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Friedenspfähle und Vergangenheit: Eine Reise zum Mittelpunkt der DDR

Diese Reise führt zum Mittelpunkt: 52 Grad 19,6 Minuten nördliche Breite und 12 Grad 51,6 Minuten östliche Länge. Ein eiszeitlicher Findling unter einer 50-jährigen Eiche, knapp einen Kilometer hinter Weitzgrund auf der Straße nach Verlorenwasser, markiert bis heute den Mittelpunkt der DDR.

Dabei liegt der Findling falsch; der eigentliche Mittelpunkt befindet sich 600 Meter weiter nördlich. Doch da war bis 1990 Übungsgelände der Bereitschaftspolizei. Das Areal der kasernierten Truppen des DDR-Innenministeriums war strikt abgeschirmt: Betreten verboten, geschossen wurde mit scharfer Munition.

Man sieht es dem Wald nicht an. Die Wolken werfen dunkelgoldene Schatten. Wie der Blitz rast ein Eichhörnchen in Spiralen an einem Buchenstamm empor. Kein Mensch weit und breit.

Die TU Dresden hat den Mittelpunkt 1974 gefunden, jemand vom Fernsehen hatte die Idee dazu. Wie das geht? Man schneidet ein Stück Sperrholz oder Blech in den Grenzen der DDR aus und balanciert es so lange auf einer spitzen Nadel, bis es stabil in der Waagerechten liegt. Der Punkt oberhalb der Nadel nennt sich Massenmittelpunkt.

„Schön war sie doch, die alte Zeit“

Verlorenwasser und Weitzgrund sind zwei tief im Hohen Fläming versteckte Weiler mit kaum mehr als einem Dutzend Häusern. Ein Stück Deutschland, wo sich heute noch Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Zwischen beiden ein Findling mit einer Eiche, ein Friedenspfahl und ein Schild: „Achtung, hier ist der Mittelpunkt der ehemaligen DDR.“ Es liest sich wie „Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin.“

Zwei runde Schutzhütten mit Kegeldach unter hohen Kiefern an der einspurig asphaltierten Straße. Den Eingang der einen Schutzhütte bewacht eine überlebensgroße Schnitzerei, ein Mann im Halbrelief, zu seinen Füßen zwei Fliegenpilze. Der Mann sieht aus, als müsste er dringend aufs Klo. Im Inneren hängt ein Holzkästchen an der Wand, darin ein Gästebuch und ein Kugelschreiber. „Hallo liebe Leute, wir erinnern uns gerne an die alten Zeiten der ehemaligen DDR. Schön war sie doch, die alte Zeit. Macht weiter so. In alter Freundschaft.“ Unterzeichnet von Karin und Christiane am 8. Juli 2022.

Von Weitzgrund bis Verlorenwasser geht man zu Fuß weniger als eine Stunde. Es ist märchenhaft einsam, statistisch teilen sich hier nicht mehr als 30 Menschen einen Quadratkilometer. Ein Auto fährt vorbei, kehrt um, fährt in der Gegenrichtung zurück. Links und rechts wechseln Stangenwald, Fichtenschonungen und Naturverjüngung. Das Licht spielt auf dem Rotbraun der Stämme, die fluoreszierenden Zeichen der Jäger und Waldarbeiter leuchten hell. In den Kronen zeugen abgestorbene Äste von anhaltender Trockenheit.

„Außenseiter – Spitzenreiter“ hieß die Sendung, die erst Ende 2024 vom MDR eingestellt wurde. Es war die älteste Unterhaltungssendung der deutschen Fernsehgeschichte, seit 1972 ausgestrahlt vom Fernsehen der DDR. „Außenseiter – Spitzenreiter“ klang damals fast subversiv. Außenseiter im Sozialismus? Dabei war alles halb so wild. Als „unterhaltsamer Kundendienst für Neugierige“ angekündigt, beantwortete die Sendung skurrile Zuschauerfragen. Darunter solche, die sonst niemand stellt – Außenseiterfragen.

Überhaupt war die Sache mit dem Mittelpunkt ein kleiner Coup. Rundum war nur die Straße zwischen Verlorenwasser und Weitzgrund der Öffentlichkeit zugänglich, alles andere war Sperrgebiet. Also wurde das Schild am Straßenrand aufgestellt, damals noch ohne Schutzhütten und Findling. 1977 hatte die Volkspolizei genug von dem Rummel, das Schild verschwand: „Förster Blötz nahm es ab auf Anweisung des Ratsvorsitzenden.“ Vielleicht war die DDR, oder wenigstens ihr Mittelpunkt, doch attraktiver als gedacht. Reichlich Besucher hat er jedenfalls angelockt.

