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Finals 2026: Stöhr stürzt Favoritin Schönmaier in Turn-Krimi

Silja Stöhr (re.) kann ihren Sieg nicht fassen

Prominente Comebacks Stöhr stürzt Favoritin Schönmaier in Turn-Krimi

Stand: 24.07.2026 • 20:44 Uhr

Es ist ein Mehrkampf der besonderen Momente bei den Finals 2026: Helen Kevric feiert nach schwerer Verletzung ein Wahnsinns-Comeback am Stufenbarren. Pauline Schäfer-Betz turnt nach drei Jahren wieder einen kompletten Vierkampf. Und Titelverteidigerin Karina Schönmaier bleibt in einem Herzschlagfinale überraschend hinter Silja Stöhr zurück.

Am Ende müssen Schönmaier (Chemnitz) und Stöhr (Heddesheim) selbst lachen. Sie sitzen nebeneinander - und warten, warten und warten. Die beiden Konkurrentinnen vertreiben sich die Zeit mit Klatschspielen (die Grundschul-Pause lässt grüßen), schwenken die Arme mit den Zuschauern und schauen zunehmend ungläubig.

Es ist knapp. So knapp, dass die Köpfe der Wertungsrichter rauchen. Dann kommen endlich die Punkte. Stöhr erhält für ihre abschließende Übung am Boden - nach einem Einspruch - nach oben korrigierte 12.800, Schönmaier kurz darauf 13.000.

Damit steht fest: Stöhr hat die Titelverteidigerin - nach Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken und Boden - ganz knapp entthront und ist deutsche Mehrkampf-Meisterin. Mit insgesamt 53.301 Punkten liegt die 18-Jährige am Ende einen Hauch von 0.368 vor der Favoritin.

"Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich bin wirklich sehr emotional. Das ist einfach krass. Ich bin so dankbar für alles, was heute passiert ist", sagt Stöhr unmittelbar nach dem Triumph im Sportschau-Interview. Beginnend mit der Übung am Sprung sei ihr einfach alles gelungen. "Es war einfach sehr, sehr gut", so die Überraschungs-Siegerin.

Titelverteidigung gescheitert: Karina Schönmaier muss sich im Mehrkampf bei den Finals 2026 Silja Stöhr geschlagen geben.

Schönmaier ist hingegen trotz der Niederlage nicht unglücklich. "Ein kleines bisschen Enttäuschung ist dabei, weil es in unserer Sportart immer ganz knapp ist. Im Großen und Ganzen bin ich aber trotzdem zufrieden", sagt die 20-jährige Doppel-Europameisterin, die im vergangenen Jahr bei den Finals zwei Mal Gold, zwei Mal Silber und ein Mal Bronze holte.

Sie habe "keine großen Fehler gemacht", aber natürlich gebe es Kleinigkeiten, an denen sie vor der EM (13. bis 23. August in Zagreb) noch arbeiten könne. Stöhr gönne sie den Titel "von ganzem Herzen. Ich bin stolz auf sie. Sie hat einen sehr, sehr guten Wettkampf geturnt."

Kevric und Schäfer-Betz mit erfolgreichen Comebacks

Das Herzschlagfinale zwischen Stöhr und Schönmaier um Gold ist der emotionale Schlussakt in einem Wettkampf voller besonderer Momente. Für zwei sorgen echte Turn-Asse mit ihren Comebacks - Helen Kevric und Pauline Schäfer-Betz. Beide haben lange Leidenszeiten hinter sich. Und beide zeigen in Hannover, dass wieder mit ihnen zu rechnen ist.

Pauline Schäfer-Betz bei ihrem Mehrkampf-Comeback am Stufenbarren.

Dabei beginnt der Wettkampf für Schäfer-Betz am Stufenbarren undankbar. Sie turnt allerdings sauber an den beiden Holmen, die sie eigentlich so gar nicht mag. Nur beim Handstand mit halber Drehung muss die 29-Jährige kurz kämpfen. 13.100 Punkte sind für sie ein guter Start in ihren ersten kompletten Mehrkampf seit drei Jahren. Wegen Hüftproblemen und einer Operation verpasste sie die gesamte vergangene Saison.

