Herr Hoffmann, am Samstag feierten Sie Ihren 80. Geburtstag...
... ja, ich bin achtzig, fühle mich aber wie siebenunddreißig.
Sie wuchsen in einer BRD auf, in der der Paragraph 175 schwules Leben kriminalisierte, und haben die heutigen queeren Freiheiten mit erkämpft. Ist man da gelassener angesichts der politischen Entwicklungen?
Ich kann doch nicht gelassen auf die gegenwärtige politische Entwicklung blicken! Ganz im Gegenteil. Die AfD hat bei ihrem jüngsten Parteitag bewiesen, dass sie eine neofaschistische Partei ist. Und deshalb fordere ich bei meinen öffentlichen Auftritten immer ein Verbot der AfD. Die AfD hat uns den Kampf angesagt, weil wir die Welt verschönern. Bunte Vielfalt passt nämlich nicht in ihr tiefbraunes Weltbild.
Aber es gibt zum Glück viele heterosexuelle Menschen, die sich für unsere Rechte einsetzen oder sie für selbstverständlich erachten. Ohne sie wäre unsere Bewegung nicht so gut vorangekommen. Nehmen wir zum Beispiel die Schöneberger CDU, die schon immer das Lesbisch-schwule Stadtfest unterstützt hat.
Sie eröffneten 1977 mit dem „Anderen Ufer“ das erste offen schwul-lesbische Café in West-Berlin. Woran erinnern Sie sich aus dieser Zeit besonders gerne zurück?
Es war das erste offen schwul-lesbische Kaffeehaus in Europa – mit Bar und Galerie. Unsere monatlichen Ausstellungen mit internationalen Künstlern waren sensationell. Wir hatten anfangs nicht damit gerechnet, dass wir zum Salon West-Berlins werden würden, mit Stammgästen von Marianne Rosenberg, David Bowie, dem Künstler Salomé, Rio Reiser von „Ton Steine Scherben“ und dem weltbekannten Philosophen Michel Foucault.
1996 wurde auf Ihre Initiative hin die Regenbogenfahne das erste Mal am Schöneberger Rathaus gehisst.
Also das war nicht meine Initiative, sondern die des LSVD. Das Problem war damals aber, dass das Schöneberger Rathaus keine Regenbogenfahnen hatte. Wir vom Regenbogenfonds e.V. hatten deshalb unsere Regenbogenfahnen zur Verfügung gestellt.
Als Elisabeth Ziemer dann zum Flaggenhissen aus dem Rathaus kam, hat es zwischen uns gefunkt. Seitdem hissen wir jedes Jahr anlässlich des Lesbisch-schwulen Stadtfestes die Regenbogenflaggen.
Wie blicken Sie auf die queere Bewegung von heute?
Die Vereine müssen Lobby-Arbeit machen, da der queeren Welt ständig die Mittel gekürzt werden. Wie zum Beispiel der Berliner Aids-Hilfe, die auch Migrant*innen besonders unterstützt.
An Demonstrationen wie dem CSD gibt es hingegen fortlaufend die Kritik, er sei zu kommerziell.
Das finde ich äußerst dumm. Da sind Initiativen dabei, die das ganze Jahr für die Community arbeiten. Außerdem senden alle Teilnehmenden eine politische Botschaft. Und natürlich muss der CSD finanziert werden.
Auch die „Ehe für alle“ wurde seinerzeit von Lesben und Schwulen kritisiert, weil sie es spießig fanden zu heiraten. Ich trete für gleiche Rechte für alle ein. Die Menschen sollen entscheiden können, ob sie spießig werden und heiraten oder progressiv bleiben und nicht heiraten.
Am Wochenende findet wieder das Lesbisch-schwule Stadtfest in Schöneberg statt, das Sie vor mehr als 30 Jahren mit ins Leben riefen. Was macht es besonders?
Das Lesbisch-schwule Stadtfest ist das größte queere Event seiner Art in Europa und zugleich das größte Antigewaltprojekt Europas mit über einer halben Million Besucher:innen. Es ist ein Symbol gegen Diskriminierung und Hass und ein Manifest für sexuelle Vielfalt und gleiche Rechte.
Es ist aber auch ein Schaufenster der queeren Community Berlins, es ist ein Fest der Vielfalt, ein Fest der Familie und ein Fest der Liebe. Und es gibt auf keinem Festival so eine geile Talkshow wie meine. (lacht)
Werden Sie auf dem Stadtfest Ihren Geburtstag noch einmal nachfeiern?
Auf keinen Fall.
Worauf freuen Sie sich auf dem Stadtfest am meisten?
Ich freue mich auf eines der schönsten Feste der Welt. Ich freue mich auf die vielen Gäste aus dem In- und Ausland, die eine ungewöhnliche Mischung aus Politik, Kultur, Gastronomie und informativen Erlebniswelten kennenlernen können. Und ich hoffe, dass das Stadtfest wie immer eine Oase des Friedens und der Verständigung bleibt.