«Ganz Deutschland hasst . . .» – wie die neue Linke den Kulturkampf anheizt
Dogmatisch, intolerant und vom Zeitgeist beseelt: weshalb Altlinke sich von der Linken verabschieden – die Geschichte einer Entfremdung
22.07.2026, 05.45 Uhr
6 Leseminuten

Unter linken Protesten und Blockaden hielt die AfD am 4. und 5. Juli in Erfurt ihren Parteitag ab.
Martin Schutt / DPA / Keystone
Der Kulturkampf geht weiter in Deutschland. Dies zeigte jüngst die nahezu einstimmige Kampagne in den Medien gegen Dieter Nuhr wegen eines Witzes. Es wurden verletzte Gefühle ins Feld geführt, wobei niemand aus den möglichen Opfergruppen oder deren Umfeld reagierte, sondern lauter empörte Journalisten.
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«Dieter Nuhr ist kein Komiker mehr», schrieb die «FAZ». Die Reaktionen waren unverhältnismässig im Ton und intellektuell armselig. Es ging gegen die Person, nicht um Argumente. Nuhr sollte mit Unterstellungen zur Strecke gebracht werden.
Solche Empörungswellen stehen beispielhaft dafür, wie öffentliche Debatten seit geraumer Zeit ablaufen. Laut Armin Nassehi werden längst nicht mehr Sachfragen verhandelt. Diese würden vielmehr «vollständig instrumentalisiert» etwa zugunsten von Identitätsfragen; es geht «ums Ganze». Die «wüste Ungenauigkeit» des Diskurses, so der Kultursoziologe, sei dabei eine «logische Geschäftsbedingung kulturkämpferischer Formen».
Christian Lindner «vernehmen»
Der linke Kampf um die Deutungshoheit tobt nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. So pflegen Politiker und Journalisten in Präpotenz und moralischer Überheblichkeit Feindbilder. Das zeigte sich nun auch, als bekanntwurde, dass Jens Spahn dank einer Leihmutter Vater geworden ist. Die grüne Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta sagte in der «Bild»-Zeitung beispielsweise, es gebe viele Gründe, «warum ganz Deutschland Jens Spahn hasst». Ganz Deutschland hasst? Ironischerweise kommt diese Hasstirade just aus jenen Kreisen, die ständig davon sprechen, wie «Hass und Hetze» das Land vergiften.
Die ARD-«Tagesthemen»-Moderatorin Jessy Wellmer gab vor einiger Zeit ihr journalistisches Ethos in der Talkshow «Inas Nacht» zum Besten mit den Worten: Den FDP-Politiker Christian Lindner «zu vernehmen, macht auch Spass». Von da ist es nicht mehr weit bis zum Ausspruch des damaligen AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland, der nach der Bundestagswahl 2017 gegen Angela Merkel drohte: «Wir werden sie jagen.»
Der Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich am Sonntag im Sommerinterview besorgt darüber, dass im Parlament ein Umgangston herrsche, den man bis anhin «nur von der Linken und der AfD» gewohnt sei. Man könne in der Sache unterschiedlicher Meinung sein, aber diese «persönliche Herabsetzung» befördere die «Vertrauenskrise der Demokratie».
Der schlechte Stil hat sich links wie rechts der politischen Mitte etabliert. Keiner trägt aber moralische Unfehlbarkeit wie eine Monstranz vor sich her wie die linke Politik. Und trotzdem hat sie offensichtlich auf den rechten Populismus derzeit keine andere Antwort parat, als es diesem gleichzutun.
So kommt es, dass Medien sich in diesen Tagen auf einen «rechten» Kabarettisten oder ein frischgebackener Linken-Chef sich auf eine «faschistische Politik» der CDU einschiesst. Während die AfD unbehelligt ihre Wahlkämpfe in zwei ostdeutschen Bundesländern bewirtschaftet und nach manchen Umfragen mit 42 Prozent in Sachsen-Anhalt möglicherweise auf eine Alleinregierung zuschippert.
