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„Every Year After“ auf Amazon Prime: Es ist doch nur Sex

„Every Year After“ auf Amazon Prime Es ist doch nur Sex

12.07.2026 · 20:33 Uhr

 Percy Fraser (Sadie Soverall, l.) liebt Sam Florek (Matt Cornett). Und er sie auch – immer mal wieder, jedenfalls.

Percy Fraser (Sadie Soverall, l.) liebt Sam Florek (Matt Cornett). Und er sie auch – immer mal wieder, jedenfalls.

Foto: Justine Yeung/Amazon Prime Video/Justine Yeung

Tolle Landschaft, schöne Menschen, komplizierte Beziehungen: „Every Year After“ ist der neueste Coup aus der Reihe der „Young Adult“-Verfilmungen. Leider entpuppt sich das Ganze als antiquierte, antifeministische Moral-Lektion.

Es hat wirklich niemand ein feministisches Erweckungserlebnis erwartet. Nicht vom Genre der Young-Adult-Romanverfilmungen, bei dem Themen wie sexuelle Identitätssuche und Liebesbeziehungen im Mittelpunkt stehen. Wer hier einschaltet, erwartet schöne Menschen, die in schöner Landschaft (etwa am Meer oder an einem malerischen See in den Bergen) ihre Lebens- und Liebeskrisen aufarbeiten, in der Erwartung natürlich, dass alles gut ausgeht. Niemand hat verlangt, die pseudorealistische Abbildung vom Leben junger Erwachsener, von der das Liebesfilm-Genre lebt, grundsätzlich zu verändern.

Was man im Jahr 2026 aber verlangen kann und was die Kernaufgabe des YA-Genres sein sollte, ist, der weiblichen Perspektive auf Liebe, Leben und Beziehung wenigstens angemessenen Raum zu geben – besonders angesichts der Tatsache, dass 75 bis 85 Prozent des Publikums Frauen und Mädchen sind.

Um zu verstehen, wie sehr „Every Year After“, die neueste Verfilmung aus dem Genre der Young-Adult-Romane, die gerade in den sozialen Netzwerken gehypt wird, an diesem Minimalanspruch scheitert, sei ein kleiner Ausflug in die Schwester-Serie „The Summer I turned pretty“ gestattet. Über den letzten Amazon-Prime-Sommer-Serienhit, der im vergangenen Jahr nach drei Staffeln endete, wurde viel geschrieben und noch mehr diskutiert. Nicht zu Unrecht monierten Kritiker und vor allem Kritikerinnen, die Handlung – und damit das Interesse der Hauptfigur Belly – erschöpfe sich in der weiblichen Aufgabe, den richtigen Mann fürs Leben zu finden. Außerdem überbetone die Serie die Bedeutung von äußerer Schönheit und zeige ein oberflächliches Bild einer privilegierten Gesellschaftsklasse. Das ist alles nicht falsch.

Was bei „The Summer I turned pretty“ aber immerhin einigermaßen gelang – und ebenso beim nächsten großen Young-Adult-Hit „Off Campus“ – war die Darstellung von weiblichem Selbstbewusstsein, von Solidarität und, zumindest ansatzweise, von selbstbestimmter Sexualität. Im Sinne einer Sexualität, die wirklich von Frauen selbst gesteuert wird und die sich nicht notwendigerweise über die Gunst oder Anerkennung eines Mannes definiert. Auch „The Summer I turned pretty“ war überromantisiert und klischeebeladen. Aber nicht mehr, als man es von einer Liebesgeschichte mit Meerblick erwarten konnte.

Legt man diese doch sehr übersichtlichen Kriterien zugrunde, brachte auch „Every Year After“ gute Voraussetzungen mit, schon allein, weil die Handlung sehr an die von „The Summer I turned pretty“ erinnert. Wieder einmal geht es um eine junge Frau und ihren steinigen, von Fehlentscheidungen gesäumten Weg zu ihrem Liebes- und damit auch Lebensglück: Percy, Ende 20, eher unerfolgreich als Journalistin, erfährt vom Tod von Sue, der Frau, die in den Ferien stets wie eine zweite Mutter für sie war.

