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FR-üh dran: „König des Nordens“ wird neuer Premierminister – das will Andy Burnham jetzt anders machen

FR-üh dran zum neuen Premierminister: Was Andy Burnham in Großbritannien anders machen will

Stand: 20.07.2026, 06:13 Uhr

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Der „König des Nordens“ wird Premierminister. Was Andy Burnham anders machen will – und warum das für ganz Großbritannien wichtig ist, lesen Sie im FR-üh dran.

FR-üh Radar – das steht heute an: Heute ist es so weit: Andy Burnham, langjähriger Bürgermeister des Großraums Manchester und selbsternannter Vertreter eines „wirtschaftsfreundlichen Sozialismus“, tritt sein Amt als Premierminister von Großbritannien an. König Charles III. ernennt ihn voraussichtlich am heutigen Montag zum neuen Regierungschef – und Burnham zieht damit in die Downing Street 10 in London ein. Es ist ein historischer Moment: Burnham wäre Großbritanniens siebter Premierminister in gerade einmal zehn Jahren. Aus dem Norden Englands, aus Manchester, kommt nun also jemand an die Spitze des Landes, der dort bewiesen hat, dass linke Politik funktionieren kann – mit erschwinglichem Nahverkehr, sozialem Wohnungsbau und einer Gesundheitsversorgung, die diesen Namen verdient.

Beliebt in Manchester: Der neue britische Premierminister Andy Burnham will einiges bewegen.

Beliebt in Manchester: Der neue britische Premierminister Andy Burnham will einiges bewegen. © News Licensing/IMAGO

Was bedeutet das für Großbritannien? Welche Versprechen bringt der Labour-Politiker Burnham mit in die Downing Street – und welche Fallstricke lauern schon am ersten Tag? Wir ordnen ein, was heute auf dem Spiel steht, und liefern Ihnen den Überblick, den Sie für die Debatten des Tages benötigen.

Die Ausgangslage

Wir fassen zusammen, wie es dazu kam: Andy Burnhams Weg in die Downing Street ist kein gewöhnlicher. Er ist das Ergebnis einer Partei in der Krise – und eines Mannes, der genau im richtigen Moment am richtigen Ort war. Keir Starmer, sein Vorgänger, hatte im Juni parteiinternem Druck nachgegeben und seinen Rücktritt erklärt. Burnham wartete keine 24 Stunden: Unmittelbar danach gab er bekannt, dass er Starmer beerben wolle.

Was folgte, war kein Kampf, sondern eine Krönung. Laut AFP erhielt der 56-Jährige bis Montagnachmittag der vergangenen Woche die Unterstützung von 349 der 403 Labour-Abgeordneten – ein Ergebnis, das jeden möglichen Gegenkandidaten von vornherein aussperrte. Die Frist im Nominierungsverfahren endete am Donnerstag, am Freitag wurde Burnham offiziell zum neuen Labour-Vorsitzenden gekürt. Heute folgt der nächste Schritt.

Burnhams Aufstieg ist aber auch eine Geschichte über den Zustand der britischen Linken. Starmers Labour hatte zuletzt mit dem Höhenflug der rechtspopulistischen Partei Reform UK unter Nigel Farage zu kämpfen – bei Kommunal- und Regionalwahlen im Mai sowie in landesweiten Umfragen. Viele in der Partei machten Starmer dafür mitverantwortlich. Burnham hingegen hatte bei einer Nachwahl im nordwestenglischen Wahlkreis Makerfield einen deutlichen Sieg gegen den Reform-UK-Kandidaten errungen – und damit Hoffnung in eine Partei gepumpt, die dringend welche benötigte.

Burnham ist kein Newcomer. 2001 zog er erstmals ins Unterhaus ein, diente unter Tony Blair als Staatssekretär im Innenministerium, unter Gordon Brown als Staatssekretär im Finanzministerium und später als Kultur- und Gesundheitsminister. 2017 kehrte er London den Rücken und wurde Bürgermeister des Großraums Manchester – ein Amt, das er zweimal mit wachsenden Mehrheiten verteidigte, zuletzt mit fast zwei Dritteln der Stimmen, wie AFP berichtet. Seinen Spitznamen „König des Nordens“ verdiente er sich in der Corona-Pandemie, als er sich öffentlich mit dem damaligen Premierminister Boris Johnson anlegte und für mehr Unterstützung für Unternehmen und Arbeitnehmer:innen in der Region kämpfte.

Die Crux

Hier erfahren Sie, worum es geht, worauf es ankommt und woran es hängt: Burnham übernimmt keine leere Bühne. Er tritt mitten in eine laufende Legislaturperiode ein, mit einem Kabinett, das bereits seit fast einem Jahr im Amt ist, und einem Gesetzgebungsprogramm, das in der King’s Speech im Mai verkündet wurde. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie viel Kontinuität, wie viel Wandel?

Jill Rutter, Senior Fellow am Institute for Government, analysierte für UK in a Changing Europe, dass Burnham in einigen Bereichen bereits klare Signale gesetzt hat: mehr Dezentralisierung, sozialer Wohnungsbau, eine neue Bildungs- und Qualifizierungspolitik. Doch in vielen anderen Politikfeldern herrsche noch Unklarheit darüber, wohin die Reise gehen soll. Das sei ein Problem, denn Unsicherheit lähmt – in der Verwaltung wie in der Wirtschaft.

