, dass er Bundestrainer werden könnte. Gab es dann, bevor die Kamera lief, Ansagen von Klopp, nach dem Motto: Pass mal auf, das Thema lassen wir heute aber mal schön sein?

Ganz im Gegenteil. Das gibt es bei uns nicht. Ich frage, was zu fragen ist, und er antwortet, wie er es für richtig hält. Und genauso war es. Der einzige ungewöhnliche Moment war der, als es die Pressemitteilung des DFB gab, in der es hieß, dass der Verband mit Klopp spricht. Das fand ich ungewöhnlich. Dass man so früh sagt, wer die Lösung sein soll, weil man denken könnte, dass man dadurch die eigene Verhandlungsposition schwächt.

Wenn man so viele Wochen eng zusammenarbeitet, lernt man sich besser kennen. Welche Eigenarten zeichnen Jürgen Klopp, Mats Hummels oder  Thomas Müller aus?

Jürgen Klopp kannte ich von den dreien am besten. Nun habe ich Mats und  Thomas noch intensiver kennen- und schätzen gelernt. Was sie eint, ist, dass sie extrem akribisch arbeiten. Man denkt, das ist alles Plauderei. Aber man merkt natürlich, wie gut sie vorbereitet sind. Insbesondere Mats Hummels und Thomas Müller haben im Laufe des Turniers, wie ich finde, eine Entwicklung gemacht. Am Anfang hatten alle das Bedürfnis loszulegen. Das war wie ein Druckkessel, auch etwas wild. Aber das hat sich gut sortiert. Jeder hat gesehen, was die Stärken des anderen sind.

Beim Sechzehntelfinale in Boston, das für Deutschland gegen Paraguay verloren ging: der damalige Bundestrainer Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp und Johannes B. Kerner.
Beim Sechzehntelfinale in Boston, das für Deutschland gegen Paraguay verloren ging: der damalige Bundestrainer Julian Nagelsmann, Jürgen Klopp und Johannes B. Kerner.dpa

Was passiert, wenn gerade die Kamera gerade nicht läuft?

Ich habe in einem Glaskasten gesessen und die meisten Spiele allein geguckt. Das hat mir geholfen, um mich ein bisschen zu entziehen und dann immer für die verschiedenen Vorläufe, Halbzeitpause und Nachläufe wieder zu konzentrieren. Wir haben die Spiele selten zusammen geguckt, außer wenn wir im Stadion waren.

Ist Klopp auch jenseits der Kamera so eloquent und unterhaltsam?

Ganz klar: ja. Das trifft aber auch auf Thomas Müller und Mats Hummels zu. Wir haben manchmal Fahrten im Auto gehabt, längere Autofahrten. Zwischen Boston und New York sind wir mehrfach hin- und hergefahren. Es gab auch Touren von Dallas nach Houston. Das sind Fahrten von drei, vier Stunden. Es gab Momente, die wären bei Youtube sicher für ein paar Klicks gut. Wir hatten eine Fahrt – ich glaube, das war nach dem Spiel Frankreich gegen Marokko – von Boston zurück nach New York. Da saßen wir zu viert im Auto und haben vier Stunden lang kein Wort miteinander geredet. Beim Aussteigen brachte Jürgen den Spruch: „Vielen Dank für das Gespräch.“ Wir waren alle platt. Ich glaube, ich habe erst eine Stunde klassische Musik gehört und mich dann auf die beiden Spiele am nächsten Tag vorbereitet. Mats saß neben mir, und Jürgen saß hinten, und ein Kollege von mir saß auf dem Beifahrersitz. Es gibt eben auch Momente der Stille. Die braucht es.

Wie lautet ihr WM-Fazit so kurz vor dem Endspiel?

Vor der WM habe ich das mit den 48 Mannschaften infrage gestellt, auch die Länge des Turniers. Das sind schließlich fünf Wochen. Mit der Erfahrung, die wir in Mexiko, Kanada und den USA gemacht haben, kann ich sagen: Die Stadionerlebnisse waren extrem beeindruckend. Freundliche Menschen überall, alles sehr gut organisiert. Ich kann da gar keinen Fehler im Bild finden. Bis auf die Eintrittspreise, weil die Zuschauer teilweise immense Summen investieren mussten, um überhaupt an Tickets zu kommen.

Was hat Sie positiv beeindruckt?