Ein Lokalpatriot aus Bad Belzig stellte das Schild 1986 wieder auf. Auch interessant: 1986. Ein Aufbegehren im Zeichen von Glasnost und Perestroika? Zum 20-jährigen Jubiläum der Sendung im Mai 1994 kam dann der alt-neue Moderator von „Außenseiter – Spitzenreiter“, Hans-Joachim Wolfram, ein zweites Mal in den Wald zwischen Weitzgrund und Verlorenwasser. Sein Arbeitgeber war jetzt der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg. Die Märkische Oderzeitung schrieb am nächsten Tag: Auch fünf Jahre nach der Wende hat sich hier nichts verändert.

Klaus Nichelmann (l) und Bernd Schulze vom Verein Pro Belzig mit dem originalen Schild zur Kennzeichnung des Mittelpunkts der DDR. Ihr „Belziger Mittelpunkt-Kräuter“, ein „32-prozentiger Halbbitterlikör für Ossis und Wessis“, hat die Marktreife dann doch nicht erreicht.

Klaus Nichelmann (l) und Bernd Schulze vom Verein Pro Belzig mit dem originalen Schild zur Kennzeichnung des Mittelpunkts der DDR. Ihr „Belziger Mittelpunkt-Kräuter“, ein „32-prozentiger Halbbitterlikör für Ossis und Wessis“, hat die Marktreife dann doch nicht erreicht.

© Jens Kalaene

Immerhin war der Besuch ein Anstoß. Schon im August 1994 wurde das Richtfest der ersten Schutzhütte gefeiert, derjenigen mit dem Mann, der aussieht, als müsste er mal.

Der einsame Ort im Wald reiht sich in das Netz europäischer Mittelpunkte ein. Einige davon sind in der Schutzhütte auf einer Landkarte markiert. Das oberpfälzische Flossenbürg ist der Mittelpunkt Mitteleuropas. Senftenberg in der Niederlausitz ist der Mittelpunkt des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1871. Herbstein im Vogelsberg ist der Mittelpunkt der alten BRD. Das thüringische Niederorla ist der Mittelpunkt der neuen BRD. Deutschland ist die Heimat der Mittelpunkte – seit 2004 auch des Mittelpunkts der Europäischen Union.

Deutschland, Heimat der Mittelpunkte

So viel Mitte stimmt nachdenklich. Jens, Iris, Charlotta, Monika, Reinhard und Edelgard haben ins Gästebuch geschrieben: „Die DDR wird immer ein Teil von uns bleiben, mit schönen Erinnerungen. Sie lebt in unseren Kindern weiter (und wenn es nur beim Simsonfahren ist).“

Ein anderer Besucher, der eine Textkopie der DDR-Hymne hinterlässt, gibt trotzig zu bedenken: „Es war nicht alles schlecht.“ Ihn ärgert, dass das Eisler-Lied wegen der Worte „Deutschland, einig Vaterland“ seit den 1970er-Jahren nicht mehr gesungen wurde. Und er fragt enttäuscht, warum es 1990 nicht zur Nationalhymne wurde.

Hat er Unrecht? Immerhin hatte Eisler die Melodie 1949 ausdrücklich als Nationalhymne der Deutschen komponiert. Aller Deutschen. Nicht nur der Arbeiter, Bauern, Sozialisten und Kommunisten. Nun bleiben die Zeilen ungesungen, von „Auferstanden aus Ruinen“ bis „Denn es muß uns doch gelingen / Daß die Sonne schön wie nie / Über Deutschland scheint / Über Deutschland scheint.“ Andererseits – wir leben im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Die Sonne scheint so heiß wie seit Menschengedenken nicht, auch über Deutschland.

Osten war immer ein Sehnsuchtswort

Suchen wir die falschen Antworten auf die richtigen Fragen? Das Stückwerk, aus dem dieses Land nicht (mehr) zusammenwachsen will, sortiert sich nicht nur nach Himmelsrichtungen. Nicht nur nach Ost und West. Da sind Stadt und Land, die sich immer weiter voneinander entfernen. Da sind Arm und Reich. Vor zwei Generationen war allein schon der Begriff unbekannt: Milliardär.

Ich für meinen Teil bleibe bei den Himmelsrichtungen. Osten war immer ein Sehnsuchtswort, mein Traum. Wer um 1970 in Hamburg aufwuchs, dem standen die Vorstadtstraßen mit ihren Einzelhäuschen vor Augen, oder die Villen der Pfeffersäcke, oder die Plattenbauten in Osdorf, Steilshoop und Mümmelmannsberg.

