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Sie entführten einen Schulbus – und gruben die Kinder in einem Lkw-Anhänger ein

Die Kalifornierin Lynda Labendeira verglich den Lastwagenanhänger, in dem sie fast 16 Stunden lang gefangen gehalten wurde, mit einem Sarg. „Der Anhänger lag unter der Erdoberfläche. Er fühlte sich an wie ein riesiges Grab für uns alle“, erinnerte sich die damals Zehnjährige als Erwachsene an die Entführung eines Schulbusses in Chowchilla.

Dabei war der 15. Juli 1976 für Labendeira und 25 Mitschüler der Dairyland Elementary School als besonders schöner Ferientag geplant gewesen. Mit einem gelben Schulbus hatten sich die Viertklässlerin, die anderen Kinder und der Fahrer Edward Ray damals auf den Weg in das einige Meilen entfernte Freibad gemacht. Auf dem Rückweg ereignete sich das, was später als größte und dramatischste Gruppenentführung der Vereinigten Staaten in die Kriminalgeschichte einging.

An der Avenue 21, einer Landstraße in der Region südöstlich von San Francisco, musste Ray den Schulbus plötzlich bremsen. Ein Kleintransporter mit geöffneter Motorhaube versperrte den Weg. „Edward verlangsamte den Bus, um das Hindernis zu umfahren. Da er ein freundlicher Mensch war, bot er Hilfe an“, sagte Labendeira dem Sender CNN im Jahr 2015. Die folgenden Sekunden haben sich in das Gedächtnis der heute Sechzigjährigen gegraben. „Drei Männer mit Strumpfhosen über dem Kopf stürmten den Bus und richteten Waffen auf uns. Edward schickten sie in den hinteren Teil des Busses.“

Mit gezogenen Waffen in einen Anhänger gezwungen

Die nächsten 28 Stunden verbrachten Labendeira, ihre 25 Mitschüler und Ray zwischen Panik und Todesangst. Für die psychiatrische Forschung wurden die „Kinder von Chowchilla“ derweil zu unfreiwilligen Teilnehmern an einer Feldstudie über posttraumatische Belastungsstörungen.

Während Labendeira und ihre Mitschüler im Alter von fünf bis 14 Jahren weinten und schrien, setzte sich einer der Entführer ans Steuer und lenkte den Bus durch meterhohen Bambus und Gestrüpp. Einige Minuten von der Avenue 21 entfernt zwangen er und seine Komplizen die Kinder sowie Ray aus dem Schulbus in zwei Kleintransporter, die sie zuvor am Chowchilla-Fluss geparkt hatten. Bei fast 38 Grad fuhren sie anschließend fast elf Stunden mit den jungen Gefangenen durch Nordkalifornien.

In einem Steinbruch bei Livermore in der San Francisco Bay Area, etwa 170 Kilometer entfernt von Chowchilla, hielten sie schließlich an. Mit gezogenen Waffen holten die Entführer die Kinder aus den Kleintransportern und schickten sie über eine Leiter in den unterirdischen Lastwagenanhänger. Bevor die weinenden Jungen und Mädchen auf die Leiter stiegen, mussten sie den Tätern Vor- und Nachnamen sowie ihr Alter nennen. Die Entführer nahmen ihnen zudem ein Kleidungsstück, Schmuck oder einen Gürtel ab.

Stahlplatte über dem Einstiegsloch

Ray, ausgerüstet mit einer Taschenlampe, war als Erster in den Anhänger geklettert, den Labendeira später als „coffin“ beschrieb. „Neben einigen Matratzen und Decken fanden sich in dem unterirdischen Anhänger zehn Container mit jeweils 20 Liter Wasser, ein bisschen Trockennahrung und Kartoffelchips“, fasste ein kalifornisches Berufungsgericht die Ausstattung des Gefängnisses später zusammen.

Bevor die Entführer den Steinbruch verließen, schoben sie eine Stahlplatte über das Einstiegsloch und beschwerten sie mit zwei ausrangierten Lastwagenbatterien. Um die Konstruktion zu verstecken, schaufelten sie zudem etwa 70 Zentimeter Erde über die durch ein Stück Holz verdeckten Batterien. Wie sich später bei den Ermittlungen gegen die Entführer Frederick Newhall Woods sowie die Brüder Richard und James Schoenfeld zeigte, hatten sie den etwa acht Meter langen und zwei Meter breiten Lastwagenanhänger schon im Herbst 1975, einige Monate vor der Entführung, gekauft.

