Es waren nur noch wenige Runden übrig beim Grand Prix von Ungarn, als aus der Box des Titelverteidigers zur Sicherheit eine Warnung abgegeben wurde. „Lando, du bist eindeutig der Schnellste“, hörte der Weltmeister auf seinen Kopfhörern: „Du hast nichts mehr zu beweisen.“ Sieben Durchgänge vor der Zielflagge flog Lando Norris geradezu über den heißen Asphalt, neuneinhalb Sekunden hinter ihm erst tauchte das nächste Auto auf. Nur kein Risiko eingehen, dachte sich der Kommandostand von McLaren. Aber Risiko, das war eine Frage des Blickwinkels. Und für den Piloten würde die Gefahr, doch noch eingeholt zu werden, erst ausgeräumt sein, wenn das Rennen wirklich vorbei sein würde. Wie auch sollte Norris anders denken, wenn er doch bisher kein einziges Rennen in diesem Jahr als Erster beenden konnte?
Aber an diesem Sonntag, im elften Rennen dieser für ihn so durchwachsenen Saison, beendete Norris seine seit November andauernde Erfolglosigkeit auf jenem Kurs, auf dem er auch im vergangenen Jahr reüssiert hatte. Erster vor Max Verstappen und Kimi Antonelli – das war ein Ergebnis für eine Liebeserklärung. „Ich liebe euch alle“, funkte der 26-Jährige nach der Zieldurchfahrt an sein Team: „Wunderschön. Das Auto war heute unglaublich. Harte Arbeit zahlt sich aus. Lasst uns so weitermachen.“

Nico Hülkenberg in der Formel 1
:Auf der Jagd nach dem ersten PunktDie Auftaktsaison mit dem Audi-Werksteam ist für Nico Hülkenberg bisher eine Herausforderung. Nun kommen schon erste Gerüchte auf, es könnte womöglich einen Fahrerwechsel geben.
Das oberste Treppchen des Podests gehörte bei der Siegerehrung natürlich ihm. Aber in Gedanken gesellte sich womöglich Antonelli zu ihm. Vom siebten Platz gestartet, hatte sich der Mercedes-Pilot so weit nach vorne gekämpft, dass der Gesamtführende wertvolle Punkte holen konnte. Sein Vorsprung im Kampf um die Weltmeisterschaft beträgt nun 50 Zähler auf seinen ärgsten Verfolger Lewis Hamilton (169), der ihm in Budapest das Leben schwer machte. Im Ferrari kam der siebenmalige Weltmeister erst auf der Strecke nicht am Mercedes vorbei und erhielt dann auch noch ein Knöllchen in Form einer Fünf-Sekunden-Strafe, weil er in der Boxengasse zu schnell gefahren war. Damit rutschte Hamilton in der Tageswertung auch noch hinter seinen Teamkollegen Charles Leclerc. Und noch einer fühlte sich als Gewinner: Der einzige deutsche Fahrer Nico Hülkenberg holte als Neunter die ersten zwei Punkte mit Audi. Noch so eine Durststrecke, die im letzten Grand Prix vor der vierwöchigen Sommerpause beendet wurde.
Der zwischendurch Führende Piastri im zweiten McLaren fällt aus – Getriebeschaden
Das gewohnte Farbschema dieses Jahres hatte Norris bereits am Samstag aufgepeppt. Die Pole-Position glänzte bisher immer silbern, stets hatte sich Mercedes durchgesetzt. Diese Dominanz wurde nun durchbrochen von Papaya-Orange, dank der Kombination aus Upgrades am MCL40 auf einer Strecke, die dem Charakter des McLaren liegt. Norris war selbst überrascht und, auch gespeist von der bisher durchwachsenen Saison, vorsichtig: „Es wird ein langes und schwieriges Rennen.“ Sein Vorsprung auf Hamilton war mit 0,012 Sekunden äußerst knapp. Im Rückspiegel am Sonntag sah er dann aber gar nicht den siebenmaligen Weltmeister, sondern Leclerc und seinen eigenen Garagennachbarn Oscar Piastri. Weil Hamilton und Antonelli gegen das Reglement verstoßen hatten, mussten sie drei Plätze weiter hinten starten, Hamilton rutschte auf den fünften, Antonelli auf den siebten Rang.