"Ich bin wahnsinnig froh, dass ich mein Ding heute so gut gemacht habe"

Pauline Schäfer-Betz nach ihrem Mehrkampf-Comeback

Nun läuft der Wettkampf für sie weiter richtig rund. Auf dem Schwebebalken - dem Gerät, auf dem sie einst Weltmeisterin wurde - liefert sie sogar die beste Übung des Tages ab (13.567 Punkte). Am Ende holt sie Bronze. "Ich bin wahnsinnig froh, dass ich mein Ding heute so gut gemacht habe", sagt Schäfer-Betz. Sie könne sehr zufrieden sein mit ihrer Leistung. Jetzt gelte es, "in den nächsten Wochen Richtung EM weiterzuarbeiten". Und darüber hinaus. Denn ihre große Mission soll 2028 mit ihren vierten Olympischen Spielen in Los Angeles enden.

Kevric von der Durchstarterin zur Ausgebremsten

Dieses Ziel hat auch Helen Kevric. Sie hatte bei den Olympischen Spielen 2024 die Turn-Welt verzaubert. Als jüngste unter den 429 Teilnehmern des deutschen Teams war sie damals nach Paris gereist und hatte völlig unbeeindruckt von den großen Namen der Konkurrenz abgeliefert.

Im Mehrkampf wurde Kevric - altersbedingter Spitzname: das Küken - Achte und legte am Stufenbarren den sechsten Platz nach. Dabei ließ sie sogar US-Star Simone Biles hinter sich, die bei den Wettkämpfen in der "Bercy Arena" eigentlich alles überstrahlte. Spätestens jetzt kannten den Shootingsstar des nicht mehr nur Turn-Experten.

Schwer gestürzt: Helen Kevric bei der Heim-EM in Leipzig im Mai 2025.

Doch es folgte der Schock. Knapp ein Jahr nach den Spielen stürzte Kevric bei der Heim-EM in Leipzig bei der Landung am Sprung. So schwer, dass sie nicht selbst aufstehen konnte. Das schwer lädierte Knie wurde schnell operiert. Der Streckapparat des Gelenks musste wiederhergestellt und ein kleiner Knochen refixiert werden. Aus der 16-jährigen Durchstarterin war eine 17-jährige Ausgebremste geworden. "Ich konnte plötzlich nicht mehr laufen und musste es wieder neu lernen", erzählte sie jüngst im Podcast "Von Staub zu Gold" des Deutschen Turner-Bundes (DTB). Turnen war ganz weit weg.

Turn-Küken am Stufenbarren mit einer Weltklasse-Wertung

Die große Bühne in Hannover ist nun ihr Neustart. Kevrics Ansage vor dem Multisport-Event war klar: "Mein Ziel ist es, wieder zur alten Form zurück zu kommen." Und sie zeigt in der niedersächsischen Landeshauptstadt eindrucksvoll, dass sie nichts von ihrer Qualität verloren hat.

14,766 Punkte hatte sie 2025 in der Qualifikation bei der Europameisterschaft in Leipzig geholt. Weltklasse, die - hätte sie sich nicht verletzt - bei einer Wiederholung im Finale für EM-Gold gereicht hätte. In der ZAG Arena legt die 18-Jährige nun sogar noch einen drauf. 14,883 bekommt sie am Ende an ihrem Paradegerät.

Womit sie an diesem Nachmittag die klar Beste am Stufenbarren bleiben wird. 1.170 Punkte besser etwa als die spätere Meisterin Stöhr. Es sind für Kevric hervorragende Aussichten für das Gerätefinale am Samstag (ab 12:52 Uhr live im Stream). Auf dem Schwebebalken - dem zweiten Gerät, das Kevric an diesem Tag turnt - leistet sie sich später einen Wackler. Und dennoch ist auch diese Übung mindestens solide.

Das Comeback in Hannover ist also mehr als geglückt. Zumindest für die Beobachter. Kevric hingegen zeigt sich im Sportschau-Interview selbstkritisch - sogar mit Blick auf ihre Stufenbarren-Performance. "Ich bin froh, wieder zurück zu sein, aber nicht ganz zufrieden mit meiner Leistung", so die 18-Jährige. Die Zeit der Verletzung sei nicht einfach gewesen. Bei den Finals habe sie nun noch "ganz viel" vor. Zum Beispiel einen Titel in den Gerätefinals? "Auf jeden Fall."