Um die Kinder und Ray mit Frischluft zu versorgen, installierten die Täter drei Belüftungsschläuche mit batteriebetriebenen Motoren. Löcher in den Kotflügeln sollten als Toiletten dienen. „Sie haben uns unsere Kindheit genommen. Nicht jedes Kind wird lebendig begraben“, erinnerte sich Rebecca Daily, bei der Entführung sechs Jahre alt, später bei einem Interview mit dem Sender CBS.

Nach Stunden ging das Wasser zur Neige

Die Befreiung aus dem „Sarg“ wurde zu einem fast übermenschlichen Kraftakt. Als nach etwa zwölf Stunden Wasser und Chips zur Neige gingen, versuchten Ray und die Kinder, sich zu befreien. Zuvor hatte das durch Erde verdeckte Dach des Anhängers immer wieder nachgegeben und Sand auf die Kinder rieseln lassen. Die Batterien der Ventilatoren gaben auf. „Als die Lüftung ausfiel, dachte ich, dass wir alle sterben“, erinnerte sich Jennifer Hyde fast 40 Jahre später in einem Interview. Die Jüngeren weinten, während die Älteren ihnen zur Beruhigung Lieder vorsangen.

Gerettet! In Tücher gewickelt laufen zwei Schülerinnen am 17. Juli 1976 zu den Autos ihrer Eltern, nachdem sie am Morgen wieder nach Chowchilla zurückgebracht worden waren. 26 Schüler und ein Busfahrer waren am 15. Juli entführt worden und in einem Steinbruch, der elf Stunden Autofahrt entfernt lag, unter der Erde gefangen gehalten worden.
Gerettet! In Tücher gewickelt laufen zwei Schülerinnen am 17. Juli 1976 zu den Autos ihrer Eltern, nachdem sie am Morgen wieder nach Chowchilla zurückgebracht worden waren. 26 Schüler und ein Busfahrer waren am 15. Juli entführt worden und in einem Steinbruch, der elf Stunden Autofahrt entfernt lag, unter der Erde gefangen gehalten worden.Picture Alliance

Unter Rays Anleitung begannen die 19 Mädchen und sechs Jungen, Matratzen und Wasserflaschen aufeinanderzuschichten, um an die Stahlplatte über dem Ausstiegsloch in knapp 2,50 Meter Höhe zu gelangen. Immer wieder fiel die Konstruktion um, immer mehr Kinder weinten vor Erschöpfung, Durst und Angst. Nach fast 16 Stunden gelang es dem 14 Jahre alten Mike Marshall schließlich, die Stahlplatte ein Stück anzuheben. Zusammen mit Ray schob der Schüler die Batterien zur Seite und befreite die Holzplatte von der Erde.

Entführer verschliefen die Lösegeldforderung

Wie sich später herausstellte, hatten die Entführer – der 24 Jahre alte Newhall Woods, Erbe einer wohlhabenden kalifornischen Unternehmerdynastie, der ebenfalls 24 Jahre alte James Schoenfeld und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Richard, Söhne eines angesehenen Fußmediziners der Region – sowohl Lösegeldforderung als auch Befreiung verschlafen. Als sie versuchten, das Chowchilla Police Department anzurufen, um fünf Millionen Dollar zu verlangen, wurden die Leitungen mit Notrufen der 26 Familien blockiert, deren Kinder am Abend nicht von dem Ausflug in das Schwimmbad nach Hause gekommen waren.

Noch in der Nacht hatten Suchtrupps den verlassenen Schulbus am Chowchilla-Fluss entdeckt. Newhall Woods und die Brüder Schoenfeld legten sich derweil schlafen und wachten erst Stunden später wieder auf. Aus dem Radio erfuhren sie, dass die Entführten nach einem Umweg über die Haftanstalt Santa Rita, die einzige Einrichtung mit medizinischem Personal in der Nähe des Steinbruchs, wieder nach Chowchilla zurückgekehrt waren.

Opfer leiden weiterhin unter dem Trauma

Für Ray und die 26 Kinder setzten sich die Qualen fort. Wie sich in den Monaten nach den 16 Stunden unter der Erde zeigte, litten Labendeira, Marshall und die anderen Opfer unter Angstzuständen, Paranoia und geringem Selbstwertgefühl. Die Kinderpsychiaterin Lenore Terr, die in San Francisco arbeitete, stellte bei ihrem Aufenthalt in Chowchilla im Herbst 1976 fest, dass viele der Schüler von Albträumen heimgesucht wurden.