Mit Sues Söhnen Charlie und Sam war Percy über viele Jahre eng befreundet; mit dem jüngeren Sam entwickelt sich schließlich eine On-Off-Liebesbeziehung. Doch dann passiert etwas, das Percy den Kontakt zu ihrer Ferien-Wahlfamilie abbrechen und zehn Jahre nicht wieder aufnehmen lässt. Bis zu jener Todesnachricht, die sie dazu bringt, ihren ehemaligen Sehnsuchtsort aufzusuchen, um sich den Dämonen ihrer Vergangenheit zu stellen.

Diese nach und nach und mithilfe von Rückblenden erzählte Geschichte hätte auf einem Basisniveau wirklich unterhaltsam werden können. Wird sie aber nicht.

Denn bei der Darstellung der weiblichen Hauptfigur und ihrer Lebenswelt vollzieht „Every Year After“ eine derart schwungvolle Rolle rückwärts, dass man zunächst noch glaubt, etwas falsch verstanden zu haben und zunehmend verzweifelt über mehrere Folgen hinweg nach der Ironie des Ganzen sucht. Nach der Pointe. Nach irgendetwas. Leider ist da nichts.

Was man stattdessen findet, ist die ärgerliche Überbetonung des großen Geheimnisses, dessentwegen Protagonistin Percy das Paradies ihrer Kindheit damals so fluchtartig verlassen hat. Dass es dabei um Sex geht, ist wenig überraschend und spätestens ab der zweiten Hälfte der ersten Folge einigermaßen klar, auch wenn man die Einzelheiten erst später erfährt: Nachdem Sam sich vor zehn Jahren wieder einmal von Percy getrennt hatte, weil er ihr in seinem Leben nicht genug Raum einräumen konnte oder wollte, suchte das Mädchen gebrochenen Herzens Trost bei Sams Bruder Charlie. Was folgt, ist tiefe Reue bei Percy und Charlie und Percys Kontaktabbruch – just in dem Moment, als Sam sie plötzlich doch wieder zurückhaben will.

Als Percy nach zehn Jahren nun wieder in Sams Leben tritt, gibt es die Chance auf einen Neuanfang zwischen den beiden. Den aber will Percy nicht mit einer Lüge beginnen. Also erzählt sie Sam die ganze Wahrheit. Tief verletzt bricht Sam erneut mit Percy, die ihn tränenüberströmt um Vergebung anbettelt, und ebenso mit seinem Bruder.

Nun kann man sich, wenn man für einen Moment realistische Maßstäbe an die Handlung legt, durchaus vorstellen, dass Sam nicht begeistert ist, dass sich seine Ex-Freundin ausgerechnet mit seinem Bruder, dem notorischen Schwerenöter, getröstet hat. Ginge wohl den meisten so. Doch Sams Reaktion auf die Beichte steht in absolut keinem Verhältnis. „Ich würde dir so gerne verzeihen“, sagt Sam nach mehreren Runden der Verachtung und Abweisungen schließlich großmütig zu Percy, „aber ich glaube, ich kann es nicht.“ Und Percy antwortet: „Ich weiß.“

Dieser Dialog findet übrigens statt, nachdem die beiden dann doch gerade wieder Sex gehabt hatten, denn dafür ist Percy Sam offenbar noch gerade gut genug. Vögeln ja, verzeihen nein – so der Wertekanon in Sams Welt. Die Tatsache, dass Percy sich für ihre vermeintliche Sünde zehn Jahre lang selbst gegeißelt und sogar unter Panikattacken gelitten hat, reicht nicht für eine Läuterung.

Dabei fragt man sich die ganze Zeit: Was genau ist es eigentlich, was Percy sich hat zuschulden kommen lassen? „Es ist nur Sex, meine Güte!“, möchte man Sam irgendwann genervt zurufen. Und: „Was hast du denn eigentlich erwartet?“

In Sams Wahrnehmung ist die Tatsache, dass die Frau, die er (angeblich) liebt, Sex mit seinem Bruder gehabt hat, ein Symbol des Verrats. Nur, was bedeutet das eigentlich?

Dass Percy ohne Erklärung für zehn Jahre aus Sams Leben verschwunden war, muss ihn schwer verletzt haben. Seltsamerweise scheint das aber bald keine Rolle mehr zu spielen. Im Gegenteil: Kurz bevor Sam von Percys Techtelmechtel mit Charlie erfährt, ist er sogar bereit, (mal wieder) eine Liebesbeziehung mit ihr einzugehen. Dafür trennt er sich sogar von seiner langjährigen Freundin, der er eigentlich gerade einen Heiratsantrag machen wollte. Wenige Tage wohlgemerkt, nachdem die Jugendliebe wieder in sein Leben getreten ist.