Realitätsverlust und Weltfremdheit
Lange war es ruhig. Nun aber formiert sich intellektueller Widerstand ausgerechnet von jenen, die sich selbst einmal linken Bewegungen zugehörig fühlten. Vertreter der Altlinken geben in dem Sammelband «Wenn das Denken die Richtung ändert» Auskunft darüber, «warum wir nicht mehr links sind» (hrsg. von Reinhard Mohr und Ulli Kulke, Kohlhammer-Verlag). Bei allen ist Fassungslosigkeit spürbar. Darüber etwa, wie die Linke mit ihrer Identitätspolitik längst nicht mehr grundsätzlich die gesellschaftliche Situation verbessern möchte, sondern «eine neue Ständeordnung» anstrebt und mit ihrer Hierarchie der Opfergruppen «das Prinzip der Gleichheit jedes Individuums» aushebelt, wie die Politikwissenschafterin Ulrike Ackermann feststellt.
Autoren wie Harald Martenstein oder der «TAZ»-Mitbegründer Ulli Kulke erzählen von einer zunehmenden Entfremdung. Egal, welchen Strömungen sie angehörten: Dogmatismus, mangelnde Selbstkritik, Intoleranz und «Wagenburgmentalität» (Reinhard Mohr) beendeten meist eher früh als spät ihren Traum von der Revolution und liessen sie den Glauben an den Sozialismus aufgeben.
Es ist ein aufschlussreiches Buch über das Scheitern linker Weltbilder. Seit den Achtundsechzigern nahmen die Radikalisierung linker Positionen und das Beharren auf moralischer Deutungshoheit in einer angeblich falsch gepolten Gesellschaft ihren oft selbstzerstörerischen Gang. Wer kluge Mitstreiter vergrätzt, blutet irgendwann aus.
So erinnert sich Ulli Kulke an einen Schlüsselmoment der Entfremdung, als die Linke der achtziger Jahre in ideologischer Verblendung die Zusammenhänge zwischen der Verschuldung der Schwellenländer und den Fehlern dortiger links-autoritärer Regierungen negierte. Monika Maron erlebte nach ihrer DDR-Ausreise ein böses Erwachen, als grüne Feministinnen die Demokratie im Westen mit den Verhältnissen in der DDR gleichsetzten. Der ehemalige ARD-Korrespondent für Nordafrika Samuel Schirmbeck, der den islamistischen Terror im Algerien der neunziger Jahre miterlebte, zeigt sich schockiert über die Unterstützung der «antiaufklärerischen Prinzipien des Islam» durch die Linke, die «rational nicht zu erklären» sei.
Gemeinsam ist diesen Schilderungen die grosse Irritation angesichts einer weitverbreiteten Weltfremdheit bei den Linken.
Intoleranz und mangelnde Selbstkritik
Zur Distanzierung führten neben den politischen Irrungen auch die persönliche Erfahrung der Intoleranz: «Wer widerspricht, wird gecancelt, wenn man die Macht dazu hat», bilanziert Harald Martenstein. Grund für die Zerwürfnisse in neuerer Zeit sind die Flüchtlingspolitik, Corona-Massnahmen oder die Frage der Meinungsfreiheit. Der Fischer-Verlag trennte sich nach vierzig Jahren aus politischen Gründen von Monika Maron; Harald Martenstein war ein deutschlandweit bekannter Kolumnist beim Berliner «Tagesspiegel», bis man ihn dort nach rund zwanzig Jahren aufgrund inhaltlicher Differenzen rausmobbte.
Fazit: Linke Politik leidet schon seit Jahrzehnten unter Realitätsverlust bei gleichzeitiger moralischer Überhöhung. Mit ihrer Identitätsdoktrin spaltet sie die Gesellschaft in Gruppen, erklärt wie die SPD den Sozialstaat für allzuständig, deutet Politik zum Erziehungs- und Umverteilungsprogramm um und bleibt damit Antworten auf die epochalen Herausforderungen unserer Zeit schuldig.
Was Dieter Nuhr angeht, so beschreibt er, wie er, links sozialisiert und Gründungsmitglied der Grünen, sich zunehmend distanzierte von einer Linken, deren gemeinsamer Konsens nur noch darin besteht, «nicht rechts zu sein». «Bei der Linken hat differenziertes Denken keine Heimat mehr», so Nuhr. Wer solche Kritik übt, der wird bestraft.