Wir haben das vorher ganz schön durch die deutsche Brille gesehen. Und wenn ich das aus der Sicht eines Kapverden oder eines Fans von Curaçao oder der Demokratischen Republik Kongo betrachte, dann ist das schon etwas anderes. Für die Menschen waren das einfach zauberhafte Momente und eine Präsenz auf der Weltbühne, die sie sonst nicht haben. Das haben die Spieler sehr genossen und übrigens mit gutem Sport zurückgezahlt.

Trotzdem ist es am Schluss dann wieder auf eine Europameisterschaft plus Argentinien hinausgelaufen.

Es ist halt so, dass die europäischen Fußballnationen extrem stark sind. Wir haben im Halbfinale den Ersten der FIFA-Weltrangliste gegen den Dritten, Nummer zwei gegen vier gesehen. Insofern sollten wir uns nicht darüber beschweren, dass sich die guten Mannschaften offensichtlich durchsetzen und es doch auch Überraschungen gibt, etwa dass Frankreich das Halbfinale verloren hat, weil die Spanier so gut eingestellt waren. Mit dem Stadionerlebnis meine ich aber nicht nur das Sportliche, sondern auch das Drumherum. Es heißt, es sei alles zu viel Show und so weiter. Ich habe diese Momente als durchaus angenehm empfunden. Auch das mit diesen riesengroßen Flaggen. Die Spieler und Schiedsrichter standen am Mittelkreis – das hatte so etwas die Erde Umarmendes. Klingt pathetisch. Aber das Bild, das da entstanden ist, hat mich nicht befremdet.

Oder wie die Engländer im Stadion „Wonderwall“ von Oasis schmettern.

Und das Rudern der Norweger. Das war genau auf unserer Seite, wo wir da unten am Spielfeldrand standen und dann da so ein paar Meter entfernt, als Haaland die Trommel schlug und die ganze Tribüne und die Spieler mitruderten. Das sind Geschenke, die man als Moderator bekommt, dass man so etwas aus der Nähe miterleben darf.

War im von der FIFA an alle Sender gelieferten „Weltbild“ auffallend oft zu sehen: FIFA-Präsident Gianni Infantino.
War im von der FIFA an alle Sender gelieferten „Weltbild“ auffallend oft zu sehen: FIFA-Präsident Gianni Infantino.dpa

Da sind aber auch die dunklen Seiten: die zurückgenommene rote Karte für Balogun, nachdem der US-Präsident interveniert hatte, oder etliche, sehr strittige Schiedsrichterentscheidungen.

Prinzipiell ist es bei diesen weltweiten Sportveranstaltungen so, dass die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter aus allen Kontinentalverbänden kommen. Schiedsrichter aus, ich sage mal Mittelamerika, pfeifen nicht jede Woche Champions League. Die Schiedsrichter-Diskussion haben wir jedes Mal. Man kann das bis zu einem gewissen Punkt aushalten. Es gab ein paar  Extremfälle, die Fragen aufwarfen. Wie konnte es etwa sein, dass das Spiel Frankreich gegen Paraguay mit drei Karten für Frankreich und null für Paraguay endet? Und wenn man hört, dass die Disziplinarkommission der FIFA in Sachen Balogun „getagt“ hat – in Form einer Einzelentscheidung ihres Vorsitzenden –, dann ist das in hohem Maße bedenklich. Der Sport hat es ja dann geregelt. Die USA sind relativ achtkantig rausgeflogen. Insofern war die Sache erledigt. Aber es hat schon mehr als ein Geschmäckle gehabt. Ich glaube nicht, dass es im Rückblick das überragende Thema dieser Weltmeisterschaft wird. Da sind andere Sachen, die mich mehr bewegen.

Was bewegt Sie?

Der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Iran dauert an. Es gibt immer wieder Angriffe. Zwei Nationen, die hier Fußball gespielt haben. Die eine als Gastgeber und die andere als Gast. Mich fasziniert der Gedanke, dass der Sport oder die Kraft des Sports etwas Vereinendes haben und Brücken bauen kann. Man darf die Hoffnung jedenfalls nicht aufgeben.

Das bleibt wohl leider im Konjunktiv. Um auf den FIFA-Chef Infantino zu sprechen zu kommen: Wie sehr schadet er dem Fußball?

