Was wird denn sein, wenn jetzt alles so schnell wird? Wenn die Quanten springen und die Künstlichen Intelligenzen ausbrechen, wenn die schwierigsten Prognosen nur noch Sekunden dauern und die Übertragung größter Datenmengen innerhalb eines Wimpernschlags geschieht – wie werden wir dann tanzen? Dann, wenn die dämonische Beschleunigung keine Dauer, keine Reifung mehr kennt – wie werden wir dann unsere Schritte setzen? Nachts in irgendeiner Bar, mit einem alten Freund, der vielleicht doch eine Liebe hätte werden können und jetzt so vertraut lacht, dass sie die Arme um seinen Hals legt und für ein paar Lieder so tut, als wäre er der ihre. Wie wird dieses Paar tanzen, dann, wenn der veloziferische Geist ganz Besitz von uns ergriffen hat?
Vielleicht wird es sich so aufeinander zu schleppen wie diese wankenden Gestalten dort auf der Bühne, die sich aus dem Nebel herausschälen und ihre Körper gegen den dunklen Lauf der Dinge stemmen. Sie wirken, als kämpften sie sich mit aller Kraft gegen die Schnelligkeit vor, als hätten sie in der Langsamkeit, in der Monotonie einen Schutzschild gegen die Aufdringlichkeit der Zeitsprünge entdeckt.
Selbstgespräch eines Schwachsinnigen
Faust tritt an diesem Salzburger Premierenabend als zittriger Irrläufer auf. Er watet durch einen Sumpf aus Erkenntnissen, der jeden seiner Schritte unsicher macht, alles ist nur Tasten und Abrutschen, nach Gleichgewicht Suchen und ins Ungewisse Stürzen. Er könnte auch angeschossen oder sonst schwer verletzt sein und jeden Moment zusammenbrechen. Mit den Händen fährt er durch die Luft, als suchte er das Haltlose seiner Bewegungen abzufedern, während aus seinem Mund die Worte fallen wie abgeworfener Ballast. Als Selbstgespräch eines Schwachsinnigen legt Steven Scharf den vielleicht berühmtesten Anfangsmonolog der Theatergeschichte an, beschimpft sich selbst als armen Tor und wendet die sokratische Unwissenheitsweisheit autoaggressiv: „und sehe, dass wir nichts wissen können / das will mir schier das Herz verbrennen“.
Scharf spielt Faust in der ersten Viertelstunde als jemanden, dessen Ausraster man aus Sicherheitsgründen lieber von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Ein mitleiderregender Maniac, dem die Sicherungen durchgebrannt sind und der sich jetzt einsam durch die Straßen schleppt. Nur dass es in diesem Fall nicht Straßen sind, sondern eine in den Boden eingelassene Drehscheibe, über die sich Faust fortbewegt. Sie dient als Verkörperung jenes „sausenden Webstuhls der Zeit“, an dem der Erdgeist sitzt und unbändige Dynamiken entfacht.
Kein fremder Teufel, eine zweite Seele
Immer wieder wandelt Scharf den Duktus seiner Aussprache, mal stößt er Goethes Verse minettihaft hervor, mal verleiht er ihnen einen Grönemeyer-Aufschrei-Klang. „So sieht es aus, wenn die Einfalt ihren heiligen Wert erkennt“, heißt es an einer Stelle – und wenn man genau hinschaut, dann verkörpert dieser Faust diesen Wert mit großer Hingabe. Er verleiht seiner Legendenfigur etwas leicht Psychedelisches, Angsteinflößendes – das Grauen vor ihm, das Gretchen erst ganz am Schluss überkommt: Man spürt es hier schon von Beginn an.
Überhaupt liegt über dieser Faust-Inszenierung eine düstere Schattenlast. Alles, was volkstümlich, schlüpfrig oder komisch ist, hat die Regie aus der Fassung gestrichen – keine Walpurgisnacht, keine Hexenküche, kein Auerbachs Keller, nicht einmal einen Osterspaziergang gibt es hier. Alles ist auf den inneren Faust ausgerichtet, auf seine Entzweiung, seine Schizophrenie: Mephisto, von Valery Tscheplanowa ein wenig zu aufgesetzt betrugsstolz gespielt, ist hier nur eine weitere dunkle Kehrseite seines Ichs, ein Abgrund, der in ihm wohnt. Im selben Anzug, im gleichen Schritt wandelt dieser stets verneinende Geist neben ihm her, um ihm den Spiegel vorzuhalten: kein fremder Teufel, sondern eine zweite Seele.