Hinter meinen Augen standen ganz andere Bilder: Weizenschläge über hunderte von Hektar vor welligem Horizont, Schwarz-Weiß-Aufnahmen gaffelgetakelter Fischerboote auf dem Haff, Günter Grass’ Danzig und die masurischen Wälder um Suleyken, die Sandnadel namens Nehrung, das Sommerhaus der Manns in Nidden, unerreichbare Städte wie Dresden, Greifswald oder Stettin. Oder Jaroslawl. Oder Krakau.

Noch so ein Zauberort: Fehrbellin. Dort hat der Große Kurfürst 1675 die Schweden verhaut. Die Vergangenheit war immerhin real, die konnte man in Büchern mit den Augen begreifen. Aber die Gegenwart, die Städte, Orte, Landschaften – von Hamburg aus? Das war aussichtslos.

Niemand in meiner Familie ist heimatvertrieben. Allerdings ist sie seit Jahrhunderten brandenburgisch-preußisch, im südlichen Westfalen. Grafschaft Mark, auch dort besaß der Kurfürst Land. Ein Urgroßvater kam im 19. Jahrhundert aus der Neumark, von hinter der Oder. Die übrigen Vorfahren lebten dem Rhein näher als der Elbe.

In Weitzgrund steht noch die alte Wirtschaft, ein Fachwerkhaus. „Jagdhaus Weitzgrund Gaststätte & Pension“ steht in verblichener Schrift über der Eingangstür. Mit alemannischem Akzent erzählt die Bewohnerin von den Baracken bei Verlorenwasser, die 1989 in aller Eile hochgezogen wurden. Da hat sie noch nicht hier gelebt.

Internierungslager für republikfeindliche Elemente. Sie weist mir den Weg, die Straße bis Verlorenwasser, dann rechts. Sie erwähnt auch Fassaden und einen Straßenbahnwaggon, die sich irgendwo im Wald befänden. Trainingsstätten für den Häuserkampf. Früher habe dort sogar eine Attrappe des Brandenburger Tors gestanden. Haarscharf ist die Geschichte am Blutvergießen vorbeigeschrammt.

Entfremdetes Nebeneinander

Auch vor dem Jagdhaus findet sich ein Friedenspfahl. Sie sagt, Friedenspfähle stünden überall im Fläming, es sei so eine Gegend. Ob in dem Dorf noch jemand aus der Vorwendezeit lebt? Eigentlich sei alles in neuen Händen, meint sie. Auch die Villa direkt gegenüber, groß und gelb im Strahlenkranz dreier asphaltierter Wege, Zentrum und Schwerpunkt des Waldweilers. Vielleicht im Reitstall drüben, ein paar hundert Meter hinter den Feldern. Die Schilder sind mir schon aufgefallen: „Reit- und Landhaus Weitzgrund“.

Wer immer die neuen Eigentümer der Villa sind, mit dem Trotz der Zugezogenen haben sie ihren Garten verwandelt: sauberer, weißer Metallzaun, kurz gehaltener Rasen, eine weiße Sitzgruppe, Hollywoodschaukel. Keine zwanzig Meter entfernt steht das Jagdhaus mit dem Friedenspfahl, der schmale Gartenstreifen mit Gehölz und Gebüsch, mehr bewachsen als bepflanzt. Beide Häuser sind neu eingedeckt, beide wirken einander fremd. Bei Farben würde man sagen: Sie beißen sich. Entfremdetes Nebeneinander, Weitzgrund ist Deutschland.

Nördlich von Verlorenwasser scheint dann wirklich das Grau hoher Betonpfähle zwischen den Kieferstämmen hindurch. Brombeersträucher reißen am Hosenbein; die schwarzen, zuckersatten Früchte schmelzen im Mund. Zwischen den Betonpfählen ist verrosteter Maschendraht gespannt, dahinter liegen die Baracken, Dutzende Meter lang, einstöckig mit stumpfem Walmdach. Es sprießt grün aus Mauerritzen und Dachrinnen, die unverglasten, vergitterten Fenster lenken den Blick in schwarze Höhlen. Ein Blick in deutsche Vergangenheit. Von der Spitze noch höherer Betonpfähle ragen die Straßenleuchten mit der markanten Tropfenform, Markenzeichen der untergegangenen DDR, lichtlos in den einsam wuchernden Wald.

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