Satellitenbilder
Israel schafft in Gaza Fakten: Über 20 Kilometer langer Erdwall errichtet
Die israelische Armee bestätigt den Bau im Bereich der sogenannten "gelben Linie". Das Gebiet, auf dem Palästinenser sich aufhalten dürfen, wird immer kleiner
Noura Maan
Robin Kohrs
Die israelische Armee baut derzeit mitten im Gazastreifen einen riesigen Erdwall, der bereits mehr als 20 Kilometer lang ist und nach seiner Fertigstellung mehr als 50 Prozent des Gazastreifens abtrennen soll. Das berichtet die Associated Press (AP) unter Berufung auf Satellitenbilder.
Damit konfrontiert, bestätigte das israelische Militär der Nachrichtenagentur, dass es eine physische Barriere im Bereich der sogenannten "gelben Linie" errichtet hat – jener Grenze, bis zu der sich israelische Truppen im Rahmen des im Oktober mit der Hamas geschlossenen Waffenruheabkommens hätten zurückziehen sollen, die aber nie ganz genau definiert wurde. Schon vor Monaten gab es Berichte, wonach etliche gelbe Blöcke jenseits der von der israelischen Armee auf militärischen Karten eingezeichneten Linie platziert wurden und damit das palästinensische Gebiet noch weiter verkleinert wurde.
Die AP berichtet nun, dass der Erdwall teils außerhalb der "gelben Linie" verläuft. Von der israelischen Armee hieß es, rund um die Barriere sei eine "Sicherheitszone" eingerichtet worden – ein Begriff, der auch im Libanon verwendet und als ein Gebiet verbrannter Erde eingeschätzt wird, in dem Lebensgrundlagen zerstört und Rückkehrende getötet werden.
In den vergangenen Monaten sind laut AP bereits rund 23 Kilometer des Erdwalls errichtet worden, wobei der gesamte Gazastreifen nur etwa 40 Kilometer lang ist. Der israelischen Armee zufolge soll damit das Eindringen von Personen verhindert und israelische Truppen sowie israelische Siedlungen in der Nähe des Gazastreifens geschützt werden. Details über den genauen Verlauf der Barriere nannte die Armee nicht. Sie erklärte aber, daran zu arbeiten, den Verlauf der "gelben Linie" deutlich zu kennzeichnen, um "Schaden für unbeteiligte Personen zu verhindern". Immer wieder wurden Palästinenser, die sich der Linie genähert haben, von israelischen Soldaten getötet.
Israel hat der AP zufolge bereits im Februar mit dem Bau begonnen. Am 1. Juli war der Erdwall demnach etwa 500 Meter lang, bis zum 15. Juli hatte er eine Länge von etwa 2,4 Kilometern und trennte die von Israel kontrollierten Ruinen der Stadt Rafah von der Flüchtlingsstadt Al-Mawasi. Ein Teil im südlichen Gazastreifen wurde laut den Satellitenbildern in diesem Monat innerhalb von zwei Wochen um mehr als zwei Kilometer erweitert. Die Höhe der Barriere ist laut AP unklar.
Kontrolle ausgeweitet
Palästinenserinnen und Palästinenser haben schon lange Sorge, dass sie auch in Zukunft nicht in das derzeit von Israel kontrollierte Gebiet zurückkehren können. Israels Premier Benjamin Netanjahu hatte die Armee im Frühjahr angewiesen, die Kontrolle über den Gazastreifen auf 70 Prozent auszuweiten. Seine rechtsextremen Regierungspartner drängen auf eine israelische Besiedlung des Gazastreifens, zuletzt bei einer Demonstration am Wochenende. Es werde "keinen Rückzug aus den Gebieten, die wir erobert haben", geben, kündigte Finanzminister Bezalel Smotrich bereits vergangenes Jahr an. Im März forderte er die dauerhafte Besatzung des Südlibanon und den Fluss Litani als "unsere neue Grenze".
Zelte von Geflüchteten in Khan Younis, im Süden des Gazastreifens. Das Gebiet, in dem sich Palästinenserinnen und Palästinenser aufhalten können, wird immer kleiner und mittlerweile teils durch einen Erdwall von dem Gebiet unter israelischer Kontrolle getrennt.
Nach zwei Jahren verheerenden Krieges in Gaza, den Israel nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 begann und den zahlreiche Fachleute, NGOs sowie die Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats als Genozid einstufen, liegt der Küstenstreifen weitgehend in Trümmern. Im von Israel kontrollierten westlichen Teil des Gebiets zeigen Satellitenbilder, dass der Großteil der Gebäude mit Bulldozern und Sprengstoff dem Erdboden gleichgemacht, ganze Ortschaften wie etwa Rafah praktisch ausgelöscht wurden. Im Rest des Küstenstreifens leben fast zwei Millionen Menschen vor allem in Flüchtlingslagern, viele davon wurden im Krieg mehrfach vertrieben.
Kein sicherer Ort
Obwohl seit Oktober offiziell Waffenruhe herrscht, sind in den vergangenen Monaten nach Angaben palästinensischer Behörden 1100 Menschen durch israelische Angriffe getötet worden. Zuletzt wurde am Dienstag der Tod einer palästinensischen Familie gemeldet.
Laut dem UN-Menschenrechtsbüro wurden allein zwischen dem 13. und 20. Juli mindestens 57 Menschen getötet, darunter sechs Kinder und acht Frauen. Getroffen worden seien Wohnhäuser, ein Zelt für Vertriebene und andere dicht besiedelte Orte, teilte das Büro in Genf mit. Neun Monate nach der Verkündung einer Waffenruhe gebe es für die Menschen im Gazastreifen weiterhin keinen sicheren Ort. (Text: Noura Maan, Grafiken: Robin Kohrs, 22.7.2026)
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