Keine barocke Explosivkraft
Es kommen in dieser hochgradig destillierten Inszenierung von Ulrich Rasche nur noch ein paar wenige Anzugträger hinzu: Max Rothbart gibt Valentin als bereitwilligen Ehrenmörder, Johannes Nussbaum stellt als junger Faust etwas bemüht die Generationenfrage, windet und schmiert sich um sein altes Ego herum, ohne mehr zu erreichen als einen Punktsieg im erotischen Vergleich. Denn bald schon – wie könnte es bei Rasche anders sein? – entblößen hier alle ihre Oberkörper, um zu beweisen, wie nah am archaischen Puls sie sind. Das ist ein interessantes Missverständnis, ein einfallsreicher Deutungsirrtum: Goethes Faust als verlorenen Sohn der Gothic Romance darzustellen, bedeutet nämlich, ihm seine barocke Explosivkraft zu nehmen, die überbordende Vielfarbigkeit seiner In-Szene-Setzung, die von erhabenem Ernst bis zu drastischer Komik reicht, schwarz-weiß zu streichen. Das täuscht eine Wesentlichkeit vor, die sich als Wirkungsabsicht entpuppt.
Zwei monumentale Leinwandkolosse markieren das bildnerische Zentrum der Bühne, sie drehen, heben und senken sich, leuchten auf, schieben sich voreinander und bilden einen engen Korridor, in den Faust immer wieder verschwindet. Hier trifft er auf die unterschiedlichsten Facetten seiner Einsamkeit, hier wird er als Seelenmensch mühsam zusammengehalten von jener Welt, deren innerstes Funktionsprinzip er als Bildungsbürger vergeblich gesucht hat.
Sie will mit ihm spielen
Und hier begegnet er auch seinem schönsten Abgrund: Gretchen. Anna Drexler spielt diese uns allen sprichwörtlich gewordene Natur nicht als Prinzip, sondern als Person, mit jener ihr eigenen akkuraten Resolutheit, die sich dem vorgegebenen Marschrhythmus widersetzt, ohne mit dieser Widerständigkeit anzugeben. Stattdessen tritt sie selbstkritisch schnippisch als Konkurrenz zu Mephisto auf, nimmt den, der angeblich „nie wusste, sich in die Welt zu schicken“, an die Hand und führt Faust durch ihre Lebenswelt.
Sie ist die Einzige, die nicht mit ihm handeln, sondern mit ihm spielen will. Wunderschön singt sie ihm das alte Lied über den König von Thule vor, entrüstet ruft sie ihn zum Glauben, bäuerlich derb küsst sie seine erkalteten Lippen. Einmal rennt sie sogar plötzlich los und will mit ihm und seinem jungen Ich Fangen spielen – und für einen Moment bekommt Rasches Stereoschwere eine „Jules et Jim“-hafte Leichtigkeit, für einen Moment laufen da drei Seelen im Kreis und lassen sich den Wind des Wandels um die Nase wehen. Aber es ist eben nur für den Moment.
Hier wird nicht nur im Gleichschritt marschiert
Wer Rasches Arbeit seit Längerem verfolgt, wird zugestehen, dass er mit dieser Festspielproduktion versucht, sein Image als monotoner Drehbühnen-Regisseur zu konterkarieren. Das fängt bei den neuartigen Bildschirm-Korridoren an, aber überträgt sich auch auf eine gewisse Bewegungsfreiheit seines Ensembles: Hier wird nicht nur im Gleichschritt marschiert, hier wird auch gestürzt und gewürgt, sich geküsst und gehalten. Und doch: So groß der Respekt vor einem Regisseur ist, der keine Angst davor hat, sein Publikum zu langweilen, so groß bleibt auch die Skepsis gegenüber der wirkungsästhetischen Strategie dahinter.
Im ersten Moment wirkt Rasches Setzung immer groß und gewaltig und auch im zweiten noch eindrucksvoll und eigenartig, aber schon im dritten beginnt die Gewöhnung an das Ungewöhnliche, das Gefühl, sich auszukennen im Düsteren der Donnerworte. Wenn Pathos übersteuert, wirkt es schnell bedeutungslos, wenn Eindruck geschunden wird, wandelt sich Akkuratesse bald zu Aktivismus.
Der Kampf gegen die manische Monotonie, gegen einen Akzelerationismus, der das Innehalten zum Sündenfall erklärt – darin verbirgt sich wahrscheinlich die Gretchenfrage unserer Zeit: Wie hältst du’s mit der Serendipity? Mit der zufälligen Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem. In unseren Geistergesprächen wird darin jetzt mitunter das letzte Bewusstseinsmittel des Menschen gegen die Übermacht der Künstlichen Intelligenz gesehen. Sein plötzliches Bedürfnis zum Tanz, zur unvorbereiteten Bewegung, die alles Formierte unterbricht.
Es gibt solche Momente auch an diesem Theaterabend, wenn Faust plötzlich die Arme hebt und senkt wie ein Rapper oder Gretchen ihm über die Stirn streicht, als wäre sie die Seelsorgerin des Weltgeists. Aber alles in allem bleibt es doch zu wenig Tanz und zu viel Vorbereitung. Nach knapp vier Faust-Stunden stellt sich auf der Pernerinsel die deutsche Schicksalsfrage: Warum müssen wir es uns immer so schwer machen?