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Regierungswechsel in Grossbritannien: Andy Burnham ist als Chef der britischen Labour-Partei bestätigt worden
In London steht ein erneuter Führungswechsel an. Nach dem Rücktritt von Keir Starmer übernimmt Andy Burnham den Vorsitz der Labour-Partei. Er soll als neuer Premierminister Grossbritannien aus der Krise führen.
NZZ-Redaktion17.07.2026, 13.24 Uhr
5 Leseminuten
Aktualisiert

Andy Burnham wird die Nachfolge von Keir Starmer antreten.
Alishia Abodunde / Getty Images Europe
- Andy Burnham ist am Freitag (17. 7.) zum neuen Vorsitzenden der britischen Regierungspartei Labour ernannt worden. Der frühere Bürgermeister von Greater Manchester wird somit die Nachfolge von Keir Starmer als Premierminister antreten. Am Montag (20. 7.) folgt die Ernennung zum Regierungschef durch König Charles III. Er werde eine Regierung bilden, die «den Mut hat, die grossen Dinge in Ordnung zu bringen, die die Politik vernachlässigt hat», wurde Burnham im vorab kommunizierten Redemanuskript zitiert. Labour müsse den Menschen in ganz Grossbritannien «die Hoffnung geben, dass wir dieses Land zum Besten machen werden, das es sein kann». Burnham wird der siebte Regierungschef binnen zehn Jahren. Zum Porträt / Zum Hintergrund
- Ende Juni war der britische Premierminister Keir Starmer zurückgetreten. Dabei sagte er, er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, um einen geordneten Machtwechsel zu gewährleisten. Zum Bericht / Zur Bilanz
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Was hat die Krise ausgelöst?
Die Regierungskrise in Grossbritannien hat sich innerhalb weniger Wochen dramatisch zugespitzt. Auslöser war das schlechte Abschneiden der Labour-Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen Anfang Mai. Labour verlor 1000 Sitze, während die rechtspopulistische Partei Reform UK von Nigel Farage stark zulegte, auch in früheren Labour-Hochburgen. Das hat in Teilen der Partei die Sorge verstärkt, Labour könnte bis zu den nächsten Parlamentswahlen 2029 weiter an Zustimmung verlieren.
Zudem sank die Popularität von Premierminister Keir Starmer in den Umfragen deutlich. Unter anderem, weil seine Regierung in den vergangenen zwei Jahren den Lebensstandard der Bevölkerung nicht verbessern konnte. Belastend wirkten auch kontrovers diskutierte Personalentscheidungen in seinem Umfeld. Beispielsweise, dass er den Jeffrey-Epstein-Vertrauten Peter Mandelson im Dezember 2024 zum Botschafter in den USA ernannt hatte.
Innerhalb der Regierungspartei war eine offene Debatte über die Zukunft von Premierminister Starmer entfacht. Mehrere Ministerinnen und Minister gingen öffentlich auf Distanz zu ihm. Gesundheitsminister Wes Streeting trat Mitte Mai aus Protest sogar aus dem Kabinett zurück und rief Starmer indirekt zum Rückzug auf.
Der Druck auf Starmer nahm in den folgenden Wochen zunehmend zu. Mehr als 90 Labour-Abgeordnete forderten seinen Rücktritt oder zumindest einen geordneten Übergang. Mitte Juni verkündete Starmer selbst, dass er den Posten als Chef der Labour-Partei abgeben werde. Vor der Downing Street 10 sagte Starmer, er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, um einen geordneten Machtwechsel zu gewährleisten.
Wer folgt auf Starmer?
Es wird Andy Burnham sein. Der einstige Bürgermeister von Manchester galt lange als aussichtsreichster Kandidat. Bislang gab der 56-Jährige, der als bodenständiger Macher gilt, nur wenige Interviews. Darin bestätigte er stets, der Regierungschef aller Briten sein zu wollen – im Kontrast zur häufig sehr London-zentrierten bisherigen Politik. Burnham will die Dezentralisierung vorantreiben und mehr Kompetenzen in die Regionen übertragen, etwa beim Wohnungsbau und bei der Verkehrsinfrastruktur. In Manchester soll eine Zweigstelle des Regierungssitzes in London entstehen.