Auch Harald Martenstein («Wie ich Faschist wurde») kritisiert die linke Manier, jeden, der nicht links ist, als «rechts» zu verorten, auch explizit Konservative. Gerade der Nazi-Vorwurf, diese «Wunderwaffe der Linken», dürfte allerdings bei vielen früheren Weggefährten zum endgültigen Abschied von der Linken beigetragen haben. Denn die hier versammelten Autoren sind sozialisiert in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, wo mit Richtern, Ärzten, Hochschullehrern oder Ministern die alten Nazi-Verbrecher erneut wichtige Posten innehatten.
Damals kam die junge Generation zu der Überzeugung, «dass die westdeutsche Gesellschaft eine radikale Reinigung braucht», wie es die Politikwissenschafterin Antonia Grunenberg formuliert. Die Bestrafung der Täter sollte die Basis für den «Aufbau einer guten Gesellschaft» legen. Gleichzeitig war man von der Idee beseelt, dass «das Volk» darüber abstimmen solle, welche Richtung die Politik einschlägt. Mit «Volk» war aber nicht die Bürgergesellschaft gemeint, sondern die «Protestierenden und die linken Gewerkschaften, vielleicht auch noch die linke SPD, die Arbeiter».
Der Rest sollte «erst dazu erzogen werden, Volk zu sein». Sei gegrüsst, Identitätspolitik. Ein gewisser religiöser Eifer, mit dem ein idealer Gesellschaftszustand angestrebt wird, steuert linkes Denken jedenfalls bis heute.
Radikalisierung
Das Projekt der «radikalen Grunderneuerung» angesichts der «katastrophalen Seiten der deutschen Geschichte» scheiterte laut Grunenberg «an einem Absolutheitsanspruch, der in die Gewalt führte», sinnbildhaft steht dafür der Terrorismus der RAF.
Die Wokeness strebe nach Erlösung wie der Marxismus, nach dem «paradiesischen, konfliktfreien Endzustand»; dafür muss sie ihre gesellschaftlichen Gegner vernichten – so sieht Harald Martenstein den gegenwärtigen Kulturkampf. Im Zuge dessen werden nun also die Altlinken, die Zweifel bekommen haben und sich damals gegen die Schweigegesellschaft auflehnten, gerne als «Neurechte» bezeichnet.
Mit der logischen Folge, dass sich die Alten nun explizit abwenden. Nicht weil sie im Alter generell konservativer wurden, wie das oft so ist, sondern weil sie einen Enttäuschungsprozess durchlebten. Aufgrund der eigenen historischen Erfahrung haben sie eine andere Sichtweise auf die Welt – von der historischen Verantwortung Deutschlands über die Migrationspolitik bis zur Identitätspolitik. In diesen Fragen aber abweichende Meinungen zu haben, kann in unseren Tagen schon heissen, ausgeschlossen und diffamiert zu werden.
Währenddessen radikalisiert sich die Linke wieder in militanter Art, beispielsweise in der Palästina-Frage und in ihrem Israel-Hass.
Die Linkspartei, die schon lange nichts mehr mit linker Politik zu tun hat, verzeichnet zwar eine Verdoppelung der Mitglieder. Aber diese jungen Aktivisten wollen nicht Politik machen, sondern Krawall; die Palästina-Fanatiker haben übernommen und schaden am Ende der Partei mehr, als sie nützen. Die Politik entwickelt sich weitgehend ohne Selbstreflexion oder Selbstkritik. In Abgrenzung zum irgendwie «falschen Sozialismus», wie er in der DDR oder der Sowjetunion existierte, gibt die wie ein Pop-Star gefeierte Heidi Reichinnek vor, den richtigen Sozialismus erst zu erfinden.
Heute bedeute, links zu sein, «dass man von Freiheit und Vielfalt redet und Freiheit und Vielfalt beseitigt, wenn man am Ruder ist», schreibt Harald Martenstein.
Die linke Bewegung zieht mit ihrem Moralüberschuss und dem Hang zur «Erlösungsphantasie» (Martenstein) Junge immer wieder von neuem an. Gleichzeitig führen uneingelöste Versprechen und Grabenkämpfe dazu, dass Sympathisanten über kurz oder lang enttäuscht werden und sich abwenden.
«Wenn links heisst, die Freiheit zu verteidigen», dann sei sie immer noch links, erklärt Antonia Grunenberg. Dumm sei nur, dass die Linke im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert «die Freiheit so wenig verteidigt» habe.
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