Putsch vom 18. Juli 1936
Die dramatischen Folgen des Spanischen Bürgerkriegs für die Wissenschaft
Vor 90 Jahren begann der Militärputsch in Spanien. Zu den Opfern des Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur zählten auch Tausende Wissenschafter, Ärztinnen und Ingenieure
Klaus Taschwer
Es war eine politische Zäsur, deren Folgen weit über die Politik Spaniens hinausreichten. Am 18. Juli 1936, nach sechs Uhr morgens, wandte sich General Franco in einem Funkspruch an die Armee und gab damit das Signal zum Aufstand. Damit begann nicht nur ein Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung. Der blutige Bürgerkrieg, der damit begann und mehr als 600.000 Opfer forderte, gilt auch als der entscheidende Testlauf für den Zweiten Weltkrieg. Denn die Aufständischen wurden vom nationalsozialistischen Deutschland sowie Mussolinis Italien unterstützt, die Spanien als Testgelände für neue Militärstrategien nutzten.
Diktator Francisco Franco trifft Adolf Hitler im Oktober 1940. Der Franquismus in Spanien hatte ähnlich tiefgreifende Folgen für die Wissenschaft wie der Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich.
Das alles steht in den Geschichtsbüchern. Sehr viel weniger ist hierzulande bekannt, wie der zwischen Juli 1936 und April 1939 tobende Konflikt und das danach folgende Franco-Regime die Wissenschaft Spaniens schädigten. Dabei zeigen sich durchaus Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede dazu, wie sich der jeweilige Machtwechsel in Nazi-Deutschland, in Österreich nach 1933 und nach 1938 sowie in Italien unter Mussolini auf die Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen auswirkte. Und für die heutige Zeit liefert die spanische Zäsur eine Warnung dafür, wie katastrophal sich extreme politische Polarisierung und Eingriffe in die Autonomie der Forschung auswirken können.
Spaniens Aufbruch in die Moderne
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts investierte Spanien stark in Bildung und Wissenschaft, wie der spanische Zeithistoriker und Franquismus-Experte Toni Morant i Ariño (Universität València) im Gespräch mit dem STANDARD erklärt. Universitäten wurden reformiert, neue Schulen gegründet und die akademische Freiheit gestärkt. Eine Schlüsselrolle spielte die 1907 gegründete Junta para Ampliación de Estudios e Investigaciones Científicas (JAE), sagt Morant i Ariño: "Jungen Forschenden wurden durch Stipendien Aufenthalte in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien ermöglicht."
Zu den bedeutendsten Einrichtungen gehörte die Residencia de Estudiantes, die Wissenschafter, Künstlerinnen und Intellektuelle zusammenbrachte. Dort wirkten Persönlichkeiten wie der Biochemiker und spätere Nobelpreisträger Severo Ochoa oder dessen Lehrer Juan Negrín, der spätere republikanische Ministerpräsident während des Bürgerkriegs. Ziel war es, die spanische Wissenschaft an das internationale Niveau heranzuführen.
Der Militärputsch vom Juli 1936 setzte dem ein Ende und brachte die "tiefste Zäsur" für das spanische Wissenschaftssystem im 20. Jahrhundert, wie Toni Morant i Ariño betont: Universitäten wurden zu Kampfzonen oder Militärquartieren, Labors zerstört und Forschungsprogramme eingestellt.
Wissenschafterinnen und Wissenschafter gerieten unter politischen Verdacht. Auf beiden Seiten kam es zu Gewalt gegen Akademikerinnen und Akademikern. Besonders schwer traf es jene, die mit der Republik sympathisierten oder als liberal galten. Viele wurden erschossen, inhaftiert oder ihrer Ämter enthoben.
Eine Welle der "Säuberung"
Nach dem Sieg Francos folgte auf die Phase der offenen Gewalt die Zeit der "kalten Unterdrückung", sagt Morant i Ariño. Eine systematische "Depuración", eine politische "Säuberung" des öffentlichen Dienstes begann. Anders als in Nazi-Deutschland oder in Österreich nach dem "Anschluss" 1938 entschieden die politische Loyalität und die Nähe zur Republik über Karriere oder Verfolgung, aber nicht die jüdische Herkunft. Professorinnen und Professoren mussten ihre Loyalität zum neuen Regime nachweisen. Wer republikanische, sozialistische oder liberale Positionen vertreten hatte, verlor meist seine Stelle.