Sams Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit, die Percy über Jahre quälte, wird nicht infrage gestellt, stattdessen legitimiert die Serienhandlung die seltsam antiquierte Verknüpfung von (weiblichem) Sex und (weiblicher) Schuld aus beinahe ausschließlich männlicher Perspektive. Mehr noch: Sie vermittelt, dass Percys Selbstgeißelung eine zwar harte, aber gleichzeitig irgendwie gerechtfertigte Folge ihres „Fehlers“ ist. Sex mit seinem Bruder gehabt zu haben, war das Schlimmste, was Percy Sam hätte antun können, alles andere verblasst daneben. Dass Percy sich aber in ihrem Schmerz einem anderen Mann zuwandte, um sich besser zu fühlen (ja, auch dafür ist Sex nämlich da und außerdem ziemlich gut geeignet), bleibt die ultimative Sünde.

Sams gesamtes toxisches Verhalten, seine Unentschlossenheit und Unruhe, die er auf Kosten von Percys Gefühlen ungehemmt auslebt, wird weitgehend unkommentiert dargestellt. Es gibt keinen Seitenstrang der Handlung, der Sams Anteil an der vertrackten Beziehungssituation einordnet und zumindest die Zwiespältigkeit anerkennt, die seinem Charakter innewohnt. Was hingegen erschöpfend erörtert wird: Sams Verletzungen und Percys vermeintliche Schuld, die sich bis zum Ende der Staffel allenfalls abschwächt, aus der sie aber nicht gänzlich entlassen wird.

Die gesamte Argumentation bewegt sich wohlgemerkt immer noch im Rahmen der Serienlogik selbst, die voraussetzt, dass es ÜBERHAUPT um Schuld geht. Statt junge Menschen auf ihrem üblicherweise mit Unsicherheiten gepflasterten Weg durch das Gefühlschaos der ersten großen Liebe zu zeigen, klammert sich die Handlung an einem antiquierten, pseudo-religiösen Schuld-und-Sühne-Konzept fest, in dem eine Frau dafür bestraft wird, dass sie (mit dem falschen Mann) Sex hatte.

Nun wäre es vermessen zu behaupten, Sex habe mit all dem Gefühlswirrwarr, in das sich die Serienfiguren begeben haben, nichts zu tun. Es gibt wenig, was besser geeignet ist als Sex, um sich im emotionalen Chaos zu verlieren. Sex ist allerdings seltener die Ursache für solches Chaos, als eine direkte Folge davon. Doch Betrug im moralischen Sinne bezieht sich lediglich auf körperliche Untreue – vermutlich bietet „Every Year After“ dahingehend sogar ein recht akkurates Abbild eines immer noch geltenden Narrativs. Wer körperlich treu ist, hat recht – das ist die Aussage, die die Serie transportiert, ganz so, als hätten Debatten um emotionale Kälte, seelische Grausamkeit oder Gaslighting nie stattgefunden. Willkommen in der Vergangenheit.

„Every Year After“ hätte eine moderne Serie werden können, die sich – vor gewohnt schöner Kulisse und mit attraktiver Besetzung – ernsthaft mit den Klischees und Vorurteilen beschäftigt, die eine uralte Sexualmoral in das kollektive Menschheitsgedächtnis eingebrannt hat. Und mit den daraus entstehenden problematischen Folgen. Stattdessen geht es nur um die alte Frage nach Schuld und Sühne; der Plot betont die alles überstrahlende, gleichsam heilige Bedeutung von Sex und überhöht ihn in nachgerade biblischem Sinne – zulasten der Frau.

Unlängst hat Amazon Prime die zweite Staffel von „Every Year After“ angekündigt, und es bleibt abzuwarten, ob darin noch ein Weg zurück aus dieser gruseligen Moral-Retrospektive gefunden werden kann. Bis jetzt löst die Serie im besten Fall mittelgroße Ratlosigkeit aus, im wahrscheinlicheren aber heftige Unzufriedenheit und das Gefühl, in einer Zeitschleife der 1950er-Jahre festzuhängen, entsprechendes Frauenbild inklusive.

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