Strukturell fällt auf: Burnham hat James Purnell, einen früheren Kabinettskollegen, als Chef des Büros in der Downing Street eingesetzt. Laut Rutter gilt das als vielversprechender Start – Purnell kenne Burnham gut genug, um ihn auch herauszufordern, wenn nötig. Außerdem soll Jonathan Powell als nationaler Sicherheitsberater im Amt bleiben – ein Zeichen für Kontinuität in einem Bereich, in dem Burnham wenig eigene Erfahrung mitbringt.

Das vielleicht kühnste Signal: Ein Teil des Downing-Street-Teams soll künftig in Manchester arbeiten – ein „No.10 North“. Das könnte mehr sein als Symbolpolitik, wenn Burnham tatsächlich regelmäßig von Manchester aus regiert. Es wäre ein echter Bruch mit der Londoner Zentralisierungstradition britischer Regierungen.

Espresso-Argumente für die Kaffeeküche

Mit diesen Argumenten punkten Sie bei der politischen Debatte in der Kaffeeküche:
„Linke Wirtschaftspolitik funktioniert nicht – Manchester ist doch kein Vorbild für ganz Großbritannien.“ Manchester ist genau das Vorbild, das Großbritannien benötigt. Burnham hat dort gezeigt, dass bezahlbarer Nahverkehr, sozialer Wohnungsbau und eine funktionierende Gesundheitsversorgung keine Utopie sind, sondern machbare Politik. „Ich denke, wir müssen das, was wir im Großraum Manchester erreicht haben, auf die nationale Ebene übertragen“, sagte Burnham im Mai dem Sender BBC. Wer das als naiv abtut, ignoriert, dass Burnham zweimal mit wachsenden Mehrheiten wiedergewählt wurde – von Menschen, die seine Politik am eigenen Leib erlebt haben.

„Reform UK hat bei den letzten Kommunalwahlen gewonnen – die Menschen wollen eben keine linke Politik mehr.“ Burnham hat bei der Nachwahl in Makerfield direkt gegen einen Reform-UK-Kandidaten gewonnen – und zwar deutlich. Das zeigt: Wer konkrete Lösungen für konkrete Probleme liefert, kann auch gegen den Rechtspopulismus bestehen. Nigel Farages Partei lebt von Protest und Versprechen, die sie nie einlösen muss. Burnham hat eingelöst – und sagt selbst: „Das ist die letzte Chance für Veränderung.“

FR‑üh dran – die Lage am Morgen

In unserer Kolumne informieren wir Sie täglich über den wichtigsten Termin des Tages und bereiten Sie als FR-Leser:in auf die politische Debatte in der Kaffeeküche und am Mittagstisch vor, indem wir die passenden Argumente direkt mitliefern. Lesen Sie hier genau, warum „FR-üh dran“ zu Ihrem täglichen Morgenritual werden sollte.

Sie sind anderer Meinung, Ihnen fehlen Argumente oder Sie haben ein Thema, dem wir uns in der Kolumne annehmen sollen? Dann schreiben Sie uns oder diskutieren Sie mit in der Kommentarspalte unter diesem Artikel.

Blick nach vorne

Lesen Sie hier schon heute, was als Nächstes passieren wird: Der Amtsantritt ist erst der Anfang. Burnham muss in den kommenden Wochen sein Kabinett formen und entscheiden, welche Minister:innen er übernimmt und wen er ersetzt. Besonders spannend wird die Frage, wie er das Verhältnis zwischen London und den Regionen neu gestaltet – und ob das „No.10 North“ in Manchester mehr wird als ein PR-Gag.

Das wichtigste Datum auf Burnhams Agenda dürfte sein erstes Budget sein. Wann genau es kommt, ist noch offen – aber es wird die eigentliche Bewährungsprobe seiner Regierung sein. Wie er die Haushaltslage bewertet, welche sozialen Prioritäten er setzt und wie er mit der Schuldenlast umgeht, die er von Starmer erbt, wird zeigen, wie ernst Burnham es mit dem „wirtschaftsfreundlichen Sozialismus“ meint.

Außerdem steht die Frage im Raum, wie Burnham mit dem Erstarken von Reform UK umgeht. Die Rechtspopulisten haben bei den Kommunal- und Regionalwahlen im Mai zugelegt – und werden Burnham keine Verschnaufpause gönnen.

Echt jetzt?!

Andy Burnham ist Großbritanniens siebter Premierminister in zehn Jahren. Sieben. In einem Jahrzehnt. Zum Vergleich: Deutschland hatte im selben Zeitraum drei Kanzler:innen – Merkel, Scholz, Merz. Frankreich sogar nur zwei Präsidenten. Großbritannien hingegen verbrauchte Regierungschefs wie andere Länder Fußballtrainer – Cameron, May, Johnson, Truss (49 Tage!), Sunak, Starmer, jetzt Burnham.

Unvergessen dabei: 2022 startete der Daily Star einen Livestream – mit einem Salatkopf. Die Frage: Wer hält länger durch, Truss oder das Gemüse? Der Salat gewann. Die Erwartungen in Großbritannien sind klar: Burnham soll regieren – und dabei bitte nicht welken. (Quellen: UK in a Changing Europe, AFP, The Times, BBC) (nak)