Terr verglich das Trauma der Entführung später mit einem leuchtenden Faden in einem Wollpullover. „Dieser Faden bleibt auch im Leben eines glücklichen Erwachsenen immer präsent. Er äußert sich zum Beispiel als Angst vor einer bestimmten Situation“, fasste die Kinderpsychiaterin in einem Interview mit der Website SF Gate zusammen.

Die Causa Chowchilla, die Terr im Jahr 1981 für einen Artikel in der Fachzeitschrift „American Journal of Psychiatry“ auswertete, gilt bis heute als eine der wichtigsten Studien zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) bei Kindern. „Ich habe viele Therapien hinter mir. Aber in jedem Juli werde ich von Albträumen eingeholt“, sagte Laura Fanning, die bei der Busentführung fünf Jahre alt war, mehr als zwei Jahrzehnte später.

Viele Opfer griffen zu Drogen oder wurden straffällig

Wie Larry Park, der heute als Pastor in Fresno arbeitet, griffen viele Opfer jahrelang zu Drogen oder fielen durch Straftaten auf. Inzwischen gibt sich der Siebenundfünfzigjährige versöhnlich. „Ich habe das Rauschgift hinter mir gelassen und mich auf eine Reise des Vergebens begeben“, sagte Park dem Sender Fox vor einigen Jahren.

Die kalifornische Justiz tat sich derweil schwerer. Nach Hinweisen von Steinbrucharbeitern auf Newhall Woods, dessen Familie die California Rock & Gravel Quarry betrieb, wurde der Vierundzwanzigjährige zwei Wochen nach der Busentführung in Kanada verhaftet. Sein Komplize James Schoenfeld wurde am selben Tag im kalifornischen Menlo Park festgenommen, nachdem dessen Bruder Richard sich zuvor gestellt hatte.

Alle drei Täter gestanden die Entführung sowie den Raub von Kleidungsstücken und Schmuck der Kinder. Um einer lebenslangen Haftstrafe ohne die Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung zu entgehen, erklärten sie sich zu den Anklagepunkten der Körperverletzung aber für unschuldig. Das Gericht sah es anders. Im Dezember 1977 schickte es die Entführer von Chowchilla für den Rest des Lebens ins Gefängnis.

Urteil gegen Entführer wurde aufgehoben

Wie erwartet, löste das Urteil in Kalifornien heftige Debatten aus. Stellten die Harnwegsinfekte, welche sich die Kinder während der Stunden im Anhänger zugezogen hatten – aus Scham, vor den anderen die Toilettenlöcher der Kotflügel zu nutzen –, tatsächlich Verletzungen, also „bodily harm“ dar? Und wie verhielt es sich mit den Erschöpfungszuständen der Schüler und den Hautabschürfungen, die Ray durch die Stahlplatte erlitten hatte?

Der Paragraph 209 des kalifornischen Strafgesetzbuches, nach dem Newhall Woods und die Brüder Schoenfeld verurteilt wurden, verlangte für Entführungen mit Körperverletzung ausdrücklich lebenslange Haft. Unter Protesten vieler Opfer hob der Berufungsrichter William Newsom das Urteil gegen die Entführer von Chowchilla im Jahr 1980 dennoch auf. Blasenentzündungen, Erschöpfung und Hautverletzungen, entschied der Vater des heutigen Gouverneurs von Kalifornien, Gavin Newson, fielen nicht unter Körperverletzungen laut Paragraph 209.

Auch bei den folgenden Anträgen der Täter auf vorzeitige Entlassung zeigte sich der Jurist nachgiebig. Die Entführung von Chowchilla sei ein „Stunt ohne böswillige Absicht“ gewesen. Nach einer Reihe von Entlassungsanträgen kam Richard Schoenfeld im Sommer 2012 frei, sein Bruder James folgte drei Jahre später. Newhall Woods, der hinter Gittern illegal eine Goldmine, verschiedene Autohäuser und die Weihnachtsbaumfarm Ambria Acres betrieb, wurde im Frühjahr 2022 aus der Haft entlassen.

Gouverneur Newsom war zuvor mit dem Antrag gescheitert, ihn hinter Gittern zu lassen. Für die etwa 20 noch lebenden Opfer der Entführung zieht sich „Chowchilla“ nach 50 Jahren weiter durch das Leben – wie der leuchtende Faden, als den ihre Psychiaterin Terr das Trauma beschrieb.