Nur vier Mal hatte in der 40-jährigen Geschichte des Grand Prix von Budapest ein Fahrer das Rennen gewinnen können, der nicht aus den ersten beiden Reihen gestartet war. Überholen ist auf dem 4,381 km langen Circuit immer schwierig gewesen. Aber würde das auch in diesem Jahr gelten, das im Zeichen des neuen Reglements mit dem Elektroantrieb in einer Hauptrolle steht? Ganz abgesehen davon war es am Sonntag so heiß wie weder in den Trainingssessions noch in der Qualifikation: 30,4 Grad Luft- und 52,2 Grad Streckentemperatur zeigten die Thermometer, als die Ampeln ausgingen. Reifenflüsterer waren neben einer cleveren Strategie besonders gefragt.
Zwischendurch wirkte es, als würde Oscar Piastri vor seinem McLaren-Kollegen Lando Norris in Budapest gewinnen, doch die Führung konnte er nicht halten: Erst ausgebremst von Carlos Sainz, dann von der Technik im Stich gelassen. Ferenc Isza/AFPBeim Start war vor allem Leclerc der Verlierer. Als hafte das Gummi seiner Reifen auf dem Asphalt fest, kam er nicht voran und musste zusehen, wie Norris und Piastri davonzogen. Verstappen, als Sechster gestartet, schob sich noch vor die beiden Ferrari und war nun Dritter. Es ging dicht zu da vorne, in der zweiten Kurve schob sich auch noch Piastri an Norris vorbei. Ein Manöver, das über den Sieg hätte entscheiden können. Hamilton klebte an Verstappens Heck, kam aber nicht an ihm vorbei und bog nach 14 der insgesamt 70 Runden als Erster für die harte Reifenmischung ab. Verstappen folgte im 15., Norris im 18. Durchgang. Und jeder, der nun der Besitzer frischer Pneus war, lieferte zurück auf der Strecke Unterhaltung beim munteren Platztausch. Die Stopps spülten zwischenzeitlich Antonelli an die Spitze des Feldes, aber als auch er nach 22 Runden mit seinem Mercedes an die Box fuhr, war die anfängliche Ordnung wieder hergestellt: Ganz vorn die beiden McLaren, gefolgt von Verstappen und den beiden Ferrari.
Hamilton bog abermals ab, und Piastri hörte vom Kommandostand die Aufforderung: „Wir brauchen Geschwindigkeit.“ Aber was sollte der Australier machen? Piastri antwortete: „Ja, die hab ich nicht wirklich.“ Sein Teamkollege hingegen schon, nur 0,6 Sekunden lagen zwischen den beiden McLaren – der Weltmeister wurde ungeduldig und wartete auf die Genehmigung, zu überholen. „Ihr meint also, ihr lasst mich nicht? Ich bin um Längen schneller!“ Piastri als Führender wurde an die Box gerufen, was ein Vorteil hätte sein können. Aber Carlos Sainz sah ihn offenbar trotz der blauen Flagge als Signal nicht und war im Weg. „Geh aus dem Weg du Idiot!“, rief Piastri. Nur blöd, dass ihn Sainz nicht hören konnte. Der McLaren und der Williams berührten sich, Piastri behielt die Kontrolle, aber das kostete wertvolle Zeit. Vorteil Norris. Er fuhr in der 40. Runde an die Box, kam vor seinem Teamkollegen auf die Strecke und baute den Vorsprung bald auf fünf Sekunden aus.
Piastris Manöver zu Beginn? Wertlos: „Der Start war der Höhepunkt meines Rennens, und danach ging es bergab.“ Norris hatte einzig Antonelli vor sich, doch der war auf Reifen unterwegs, die schon 22 Runden alt waren. Bis die Spitze wieder papaya-orange statt silberfarben getüncht war, dauerte es nicht lange. Piastri blieb dahinter, Mercedes ließ seinen Youngster noch draußen. Bis zur 54. Runde, nach dem Stopp kam Antonelli als Sechster wieder raus. Und dann wurde Norris die vermeintlich größte Gefahr an diesem Tag unerwartet los: In der 56. Runde wurde Piastri langsamer und langsamer, bis er an der Seite zum Stehen kam. Getriebeschaden, virtuelles Safety-Car, eine Einladung zum Reifenwechsel, die die Führenden annahmen.
Den Platz an der Sonne gab Norris danach nicht mehr ab. Er kreiste fröhlich vor Verstappen, Hamilton und Antonelli. Weil Hamilton aus der Boxengasse nach Antonelli über die maßgebende Linie gefahren war, musste er Position drei an seinen Nachfolger bei Mercedes geben. Die Strafe kam dann obendrauf – und an einem Tag mit mehreren Gewinnern zählte Hamilton zu den Verlierern.