"Konkret hieß das etwa für die Universidad Central in Madrid, dass von den 124 Lehrstuhlinhabern, die noch im Juli 1936 im aktiven Personalstand gewesen waren, 55 Personen oder 43 Prozent in unterschiedlicher Form sanktioniert wurden", sagt die Zeithistorikerin Linda Erker, die mit einer Vergleichsstudie zur Universität Wien und der Universität Madrid in den 1930er-Jahren dissertierte. "45 der 55 betroffenen Ordinarien der Uni in Madrid wurden entlassen, acht Personen ihrer Aufgaben ohne zeitliche Einschränkung enthoben und eine Person für vier Jahre von allen Aufgaben entbunden."
Diese Zahlen sind einigermaßen repräsentativ, sagt Erker, die am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) arbeitet, wo sich das Archiv der rund 1400 österreichischen Spanienkämpferinnen und -kämpfer befindet: Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Universitätsprofessorinnen und -professoren ihre Position verloren. Zahlreiche Institute wurden geschlossen oder neu besetzt. "Die Professoren, die nachrückten, waren in vielen Fällen Regimeanhänger, die vor 1939 zu wenig qualifiziert gewesen waren, um eine Stelle zu erhalten", ergänzt ihr spanischer Kollege Morant i Ariño.
Der große Brain Drain
Die wohl wichtigste Folge des Spanischen Bürgerkriegs und des Franquismus für die Wissenschaft war die Emigration einer ganzen Generation von Forschenden. Zwischen 1936 und den frühen 1940er-Jahren verließen Tausende Wissenschafter, Ärztinnen, Ingenieure und Hochschullehrerinnen das Land. "Mexiko wurde zum wichtigsten Zufluchtsort", sagt Toni Morant i Ariño. Weitere Exilzentren entstanden in Argentinien, Chile, Frankreich, Großbritannien und den USA.
Der emigrierte spanische Biochemiker Severo Ochoa im Jahr 1959, als er den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt.
Der wohl bekannteste Emigrant war Severo Ochoa, der über Großbritannien in die USA gelangte und dort seine bahnbrechenden Arbeiten zur RNA-Synthese durchführte und dafür mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1959 ausgezeichnet wurde. Viele Forschende, die ins Exil gezwungen wurden, prägten ihre Gastländer nachhaltig und bauten dort neue Forschungsinstitutionen auf. Während Spanien einen Großteil seines intellektuellen Kapitals verlor, profitierten die Aufnahmeländer von einer außergewöhnlich gut ausgebildeten Generation von Forschenden.
Zu institutionellen Umbildungen kam es nach 1939 auch in Spanien: Die fortschrittliche, international ausgerichtete JAE wurde 1939 aufgelöst, und an ihre Stelle trat der neue, stärker national orientierte Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), der bis weit in die Jahre der Demokratie (ab 1975) hinein stark katholisch-konservativ und ideologisch ausgerichtet war, sagt Morant i Ariño. Das Leitbild war ausdrücklich eine "katholische Wissenschaft", die sich von den als materialistisch oder marxistisch betrachteten Strömungen der Vorkriegszeit abgrenzen sollte.
Hier sieht Linda Erker durchaus Ähnlichkeiten mit der Wissenschaft im Austrofaschismus und in der Zeit nach 1945 in Österreich. Damals wurde sowohl an den Unis wie auch im Ministerium mit bewährtem Führungspersonal aus dem Austrofaschismus weitergemacht – ebenfalls unter sehr katholisch-konservativer Ausrichtung.
Isolation unter Franco
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschärfte sich Spaniens wissenschaftliche Isolation. Wegen der Nähe des Franco-Regimes zu den Achsenmächten wurde Spanien international weitgehend ausgegrenzt. Der Austausch mit anderen Ländern brach ein, internationale Kongresse waren kaum zugänglich, und der Zugang zu moderner Literatur war eingeschränkt. Hinzu kamen chronische Unterfinanzierung und ideologische Kontrolle. Besonders Biologie, Soziologie, Philosophie und Geschichte unterlagen einer strengen Zensur. Evolutionsbiologie, Genetik und moderne Sozialwissenschaften entwickelten sich deutlich langsamer als in Westeuropa.
General Francisco Franco in den 1960er-Jahren. Die Wissenschaft in Spanien brauchte noch etliche Jahre, um sich von seiner Herrschaft zu erholen.
Erst ab den 1960er-Jahren änderte sich die Lage langsam wieder. Mit der wirtschaftlichen Öffnung Spaniens wurden auch Wissenschaft und Hochschulen vorsichtig modernisiert. Internationale Kooperationen nahmen zu, junge Forschende konnten wieder vermehrt ins Ausland gehen, und der CSIC wandelte sich schrittweise zu einer modernen Forschungsorganisation. Dennoch blieb der Rückstand groß und konnte erst lange nach 1975 wieder aufgeholt werden – mehr als 40 Jahre nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. (Klaus Taschwer, 18.7.2026)
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