everyschematic.com

Bettina Böttinger: Abrechnung mit frauenfeindlichem TV-Humor

Markus Tschiedert

Berlin – Sie schrieb Fernsehgeschichte. Nicht nur mit Sendungen wie „Parlazzo“ oder „B. trifft…“, sondern auch durch einen Eklat mit Harald Schmidt (68). Der Showmaster verglich Bettina Böttinger (70) 1995 mit einer Klobrille. Davon erzählt auch der Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ (ab 16.7. im Kino).

Die Moderatorin blickt auf eine Zeit zurück, in der Männer noch das TV-Programm beherrschten und damit auch den Humor.

B.Z.: Haben Sie wirklich das Gefühl, dass Humor etwas mit Macht zu tun hat?

Bettina Böttinger: Ja, wer den Witz hat, hat die Macht, ganz klar. Bis in die Neunziger gab es keine Frauen im Fernsehen. Ihnen wurde jede Form von Humor und Entertainment abgesprochen. Man wollte Frauen nicht nach vorn kommen lassen, aber wenn sie es schafften, waren sie sehr erfolgreich.

Wann änderte sich das?

Anfang der Neunziger sind es die privaten Sender gewesen, die sehr viel mutiger waren. Sie trauten Frauen andere Rollenbilder zu. Eine Hella von Sinnen war mit „Alles Nichts Oder?!“ eine Granate. So einen Tabubruch hätte es bei den Öffentlich-Rechtlichen niemals gegeben.

Hella von Sinnen zu Gast bei Thomas Gottschalk in der Sendung „Wetten dass..?“
Hella von Sinnen zu Gast bei Thomas Gottschalk in der Sendung „Wetten dass..?“ Foto: —-/Port au Prince Pictures/dpa

Der Film zeigt nochmals viele TV-Ausschnitte von damals. Wie wirken diese heute auf Sie?

„Was haben wir gelacht“ macht ja Laune, auch wenn man dabei immer wieder den Kopf schüttelt und von Wut gepackt wird, was sich die Herren der Schöpfung da so alles erlaubt haben. Ich will niemandem zu nahe treten, aber wie sich Gottschalk teilweise aufgeführt hat, verschlägt einem heute den Atem.

Sie meinen seine Anzüglichkeiten?

Ja, und die Frauen haben es mit versteinertem Gesicht mit sich machen lassen. Iris Berben, die er herumschob, damit man nochmals den Schlitz ihres Kleides sieht, oder Steffi Graf, die sein behaartes Männerknie massieren musste. Das ist ja an Absurdität nicht zu überbieten.

Sie indes wurden von Harald Schmidt beleidigt, der Sie mit einer Klobrille verglich, die kein Mann freiwillig anfassen würde. Wie blicken Sie darauf zurück?

Wenn man sich das heute anschaut, erkennt man ein durchgehendes Muster. Mit welcher Frauenverachtung Harald Schmidt seine Witze machte, ist ziemlich krass. Dass man auf Kosten von Frauen Pointen setzt, ist aber auch heute noch in vielen Köpfen drin.

Woran denken Sie dabei?

Dieter Nuhr hat erst kürzlich den Beweis geliefert mit seinem sehr schlechten Witz auf Kosten der durch Femizide ermordeten Frauen. Das ist nicht von gestern, sondern steckt heute noch in vielen Köpfen drin. Daran sieht man, dass das was mit Macht zu tun hat.

Hat sich Harald Schmidt eigentlich jemals bei Ihnen entschuldigt?

Nein, überhaupt nicht. Man muss dazu sagen, dass er damals erst anfing und ich schon vor dieser Attacke eine Einladung in seine Sendung hatte. Ich wurde danach gefragt, ob ich denn noch kommen möchte. Selbstverständlich! Denn ich musste mich ja irgendwie wehren.

Inwiefern?

Bis dato haben Frauen ja oft leidvoll mitgelächelt, wenn über sie Witze gemacht wurden. Frau wollte keine Spielverderberin sein, und ich dachte, das mache ich jetzt mal nicht mit. Ich wollte diese Witz-Hierarchie einfach durchbrechen, bin gegangen und ließ ihn allein sitzen.

1996: Bettina Böttinger kam, sagte Harald Schmidt die Meinung und verließ die Sendung
1996: Bettina Böttinger kam, sagte Harald Schmidt die Meinung und verließ die Sendung Foto: picture-alliance/dpa

Nicht nur als Frau, sondern auch als queere Persönlichkeit wurden Sie angegriffen. Was hat das damals in Ihnen ausgelöst?

Natürlich war das vor allem homophob und zielte darauf ab, dass ich als queere Frau für Männer völlig uninteressant bin. Die Abqualifizierung war völlig unsinnig, weil ich das schon offen gelebt habe. Nur bis zu Herrn Schmidt war das wohl noch nicht durchgedrungen.

Wie wichtig war es, dass sich seit den Neunzigern eine queere Sichtbarkeit entwickelte, die ein Umdenken einleitete?

Es ist bestimmt kein Zufall, dass von den fünf Protagonistinnen im Film drei lesbisch sind. Das liegt gewiss auch daran, dass lesbische Frauen gegen die vorgegebenen Rollenbilder sowieso schon verstoßen hatten. Um dann auch noch im Fernsehen bestehen zu können, braucht es ein dickes Fell.