Ich habe neulich einen Kommentar gelesen, in dem hieß es: „Es ist schon lustig, zu spüren, dass man sich Sepp Blatter zurückwünscht.“ Das ist schon  verrückt. Ich halte manche Vorgänge für absurd. Meine Hoffnung ist, dass der Fußball so groß ist, dass auch eine Einzelperson das nicht kaputtkriegen kann. Und ich nehme aus der WM, bei aller nachvollziehbaren Kritik und bei aller Wut, eine Reihe von positiven Momenten mit, die mich im Sinne des Sports berührt haben.

Die Trinkpausen sicher nicht.

Am Anfang wussten die Leute nicht so recht, damit umzugehen. Es gab ja auch die Diskussion, dass es für Trainer ganz interessant sei, dann können sie früher Einfluss aufs Spiel nehmen. Aber die Diskussion hat sich dann so entwickelt, dass die Zuschauer die Unterbrechung eher als unangenehm empfunden haben. Und da ist dann tatsächlich auch hin und wieder gebuht worden. Jetzt nicht schlimmstes Pfeifkonzert, aber ein signifikanter Teil des Publikums hat sich lautstark dagegen ausgesprochen.

Das Fernsehbild kommt komplett von der FIFA. Manchmal hatte ich den Eindruck, man wollte die Buhrufe gegen Infantino herunterdimmen, wenn er eingeblendet wurde.

Es gibt technisch sicher die Möglichkeit, Menschen im Fernsehbild einzublenden und das im Stadion selbst nicht zu zeigen. Und ich glaube, dass wurde auch hin und wieder gemacht. Wenn im Weltbild für die Zuschauer daheim Gianni Infantino zu sehen war, wurde er vielleicht nicht unbedingt im Stadion gezeigt. Genauso wie bei strittigen Schiedsrichterentscheidungen die Zeitlupen auch nicht auf dem Würfel laufen, um nicht zusätzlich Emotionen zu schüren: Da läuft es dann erst, wenn die Entscheidung abschließend gefallen ist.

Die Büchse der Pandora wurde für die Werbung in der Trinkpause jeweils drei Minuten aufgemacht. Bleibt das?

Ich glaube, dass die wieder zugemacht wird, weiß ich aber nicht. Zur Wahrheit gehört auch, warum das eingeführt wurde – kollabierende Spieler bei der Club-WM im vergangenen Jahr. Und dann hieß es: Wenn wir eine solche Unterbrechung einführen, dann müssen wir es überall machen. Die FIFA hat auch gesagt, sie habe die Pausen nicht wirtschaftlich genutzt. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Trinkpausen sich durchsetzen werden.

Kommen wir zum Endspiel. Manche sagen, es ist geskriptet, dass Messi mit Argentinien noch einmal Weltmeister werden soll.

Ich glaube nicht, dass es ein Skript gibt, das Argentinien zum Weltmeister machen soll. Für Spanien spricht vieles. Die Nationalmannschaft zeigt seit  mittlerweile zwei Jahrzehnten extrem guten Fußball. Es hätte auch für England gute Gründe gegeben, 60 Jahre nach Wembley. Am Ende wird das auf dem Platz entschieden. Ich halte nichts von Verschwörungstheorien der Art, dass vorher schon feststeht, wer Weltmeister wird. Dann hätten wir auf Frankreich gesetzt vor dem Halbfinale gegen Spanien. Und das ist ja nun mal ganz anders gekommen.

Wie geht es mit der deutschen Nationalmannschaft weiter?

Dass da demnächst ein paar Steine umgedreht werden. Wenn man so eine Liste durchgeht von möglichen Spielern – da sind schon eine Reihe von sehr interessanten Namen dabei, auch Menschen, die nach 2005 geboren sind. Ich glaube, dass wir da noch ziemlich viel Freude haben werden, dürfen aber nicht vergessen, dass auch die Spanier und die Franzosen und die Engländer Fünfzehnjährige haben, die wir halt nur noch nicht beim Namen kennen. Aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass die automatisch alle schlechter sind als Mbappé und Rodri, sondern die werden auch sehr gut Fußball spielen können.

Wie geht das Endspiel aus?

Nach diesem dramatischen Halbfinale mit Messi und Argentinien als Sieger gegen England ist auch für die Südamerikaner am Sonntag alles drin. Das wird ein super Finale. Sehr starke Spanier gegen Messi in seinem möglicherweise letzten WM-Spiel. Etwas ganz Besonderes. Ich freue mich sehr drauf.