Andy Burnham galt als Favorit für die Nachfolge von Keir Starmer. Nun wird er das Amt antreten – und damit der siebte Premierminister innerhalb von zehn Jahren werden.
Jon Super / AP
Burnham strebe «gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilen Grossbritanniens» an – nach dem Vorbild des deutschen Grundgesetzes, wie die Zeitung «The Times» schreibt. Im Gegensatz zu Starmer wird er als mutiger Visionär gesehen. Doch ein Problem wird auch er haben: Für die notwendigen Reformen braucht die Regierung dringend Geld, auch er wird an die Sozialleistungen herangehen müssen.
Aussenpolitisch hatte sich Burnham seit seinem Einzug ins Parlament im Juni zurückgehalten. Die Ukraine-Politik seines Vorgängers wird er wohl fortführen, Starmer war zum Abschied nochmals in Kiew. Auch den britischen Kurs, eine Wiederannäherung an die Europäische Union zu suchen, ohne den Brexit rückgängig zu machen, dürfte Burnham fortführen.
Für alle politischen Vorhaben des neuen Premierministers gilt: Sie müssen funktionieren – und zwar schnell. Grossbritannien erlebte in den vergangenen Monaten einen erheblichen Rechtsruck. Die rechtspopulistische Partei Reform UK des Brexit-Vorkämpfers Nigel Farage führt in Umfragen teilweise deutlich und wird Labour auch unter Burnham vor sich hertreiben. Der Reform-Erfolg bei den Regional- und Kommunalwahlen im Mai war einer der grossen Kipppunkte, die zum Scheitern Starmers geführt hatten.
Gegen wen hat sich Burnham durchgesetzt?
Auch der zurückgetretene Gesundheitsminister Wes Streeting wurde in London als Starmers Nachfolger gehandelt. Doch der 43-Jährige gilt aufgrund seiner früheren Nähe zu Peter Mandelson als politisch umstritten.

Gesundheitsminister Wes Streeting trat aus Protest gegen den britischen Premierminister Keir Starmer zurück.
Joshua Bratt / Imago
Kurz vor Streetings Rücktritt hatte sich überraschend auch die Ex-Vizepremierministerin Angela Rayner als Kandidatin ins Spiel gebracht. Die 46-Jährige aus dem linken Parteiflügel war im September vergangenen Jahres wegen einer zu gering entrichteten Grunderwerbssteuer von ihrem Posten als Wohnungsbauministerin und stellvertretende Regierungschefin zurückgetreten. Vielen aber galt sie als zu links.

Angela Rayner brachte sich überraschend auch als Kandidatin ins Spiel.
Leon Neal / Reuters
Warum sind britische Regierungen seit einigen Jahren so instabil?
Seit dem Brexit-Referendum 2016 hat Grossbritannien fünf Premierminister gesehen. Nur wenige Regierungen konnten in dieser Zeit dauerhaft politische Autorität aufbauen oder innere Geschlossenheit bewahren.
David Cameron trat nach dem Brexit-Referendum zurück, das er selbst angesetzt hatte. Theresa May verlor die Unterstützung ihrer Partei, weil sie keine Mehrheit für ihr Brexit-Abkommen fand. Boris Johnson wurde nach einer Serie von Skandalen und Rücktritten aus dem eigenen Kabinett zum Rückzug gezwungen. Liz Truss hielt sich nur wenige Wochen im Amt, nachdem ihre Steuerpläne Turbulenzen an den Finanzmärkten ausgelöst hatten. Auch Rishi Sunak geriet durch schwache Umfragewerte und innerparteiliche Spannungen unter Druck.
Ein zentraler Faktor für diese Instabilität sind die Folgen des Brexits. Der Streit über Europas Rolle, Migration, Staatsausgaben und nationale Identität prägt die britische Politik bis heute. Gleichzeitig entstanden Erwartungen hinsichtlich wirtschaftlicher Verbesserungen, die viele Wählerinnen und Wähler bislang nicht erfüllt sehen.
Wie funktioniert ein Machtwechsel in Grossbritannien?
Das britische politische System erlaubt vergleichsweise schnelle Führungswechsel. Entscheidend ist nicht eine direkte Wahl des Premierministers durch die Bevölkerung, sondern die Unterstützung der eigenen Partei im Parlament. Das Vereinigte Königreich ist eine parlamentarische Monarchie. Die Regierung hängt davon ab, wer im Unterhaus (House of Commons) die Mehrheit hat. Wer die Mehrheit der Abgeordneten hinter sich verliert, verliert meist auch die politische Autorität, im Amt zu bleiben.
Bei wachsender Unzufriedenheit können Abgeordnete interne Verfahren gegen die Parteiführung auslösen. Die genauen Regeln unterscheiden sich je nach Partei, grundsätzlich gilt jedoch: Verliert ein Premierminister die Kontrolle über die eigene Partei, wird seine Position schnell prekär, selbst dann, wenn er formal noch im Amt ist.
Für einen Wechsel braucht es kein konstruktives Misstrauensvotum im Parlament und nicht zwingend Neuwahlen. Die Regierungspartei kann ihre Führung auch während der Legislatur austauschen.
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